Die Voltaire Foundation und Theodore Besterman.


Auszugsweise Übersetzung des Artikels (Les deux Mondes 10-2011) von Rainer Neuhaus

Aurélie Julia

(….)
“Das erste gebundene Buch, das ich von meinem eigenen Geld kaufte, war ein Voltaire – die Erzählungen. Ich liebte es so sehr, daß ich sofort begriff, daß ich für den Rest meines Lebens Voltairianer sein würde. Ich war 12 Jahre alt.”(1)

Am 22 November 1904 in Lodz, Polen, geboren verließ Theodore Besterman sein Land in den 20er Jahren ins verräterische England-Albion. Von Natur aus wißbegierig und neugierig, arbeitete er auf dem Gebiet der Parapsychologie und kam schnell zu beachtlichem Reichtum. Neben seinen beruflichen Tätigkeiten pflegte er seine Leidenschaft, die Bibliographie. Der Kenner der Aufklärung liebte Wörterbücher und andere wissenschaftliche oder künstlerische Arbeiten so sehr, daß er Wörterbucher der Wörterbücher, Enzyklopädien der Enzyklopädien und sogar Bibliographien der Bibliographien herausgab, das heißt monumentale Werke in zehn, zwanzig oder sogar fünfzig Bänden. Mit wem arbeitete er zusammen? Mit niemandem. Theodore Besterman schuf seine Quartanten selbst, so umfangreich war sein Wissen, so belesen war er und dabei möglicherweise auch leicht exzentrisch.

Wie er es schon als kleiner Junge war, blieb dieser begabte Mann zeitlebens vom Geist Voltaires bewohnt. Da Geld keine Rolle spielte, begann er Briefe, Manuskripte, Erstausgaben zu sammeln…kurz: alles, was mit dem Philosophen zu tun hatte. Eine Entscheidung der UNESCO, mit der er nach dem 2. Weltkrieg zusammenarbeitete, brachte ihn endgültig dazu, sich auf die Untersuchung des 18. Jahrhunderts zu spezialisieren: niemand in der Organisation wollte ihn bei seinem Bemühen, eine Bibliographie der
Bibliographien herauszubringen, unterstützen. Dann sollte es so sein. Thomas Besterman schlug die Tür zu und konzentrierte sich von da ausschließlich auf Voltaire. Ein neues Kapitel seines Lebens war aufgeschlagen. Die 1950er Jahre waren gerade angebrochen.

Die Villa in Hampstead (eine Vorstadt im Norden Londons), wo die Bücher des Sammlers lagerten, war schließlich zu klein geworden. Theodore Besterman war ehrgeizig, er sah sein Werk als ernsthaften Versuch, unser kulturelles Erbe zu bewahren, er benötigte für sein Projekt geeignete Räumlichkeiten.
Da Frankreich für seine Vorstellungen nicht empfänglich war (das Land kam gerade aus einem Krieg und hatte andere Sorgen), wendete er sich an Genf: die Schweizer waren seinem Ersuchen gegenüber entgegenkommender. Sie hatten sogar den perfekten Ort: Les Délices, einer der Wohnorte Voltaires. Dort hatte er sein Poème sur le désastre de Lisbonne geschrieben, das sich mit dem Erdbeben vom 1. November 1755 beschäftigte, wo mehr als 30.000 Opfer gezählt wurden. Dort erlebte der
Ausgebürgerte den Anfang des Siebenjährigen Krieges und dort begann er mit der Abfassung des Candide.
Les Délices war die Bühne für eines der Schlüsselereignisse in Voltaires Leben: Naturkatastrophen und bewaffnete Auseinandersetzungen lösten ein Nachdenken über die Vorsehung aus, die Verheerungen, führten ihn dazu, sich über Popes und die Anhänger Leibnitz’ mit ihrem ‘Alles ist gut’, lustig zu machen.
Die Stadt Genf hatte das große Anwesen 1929 erworben und in ein Apartmenthaus
umgewandelt. Andrew Brown, ehemaliger Sekretär Theodore Bestermans, hat erzählt, was danach geschah:

“Die Verhandlungen waren schwierig, führten aber zu einer Vereinbarung nach der Besterman seine Voltairesammlung der Stadt vermachte, während die Stadt in Les Délices ein Voltaireinstutut und Museum schuf, das mit einem laufenden Budget versehen war. Thomas Besterman sollte dessen Direktor ehrenhalber auf Lebenszeit werden. Alles war bestens geregelt. Das Gebäude wurde hergerichtet, die Sammlungen aufgebaut und das Institut öffnete 1954 für das Publikum und die Forscher seine Pforten.“(2)

Einige Jahre später kam es zu Problemen: Theodore Besterman betrachtete die Les Délices-Sammlung zu sehr als seine eigene… Die Genfer wurden gegenüber Thomas Besterman mißtrauisch und beschlossen, ihn anzuklagen. Der Direktor wechselte sofort auf die andere Seite des Ärmelkanals und betrat erneut das Territorium ihrer Hoheit Elisabeth II. Die Polizei erließ einen internationalen Haftbefehl. Da ein Ausweisungsabkommen nicht existierte, drohte dem lieben Angeklagten nichts, alles war daher bestens geregelt in der besten aller möglichen Welten.
Die Angelegenheit war damit aber nicht zu Ende: vom 15 bis 24. Juli 1971 wurde der dritte internationale Kongress zur Aufklärung unter Thomas Bestermans hochstpersönlicher Präsidentschaft in Nancy abgehalten. Am Tag vor der Konferenz, erhielt einer der Organisatoren einen Anruf: der Präfekt der Region Meurthe et Moselle wollte ihn in seinem Büro sehen, dringend. Dort angekommen, lange nach Einbruch der Dunkelheit, erfuhr der für die Organisation Verantwortliche, worum es ging. Um einen Skandal zu vermeiden, wurde Thomas Besterman gebeten, sich nach Luxemburg zu begeben. Während die Einwohner von Meurthe et Moselle schliefen, raste ein Bentley durch die Nacht. Eine Episode nicht ohne Beigeschmack. Nachdem er Les Délices verlassen hatte, ließ Bestermann sich in Thorpe Mandeville nieder, ein kleines Dorf nicht weit von Banbury in Oxfordshire. Dort gründete er eine Stiftung um die Arbeit, die er in Genf begonnen hatte, fortzuführen.

Aber kehren wir zurück zu verlegerischen Arbeit. Als der zukünftige Direktor nach Les Délices kam, stellte er einen jungen Sekretär, Andrew Brown, an. Zusammen gingen sie einige gewaltige Projekte an: nach Voltaires ‘Carnet’ (Notizen, 1952 veröffentlicht, also vor der Ankunft in Genf)), kam die Correspondance an die Reihe (1953.1965). Sie zählte zwanzigtausend Briefe in hundertsieben Bänden. Theodore Besterman editierte den Text und kommentierte ihn in Englisch. Man kann sich den unglaublichen Umfang dieses Projektes nur vorstellen. Als nächstes wurden die Studies on Voltaire and the Eighteenth Century herausgebracht, eine Serie von Monographien in zweisprachig, Englisch-Französisch, verlegten Bänden, die heute über 500 Titel umfasst. Die bedeutendste Aufgabe ist sicherlich die Herausgabe der Ouevres Complètes (Sämtliche Werke) Voltaires. Worum handelt es sich dabei? Um die erste wissenschaftliche und kritische Ausgabe, das heißt die Veröffentlichung aller Werke und ihrer Varianten, mit Anmerkungen führender Spezialisten versehen. Theodore Besterman erlebte die Veröffentlichung der ersten beiden Bände. Unglücklicherweise ließ seine Gesundheit nach und der Endsechziger überlegte, wie er sein Vermächtnis gestalten sollte: Er vermachte seine Stiftung der Universität Oxford und starb am 10. November 1976.

Die 1980er und 1990er Jahre

Nach Theodore Bestermans Tod wurde Andrew Brown gebeten, die Leitung der Voltaire Stiftung zu übernehmen. Der neue Direktor wußte, wie man Bücher herstellt: sein fundiertes technisches Wissen gab sich nicht mit fast Gutem zufrieden und zielte auf Perfektion bis ins letzte Detail, so daß die Qualität der Bände gesteigert werden konnte. Seine Frau, Ulla Kölving, verstärkte die Gruppe. Das Paar wollte die Aufgaben der Stiftung erweitern und integrierte andere berühmte Namen wie die
Montesquieu (die Gesamtausgabe seiner Werke), Helvétius, Madame de Grafigny (ihre Korrespondenz) in das Veröffentlichungsprogramm. Die Herausgabe von Voltaires Sämtlichen Werken wurde mit je einem neuen Band pro Jahr fortgesetzt. In der 1980er Jahren nahm das Herausgeberkomitee eine elektronische Version von Voltaires Werk in Angriff, das die einfache Suche nach Schlüsselwörtern und Satzteilen ermöglichen sollte. Die Bücher waren teuer, daher suchte Andrew Brown nach einem Verleger in Frankreich. Er wählte Aux Amateurs de livres, ein Haus, das seit 1930 Bibliotheken und Institute auf der ganzen Welt belieferte. Jedoch, wie Andrew Brown leider zu spät bemerkte, hatte Aux Amateurs keine Bücher in Frankreich verkauft. Da die Verkäufe nicht zufriedenstellend waren, gründete er in Frankreich einen Verlag, um die Bücher zu vertreiben, das war die Geburtsstunde von ‘Universitas’. Monographien, Untersuchungen und ausgefeilte Verzeichnisse erschienen, wie etwa das Dictionnaire des journaux 1600- 1789 (1991), das Dictionnaire des constituants 1789-1791 (1991), und La Face cachée des Lumières: recherche sur les manuscrits philosophiques clandestins de l’âge classique (1996). Am Ende der 1990er Jahre verließ Andrew Brown die Stiftung und ließ sich in Ferney nieder, wo er im Jahr 2000 ein Zentrum für Studien zum 18 Jahrhundert errichtete. Nicholas Cronk, Professor für Französische Literatur an der
Universität Oxford wurde zum neuen Direktor in der Banbury Road 99 ernannt.

Seit 2000

Die finanzielle Lage der Stiftung war zum Milleniumswechsel nicht eben berauschend, sie war vom Konkurs bedroht. Um eine Schließung zu vermeiden, mußten dringend Schulden abgebaut werden. Die Verantwortlichen suchten Fördermittel und Spenden von privaten und öffentlichen Stellen. Mögliche Kandidaten waren jedoch wenig aufgeschlossen, Wer würde die Herausgabe von Voltaires Sämtlichen Werken unterstützen, wenn niemand wußte, wie lange das dauern würde? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, nannte Nicholas Cronk 2018 als Enddatum dieses faszinierenden Abenteuers. Die Zahlen machen schwindlig: die Gesammelten Werke werden 200 Bände umfassen, um also den Zeitplan einzuhalten musste die Veröffentlichungszahl versechsfacht werden, was bedeutete (und noch immer bedeutet), dass alle zwei Monate ein neuer Band herauszubringen ist. Um dieses Ziel zu erreichen – und es wird erreicht werden – 2018 ist in 99, Banbury Road zu einer goldenen Zahl geworden! – werden die Werke fünfzig Jahre Arbeit (1968 – 2018) gefordert haben. 30.000 € sind für jeden zu publizierenden Band budgetiert und eine elektronische Version ist geplant.
Angesichts des anspruchsvollen Rhythmus, in dem die Bücher erscheinen sollen, befürchtet man vielleicht, daß die wissenschaftliche und handwerkliche Qualität nicht eingehalten werden können. Aber nichts dergleichen: es wird sorgfältig und gründlich gearbeitet, jedes Buch wunderschön gebunden, auf bestem Papier
gedruckt. Alles wird in bester bibliophiler Tradition erledigt.

Es ist schon erstaunlich, daß das anspruchsvollste Projekt einer kritischen Ausgabe in französischer Sprache außerhalb Frankreichs unternommen wird. Wie kann man den britischen Erfolg erklären? Er ist begründet in einer kulturellen Besonderheit: mehr der technischen Entwicklung eines Buches zugewandt als seiner Geschichte – insofern im Gegensatz zu den französischen Nachbarn – entwickelte Großbritannien nach 1920 ein neues, materielle Bibliographie genanntes Forschungsgebiet. Diese wissenschaftliche Methode – manchmal sehr arbeitsintensiv, das sei zugestanden – betrachtet jedes einzelne Detail, das mit dem physischen Entstehen eines Buches einhergeht. Als Ergebnis davon erstellen britische Bibliographen eine genuine Archäologie der analysierten Bücher. In dieser Forschungsrichtung liegt gewiß einer der Schlüssel zum Erfolg bei der Herausgabe der Sämtlichen Werke.

So stolz es auch immer ist, hat Frankreich die Leistung in Übersee doch anerkannt: 2010 bekam die Voltaire Foundation von der Académie française den Preis Hervé-Deluen, der Personen oder Institutionen verleihen wird, die die französische Sprache fördern.

Nicholas Cronk kann sich noch eines anderen Erfolgs rühmen: der Erstellung einer elektronischen Datenbank, der Electronic Enlightenment, die französische, englische und anderssprachige Briefe des 18. Jahrhunderts digitalisiert
(3). Voltaires 20.000 Briefe sind somit jetzt online verfügbar. Mit dieser mehrsprachigen Website befinden wir uns wahrlich am Schnittpunkt zwischen dem Geist der Aufklärung und dem 21. Jahrhundert.

Ist das alles, was über die mutige Stiftung (4) zu sagen wäre, die 2011 ungefähr 15 Personen beschäftigte? Sicherlich nicht, aber da „das Geheimnis zu langweilen, darin besteht, alles zu sagen“(5), wird es das beste sein, mit Auslassungspunkten abzuschließen….

1 René Johannet, ‘Aux Délices’, Revue des Deux Mondes, 1 Octobre 1955.

2 Andrew Brown, ‘La Fondation Voltaire de l’Université d’Oxford’, Revue des Deux Mondes, avril 1994.

3 Siehe die Website www.e-enlightenment.com.

4 www.voltaire.ox.ac.uk.

5 Voltaire, Sept discours en vers sur l’homme.

Rainer Neuhaus, Februar 2014


Peter Hacks Blick auf Voltaire

Voltaire: Ein konservativer Umstürzler.

Peter Hacks: Über Voltaires Dramen (Ödipus Königsmörder)

Von Rainer Neuhaus*

veröffenlicht in: ARGOS Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks (1928-2003), Heft 5, November 2009: VAT-Verlag, 230 S.

Einen eigenartigen Text hat uns Peter Hacks mit seiner Analyse der Dramen Voltaires hinterlassen, so fremd, dass ihn bisher noch niemand gewürdigt hat und dass sich gewiss noch mancher Zeitgenosse daran die Zähne ausbeißen wird. Wer sich aber damit befasst, kommt nicht umhin, das sei vorangestellt, sich an der Gleichung Voltaire = Hacks  zu orientieren.
Es wäre aber zu billig, sich von dieser ausgehend direkt ins Interpretieren von biographischen Bezügen zu stürzen, obwohl man dazu durch mancherlei Hinweise im Text verführt wird – zu billig deshalb, weil Peter Hacks über Voltaire schreibt und nicht über Hacks und auch an diesem Gegenstand gemessen zu werden verdient. Der Gegenstand ist groß: Voltaire, der ein ganzes Jahrhundert verkörpert – und schwierig, denn es geht dabei um einen großen Vergessenen, den Dramatiker Voltaire – zu Unrecht vergessen, wirft Peter Hacks ein: „Ein Land, das seine Stücke nicht auf dem Spielplan hat, hat keinen Spielplan“ und in Deutschland gibt es außer den recht freien Übersetzungen des Tancrède und des Mahomet von Goethe, die ohnehin, Mahomet angeblich aus Furcht vor islamistischen Terroranschlägen, nicht gespielt werden, keine einzige brauchbare und verfügbare Ausgabe der wichtigsten Theaterstücke Voltaires.

Die Dramen Voltaires.

Sie handeln nach Peter Hacks von hochpolitischen Dingen, mit dem Zeug zu Klassikern ihres Genres und ihres Zeitalters – des Absolutismus – der zu Voltaires Lebzeiten bereits im Niedergang begriffen war. Voltaire: Klassiker also einer Epoche in der Zeit ihres Untergangs – in dieser Beschreibung erkennt sich Hacks in Voltaire sogleich wieder und benennt die Parallele in einer erstaunlichen Passage:

„Wie stellt sich Voltaire zur Wende? Was ist Genie? Genie ist die Neigung zu der Annahme, dass der Weg, den die Allgemeinheit einschlägt, wahrscheinlich der falsche ist. Genie ist die Eigenart, sich durch das Schicksal der Nation stärker beeindrucken zu lassen als durchs eigene Wohlergehen….Er empfand, was alle als Eintreten der Freiheit sahen, als Beginn der Sklaverei, er durchschaute den Scheinfortschritt als Verrat an Frankreich.“(455/456).

Doch auf diese Parallele wollen wir, wie schon  gesagt, erst später eingehen.
Alle Dramen Voltaires haben, Hacks zufolge, ein einziges Leitthema: sie betrauern den Untergang des großen Zeitalters Ludwig XIV. Das tun sie, indem sie die Schwächen, die Liederlichkeit und Verkommenheit der nachfolgenden Herrscher vor Augen führen, Schwächlinge oder Bösewichte, denen Voltaire einen wiederauferstandenen Louis XIV gegenüberstellt, als Geist in Shakespeares Manier (in Sémiramis), als legitimer Beherrscher Mekkas (Mahomet), als Laios im Drama Ödipus, oder als aus 20jähriger Gefangenschaft auftauchender Christenkönig Lusignan (Zaire).

Folgendermaßen haben wir den Inhalt der Tragödie ‚Ödipus’ nach Voltaire auf unseren Internetseiten (www.correspondance-voltaire.de) wiedergegeben:

Die Familie bringt Ödipus bekanntlich von A bis Z Verderben und Unglück, er tötet, ohne zu wissen, um wen es sich handelt, seinen Vater Laios im Kampf und heiratet Ioakaste, seine Mutter. Das Drama endet ‚klassisch‘ mit der Selbstblendung des verzweifelten Ödipus und dem Freitod Iokastes. In Voltaires Theaterstück war jedoch Iokaste vor ihrer Heirat mit Laios, – abweichend vom klassischen Vorbild des Sophokles – leidenschaftlich in Philoktet verliebt. Sie heiratete trotzdem Laios – aus Staatsraison. Und, als nach Laios Tod eine Heirat mit Philoktet erneut möglich gewesen wäre, folgt sie wieder der Staatsraison und gibt Ödipus das Jawort. Zweimal hätte Iokaste, wäre sie nur der Stimme ihres Herzens gefolgt, das Schicksal abwenden können. Durch die Einführung der Liebesbeziehung Philoktet – Iokaste als Parallelhandlung erscheint bei Voltaire das göttliche Urteil über Ödipus und Iokaste bedeutend weniger schicksalhaft und unabwendbar als in der klassischen Vorlage. Diese obrigkeitskritische Tendenz gipfelt in Aussagen wie der des Araspe mit dem zentralen Grundsatz der Aufklärung: „Ne nous fions qu’à nous, voyons tous par nos yeux, ce sont là nos trépieds, nos oracles, nos dieux“ (Vertrauen wir nur uns selbst, sehen wir alles mit unseren eigenen Augen. sie sind unsere heiligen Gefäße, unsere Orakel, unsere Götter“).

Sicher, wir haben die politische Symbolik sehr vernachlässigt – Peter Hacks würde uns das bestimmt ärgerlich vorhalten, stellt er doch den Inhalt des Ödipus folgendermaßen vor:
„Lajos, der sehr große und sehr alte König von Theben, ist von einem Verwandten zweifelhafter Herkunft, dem Ödipus, totgeschlagen worden; dieser hat die Nachfolge angetreten und des Vorgängers Leitungs-Cadres verbannt. Unermessliches Elend verbreitet sich über das Königreich Theben. Alles geht zu Grunde, und Hoffnung bleibt am Ende nur auf des toten Königs Sohn, den kleinen Prinzen“.(456)
Im weiteren Verlauf seiner Analyse vergleicht Hacks die für den Ödipusstoff zentrale Schuldthematik bei Voltaire, Corneille, Sophokles: 
– bei Voltaire sei Laios im Recht, Ödipus aber ein Gauner („Schubiak“), seine Regentschaft ein Rückschritt, seine Schuld folglich nicht tragisch, sondern wirklich, während bei Corneille Ödipus’ Regentschaft gesellschaftlichen Fortschritt bedeute, dem sich die Schuld tragisch widersetze,
– bei Sophokles liege die Schuld Ödipus’ ganz anders in der Einführung des Vaterrechts, der patriarchalischen Revolution, die Tragödie bestehe dort aus der Idee, „dass ein Mann über genug Stolz und Trotz verfügt, die Wahrheit über sich herausbringen zu wollen“(458)
Hacks sieht darin seinen Schluss bestätigt, dass Voltaires Ödipus den Niedergang Frankreichs nach dem Tod Louis XIV. widerspiegle, das Stück sei unvermittelt Gegenwartsdrama (und nichts anderes), es werde von Personen der damaligen Zeitgeschichte bevölkert, die nur andere Namen tragen: dem Inzest treibenden Regenten Philippe d’Orléans, von Bischöfen, von aus Staatsraison heiratenden Königinnen, es habe keine darüber hinaus weisende Bedeutung. Er betont damit eine wichtige Dimension zum Verständnis des Stücks, eben den politischen Rahmen, auf den es sich bezieht, bleibt aber der nicht weniger zentralen psychologisch-biographischen Ebene, auch schon in seiner Bemerkung zu Sophokles, fremd, so als wolle er um jeden Preis zum Beispiel einen psychoanalytischen Zugang vermeiden.** Ein weiterer, noch entscheidenderer Mangel ist aber die fehlende Berücksichtigung der religionskritischen und antiklerikalen Tendenz des Werkes, womit sich Hacks einer eingehenden Analyse der Tragödie entzieht.

Ohne Zweifel hat Voltaire Louis XIV sehr verehrt, er schätzte in ihm den Förderer der Künste, des Handwerks und der Wissenschaft, denjenigen, der der Kleingeisterei des Feudalismus in Europa ein Ende gesetzt hat und er verachtete dessen Nachfolger, betrachtete deren Regierungszeit als Rückschritt. Er kritisierte jedoch auch die Aufhebung des Edikts von Nantes unter Ludwig XIV. und die Ruinierung der Staatsfinanzen durch seine übermäßige Prunksucht und überflüssigen Kriege. Voltaire als politischer Schriftsteller hat den von fanatischen Kirchenkreisen angeleiteten Mächtigen immer wieder in die Speichen gegriffen, Speichen eines Rades, durch die noch zu seiner Zeit Menschen lebendigen Leibes geflochten wurden. Aber gerade diese antiklerikalen Schriften gewinnen seltsamerweise Hacks Aufmerksamkeit nicht, im Gegenteil, er sieht in ihnen Nebensächliches: „.er (Voltaire) verrennt sich in einen Kampf mit dem Christentum ….der Kampf der Aufklärung gegen den Aberglauben ist ein Rückzug aus der vorhandenen Welt ins Geisterreich“(401). Damit aber lässt Hacks mindestens den halben Voltaire beiseite. Nehmen wir an, er interessiere sich eben als Dramatiker für die andere Hälfte, die vergessene, für Voltaire, den Dramatiker, so haben wir damit nicht gerade viel gewonnen, denn bei der Interpretation der Dramen tritt uns dieselbe Problematik erneut entgegen, da nicht wenige eine klare religionskritische Stoßrichtung haben und ohne sie kaum verstanden werden können. Auch beschränkt sich Hacks nach seiner eigenen Aussage nicht einfach auf einen Teil von Voltaire, den Dramatiker, er meint durchaus den ganzen Voltaire, denn der ist ihm zufolge Dramatiker durch und durch, selbst die Erzählungen und Romane seien nichts als Dramen nach dem Untergang des Dramas: „Die Menschheit, sagen die Romane, ist die Hölle des Menschen. Die Hölle ist das Chaos, und das Chaos ist dumm. Das durchaus Vernunftlose kann kein dramatischer Entwurf sein. Der Umgang mit dem Grässlichen ist so gepflegt, dass Fühllose die Romane für Humoresken halten und Rohheit sie zur Unterhaltung liest“. (501) Hacks, soviel steht fest, hat das für sich Wesentliche bei Voltaire jenseits der Religionskritik gesucht – und gefunden.

Sehen wir uns als Nächstes Peter Hacks‘ Interpretation des Dramas an, mit dem Voltaire seinen Ruhm in Paris gefestigt hat, der „Zaire“. Hier wiederum zunächst den Inhalt, wie wir ihn auf den Internetseiten wiedergeben:

Zaire, christlich geboren, lebt seit früher Kindheit im Serail des Sultans. Orosman, sein Sohn, und Zaire lieben sich und Orosman, nach dem Tod des Vaters selbst Sultan, will Zaire heiraten. In den Verliesen des Serails schmachten seit vielen Jahren einige hundert Christen, deren Kreuzzug zur Eroberung Jerusalems auf diese Weise endete. Zwei von ihnen beschwören Zaire, von der Heirat Orosmans abzusehen, die sie als Verrat am Christentum und – denn sie erweisen sich als Zaires Vater und Bruder – an der Familientradition ansehen. Orosman vermutet im Bruder Zaires aber ihren heimlichen Liebhaber, glaubt  deren Flucht zu entdecken und ersticht Zaire als vermeintliche Verräterin. Als er die Wahrheit erfährt, entlässt der verzweifelte Orosman großmütig alle Christen aus der Gefangenschaft und tötet sich schließlich selbst.  Orosmans Tat ist von Eifersucht gesteuert, aber Zaire hat ihren Tod heraufbeschworen, weil sie, indem sie zum Christentum übergeht, der Stimme des Blutes folgt und ihre Liebe verrät.  Wenn es eine Moral in Voltaires Zaire gibt, so ist es diese: die Herkunft, die Familie, das Blut, sind Steine am Hals der Freiheit. Frei sein kann nur, wer sich von solchen Banden losmacht und seiner inneren Stimme, den eigenen Wünschen, folgt. Eine Fähigkeit, die sich Voltaire selbst lebenslang bewahrt hat.
Voltaire zeigt in Zaire, dass die Umgebung, in die man zufällig gerät, darüber entscheidet, welche Religion man annimmt, keine kann auf den einzig wahren Glauben Anspruch erheben. Die Spannung der Tragödie lebt vom Hin- und Hergerissensein Zaires zwischen ihrem schlechten Gewissen, ihrem Pflichtgefühl gegenüber Vater, Bruder und christlicher Religion und der Stimme ihrer Liebe zu Orosman. Ihr Vater, Lusignan, ist schwach und stirbt alsbald. Der Bruder Zaires, Nerestan, fällt durch seinen abstrakten Dogmatismus auf, den das Glück Zaires, seiner Schwester, kalt lässt. Bei der Gestaltung von Vater und Bruder hat Voltaire unverkennbar biographische Elemente eingearbeitet: Voltaires Vater und auch sein Bruder Armand waren gläubige Jansenisten, die ihn soweit es ging vom Erbe ausschlossen. Die Tragödie enthält keine adelskritischen Elemente außer einem Appell an alle Herrscher der Welt, sich am Großmut Orosmans ein Beispiel zu nehmen. Die Sprengkraft der Zaire liegt nicht hier, sondern in der Kritik am christlichen Fanatismus, der das Glück des Einzelnen kirchlichen Dogmen opfert und dabei ohne Gewissensbisse über Leichen geht.

Einer anderen Interpretation*** zufolge geht es Voltaire darum, Christentum und Islam, mit dem er sich in dieser Zeit intensiv zu beschäftigen begann, miteinander zu konfrontieren und dabei zu zeigen, dass die gefährlichen, den Fanatismus fördernden Überlegenheitsansprüche des Christentums unbegründet sind. So sagt Zaire vom Muslimen Orosman:
„Généreux, bienfaisant, juste, plein de vertus,
s’il était né chrétien, que serait-il de plus? (IV,1)
(Großzügig, wohltätig, gerecht, voller Tugend,
wäre er christlich geboren, was wäre er dann mehr?“)

Hacks dagegen setzt Orosman mit Philppe d’Orléans gleich, also mit einem unrechtmäßigen Herrscher und Gauner. Unrechtmäßig ist Orosman im Stück jedoch nur in den Augen von Lusignan, dem Christenkönig, an keiner Stelle aber ein Gauner. In Lusignan sieht Hacks Ludwig XIV, der im Kampf um Zaire, die für Frankreich stehe, den Sieg davon trägt und sie zum rechten Glauben, dem des Absolutismus, zurückführe. In einer Nebenlinie seiner Argumentation identifiziert Hacks Zaire dann noch mit einer Maitresse, gar mit der Pompadour, die jedoch, gesteht Hacks selbst ein, erst zwölf Jahre nach Mahomet an den Hof kam. Doch weist er diesen Einwand humorvoll zurück: „Dichter haben ihre Nasen einmal in der Zukunft stecken“(468)  und lässt sein Interpretationsschema unberührt.
Hatte Hacks bei Ödipus die religionskritische Tendenz nur übersehen, so muss er nun bei Zaire, um sein Interpretationsschema aufrecht zu erhalten, schon beide Augen schließen und außerdem die Figur des Orosman, den man getrost als Vorbild für Lessings Nathan ansehen kann, ins Gegenteil verkehren.

Sehen wir uns, um den Sachverhalt weiter zu klären, Hacks Interpretation eines der bedeutendsten Theaterstücke Voltaires, des Mahomet an. Bekanntlich stellt Voltaire im Mahomet die These der Religionsstiftung durch Priesterbetrug in den Mittelpunkt. Ist Mahomet nur ein machtbesessener Betrüger (er erfindet eine göttliche Eingebung, um seinen kühl berechneten Strategien zur Eroberung Mekkas und zur Beseitigung des alten Statthalters eine höhere Weihe zu verleihen), sind seine Anhänger bereits überzeugte Fanatiker, die vor einem Meuchelmord am Statthalter Mekkas nicht zurückschrecken. Dass sie dabei, ohne es zu wissen, ihren eigenen Vater ermorden, verstärkt die Dramatik der Handlung und denunziert gleichzeitig den Fanatismus als fremd geleiteten Irrsinn, ein immer wiederkehrendes Thema bei Voltaire.
Hacks erklärt, Mahomet sei „die Tragödie des französischen Königtums“; beim alten Statthalter Mekkas handle es sich um niemand anderen als um den alten König Louis XIV, der durch die Fronde, also Hochadel und verbündetes Bürgertum in Form der bigotten Jansenisten, beseitigt werde. Indem er die Attentäter als heimtückisch, verlogen, fanatisch, meuchelmörderisch charakterisiere, meine Voltaire den Feudaladel, der in Frankreich nach der Macht greife. Dies alles habe Voltaire in der Mahomet-Fabel bloß versteckt und damit aber einen Fehler begangen, weil die Zensur dadurch ein Verbot des als religionskritisch ausgegebenen Stücks sehr leicht durchsetzen konnte. 

Wie konnte Peter Hacks übersehen, dass Mahomet einen vorläufigen Höhepunkt in Voltaires religionskritischem Schaffen darstellt und den Auftakt für eine ganze Reihe weiterer antiklerikaler Werke bildet, derart klassisch in dieser Hinsicht, dass ihn unser bedeutendster Klassiker, Goethe, Wert genug fand, ihn selbst ins Deutsche zu übersetzen? Wie konnte Peter Hacks diese Kampfschrift gegen allen Fanatismus als bloßen Abgesang auf Louis XIV reduzieren?

Zunächst muss gesagt werden, dass Hacks Beharren auf dem gesellschaftspolitischen Bezug des Mahomet sowie auch der anderen Stücke keine geringe Leistung darstellt. Wenn er mit Voltaire im Absolutismus eine Errungenschaft und im Feudalklüngel, der Fronde, eine Gefahr, eine rückwärtsgerichtete Kraft sieht, verteidigt er den politischen Voltaire gegen seine selbsternannten humanistisch-toleranzduseligen Freunde und trägt damit möglicherweise heute mehr zur Neubelebung der Stücke bei, als durch das Wiederholen der gängigen Interpretationen. Dadurch befreit er Voltaire aus der Umarmung ziemlich verschlafener Kreise, die dessen Stücke, ihres politischen Kerns entledigt, der Langeweile und schließlich auch dem Vergessen ausgeliefert haben. Ein Drama, soll es Bestand haben, lebt nämlich, so Hacks, nicht davon, dass es die Religion kritisiert, auch nicht den Fanatismus. Ein Drama lebt davon, dass es im Kampf um die Macht Position bezieht. Wenn auch für Voltaire die Religionskritik große Bedeutung hatte und sie mit dem ‚Kampf um die Macht’ untrennbar verbunden war, so scheint auf der Grundlage der Interpretation Hacks, die Voltaire stärker in die Nähe Shakespeares rückt und seinen politischen Charakter hervorhebt, eine Wiederbelebung der Stücke heute, wo der Religion mancher Flügel gestutzt wurde, am ehesten möglich, etwa nach folgender sehr ernst gemeinten Empfehlung zur Aufführung von Voltaires ‚Sémiramis’: „Die Sémiramis“,.. ist ein empfehlenswertes Stück, und ein überaus anwendbares, falls Sie einen König haben, der nicht recht weiß, was er will“(474) – wir werden auf diese Empfehlung später noch einmal zurückkommen.


Andererseits ist das Bestreben Hacks, den antiklerikalen Kampf Voltaires auf einen Nebenkriegsschauplatz zu verbannen, ja, ihn sogar als Ergebnis der Isolierung und Emigration Voltaires in Ferney zu interpretieren, so auffällig, dass, wer das verstehen will, sich auf die zweite Ebene des Essays, nämlich seine Funktion als Positionsbestimmung Peter Hacks, einlassen muss, denn dahinter, hinter der Religionskritik, vermutet Hacks den politischen Voltaire, mit dem er sich verbunden weiß. Dieser Voltaire sei, positiv verstanden, konservativ, in der Vergangenheit das Gute sehend, das aber zunehmend zerfalle, er verteidige den Absolutismus gegen die nachfolgenden monarchischen Herrschaftsformen und Friedrich Engels täusche sich, wenn er sage, dass für Voltaire die Geschichte immer die Geschichte des Fortschritts sei. Hacks wäre zu entgegnen, dass sich Engels vielleicht täusche, was Voltaires Einschätzung der Herrschaftsformen seiner Zeit angeht, dass sich aber Hacks täuscht, wenn es um Voltaires Einschätzung der Entwicklung von Wissenschaft und Kunst, sowie industriell-handwerklicher Fertigkeiten geht. Hier steht Voltaire klar und deutlich für den ungebrochenen Fortschrittsglauben der Aufklärung, an dessen Umsetzung in die Realität er zeitlebens aktiv gearbeitet hat, etwa durch die Popularisierung der Werke Newtons, zahlreiche Artikel in seinem bahnbrechenden Philosophischen Wörterbuch und die Bekämpfung der klerikalen Bevormundung der Wissenschaft. Voltaire war im besten Sinne antiautoritär, dies nicht nur im Sinn der Religions- und Kirchenkritik, sondern auch charakterlich, was sich leicht aus seiner Biographie erschließen lässt und was unbedingt in eine Analyse seiner Dramen hineingehört, eine Unterlassung bei Peter Hacks, die, wie schon mehrfach erwähnt, mit seiner eigenen Situation im Deutschland der Wendezeit zu tun hat. Dieser Thematik wollen wir uns nun zuwenden,

Ist Hacks Voltaire?

Gilt nach Peter Hacks für die Lebenszeit Voltaires das Ablaufschema: Große Zeit des Absolutismus (Louis XIV) – Zwischenzeit (Régence) – Verfall (Louis XV).- schmählicher Untergang (Louis XVI), so für die Lebenszeit Peter Hacks das nämliche: Große Oktoberrevolution – Zwischenzeit (Ulbricht) – Verfall (Honecker) – schmählicher Untergang (Gorbatschow & Co.). Den Niedergang des Absolutismus förderte und betrieb der kleingeistige Feudaladel, den Niedergang der Sowjetunion und der DDR aber betrieben die verbürgerlichten Funktionäre der kommunistischen Parteien. War für Voltaire in seinen Dramen der Kampf gegen Engstirnigkeit und Kleingeistigkeit der rückwärtsgewandten Adelskreise bedeutend, so für Hacks der Kampf gegen die sich dem kapitalistischen Westen anpassenden ‚Entspannungspolitiker’ der kommunistischen Parteien.
Mit dieser Interpretation beleuchtet man eine schmerzhaft eingestandene Parallele, die Hacks im Schicksal Voltaires wiederfindet und ihn dem antiklerikalen, wissenschaftsfreundlichen und antiautoritären Voltaire entfremdet. Auf diesem Wege finden wir eine Positionsbestimmung des Dramatikers Peter Hacks und mit ihr den Grund für die Einschränkung seiner Voltaire-Analyse auf das Louis XIV Schema, das, je weiter die Entstehungszeit eines analysierten Stückes vom Tod Ludwigs XIV. entfernt ist, desto künstlicher wirkt. Zwar stimmt das Schema: ‚Alter König wird von jungen Nachfolgern, oft seinen eigenen Kindern, ermordet’ oft genug, jedoch ist es mehr und mehr biographisch motiviert, denn Voltaire hat im Kampf mit seinem Vater genug auszustehen gehabt, um sich als Dramatiker – nicht ganz ohne Schuldgefühle – die Freiheit zu nehmen, sich dessen Tod vorzustellen. Einer politischen Analyse wäre eine biographisch fundierte an die Seite zu stellen, ohne diese bleibt jene abstrakt, zumindest, was Voltaire betrifft.

Hacks sieht sich, wie Voltaire, als Dramatiker des Übergangs, und zwar eines Übergangs zum Schlechteren, er lebt wie dieser in einer Zeit des Rückschritts und sieht, wie er es von Voltaire behauptet, in der Zeit, aus der er kommt, einen Höhepunkt der Geschichte, von dem aus es immer nur noch bergab geht. Deshalb gilt auch für ihn, er sagt es selbst:
„Über Politik, lohnt nicht mehr zu denken… Es ist schlimm für einen politischen Dramatiker (und gibt es denn einen Dramatiker der nicht, und zwar zuvörderst, ein politischer Dramatiker wäre?), wenn über Politik nicht mehr zu denken lohnt. Heute, Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, wo über Politik ebenfalls nicht mehr zu denken lohnt,, kennen ganz folgerichtig mehr Leute den Namen Calas als den einer einzigen Voltaireschen Bühnenrolle“ (492) – was Hacks ärgerlich darauf zurückführt, dass man den angeblich unpolitischen, den antiklerikalen Voltaire mehr schätzt als den konservativen Umstürzler der Tragödien. Zahlreiche Äußerungen zeigen, wie stark sich Hacks in Voltaire wiederfindet:
„Vom Endzeitdramatiker wird gefordert, dass er die Menschheit aufgibt, ohne die dramatische Gattung und damit sich selbst aufzugeben. Er muss im Untergang Haltung bewahren und trachten, kein anderer Seneca zu werden. Das Unbeschreibliche ist das Unbeschreibliche, aber wer für einen dramatischen Schriftsteller genommen werden will, sollte es doch zu beschreiben versucht haben….Nicht jedes Drama, das von Verfall handelt ist ein Verfallsdrama“.

„Was ist, wenn einer für eine Herrschaftsform einsteht, aber nicht für deren Vertreter? Was, wenn er einer Weltrichtung beistimmt und aber den Mann tadeln muss, der die Richtung bestimmt? (…) Das ist nicht die Art Zwiespalt, aus der Dramatiker entstehen. Falls einer nicht an dem Zwiespalt zerbricht, bildet sich in ihm ein dialektischer Sinn, ein Vermögen zur gerechten Einschätzung der Dinge. Aber es ist eine entsagende Objektivität und eine Dialektik des Verzichts.“(516)

„In der Regel wird ein Klassiker ungefähr mit fünfzig Jahren aus seiner Hauptstadt geworfen…“ (517)

Hacks verschwand Mitte der 70er Jahre in Deutschland in der Versenkung, Opfer der Nichtbeachtung, die nicht nur Honeckers Politik der friedlichen Koexistenz geschuldet war, sondern auch dem sozialdemokratischen Boykott, die in ihm zu Recht den unerbittlichen Gegner witterten.

„Ein Klassiker hat einen König, der meint, die Zukunft beginnt in der Gegenwart. Ein Nachklassiker hat einen toten König. Die Vergangenheit, meint das, will die Zukunft sein“ (518) Auch Hacks war Nachklassiker in diesem Sinn und konservativ zugleich: 
„Voltaire war, wie alle anderen Klassiker auch, ein konservativer Umstürzler und ein konservativer Fortschrittler. Mich wundert immer wieder, wie schwer es diese Welthaltung hat, sich Gehör zu verschaffen…. Worauf es doch ankommt, ist, beim Lauf nach dem Glück nicht das Gute, das man schon hat oder hatte, aus dem Korb zu verlieren.“(521)

Peter Hacks, so lautet daraus unsere Schlussfolgerung, interpretiert Voltaire vor dem Hintergrund seiner eigenen, deprimierenden Situation in Zeiten des Niedergangs. Dieses Interpretationsschema trägt ihn ein ganzes Stück, fast bis zu Mahomet, Wo es nicht hinreicht, baut er sich reichlich Brücken, oder ein eigenes Stück: in seiner Tragödie ‚Jona’ sorgt Hacks dafür, dass die Königin Semiramis, die er bei Voltaire etwas mutwillig auf Ludwig XV. reduziert, seinem Ablaufschema voll und ganz entspricht, denn Semiramis meint hier niemand anderen als den wankelmütigen Erich Honecker. Wir erinnern uns an seine Empfehlung: „Die Sémiramis… ist ein empfehlenswertes Stück, und ein überaus anwendbares, falls Sie einen König haben, der nicht recht weiß, was er will“(474). 
 
Hacks zieht für sich selbst aus der unbestechlichen Haltung Voltaires Stärke, dem Verständnis der Tragödien Voltaires dient er, in dem er ihren politisch kämpferischen Charakter unterstreicht, allerdings in so starken Strichen, dass daneben die für Voltaire zentrale antiklerikale Stoßrichtung und die biographisch-psychologische Dimension seiner Dramen sehr verblassen. Diese starken Striche zeichnen am Ende weniger das Porträt des großen Franzosen, als jenes des großen sozialistischen Klassikers Peter Hacks. Möglich, dass die von ihm beschworene Parallele Hacks=Voltaire 11 Jahre nach seinem Tod zu ähnlichen Ereignissen führen wird wie bei Voltaire:, 11 Jahre nach dessen Ableben schrieb man bekanntlich das Jahr 1789. Hoffen wir also auf Hacks, denn: „Dichter haben ihre Nasen einmal in der Zukunft stecken“.

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* Rainer Neuhaus ist Sozialwissenschaftler und gibt für die Voltaire-Stiftung die Internetseiten zu Voltaire www.correspondance-voltaire.de heraus
** eine psychoanalytische Analyse des Ödipus gibt José-Michel Moureaux, L`Oedipe de Voltaire, introduction à une psycholecture, Paris: Lettres modernes, 1973
*** René Pomeau, Voltaire en son temps, Paris: Fayard, 1985, 1. Bd.


Rousseau und Voltaire (Skizze) – Ein Verräter im inneren Kreis der Aufklärer – Entwurf 2011

(Skizze) Ein Verräter im inneren Kreis der Aufklärung

(nach Durant, Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. 15, I)

Nach einer schweren Kindheit und Jugend kam Rousseau schließlich im Alter von 30 Jahren aus Genf über Lyon nach Paris, er brauchte dringend eine Arbeit und noch wichtiger: Anerkennung, Er suchte und fand schnell Anschluss an die Philosophes, an Diderot, Grimm, Mme d’Épinay, die seine Freunde wurden und ihm halfen. Während seine ersten Schriften noch der Aufklärung verbunden waren, spürte er die Chance, bei einem literarischen Wettbewerb zur Frage: „Hat der Fortschritt der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu verderben oder zu reinigen?“, zu gewinnen und 300 Francs zu verdienen, indem er eine zur Aufklärung extrem abweichende Position vertrat. 

Man muss wissen, dass Rousseau nahezu mittellos nach Frankreich kam und nur durch die Förderung und finanzielle Unterstützung seiner Freunde als Musiker und Schriftsteller überleben konnte und in die Salons aufgenommen wurde. Rousseau reichte also seinen ersten Discours ein. Man wird wohl sagen dürfen, dass er hier, getreu seinem romantischen, sehr empfindlichen und schwächlichen Charakter, indem er die Natur verklärte und der Zivilisation, die ihm anscheinend wenig gebracht hatte, nur Böses zuwies, allem, was der Aufklärung lieb und teuer war, in den Rücken fiel. Rousseau hatte zu diesem Zeitpunkt über die Herkunft des Unrechts und der Ungleichheit nur recht verschwommene Gedanken, er fühlte aber deutlich, dass es etwas mit der Ungleichverteilung des Eigentums und der mit diesem verbundenen Macht zu tun haben musste. Er versteifte sich in eine antikulturelle Haltung, die ihm erhebliche Aufmerksamkeit und Zustimmung einbrachte. Er gewann den Wettbewerb und die 300 Francs. Dies geschah im Jahr 1749, als Voltaire bereits als großer Autor anerkannt war und sich entschieden hatte, nach Berlin abzureisen (26.6.1750). 

Aus Sicht der Aufklärer war Rousseau entweder ein geschickter Komödiant, der die Akademie um 300 Francs erleichtert hatte, oder ein Verräter, sie entschieden sich zu diesem Zeitpunkt dafür, in ihm einen Komödianten zu sehen, niemand konnte sich vorstellen, dass einer aus ihrer Mitte, den sie jahrelang gefördert hatten, der ihnen so viel verdankte, der an ihren Tischen speiste, wie sie sprach und schrieb, zum Verräter werden konnte, und doch war es so. 

In seinen weiteren Schriften begrüßte er die Verbrennung der Bibliothek von Alexandria, verdammte die Wissenschaft, lobte die Religion (um sie aber später wieder zu verdammen) und er hat an seinen Freunden keinen Verrat, auch nicht auf äußerst privater, persönlicher Ebene, ausgelassen. Von Voltaire hat Rousseau zunächst nur mit höchster Bewunderung gesprochen, denn Voltaire war einer der Großen der Aufklärung, in deren Kreise er sich ja bewegte. Voltaire dürfte Rousseau zunächst kaum wahrgenommen haben, erst als dieser ihn um seine Meinung zu seiner 300 Francs-Preisschrift bat, bedankte sich Voltaire bei ihm für die Zusendung seiner ‚Schrift gegen die Menschheit’ und fuhr fort: 

Vous plairez aux hommes, à qui vous dites leurs vérités, mais vous ne les corrigerez pas. On ne peut peindre avec des couleurs plus fortes les horreurs de la société humaine, dont notre ignorance et notre faiblesse se promettent tant de consolations. On n’a jamais employé tant d’esprit à vouloir nous rendre bêtes; il prend envie de marcher à quatre pattes, quand on lit votre ouvrage. Cependant, comme il y a plus de soixante ans que j’en ai perdu l’habitude, je sens malheureusement qu’il m’est impossible de la reprendre, et je laisse cette allure naturelle à ceux qui en sont plus dignes que vous et moi. Je ne peux non plus m’embarquer pour aller trouver les sauvages du Canada: premièrement, parce que les maladies sont je suis accablé me retiennent auprès du plus grand médecin de l’Europe, et que je ne trouverais pas les mêmes secours chez les Missouris; secondement, parce que la guerre est portée dans ces pays-là, et que les exemples de nos nations ont rendu les sauvages presque aussi méchants que nous. Je me borne à être un sauvage paisible dans la solitude que j’ai choisie auprès de votre patrie où vous devriez être. 

(Sie finden bei den Menschen Anklang, indem Sie ihnen Wahrheiten sagen, aber keine Hinweise für Verbesserungen geben. Die schrecklichen Zustände der menschlichen Gesellschaft kann man kaum in stärkeren Farben darstellen, Zustände, in denen unsere Unwissenheit und unsere Schwächen sich so viele Tröstungen verschaffen. Man hat noch nie so viel Geist aufgewendet, um uns zurück zu den Tieren zu schicken, man bekommt Lust, auf allen Vieren zu laufen, wenn man Ihr Werk liest. Jedoch, es sind mittlerweile mehr als 60 Jahre, daß ich diese Gewohnheit aufgegeben habe, und ich fühle unglücklicherweise, daß es mir unmöglich ist, sie wieder anzunehmen und überlasse diese natürliche Haltung denen, die ihr mehr entsprechen als Sie und ich. Ich kann mich auch nicht einschiffen, um die Wilden in Kanada aufzusuchen, erstens, weil mich die Krankheiten unter denen ich leide, zwingen, in der Nähe des größten Arztes Europas zu bleiben denn ich werde bei den Bewohner Missouris nicht die gleichen Hilfen finden, zweitens weil man jetzt den Krieg dorthin gebracht hat und das Beispiel, das unsere Nationen den Wilden gegeben haben, sie fast genauso bösartig gemacht hat wie uns selbst. Ich beschränke mich darauf, ein friedlicher Wilder in der einsamen Gegend zu sein, die ich mir ganz in der Nähe Ihres Heimatlandes ausgesucht habe, dort, wo Sie auch sein sollten.) 

Rousseau wird sich geärgert haben, seine Rache fiel aber wiederum verräterisch aus (psychologisch gesehen verständlich: er mußte diejenigen verfolgen, denen er etwas zu verdanken hatte, denn sie hatten einen Unwürdigen gefördert, ihre Freundschaft musste in Hass verwandelt werden): zu dem Zeitpunkt, als der Genfer Senat Voltaire wegen seiner Theateraufführungen in Les Delices öffentlich angriff und eine Untersuchung einleitete, brachte Rousseau als Sohn Genfs (denn er war in Genf geboren), eine Schrift heraus, in der er das Theaterspielen als schädlich für die guten Sitten, die Charakterbildung etc. verurteilt. Die Schrift erleichterte es dem Senat, Voltaires Theater schließen zu lassen. Für Voltaire bestand die Gefahr einer existentiellen Bedrohung, er erkannte das Vorgehen der Inquisition, 1760 verkaufte er sein Anwesen in Les Délices und erwarb dafür die Grafschaft Ferney, einen heruntergekommenen Herrensitz, wo er hoffte, endlich in Ruhe gelassen zu werden. 

1762 erscheint Rousseaus berühmte Schrift ‚Le Contrat Social‘, in der er den Staat als abgeleitet vom allgemeinen Willen des Volkes, also diesem gegenüber nachrangig, vorstellt, ein revolutionärer Text, der nicht wenig zur Legitimation der französischen Revolution beigetragen hat. Voltaire nahm die darin enthaltenen Widersprüche auseinander und machte sich über den Verfasser, einen Menschen niedriger Herkunft, lustig, der sich anmaße, Vorschläge für Staatsverfassungen zu veröffentlichen (die Kritik ist in Voltaires ‚Idées républicaines‘ XXIX – XXXIX nachzulesen und gehört nicht zu dem besten aus seiner Feder. Sie geht am wesentlichen vorbei und konzentriert sich auf die offensichtlichen Ungereimtheiten). 

In seinen 1764 an den Genfer Rat gesandten Briefen, de la Montagne’ fällt Rousseau Voltaire wiederum an, indem er ihn als Autor der ‚lettres des cinquantes’, einer scharf antiklerikalen Schrift, denunziert. Diesmal schlug Voltaire mit seinen anonym erschienenen ‚sentiments des citoyens’ zurück, um sich gegen die drohende Verfolgung zu schützen. Im Wesentlichen schildert er dort Rousseau als gewissenlosen, unzuverlässigen Menschen mit abstrusen Ideen, der sich an Gott, Religion und der Welt versündigt habe. Damit war die Trennung der Aufklärung von Rousseau endgültig besiegelt.

Rousseau zog aber aus seinem Verrat nur wenig Vorteil: er verlor fast alle seine Freunde und noch nicht einmal die Kirche dankte ihm seine Übeltaten, ganz im Gegenteil, sie stürzte sich jetzt um so mehr auf den Einzelgänger, der, jeglicher Unterstützung beraubt, zunächst in das preußische Mandatsgebiet Neuenburg in der Schweiz flüchten musste und als man ihn auch dort mehr und mehr angriff, auf Einladung seines Gönners Boswell zunächst einmal nach England auswich, wo er aber seinen Helfern ihre Güte und Unterstützung ebenso übel vergalt und nach einem guten Jahr dort ebenfalls nicht mehr gelitten, nach Frankreich zurückkehrte, wo er teils unter falschem Namen reiste, teils aber auch geduldet wurde.

Viel stärker als Voltaire hat Rousseau das Unrecht und das Elend, das man der nichtadligen Bevölkerung antat, gesehen und auch angeprangert, er hat, ebenfalls anders als Voltaire, das Privateigentum angegriffen und in seiner Modellverfassung für Korsika eine starke staatliche Wirtschafts- und Eigentumskontrolle vorgesehen, den Staat dabei als Ausdruck des allgemeinen Willens behandelnd. Da er stets von Armut bedroht war und die Demütigung, selber auf die Unterstützung von adligen Gönnern und Freunden angewiesen zu sein, sehr stark empfand, stand Rousseau den Leiden des Volkes näher.

Das französische Volk hat ihm sein gefühlvolles Engagement gedankt, 11 Jahre nach seinem Tod (1778 in Ermenonville) ließ man seine sterblichen Überreste ins Pantheon überführen. Rousseau war in seiner Kindheit zum Verrat konditioniert, zu Minderwertigkeitsgefühlen und, als Gegenpol, zu übersteigertem Geltungsdrang disponiert, ein schwieriger Mensch, vor dem man sich normalerweise besser fernhalten sollte. Durch diesen Charakter und sein Unabhängigkeitsstreben konnte er sich, anders als Voltaire, der herrschenden Klasse nie anschließen. Daher wandte er seine Begabungen der Analyse von Gefühlen und zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie den gesellschaftlichen Verhältnissen zu. Er war ein Geschöpf der Aufklärung, hatte in sich deren Feind, die Religion des Christentums, nicht überwunden, entwickelte aber in seinen Schriften, radikaler als die Philosophes selbst, die Grundlagen einer zukünftigen, egalitären Gesellschaft.

Anhang

SENTIMENT DES CITOYENS.

Après les Lettres de la campagne sont venues celles de la montagne. Voici les sentiments de la ville:

On a pitié d’un fou; mais quand la démence devient fureur, on le lie. La tolérance, qui est une vertu, serait alors un vice. Nous avons plaint Jean-Jacques Rousseau, ci-devant citoyen de notre ville, tant qu’il s’est borné dans Paris au malheureux métier d’un bouffon qui recevait des nasardes à l’Opéra, et qu’on prostituait marchant à quatre pattes sur le théâtre de la Comédie. A la vérité, ces opprobres retombaient en quelque façon sur nous: il était triste pour un Genevois arrivant à Parisde se voir humilié par la honte d’un compatriote. Quelques-uns de nous l’avertirent, et ne le corrigèrent pas. Nous avons pardonné à ses romans, dans lesquels la décence et la pudeur sont aussi peu ménagées que le bon sens; notre ville n’était connue auparavant que par des moeurs pures et par des ouvrages solides qui attiraient les étrangers à notre Académie: c’est pour la première fois qu’un de nos citoyens l’a fait connaître par des livres qui alarment les moeurs, que les honnêtes gens méprisent, et que la piété condamne. Lorsqu’il mêla l’irréligion à ses romans, nos magistrats furent indispensablement obligés d’imiter ceux de Paris et de Berne, dont les uns le décrétèrent et les autres le chassèrent. Mais le conseil de Genève, écoutant encore sa compassion dans sa justice, laissait une porte ouverte au repentir d’un coupable égaré qui pouvait revenir dans sa patrie et y mériter sa grâce.Aujourd’hui la patience n’est-elle pas lassée quand il ose publier un nouveau libelle dans lequel il outrage avec fureur la religion chrétienne, la réformation qu’il professe, tous les ministres du saint Évangile, et tous les corps de l’État? La démence ne peut plus servir d’excuse quand elle fait commettre des crimes. Il aurait beau dire à présent: Reconnaissez ma maladie du cerveau à mes inconséquences et à mes contradictions, il n’en demeurera pas moins vrai que cette folie l’a poussé jusqu’à insulter à Jésus-Christ, jusqu’à imprimer que « l’Évangile est un livre scandaleux  téméraire, impie, dont la morale est d’apprendre aux enfants à renier leur mère et leurs frères, etc. » Je ne répéterai pas les autres paroles, elles font frémir. Il croit en déguiser l’horreur en les mettant dans la bouche d’un contradicteur; mais il ne répond point à ce contradicteur imaginaire. Il n’y en a jamais eu d’assez abandonné pour faire ces infâmes objections et pour tordre si méchamment le sens naturel et divin des paraboles de notre Sauveur. Figurons-nous, ajoute-t-il, une âme infernale analysant ainsi l’Évangile. Eh! qui l’a jamais ainsi analysé? Où est cette âme infernale? La Métrie, dans son Homme-machine, dit qu’il a connu un dangereux athée dont il rapporte les raisonnements sans les réfuter. On voit assez qui était cet athée: il n’est pas permis assurément d’étaler de tels poisons sans présenter l’antidote. Il est vrai que Rousseau, dans cet endroit même, se compare à Jésus-Christ avec la même humilité qu’il a dit que nous lui devions dresser une statue. On sait que cette comparaison est un des accès de sa folie. Mais une folie qui blasphème à ce point peut-elle avoir d’autre médecin que la même main qui a fait justice de ses autres scandales? S’il a cru préparer dans son style obscur une excuse à ses blasphèmes, en les attribuant à un délateur imaginaire, il n’en peut avoir aucune pour la manière dont il parle des miracles de notre Sauveur. Il dit nettement, sous son propre nom. « Il y a des miracles dans l’Évangile qu’il n’est pas possible de prendre au pied de la lettre sans renoncer au bon sens; » il tourne en ridicule tous les prodiges que Jésus daigna opérer pour établir la religion. Nous avouons encore ici la démence qu’il a de se dire chrétien quand il sape le premier fondement du christianisme; mais cette folie ne le rend que plus criminel. Être chrétien et vouloir détruire le christianisme n’est pas seulement d’un blasphémateur, mais d’un traître. Après avoir insulté Jésus-Christ, il n’est pas surprenant qu’il outrage les ministres de son saint Évangile. Il traite une de leurs professions de foi d’amphigouri, terme bas et de jargon qui signifie déraison. Il compare leur déclaration aux plaidoyers de Rabelais. Ils ne savent, dit-il, ni ce qu’ils croient, ni ce qu’ils veulent, ni ce qu’ils disent. « On ne sait, dit-il ailleurs ni ce qu’ils croient, ni ce qu’ils ne croient pas, ni ce qu’ils font semblant de croire. » Le voilà donc qui les accuse de la plus noire hypocrisie sans la moindre preuve, sans le moindre prétexte. C’est ainsi qu’il traite ceux qui lui ont pardonné sa première apostasie, et qui n’ont pas eu la moindre part à la punition de la seconde, quand ses blasphèmes, répandus dans un mauvais roman, ont été livrés au bourreau. Y a-t-il un seul citoyen parmi nous qui, en pesant de sang-froid cette conduite, ne soit indigné contre le calomniateur? Est-il permis à un homme né dans notre ville d’offenser à ce point nos pasteurs, dont la plupart sont nos parents et nos amis, et qui sont quelquefois nos consolateurs? Considérons qui les traite ainsi: est-ce un savant qui dispute contre des savants? Non, c’est l’auteur d’un opéra et de deux comédies sifflées. Est-ce un homme de bien qui, trompé par un faux zèle, fait des reproches indiscrets à des hommes vertueux? Nous avouons avec douleur et en rougissant que c’est un homme qui porte encore les marques funestes de ses débauches, et qui, déguisé en saltimbanque, traîne avec lui de village en village, et de montagne en montagne, la malheureuse dont il fit mourir la mère, et dont il a exposé les enfants à la porte d’un hôpital en rejetant les soins qu’une personne charitable voulait avoir d’eux, et en abjurant tous les sentiments de la nature comme il dépouille ceux de l’honneur et de la religion

C’est donc là celui qui ose donner des conseils à nos concitoyens (nous verrons bientôt quels conseils)! C’est donc là celui qui parle des devoirs de la société! Certes il ne remplit pas ces devoirs quand, dans le même libelle; trahissant la confiance d’un ami;il fait imprimer une de ses lettres pour brouiller ensemble trois pasteurs. C’est ici qu’on peut dire, avec un des premiers hommes de l’Europe, de ce même écrivain, auteur d’un roman d’éducation, que, pour élever un jeune homme, il faut commencer par avoir été bien élevé: Venons à ce qui nous regarde particulièrement, à notre ville, qu’il voudrait bouleverser parce qu’il y a été repris de justice. Dans quel esprit rapporte-t-il nos troubles assoupis? Pourquoi réveille-t-il nos anciennes querelles et nous parle-t-il de nos malheurs? Veut-il que nous nous égorgions parce qu’on a brûlé un mauvais livre à Paris et à Genève? Quand notre liberté et nos droits seront en danger, nous les défendrons bien sans lui. Il est ridicule qu’un homme de sa sorte, qui n’est plus notre concitoyen, nous dise: « Vous n’êtes ni des Spartiates, ni des Athéniens; vous êtes des marchands, des artisans, des bourgeois, occupés de vos intérêts privés et de votre gain. » Nous n’étions pas autre chose quand nous résistâmes à Philippe II et au duc de Savoie. nous avons acquis notre liberté par notre courage et au prix de notre sang, et nous la maintiendrons de même. Qu’il cesse de nous appeler esclaves, nous ne le serons jamais. Il traite de tyrans les magistrats de notre république, dont les premiers sont élus par nous-mêmes. « On a toujours vu, dit-il; dans le conseil des deux-cents, peu de lumières, et encore moins de courage. » Il cherche par des mensonges accumulés à exciter les deux-cents contre le petit conseil; les pasteurs contre ces deux corps, et enfin tous contre tous, pour nous exposer au mépris et à la risée de nos voisins. Veut-il nous animer en nous outrageant? veut-il renverser notre constitution en la défigurant, comme il veut renverser le christianisme, dont il ose faire profession? Il suffit d’avertir que la ville qu’il veut troubler le désavoue avec horreur. S’il a cru que nous tirerions l’épée pour le roman d’Émile, il peut mettre cette idée dans le nombre de ses ridicules et de ses folies. Mais il faut lui apprendre que si on châtie légèrement un romancier impie, on punit 

250 Jahre Candide – Erste Kritik am autoritären Optimismus – 21.6.2010

Erste Kritik am ‚Optimismus vom Dienst’

250 Jahre Candide

von Rainer Neuhaus

250 Jahre alt und noch immer lebendig: Das hätte sich Ludwig der XV. nicht träumen lassen, als er Voltaires Roman Candide kurz nach seinem Erscheinen Ende Februar 1759 in Frankreich verbieten ließ (in Genf wurde das Werk sogar öffentlich verbrannt). Voltaire war zum Zeitpunkt der Herausgabe Candides 65 Jahre alt und lebte im französischen Ort Ferney, ganz in der Nähe von Genf und in sicherer Entfernung von Paris, dem Zentrum der absolutistischen Macht. Candide – unter einem Pseudonym veröffentlicht – war seine Kampfansage an die Kirche und eine ironische Demaskierung der realitätsverblendenden Philosophie seiner Zeit zugleich. Um die Zensur wirkungslos zu machen, ließ er Candide an vier Orten Europas zugleich erscheinen, eine Strategie, die so erfolgreich war, dass sich das Werk in kurzer Zeit über alle Grenzen hinweg verbreitete und die Zensur wirkungslos machte. Unzählige Auflagen sind seither von diesem kleinen, genialen, gerade einmal 100 Seiten starken Roman in allen Sprachen der Welt erschienen und sein Erfolg, seine Aktualität, ist ungebrochen.

In Frankreich gehört Candide heute zum Kreis der Klassiker und zur schulischen Pflichtlektüre und wird dort vom Lehrpersonal auftragsgemäß durch das Verbreiten von Langeweile entschärft. Nicht viel anders in Deutschland, kein Verlag, der etwas auf sich hält, kommt ohne eine eigene Candide-Ausgabe aus und auch hier behandelt man den Roman im Unterricht ähnlich dem französischen Vorbild – so zum Beispiel: 

Die ostentativ-boshafte Lustigkeit täuscht nicht über die latente Problematik der Geschehnisse hinweg. Voltaire orientiert sich am hellenistischen Trennungsroman (vgl. Heliodors Aithiopika oder Cervantes´ Trabajos de Persiles y Sigismunda), dessen peripetienreiche Handlungsführung in idealtypischer Weise das Spiel von Kontingenz und Vorsehung spiegelt und so die Theoreme der Aufklärung – den Glauben an die Maschinenwelt und die Mündigkeit des Individuums – anzuzweifeln erlaubt.

Die Hauptmedizin zur Abtötung der Voltaireschen Kritik und zur Infusion von Langeweile hierzulande heißt aber „Philosophie“, genauer: Leibniz. Denn dieser war ja bekanntlich einer der größten deutschen Denker, wollen wir uns also erst einmal seiner berühmten Monadenlehre zuwenden  – und wieder stellt sich der didaktische Erfolg in Gestalt allseitigen Gähnens ein – Ziel erreicht, Patient tot also.

Trotzdem ist natürlich an der Sache mit Leibniz etwas dran, denn er, mit ihm Wolff, später Hegel und viele andere von ihren jeweiligen Fürsten sehr abhängige Philosophen, waren sich vollkommen sicher, dass die Welt, in der sie leben, nicht besser sein könne als sie ist, also die beste aller möglichen Welten sei und das deshalb, weil Gott der Schöpfer dieser Welt war, er in seinem Weltmechanismus auch alle Funktionsgesetze so intelligent eingebracht hat, dass, was dabei jeweils herauskommt, nicht hätte besser gemacht werden können, denn sonst, wäre es anders, ja dann, wäre ja Gott eben nicht der allmächtige Schöpfer dieser Welt…

Und hier setzt Voltaire mit Candide ein. Seine Hauptfigur, eben Candide (etwa: “der Arglose“), möchte auf seinen abenteuerlichen Reisen durch die ganze Welt gerne an das Gute und an die Lehre von der besten aller möglichen Welten glauben, er hat auch einen entsprechenden Einsager, einen Philosophen-Lehrer und unverbesserlichen Optimisten namens Pangloss zur Unterstützung an seiner Seite. Nur ereignen sich fortlaufend Dinge, die solche Lehre schwer erschüttern: es wird gefoltert, vergewaltigt, verbrannt, Mönche vergehen sich an ihren Schutzbefohlenen, Inquisitoren halten sich Frauen zu sexuellen Diensten, Kaufleute veruntreuen das ihnen anvertraute Vermögen, Fürsten führen Krieg aus reiner Gier und opfern ihre Untertanen ohne jede Hemmung und Erdbeben verschlingen ganze Städte.

Kubin sklave
(Ausschnitt aus einer Candide-Illustration Kubins: Ein Zuckerrohrsklave, dem man als Strafe für seinen Fluchtversuch das Bein abgehackt hat. Der linke Arm fehlt zur Strafe für „ungeschicktes“ Arbeiten)

Kurz: Candide erlebt die Welt wie sie war und wie sie noch immer ist und beginnt allmählich an der Lehre von der besten aller möglichen Welten zu zweifeln. Dabei entwirft Voltaire keine Gesellschaftskritik, sondern vielmehr eine Kritik am Autoritätsglauben, am Optimismus derjenigen, die naiv auf das Gute in der Welt und im Menschen vertrauen, ganz besonders gegenüber den jeweiligen Machthabern und ihren kirchlich-religiösen Propagandisten. Voltaire sagt dem Leser: lass dich nicht auf leere Versprechungen ein, vermute im Menschen eher den Eigennutz, vertraue nicht auf Mitleid und Menschlichkeit. Vertraue stattdessen auf Deine eigene Wahrnehmung, bilde Dir ein eigenes Urteil, ziehe Deine eigenen Schlüsse, bleibe dabei, auch wenn Lehrer, Pfarrer und die Vertreter des Staates das Gegenteil behaupten; bedenke: auch deren Macht ist vergänglich.

Mit seiner ganzen ironischen Kraft führt Voltaire in ‚Candide‘ zum ersten Mal in die Literatur den Begriff des Optimismus ein – und er definiert ihn so: „Das ist der Irrsinn zu behaupten, alles sei gut, obwohl alles schlecht ist“ (19. Kapitel). Wie würde er die Prediger von heute verlachen, die landauf, landab verkünden, man müsse nur positiv denken und schon relativiere sich alles Leid und Unglück.

Der Voltaire des Candide ist entschieden antiklerikal, ergreift Partei für die Betrogenen und Entrechteten, ohne diese deshalb zu besseren Menschen zu machen. Eine ideale Gesellschaft? In ihr  müssten alle Beteiligten aus den vorhandenen Reichtümern einen angemessenen  Vorteil ziehen. Ein Programm, mit humorvoller Phantasie im Land Eldorado des Candide vorgestellt, das auch heute noch geradewegs zur Revolution führte.

Im Candide kommen vor: der Preis, den ein Europäer für den Zucker zahlen muss, den er aus Übersee bezieht, das Erdbeben von Lissabon und wie die Kirche danach Juden verbrennen lässt, um Gott zu gefallen, und der Papst, wie er jährlich 3000 Jungen zu Kastraten verstümmeln lässt, um ihre süßen Stimmchen als Chorknaben zu erhalten und eben das sympathische Programm Eldorados: Schönheit und Luxus für Alle!

In einer der bis heute besten, materialreichen Monographien zu Candide in deutscher Sprache hat Dieter Hildebrandt (nicht der Kabarettist, sondern ein früherer Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gleichen Namens, Spezialist für die Literatur der Aufklärung, das gab es damals dort noch)** die prophetische Kraft Candides herausgestellt, dass Voltaire nämlich einem Übel in unserer Welt auf der Spur war, das am Ende zu Auschwitz geführt habe. Nur benennt Hildebrand in Adornoscher Manier dieses Übel nicht, es scheint ihm an einem irgendwie falschen Plan, einem naturnotwendigen Fehler zu liegen. Voltaire ist da schon ein ganzes Stück weiter, denn er sieht das Übel in der Bösartigkeit der Herrschenden und zeigt, dass diese ihre Erfolge gerade der Gutgläubigkeit ihrer Untertanen verdanken, der diesen eingeimpften Realitätsblindheit, die sie immer wieder ihren Schlächtern ausliefert. Voltaire weiß zwar noch keinen rechten Ausweg aus diesem Dilemma, er kennt noch nicht den organisierten Widerstand, rät aber dem Leser klar und deutlich, das Geschwätz der Lehrer und Philosophen, mit dem sie die bestehende Gesellschaft verklären und rechtfertigen, einfach nicht ernst zu nehmen. Da soll man lieber, wie es am Ende des Romans heißt, seinen Garten bestellen, denn er wird wenigstens Früchte tragen, die man zu eigenem Vorteil ernten kann.

(deutsche Candide-Ausgaben)

Viele Übersetzer haben sich mittlerweile darin versucht, den Roman ins Deutsche zu übertragen. Candide ist nicht einfach zu übersetzen, sein Inhalt darf nicht dem Witz und sein Humor nicht der geschliffenen Formulierung zum Opfer fallen. Die frühe Übersetzung von W.C.S. Mylius von 1778 wird bis heute immer wieder aufgelegt, vielleicht, weil sie in ihrer etwas altertümlichen Sprache den humoristischen Charakter des Candide unterstreicht und außerdem für die Verlage ganz umsonst zu haben ist. Sie ist gewiss nicht die schlechteste, fügt aber zu viel eigenes hinzu. Eine gute, schnörkellose und dem Text Voltaires mit seinem subtilen Humor recht nahe kommende ist aber die von Ilse Linden, die auch in der Monographie von Hildebrandt abgedruckt ist. Viele Künstler (die berühmtesten: Alfred Kubin und Paul Klee***) haben Candide, von der Vielschichtigkeit des Romans angeregt, illustriert und auf ihre jeweiligen Zeit- und Lebensumstände bezogen, es ist besonders interessant und reizvoll, die unterschiedlichen Interpretationen miteinander zu vergleichen. 
Sicher werden weitere Ausgaben mit neuen Übersetzungen und neuen Illustrationen folgen, denn Candide wird bis zu dem Zeitpunkt zur Aufklärung über unsere Welt beitragen und mit Gewinn gelesen werden können, an dem alle Systemverklärer ihre gerechte Strafe (und die wäre:Nichtbeachtung) erhalten haben und  selbst dann wird es vielleicht noch immer Leute geben, denen man zur Korrektur empfehlen kann, einmal in aller Ruhe Candide zu lesen. 100 Seiten, das ist wenig und doch so bereichernd!

Abschließend sei noch erwähnt, dass Candide 1954 in den USA von Lillian Hellman als Bühnenstück gegen die Kommunistenverfolgung ausgearbeitet und später von Leonard Bernstein zu einer Art Musical vertont wurde. Die faszinierende Aufführung ist als DVD **** erhältlich und lohnt sich auf alle Fälle anzusehen, als Ergänzung zur Lektüre, selbstverständlich.


** Dieter Hildebrandt: Voltaire, Candide Dichtung und Wirklichkeit, Frankfurt/M 1968, 
168 S. (enthält auch die Candide Übersetzung von Ilse Linden und ist nur antiquarisch erhältlich)
*** – Candide. Eine Erzählung, Mit 28 Federzeichnungen von Alfred Kubin, deutsch. von  Johann Frerking,  Hannover 1922 (Paul Steegemann), 146 S.
 –  Candide, oder der Optimismus,  mit 27 Zeichnungen von Paul Klee,  Düsseldorf 1962 (Droste ), 120 S.
****- Candide, Leonard Bernstein, London Symphonie Orchestra. DVD (Dolby sourround) :VMG 2006, 147 min

Der Antimachiavel Friedrichs II. oder wie sich ein kleiner Verleger gegen den preußischen König durchsetzte

Eine kleine Editionsgeschichte

nach Kees van Strien, Voltaire in Holland 1736-1745, Leuven: Peeters, 2011, 589 S. 

1. Ein Verleger steht zu seinem Auftrag

Von Friedrich vor seiner Thronbesteigung als eine Art Bekenntnis zur Staatsführung im Sinne der Aufklärung verfasst (z.B.: „Es ist demnach die Gerechtigkeit, welche das vornehmste Augenmerk eines Fürsten sein soll; es ist demnach die Wohlfahrt seines Volkes, so er allem anderen Nutzen vorziehen muß„), war ihm sein Antimachiavel nach der Krönung (31. Juni 1740) nicht mehr genehm und er verlangte von Voltaire, das Buch zu unterdrücken. Voltaire hatte sich sehr viel von dem Werk versprochen und viel daran gearbeitet, er versuchte nun im Auftrag Friedrichs den mit der Herausgabe bereits beauftragten Verleger Van Düren (1687 – 1757)* in Den Haag zu überzeugen, von einer Veröffentlichung abzusehen, was sich als schwierig erwies. Van Düren, einer der führenden Verleger Hollands, der auch in Frankfurt und Leipzig ausstellte, weigerte sich  nämlich, die Herausgabe fallenzulassen, denn eine skandalträchtige Veröffentlichung dieses Buches, verfasst von einem frisch gekrönten Haupt, war werbewirksam und gewinnträchtig. Also kündigte er  in der Zeitung s’Gravenhaagse Courant vom 25. 7. 1740 das baldige Erscheinen des Antimachiavels an.

2. Voltaire erfüllt seine Aufgabe, aber nicht richtig

Voltaire behauptete jetzt, daß noch Korrekturen notwendig seien, aber Van Duren war schlau genug, das Manuskript nicht aus der Hand zu geben und erlaubte Voltaire Korrekturen nur in seinem Büro unter Aufsicht seiner Mitarbeiter vorzunehmen. Also ließ  sich Voltaire in einem Arbeitszimmer Van Durens einschließen und verunstaltete – ganz Komödiant – das Manuskript mit sinnentstellenden und grotesken Korrekturen, um es für den Verleger unbrauchbar zu machen. Doch dieser Schuß ging nach hinten los, denn Van Düren drohte damit, das Werk genau so verdreht herauszubringen – was wiederum Voltaire in arge Bedrängnis brachte, denn Friedrich hätte nicht schlecht gestaunt, wenn sein Werk derart entstellt gedruckt worden wäre. Um dieses zu verhindern, musste Voltaire Van Düren dazu bringen, wenigstens die ursprüngliche, nicht entstellte Version zu veröffentlichen.
Als diese erste Finte Voltaires nichts gefruchtet hatte, verlegte er sich darauf, Geld anzubieten, doch Van Duren blieb hart – er wollte die Veröffentlichung durchziehen, ganz egal wieviel Geld man ihm anbot. Jetzt hoffte Voltaire, durch Korrekturen der Druckfahnen Zeit zu gewinnen, doch van Düren wollte unbedingt zur Frankfurter und Leipziger Messe am 29. September 1740 mit dem Druck fertig sein, wartete daher nicht länger ab und konnte den Anti-Machiavel Anfang September fertig zum Verkauf vorlegen, und zwar ’nach dem Originalmanuskript‘ und ohne die Vorrede Voltaires, die dieser ihm gegeben hatte(1). Diese erste Ausgabe beginnt mit Machiavellis ‚Principe‘ in der Übersetzung von Amelot de La Houssaye, es folgen ein Widmungsgedicht des Übersetzers und ein Widmungsgedicht Machiavellis an Lorenzo de Médici, dann die Kritik Friedrichs, am Ende Anmerkungen. Diese Reihenfolge behielten mehr oder weniger auch alle späteren Veröffentlichungen bei. Am 4. Oktober bot Van Duren das Buch in Den Haag an, was erhebliche Wellen schlug, die Diplomatengemeinde war in heller Aufregung und alle berichteteten von dem Buchereignis an ihre Regierungen. Friedrich teilte Voltaire daraufhin mit, daß er seine Autorenschaft leugnen werde, auch weil ihm die ‚Verbesserungen‘, die Voltaire vorgenommen hatte, nicht gefielen. Auch von Seiten des französischen Hofs wurde Voltaire angegriffen, hauptsächlich wegen einigen antikirchlichen Passagen, so daß er versprach, eine zweite, gesäuberte Version zu erarbeiten.

(1)L’Antimachiavel ou Examen du Prince de Machiavel  avec des notes historiques & politiques, Par Frédéric II, roi de Prusse, éd. par Voltaire, à la Haye chez Jean Van Duren-1741 [=1740], XXXII, 364 p.

3. Hase und Igel um den Anti-Machiavel

Vorerst hatte aber Van Duren seine Druckerpressen angeworfen, er publizierte zusätzlich eine gekürzte Ausgabe ohne Anmerkungen(2) in kleineren Lettern mit Londoner Verlagsangabe (wahrscheinlich um Raubdrucke zu verhindern) und kurz danach eine Prachtausgabe des Originals, wiederum mit der (falschen) Jahresangabe 1741.

Voltaire machte sich unterdessen daran, bei seinem neuen Verleger Paupie eine ‚richtige‘ Version des Anti-Machiavel unter dem Titel L’Antimachiavel ou Essai de critique sur le Prince de Machiavel herauszubringen.(3) Diese Ausgabe enthält das Vorwort Voltaires und weicht von der Originalschrift Friedrichs noch stärker ab. Van Duren bekam bald Wind von dem Projekt und drohte Voltaire mit einem Copyrightprozess. Um den Streit zu vermeiden, kaufte Voltaire alle gedruckten Exemplare ’seiner‘ Ausgabe auf und organisierte die Verteilung der Bücher an Bekannte, Freunde und Interessierte selbst. Kritiker bemerkten schnell, daß die Van Duren Ausgabe schöner und handwerklich besser gemacht war, also sah sich Voltaire gezwungen, wollte er den Wettlauf nicht verlieren, eine weitere ‚korrigierte‘ Version anzukündigen, wozu er vor allem Zeit brauchte.

Er entschloß sich, den Markt erst einmal mit einer weiteren Ausgabe von Paupie zu füttern, die den Editionsvermerk: ‚À la Haye, aux dépens de l’éditeur‘ (auf Kosten des Herausgebers) trägt.(4) Sie enthält im Anschluß an das Inhaltsverzeichnis ein ‚Avis de l’éditeur‘, in dem Voltaire Van Durens Ausgaben als nicht autorisiert und fehlerhaft bezeichnet. Erst im Frühjahr 1741 erschien dann als ‚Nouvelle édition où l’on a ajouté les variations de celle de Londres bei Paupie die geplante Neuausgabe(5) (mit zwei verschiedenen (falschen) Ortsangaben: A Marseille, chez les frères Colomb‘ und ‚A Amsterdam, chez Jacques La Caze, 1741. Van Duren hatte jetzt das Problem, daß seine Ausgaben ohne das zweite Zugpferd Voltaire auskommen mussten, also versuchte er, auch zu seiner Rechtfertigung, mit einer weiteren Ausgabe sein gutgehendes Machiavel Geschäft am Laufen zu halten, die – man sieht, daß auch Van Düren mit dem Copyright locker umging – Voltaires Vorrede und zehn Briefe von Voltaire an Van Düren, sowie Stellungnahmen Dritter zu dem Konflikt enthält. Diese Ausgabe erschien mit dem Hinweis: enrichie de plusieurs piéces nouvelles & originales, la plupart fournies par M. F. de Voltaire.(6)

(2) L’Examen du Prince de Machiavel avec des notes historiques & politiques,A Londres, Chez Guillaume Mayer, M.D.CC.XLI [=La Haye: Jean Van Duren, 1740] XX, 340 p..

(3) L’Antimachiavel ou Essai de critique sur le Prince de Machiavel, publié par M. de Voltaire, À la Haye::Paupie 1740, XIV, 191 p.

(4) L’Antimachiavel ou Essai de critique sur ‚le Prince‘ de Machiavel, publié par M. de Voltaire, À la Haye, aux dépens de l’éditeur::Paupie 1740, XVI, 191 p.

(5)Anti-Machiavel , ou Essai de critique sur le Prince de Machiavel, publié par Mr. de Voltaire. Nouvelle édition, où l’on a ajouté les variations de celle de Londres, A Amsterdam, chez Jacques La Caze. 1741, XXXII-82-112-67-[3] p.

6) Examen du Prince de Machiavel  avec des notes historiques & politiques. Troisieme edition enrichie de plusieurs piéces nouvelles & originales, la plupart fournies par M. F. de Voltaire, 2 vol. LX-248 p. ; 322 p.).

4. Epilog

Jetzt bestand die Gefahr, daß man das Publikum mit immer neuen Ausgaben ermüdete. Jede weitere Publikation versuchte, den Streit genauer abzubilden, die Varianten der verschiedenen Ausgaben aufzuzeigen und wurde dadurch immer unleserlicher. Nennenswert zum Abschluß dieser Editionsgeschichte (in der nicht die vielen Übersetzungen in alle Sprachen Europas berücksichtigt wurden**), ist die als Band VI der gesammelten Werke Machiavellis (Oeuvres de Machiavel, nouvelle édition, La Haye 1743) erschienene Ausgabe, die man erstaunlicherweise gemeint hat, einer Werkausgabe Machiavellis einfügen zu müssen, vielleicht um diese besser verkaufen zu können. Dieser Band erschien 1743 unabhängig von der Werkausgabe als eigenständiges Buch.(7)

(7) L’Antimachiavel ou Examen  du Prince de Machiavel avec les diverses lecons de toutes les éditions qui en ont été faites jusqu`à présent et un receuil de piéces originales touchant l’impression de l’ouvrage, aux dépens de la Compagnie, La Haie 1743, LX 485 p.

*Van Duren /1687 – 1757) , Buchhändler, Drucker in Den Haag (wohnhaft In de Lange Pooten, heute Plein, 10) Sohn eines Unteroffiziers, lernte bei Adriaen I Moetjens. Von 1737 bis 1742 nimmt er an den Messen in Frankfurt und Leipzig teil. Frankfurter Verleger beschweren sich über sein Eindringen in den örtlichen Markt. Nach seinem Tod setzte seine Witwe Maria Cappel das Geschäft mit ihren beiden Söhnen fort. Quelle: Onlinekatalog der Bibliohèque Nationale, Paris.

**erwähnt sei zumindest die im Jahr 1756 veröffentlichte deutsche Übersetzung: Nicolaus Machiavell, Regierung eines Fürsten, Hannover und Leipzig:bey Johann Wilhelm Schmidt, der dann wie üblich der Antimachiavell folgt, und zwar unter dem Titel ‚Antimachiavell oder Versuch einer Kritik über Nic. Machiavells Regierungskunst eines Fürsten. Nach des Herrn von Voltaire Ausgabe ins Deutsche übersetzt; wobey aber verschiedenen Lesarten und Abweichungen der ersten Haagischen und aller anderen Auflagen, angefüget worden‘. Der Band schließt ab mit einer ‚Historie des Antimachiavells nebst den darüber gefällten Urteilen‘, wo man auf 136 Seiten Briefe Voltaires, Van Durens und andere Dokumente präsentiert und auswertet.

Literaturhinweis: Neben der aktuell durch Kees van Steen in englischer Sprache publizierten Studie ‚Voltaire in Holland‘ ist sehr lesenswert die 1991 bei Reclam erschienene Ausgabe des Anti-Machiavell:

Friedrich der Grosse, Der Animachiavell oder Untersuchung von Machiavellis ‚Fürst‘, bearbeitet von Voltaire, Übersetzung aus dem Französischen, Nachwort und Anmerkungen von Helga Bergmann, Leipzig:Reclam 1991, 149 S., mit dem hervorragenden Nachwort der Übersetzerin.

Was die Kirchen ärgert – Die Verteidigung des Luxus bei Voltaire

Die Debatte über den Luxus

Mandeville verteidigt in seiner berühmten ‚Bienenfabel’ (London 1723) nicht nur den Luxus – er versteht darunter alles, was über das Lebensnotwendige hinausgeht – und bewertet ihn als für die Gesellschaft positiv, denn im Überfluss und nicht im Mangel sieht er den Anstoß für die Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Er verteidigt über den Luxus hinaus sogar die menschlichen ‚Laster‘ überhaupt gegen eine puritanische, genussfeindliche Moral. Es war Voltaires Lebensgefährtin Emilie du Châtelet, die die Bienenfabel erstmalig ins Französische übersetzte.

Luxus, was im Lateinischen ‚Verschwendung, Liederlichkeit‘ bedeutet, hat diesen Makel behalten und bis heute soll man Wohlstand und gutes Leben nur mit einem ordentlich schlechten Gewissen genießen dürfen. Angefangen vom persönlichen Schmuck über erlesene Speisen und alkoholische Getränke bis hin zu sündhaft teuren Fahrzeugen – all dies ist von Übel und wer es begrüßt, ist ein Feind des Volkes und Verschwender. Stattdessen soll man bescheiden leben, den Ertrag seiner Arbeit nützlich anlegen (reinvestieren) und vermehren und nichts im Konsum nutzloser Güter verschwenden. Dass vor solchem Hintergrund auch die Kunst keine positive ‚Weiterführungsprognose‘ besitzt, liegt auf der Hand.

Mme du Châtelet – soviel steht fest – war die Verteidigung des Luxus sympathisch, gehörte sie doch zur Hocharistokratie und besaß reichlich Schmuck und war auch sonst eine ausgesprochene Genießerin und das war Voltaire wiederum sympathisch. Überhaupt verteidigten die französischen Aufklärer in ihrer Glanzzeit den Luxus, jedoch nicht wie Mandeville, der einer bigotten Moral einfach ihr Spiegelbild vorhielt, sondern indem sie zu zeigen versuchten, dass Luxus für die Gesellschaft überhaupt nicht schädlich, sondern sogar besonders nützlich sei. Folgendes waren ihre Positionen:

o Damit sich die Gesellschaft weiterentwickelt, muss mehr hergestellt werden, als man zum puren Leben braucht. Die Ungleichheit der Gesellschaftsmitglieder ist zunächst notwendig, denn sie schafft für einige die Möglichkeit, Kunst und Wissenschaft – Luxus – zu entwickeln und zu genießen, damit aber den Fortschritt für alle erst möglich zu machen.

o Die Gesellschaft sollte versuchen, die Ungleichheit zu reduzieren, denn desto mehr ihrer Mitglieder am Luxus teilhaben können, desto besser für die Gesellschaft und ihre Weiterentwicklung.

o Die Verderbtheit der Sitten resultiert nicht aus dem Luxus, sondern aus der zu großen Ungleichheit in der Verteilung des Reichtums einer Gesellschaft. Wer das Gegenteil behauptet, verdreht Ursache und Wirkung.

o Selbst der extrem Reiche, der in den Luxus investiert, bewirkt Gutes für die Gesellschaft, denn damit fördert er Kunst und Handwerk, ganz anders, wenn sein Geld in Klöster, Tierparks oder andere, nicht produktiv wirkende Dinge fließt, das erst bedeutet wirkliche Verschwendung.

o Luxus (der Genuss desselben) besänftigt die Seele und die Leidenschaften und veredelt die Umgangsformen. (nach dem Vorwort der Kehler Ausgabe der Werke Voltaires zu Le Mondain)

Natürlich hatte die Monarchie keine Freude an solchen Debatten, die mit dem Luxus begannen, ihn verteidigten, aber sich, indem sie ihn verteidigten, über die Ungleichheit in der Gesellschaft Gedanken machten und schließlich den Luxus gar möglichst Vielen zugänglich machen wollten. Nicht alle sahen das so gelassen wie M. de Melon, ehemals Sekretär beim königlichen Regenten Philippe d’Orléans, der sich in einem Brief über Voltaires Gedicht Le Mondain so äußerte:

M. de MELON A MADAME LA COMTESSE DE VERRUE SUR L’APOLOGIE DU LUXE.

J’ai lu, madame, l’ingénieuse Apologie du luxe; je regarde ce petit ouvrage comme une excellente leçon de politique, cachée sous un badinage agréable. Je me flatte d’avoir démontré, dans mon Essai politique sur le commerce combien ce goût des beaux-arts et cet emploi des richesses, cette âme d’un grand État qu’on nomme luxe, sont nécessaires pour la circulation de l’espèce et pour le maintien de l’industrie; je vous regarde, madame, comme un des grands exemples de cette vérité.Combien de familles de Paris subsistent uniquement par la protection que vous donnez aux arts? Que l’on cesse d’aimer les tableaux, les estampes, les curiosités en toute sorte de genre, voilà vingt mille hommes, au moins, ruinés tout l’un coup dans Paris, et qui sont forcés d’aller chercher de l’emploi chez l’étranger. Il est bon que dans un canton suisse on fasse des lois somptuaires, par la raison qu’il ne faut pas qu’un pauvre vive comme un riche. Quand les Hollandais ont commencé leur commerce, ils avaient besoin d’une extrême frugalité; mais à présent que c’est la nation de l’Europe qui a le plus d’argent, elle a besoin de luxe.

Madame, Ich habe die geschickte Verteidigung des Luxus gelesen, ich halte dieses kleine Werk für eine ausgezeichnete politische Lektion, die sich hinter einem angenehmen Plauderton verbirgt. Ich kann mir schmeicheln, in meinem Essay über die Wirtschaft gezeigt zu haben, wie sehr der Gefallen an den schönen Künsten und der Gebrauch der Reichtümer, diese Seele eines bedeutenden Staatswesens, die man Luxus nennt, notwendig sind für die Kreisläufe des Geldes und zum Erhalt der Wirtschaft; ich betrachte Sie, Madame als eines der großen Beispiele dieser Wahrheit. Wieviele Pariser Familien überleben ausschließlich durch die Unterstützung, die Sie der Kunst gewähren? Würde man aufhören, Gemälde zu lieben, wertvolle Drucke, interessante Gegenstände aller Arten, zwanzigtausend Menschen in Paris wären mit einem Male ruiniert und wären gezwungen, in der Fremde Arbeit zu suchen. Es ist richtig, dass ein schweizer Kanton Gesetze zur Sparsamkeit erließ, denn es kann nicht sein, dass ein Armer wie ein Reicher lebt. Als die Holländer am Anfang ihrer Handelstätigkeit standen, hatten sie eine extrem Genügsamkeit nötig, aber wenn wir es hier mit der Nation in Europa zu tun haben, die am meisten Geld besitzt, braucht sie den Luxus.

Le Mondain –  Das Gedicht zur Verteidigung des Luxus

Voltaire hat dieses Gedicht zur Verteidigung des Luxus geschrieben, als er sich schon im Exil in Cirey sur Blaise befand. Nach Cirey -er lebte dort mit Emilie du Châtelet im Schloß ihres Mannes -war er 1734 geflohen, um sich der Verfolgung zu entziehen, die ihm seine ‚Lettres philosophiques’ zugezogen hatten. In diesem Werk vergleicht und kritisiert er unter anderem die französischen Zustände der Glaubensverfolgung mit der in England praktizierten Toleranz gegenüber Minderheitsreligionen.

Kaum war Voltaires Gedicht erschienen, als es schon abgeschrieben und in den Salons vorgelesen wurde, es zirkulierte in den aufgeklärten Kreisen und provozierte die klerikalen. Alle Veröffentlichungen mussten damals den Stempel des obersten Zensors tragen, ein Amt, das von 1726 bis zu seinem Tod 1743 faktisch der Premierminister Kardinal André-Hercule de Fleury innehatte. Für ‚Le Mondain’ hat Voltaire diesen Stempel allerdings nicht erhalten, stattdessen drohte ihm dafür ein Haftbefehl, was mit seiner Respektlosigkeit gegenüber Adam und Eva zusammenhing, denn es heißt in dem Gedicht über die beiden:

Seide und Gold glänzten für sie nicht,
Bewundert Ihr dafür unsere Vorfahren?
Es fehlte ihnen Handwerk und Wohlstand:
Ist das Tugend? Es war reine Unwissenheit.
Welcher Narr würde, hätte er für eine Weile
ein gutes Bett gehabt, draußen schlafen?
Mein lieber Adam, mein Vielfraß, mein guter Vater
was machtest du im Garten Eden?
Arbeitetest Du für diese einfältige menschliche Rasse
Liebkostest du Frau Eva, meine Mutter?     

Gebt mir zu, dass ihr alle beide
lange Fingernägel hattet, etwas schwarz und schmutzig,
die Haare wenig geordnet,
der Teint gebräunt, die Haut verschmutzt und verwittert.
Ohne Sauberkeit ist die glücklichste Liebe
keine Liebe mehr, sondern ein schändliches Bedürfnis.
Bald ermüdet von ihrem schönen Abenteuer,
speisen sie herrschaftlich unter einer Eiche,
mit Wasser, Hirse und Eicheln;
das Mahl beendet, schlafen sie auf harter Erde:
Dies ist der Zustand der reinen Natur!

Voltaire floh über die nahe Grenze nach Holland, musste dort zwei Monate bleiben, wo er sich im übrigen prächtig amüsierte, denn alle Welt wollte ihn zum Bekannten haben und seine Theaterstücke sehen, außerdem arbeitete er in Amsterdam an der Herausgabe seiner gesammelten Schriften. Nachdem Gras über die Sache gewachsen war, konnte er, einflussreiche Freunde hatten sich für ihn eingesetzt, im Februar 1737 nach Cirey zurückkehren. In dieser Zeit tat sich für ihn auch eine neue Perspektive auf, denn er hatte den ersten Brief eines jungen Mannes erhalten, der später die europäische Geschichte maßgeblich beeinflussen sollte: es war der erste von vielen weiteren, schmeichelnden und lobenden Briefen aus der Feder Friedrich II, damals noch Kronprinz von Preußen, die schließlich Voltaires Übersiedlung nach Berlin in den Jahren 1750-52 bewirkten.

Doch sehen wir zunächst das Gedicht in der Übersetzung aus dem sehr zu empfehlenden Voltaire-Lesebuch von Martin Fontius, es ist eine gereimte Übertragung ins Deutsche, an der man, so flüssig sie auch ist, trotzdem bemängeln muß, daß sie hier und da versucht, Voltaire zu glätten. So übersetzt Fontius den Vers Sans propreté l’amour le plus heureux  N’est plus amour, c’est un besoin honteux flüssig: Wie glücklich auch die Neigung – wo’s gebricht an Reinlichkeit, ist’s Notdurft, Liebe nicht. Doch es heißt bei Voltaire eben nicht Neigung, sondern Liebe und er meint damit kein romantisches Schmachten, sondern körperliche Liebe in drastischer Klarheit: Ohne Sauberkeit ist die glücklichste Liebe keine Liebe mehr, sondern ein schändliches Bedürfnis.  Nur so ist zu verstehen, warum er wegen dieser Passage verfolgt und der Gotteslästerung beschuldigt wurde. Man vergleiche die wörtliche Übersetzung dieses Abschnittes oben mit der entsprechenden (kursiv gedruckt) in der Version von Fontius, er malt eine Schäferidylle, wo Voltaire das sogenannte Paradies mit der Realität eines unzivilisierten Lebens konfrontiert – und karikiert

Regrettera qui veut le bon vieux temps 
Et l’âge d’or, et le règne d’Astrée,  
Et les beaux jours de Saturne et de Rhée, 
Et le jardin de nos premiers parents; 
Moi, je rends grâce à la nature sage
Qui, pour mon bien, m’a fait naître en cet âge
Tant décrié par nos tristes frondeurs
Ce temps profane est tout fait pour mes moeurs.
J’aime le luxe, et même la mollesse,
Tous les plaisirs, les arts de toute espèce,
La propreté, le goût, les ornements:
Tout honnête homme a de tels sentiments
Betraure, wer da will, die gute alte Zeit,
Das goldne Alter und Asträas Walten,
Saturns und Rheas segensreiches Schalten,
Den Garten, dessen Adam sich erfreut.
Ich dank~ der Natur, die weisheitsvoll
Zu meinem Wohl mich jetzt hervorgebracht,
Indieser Zeit, die leidlich gut gemacht:
Den tristen Tadlern gilt sie als frivol,
Doch meiner Lebensart ist sie genehm.
Ich liebe Luxus, üppig und bequem,
Die Künste, das Vergnügen, Reinlichkeit:
Ein jeder Ehrenmann sich daran freut.
il est bien doux pour mon coeur très immonde  
De voir ici l’abondance à la ronde,  
Mère des arts et des heureux travaux,  
Nous apporter, de sa source féconde,  
Et des besoins et des plaisirs nouveaux.  
L’or de la terre et les trésors de l’onde,  
Leurs habitants et les peuples de l’air,  
Tout sert au luxe, aux plaisirs de ce monde.
O le bon temps que ce siècle de fer!
Mein Herz, das freilich unrein, ist entzückt
Vom Überfluß, der uns ringsum beglückt:
Er ist der .Künste Hort, des Schönen Quelle,
Die neue Freuden bringt und Wünsche weckt.
Der Erde Gold und das der Meereswelle,
Was sie bewohnt und was darinnen steckt
Sowie auch alles, was in Küften schwebt –
es dient dem Luxus, des Vergnügens Zweck:
Wie gut es sich im Eisenalter lebt!
Le superflu, chose très nécessaire
A réuni l’un et l’autre hémisphère.  
Voyez-vous pas ces agiles vaisseaux  
Qui, du Texel, de Londres, de Bordeaux,  
S’en vont chercher, par un heureux échange,  
De nouveaux biens, nés aux sources du Gange, 
Tandis qu’au loin, vainqueurs des musulmans, 
Nos vins de France enivrent les sultans?  
Quand la nature était dans son enfance,  
Nos bons aïeux vivaient dans l’ignorance 
Ne connaissant ni le tien ni le mien.
Das Überflüssige, nicht zu entbehren,
Verbindet jetzt die beiden Hemisphären.
Unzählige schnelle Schiffe seht ihr froh
Von Texel abgehn, London und Bordeaux
Um Güter, die von Ganges‘ Ursprung kommen,
Günstig für uns ertauscht, indes die Frommen
Des Mohammed von Frankreichs Wein besiegt
Und mancher Sultan selig trunken liegt.
Voreinst, im Kindesalter der Natur,
Schwant‘ unsern guten Ahnen keine Spur
Von einem Mein, sie wußten nichts vom Dein.
Qu’auraient-ils pu connaître? Ils n’avaient rien, 
Ils étaient nus; et c’est chose très claire
Que qui n’a rien n’a nul partage à faire.
Sobres étaient. Ah! je le crois encore:
Martialo n’est point du siècle d’or.
D’un bon vin frais ou la mousse ou la sève
Ne gratta point le triste gosier d’Ève;
La soie et l’or ne brillaient point chez eux,
Admirez-vous pour cela nos aïeux?
Il leur manquait l’industrie et l’aisance:
Est-ce vertu? c’était pure ignorance.
Quel idiot, s’il avait eu pour lors 
Quelque bon lit, aurait couché dehors? 
Wie konnte es für sie wohl anders sein?
Sie hatten nichts, sie waren nackt; ’s ist klar:
Was sie nicht hatten, nicht zu teilen war.
Sie lebten mäßig, ja, ich glaube heut
Martialo war kein Koch der goldnen Zeit.
Und keines feurig-frischen Weines Schaum 
Letzt‘ je der Eva freudelosen Gaum.
Auch glänzte Seide, Gold den Ahnen nie:
Hegt deshalb ihr Bewunderung für sie?
Von Kunstfleiß, Wohlstand fehlte jede Spur.
Gilt das für Tugend? Ignoranz war’s nur.
Und welcher Narr, wenn er’s gehabt nur hätte,
Schlief damals draußen, nicht in seinem Bette?
Mon cher Adam, mon gourmand, mon bon père
Que faisais-tu dans les jardins d’Éden?
Travaillais-tu pour ce sot genre humain?
Caressais-tu madame Ève, ma mère?
Avouez-moi que vous aviez tous deux
Les ongles longs, un peu noirs et crasseux,
La chevelure un peu mal ordonnée,
Le teint bruni, la peau bise et tannée.
Sans propreté l’amour le plus heureux
N’est plus amour, c’est un besoin honteux. 
Bientôt lassés de leur belle aventure, 
Dessous un chêne ils soupent galamment 
Avec de l’eau, du millet, et du gland; 
Le repas fait, ils dorment sur la dure: 
Voilà l’état de la pure nature.
Mein lieber Adam, guter Vater, was
Tatst du im Garten Eden, Leckermaul?
Zu lieb der dummen Menschheit warst nicht faul? 
Mit Mutter Eva kostest du im Gras? 
Indes gebt zu, die Nägel von euch zwein, 
Sie waren lang, ein wenig schwarz, nicht rein; 
nicht eben wohlgeordnet euer Haar, 
Sonnenverbrannt die Haut und ledern war.
Wie glücklich auch die Neigung – wo’s gebricht 
An Reinlichkeit, ist’s Notdurft, Liebe nicht. 
Des schönen Spieles müde ohne Frage, 
Soupieren unter Eichen sie galant, 
Wo Wasser, Hirse sich zu Eicheln fand; 
Dann schlummern sie am Boden sonder Klage: 
Dies eben ist Natur im Urzustand. 
Or maintenant voulez-vous, mes amis, 
Savoir un peu, dans nos jours tant maudits
Soit à Paris, soit dans Londre, ou dans Rome,
Quel est le train des jours d’un honnête homme?
Entrez chez lui: la foule des beaux-arts, 
Enfants du goût, se montre à vos regards.
De mille mains l’éclatante industrie 
De ces dehors orna la symétrie. 
L’heureux pinceau, le superbe dessin 
Du doux Corrége et du savant Poussin
Sont encadrés dans l’or d’une bordure;
C’est Bouchardonqui fit cette figure,
Et cet argent fut poli par Germain. 
Des Gobelins l’aiguille et la teinture 
Dans ces tapis surpassent la peinture.
Tous ces objets sont vingt fois répétés
Dans des trumeaux tout brillants de clartés. 
De ce salon je vois par la fenêtre, 
Dans des jardins, des myrtes en berceaux;
Je vois jaillir les bondissantes eaux.  
Mais du logis j’entends sortir le maître: 
Un char commode, avec grâces orné,
Par deux chevaux rapidement traîné,  
Paraît aux yeux une maison roulante, 
Moitié dorée, et moitié transparente: 
Nonchalamment je l’y vois promené; 
De deux ressorts la liante souplesse  
Sur le pavé le porte avec mollesse.  
Soll ich euch aber nun, ihr Freunde, sagen,
Wie sich’s in unsern oft verwünschten Tagen
Für einen Ehrenmann gewöhnlich lebet,
Sei’s in Paris, in Rom, in London? Gebet
Die Ehre ihm und tretet in sein Haus:
Der Reichtum schöner Künste füllt es aus;
Die der Geschmack gezeugt. Seine vier Wände
Schmückt der Gewerbefleiß von tausend Händen.
Was ein Correggio schuf, was hochgelehrt
Poussin entwarf, ein goldner Rahmen Iehrt.
Von Bouchardon stammt dieses Standbild hier 
Und von Germain des Silbers Glanz und Zier.
Und mehr als manchen Malers Arbeit wert
Sind Farbe, Zeichnung dieser Teppichpracht,
Im Haus der Gobelins hervorgebracht.
Dies alles leuchtet, funkelt viele Male
Aus klaren Pfeilerspiegeln rings im Saale.
Schau ich durchs -Fenster, seh ich Gärten prangen,
Es schatten Myrtenlauben, Wasser springen.
Ich höre ein Geräusch ans Ohr mir dringen:
Der Hausherr ist soeben ausgegangen.
Zwei Pferde ziehn in schnellem Trab den Wagen,
Der schön geziert, bequem, ich möchte sagen:
Er scheint ein Haus auf Rädern, halb aus Glas,
Vergoldet halb. Es sitzt sich gut darin,
Weich rollt er über hartes Pflaster hin;
Zwei Federn, die geschmeidig, biegsam tragen
Die prächtige Karosse, wirken das.
Il court au bain: les parfums les plus doux  
Rendent sa peau plus fraîche et plus polie 
Le plaisir presse; il vole au rendez-vous  
Chez Camargo, chez Gaussin chez Julie;  
Il est comblé d’amour et de faveurs 
Il faut se rendre à ce palais magique 
Où les beaux vers, la danse, la musique,  
L’art de tromper les yeux par les couleurs,  
L’art plus heureux de séduire les coeurs,  
De cent plaisirs font un plaisir unique.
Er eilt ins Bad: duftende Wasser geben
Mehr Frische seiner Haut. Nun drängt es ihn
Zum Stelldichein: zu Julie fliegt er eben,
Zu der Gaussin und zur Camargo hin.
Liebe und Kunstbeweis verwöhnen ihn
Nun heißt’s, in jenes Zauberschloß sich wenden,
Wo schöne Verse, Tanz, Musik, die Kunst
Des Farbentrugs zum Ganzen sich vollenden
Mit jener bessern: aller Herzen Gunst
Durch edle Schmeichelei sich zuzuwenden.
Il va siffler quelque opéra nouveau 
Ou, malgré lui, court admirer Rameau.  
Allons souper. Que ces brillants services,  
Que ces ragoûts ont pour moi de délices!  
Qu’un cuisinier est un mortel divin!  
Chloris, Églé, me versent de leur main  
D’un vin d’Aï dont la mousse pressée 
De la bouteille avec force élancée,  
Comme un éclair fait voler le bouchon;  
Il part, on rit; il frappe le plafond.  
De ce vin frais l’écume pétillante  
De nos Français est l’image brillante.  
Le lendemain donne d’autres désirs,  
D’autres soupers, et de nouveaux plaisirs.
Dort pfeift er eine neue Oper aus,
Zollt, ob er schon nicht will, Rameau Applaus.
Dann zum Souper. Welch köstliche Ragouts
Auf blinkendem Geschirr: ein Hochgenuß!
Ein Sterblicher, der göttlich, ist der Koch!
Chloris, Aglaia schenken lächelnd ein;
Soeben hielt den Wein der Pfropfen noch,
Jetzt schäumt Champagner ihm ins Glas hinein.
Seht, Freunde, wie ein Blitz der Pfropfen schießt
Zur Decke auf, und alles lacht, genießt.
Es perlt, es schäumt im Glas der kühle Wein:
Recht ein Franzose scheint er mir zu sein.
Und neue Wünsche bringt der Tag darauf,
Neue Soupers und neue Freuden auf.
Or maintenant, monsieur du Télémaque
Vantez-nous bien votre petite Ithaque,  
Votre Salente, et vos murs malheureux,  
Où vos Crétois, tristement vertueux,  
Pauvres d’effet, et riches d’abstinence,  
Manquent de tout pour avoir l’abondance:  
J’admire fort votre style flatteur,  
Et votre prose, encore qu’un peu traînante;  
Mais, mon ami, je consens de grand coeur  
D’être fessé dans vos murs de Salente,  
Si je vais là pour chercher mon bonheur.  
Et vous, jardin de ce premier bonhomme,  
Jardin fameux par le diable et la pomme 
C’est bien en vain que, par l’orgueil séduits,  
Huet, Calmet, dans leur savante audace,  
Du paradis ont recherché la place:  
Le paradis terrestre est où je suis.
Nun, werter Herr, der Telemach erschuf,
Preist Euer kleines Ithaka, den Ruf
Salentos mehrt und jener tristen Mauern, 
Wo Eure tugendreichen Kreter trauern.
Ihr Schwelgen im Verzicht beeindruckt schwerlich:
Sie leiden Mangel ums Die-Fülle-Haben.
Euern gefälligen Stil bewundere ich ehrlich,
Selbst Eurer Prosa zögerliches Traben;
Doch, guter Freund, in eines wi1lige ich:
Verprügeln soll man ohne weitres mich
Dort in Salento, wäre ich so dumm
Und säh mich da nach meinem Glücke um.
Du aber, unsrer ersten Eltern Garten, 
WoApfelbaum und Schlange jene narrten:
Vergebens haben hochgelehrte Leute
Wie Huet und Calmet, vom Stolz verführt,
Dem Ort des Paradieses nachgespürt:
Im Paradies auf Erden leb ich heute.

Kritiker und die Verteidigung des Luxus

Schnell erschienen etliche Gegenschriften, lanciert von klerikalen oder literarischen Gegnern wie die von Priron (L’Anti-Mondain‘), Voltaires begabtem Erzrivalen. Doch Voltaire war schließlich nicht auf den Mund gefallen und verfasste sogleich seine ‚Verteidigung des Mondain’, dessen Anfang hier erstmals in deutscher Sprache wiedergeben wird:

LA DÉFENSE DU MONDAIN POUR RÉPONDRE
AUX CRITIQUES QU’ON AVAIT FAITES DU MONDAIN.

La défense du Mondain

A table hier, par un triste hasard,
J’étais assis près d’un maître cafard,
Lequel me dit: « Vous avez bien la mine
D’aller un jour échauffer la cuisine
De Lucifer;et moi, prédestiné,
Je rirai bien quand vous serez damné
Damné! comment? pourquoi? – Pour vos folies.
Vous avez dit en vos oeuvres non pies,
Dans certain conte en rimes barbouillé,
Qu’au paradis Adam était mouillé Lorsqu’il pleuvait sur notre premier père;
Qu’Ève avec lui buvait de belle eau claire;
Qu’ils avaient même, avant d’être déchus,
La peau tannée et les ongles crochus.
Vous avancez, dans votre folle ivresse,
Prêchant le luxe, et vantant la mollesse,
Qu’il vaut bien mieux (ô blasphèmes maudits!)
Vivre à présent qu’avoir vécu jadis. Par quoi, mon fils, votre muse pollue
Sera rôtie, et c’est chose conclue. »
Disant ces mots, son gosier altéré
humait un vin qui, d’ambre coloré,
Sentait encor la grappe parfumée
Dont fut pour nous la liqueur exprimée.
Un rouge vif enluminait son teint.
Lors je lui dis: « Pour Dieu, monsieur le saint,
Quel est ce vin? d’où vient-il, je vous prie?
D’où l’avez-vous? Il vient de Canarie;
C’est un nectar, un breuvage d’élu:
Dieu nous le donne, et Dieu veut qu’il soit bu.
Et ce café, dont après cinq services
Votre estomac goûte encor les délices?
Par le Seigneur il me fut destiné.
Bon : mais avant que Dieu vous l’ait donné,
Ne faut-il pas que l’humaine industrie
L’aille ravir aux champs de l’Arabie?

Die Verteidigung des Luxus

Gestern zu Tisch, durch einen traurigen Zufall
kam ich neben einem Oberfrömmler zu sitzen,
welcher zu mir sprach: Sie machen mir ganz den Eindruck,
eines Tages in der Küche Luzifers verheizt zu werden
und ich als Auserwählter.
werde lachen, wenn sie verdammt sein werden
– Verdammt? Wie? Weshalb? – Für ihre Narrheiten.
Sie haben in ihren unfrommen Werken gesagt
in irgendeiner schlecht gereimten Erzählung,
dass Adam im Paradies nass wurde, als
es auf unseren ersten Vater herunterregnete,
dass Eva mit ihm gutes klares Wasser trank
dass sie sogar, bevor sie vertrieben wurden,
gegerbte Haut und gebogene Nägel hätten
Sie gehen soweit, in Ihrer verrückten Trunkenheit
Luxus zu predigen und die Weichheit zu loben,
daß es besser sei (Oh verdammte Gotteslästerung!),
heute zu leben, als damals gelebt zu haben.
Deshalb mein Sohn, wird ihre unreine Kunst
geröstet werden, das ist beschlossene Sache
Als er so sprach, benetzte seine trockene Kehle
ein bernsteinfarbener Wein,
der noch nach dem Duft der Traube roch,
aus der für uns der Nektar gepresst wurde.
Ein lebhaftes Rot belebte seinen Teint.
Da sagte ich ihm:        „Bei Gott, Herr Heiliger,
Welcher Wein!, woher kommt der bitte sehr?
Wo haben sie ihn her? – Er kommt von Canarie
es ist eine Nektar, ein auserlesener Tropfen.
Gott gab ihn uns, Gott will, dass er getrunken werde,
— und dieser Café, von dessen Erlesenheit
auch nach fünf Gängen Euren Magen noch gelüstet?
– Vom Herrgott wurde er mir zugedacht
– Gut, aber bevor Gott ihn Euch geben konnte,
mußte ihn da nicht menschliche Tätigkeit
den Feldern Arabiens entlocken?

Luxus ist für Voltaire untrennbar verbunden mit Lebensfreude, sinnlichem Genuß und bedeutet nicht den Luxus derjenigen, die ihn als Staussymbol gebrauchen, ohne irgendeinen anderen Gefallen daran zu haben, als sich am Neid ihrer Zeitgenossen zu erfreuen. Luxus ist für Voltaire ein Synonym für ‚zivilisierte Lebensfreude‘ und enthält darüber hinaus das Modell einer Gesellschaft, die nach der Aufklärungsmaxime: ‚das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl‘ gestaltet wäre. Zwar gibt es Lebensfreude auch ohne Zivilisation, ohne Kultur, pure Triebbefriedigung, auch sie soll man nicht verdammen, eine humane Gesellschaft steht ihr keinesfalls negativ gegenüber, sie will sie aber veredeln, verfeinern und kultivieren. Wie aktuell diese Konzeption bis heute ist, wird deutlich, wenn man sie mit den Verzichtsdebatten unseres beginnenden 21. Jahrhundert konfrontiert, wo fast jeder Genuß unter das Verdikt der Gesundheits-, Umwelt- oder Resourcenbelastung gestellt wird. Zieht man nur etwa die düstere Antiraucherkampagne als Beispiel heran, hätte ein an Voltaire orientiertes Verfahren zuallererst die Frage zu beantworten, wie der Lebensgenuß all der Raucherfreunde zu schützen wäre, ohne dabei das Verlangen anderer nach rauchfreien Zonen zu vernachlässigen. Gesellschaftlich schützenswert stünde dabei die Freude am Rauchen gleichbereichtigt neben der Begeisterung für Reinräume unter Nichtrauchern. Es ist sehr zu bedauern, wie sich in solchen Debatten ein seltsames Verständnis von Aufklärung in den Vordergrund schiebt und unter dem Vorwand der Sorge um Volksgesundheit, Kinderschutz, Gesundheitskassen und ihren Kosten das Ziel einer humanen und lebenswerten Gesellschaft zu Grabe getragen wird.

Voltaire ist immer wieder auf das Thema Luxus zurückgekommen, etwa in seinem berühmten Candide, wo er im glücklichen Eldorado die Segnungen des absoluten Luxus vorstellt. und er hat den Luxus zeitlebens – so etwa gegen das ‘Zurück zur Natur’ J. J. Rousseaus – verteidigt, auf dessen Schrift ‚Discours sur l’origine de l’inégalité parmi des hommes’ er am 30. August 1755 brieflich betont polemisch reagierte: “On n’a jamais employé tant d’esprit à vouloir nous rendre bêtes; il prend envie de marcher à quatre pattes quand on lit votre ouvrage.“ und das heißt ungefähr: Man hat noch nie so viel Geist aufgeboten, um uns schweinedumm zu machen, und man hat nicht übel Lust, auf allen Vieren zu laufen, wenn man ihr Werk liest“. Rousseau sollte es ihm nie verzeihen.

Anhang:

Voltaire an Cideville am 5. August 1736: (Pierre Robert Cornier de Cideville lebte fast zeitgleich mit Voltaire von 1693 bis 1776 und war sein Klassenkamerad im Pariser Gymnasium Louis le Grand, Poet und später Mitbegründer der Akademie von Rouen), man sieht: ‚Le Mondain‘ wurde von Hand zu Hand weitergericht, eine Veröffentlichung war erst neun Jahre später möglich, versteckt in seiner Werkausgabe bei Ledet in Amsterdam im Jahr 1745.

A M. DE CIDEVILLE.

A Cirey, ce 5 août.

Mon cher ami, on vous a envoyé le Mondain j’envoie une ode à M. de Formont. M. de Formont vous donnera l’ode, et vous lui donnerez le Mondain. Vous voyez, mon aimable Cideville, qu’on fait ce qu’on peut pour vous amuser; tenez-m’en compte, car je suis entre Newton et Émilie. Ce sont deux grands hommes, mais Émilie est bien au-dessus de l’autre. Newton ne savait pas plaire. Vous, qui entendez si bien ce métier-là, comptez que vous devriez venir à Cirey; nous quitterions pour vous les triangles et les courbes, nous ferions des vers, nous parlerions d’Horace, de Tibulle et de vous. V.        

An HerrnM. DE CIDEVILLE.

Zu Cirey, am 5 August

Mein lieber Freund, man hat Ihnen ‘Le Mondain’ zukommen lassen, ich schicke eine Ode an Monsieur de Formont. M.de Formont wird Ihnen diese Ode geben und Sie werden ihm Le Mondain übergeben. Sie sehen, mein lieber Cideville, man tut was man kann um Euch zu amüsieren, rechnen Sie mir das hoch an, denn ich befinde mich zwischen Newton und Emilie. Das sind zwei große Menschen, aber Emilie ist dem anderen deutlich über, Newton wusste nicht zu gefallen. Sie, der Sie dieses Metier so gut beherrschen, rechnen Sie damit, dass Sie nach Cirey kommen müssen, wir werden für Sie die Geodreiecke und die Krümmungsmesser verlassen und wir werden Verse machen, wir werden über Horaz sprechen, von Tibulle und von Ihnen. V.

Literatur:

– Werner Krauss, Cartaud de la Villate, Berlin:Akademie 1960  2 Bd. 230,327S.

– Voltaire, Ein Lesebuch für unser Zeit, herausgegeben von Martin Fontius, Berlin: Aufbau, 1989

– Oeuvres complètes de Voltaire herausgegeben von P. de la Beaumarchais, 70 vols., Kehl: De l’Imprimerie de la Societe Litteraire Typographique, 1784-1789.

– Oeuvres complètes de Voltaire, herausgegeben von Louis Moland, 52 vols, Paris 1877-1885.

Voltaire vernebelt: Voltaires Fanatismuskritik in Zürich entschärft

Adaption von Voltaires Der Fanatismus oder Mohammed der Prophet im Volkshaus Zürich

Aufführung am 4.11.2017 (Prophet 3.0, Regie Andrej Togni). Besprechung der Erstaufführung.

Als die politisch-propagandistische Offensive des Islam unter aktiver Förderung der westlichen Regierungen in Europa begann, bewirkte vor 24 Jahren ein Genfer Stadtrat, daß die Aufführung von Voltaires Der Fanatismus oder Mohammed der Prophet abgesagt werden mußte, ganz einfach dadurch, daß er der Schauspieltruppe die zugesagten finanziellen Mittel entzog. Um des lieben Friedens willen, sozusagen, denn auf den Straßen demonstrierten von den Brüdern Ramadan aufgestachelte Kopftuchfrauen. Die Absage führte zu erregten Debatten in der Genfer Bevölkerung, immerhin hätte das Stück zum 300. Geburtstag Voltaires gezeigt werden sollen. Das geschah 1993, wenige Jahre nach dem Mordaufruf Khomeinis gegen Salman Rushdie.

24 Jahre später spricht die Stadtpräsidentin Corine Mauch in Zürich bei dem sogenannten Denkfest des schweizerischen Freidenkerverbandes das Grußwort und Voltaires Mohammed soll unter dem Titel Prophet 3.0 öffentlich aufgeführt werden. Hat sich die Stimmung in der Schweiz mittlerweile so gewandelt, daß sich die islamistischen Fanatiker nicht mehr aus ihren Löchern trauen?

Das Gegenteil ist der Fall, gewandelt hat sich die Stimmung, aber zum Nachteil der Errungenschaften der französischen Revolution und zum Vorteil aller Dunkelmänner unserer Zeit. Regisseur Togni und Kollegen haben in vorauseilendem Gehorsam das Stück Voltaires durch eine Art Rahmenhandlung in einen wortreichen Vollnebel eingehüllt, der verhindern soll, daß die islamkritische Stimme Voltaires die Zuschauer erreicht.

Bereits in der Einführung des Übersetzers konnte dieser (Tobias Roth) nicht oft genug betonen, daß Voltaire mit Mohammed nicht Mohammed gemeint habe und daß sich das Stück in Wirklichkeit gegen die christliche Religion richte. Tatsächlich wußte zu Voltaires Zeit jedermann, wer mit Fanatismus gemeint war, eben nicht Mohammed, sondern die katholische Kirche mit ihrem Verfolgungswahn gegen die Protestanten in Frankreich. Aber genauso richtig ist es, daß ein Voltaire und mit ihm jeder aufgeklärte Mensch unserer Tage keinerlei Mühe hätte, den Fanatismus heute in den aktuellen Islamisten aller Couleur zu identifizieren. Und ein Scharlatan ist, wer anderes behauptet.

Voltaires Stück heute aufzuführen und die Fanatiker im Namen Mohammeds, ihre Angriffe auf die Errungenschaften der französischen Revolution überhaupt nicht zu erwähnen, mehr noch: sklavisch zu vermeiden, bedeutet zunächst einmal eine elende Kriecherei vor den islamistischen Halsabschneidern selbst. Doch damit leider nicht genug. Die Macher von Prophet 3.0 sind absichtlich bestrebt, all jene auszugrenzen, die es wagen, sich islamkritisch zu äußern. Diese betrieben „Islambashing“, trügen Scheuklappen heißt es in dem schmalen Programmheftchen zur Veranstaltung, um darüber hinaus die Opfer des Attentates gegen Charlie Hebdo dadurch zu verhöhnen, daß man ein schwarzes Rechteck mit dem hämischen Kommentar abdruckt, daß dort ja „Ihre Karikatur stehen könnte“ (also die der Islamkritiker):

(Aus dem Programmheft Prophet 3.0)

Worin besteht nun die Tognische Vernebelungsmethode – er selbst nennt sie „Verschränkung mit der Gegenwart“ in dem Stück Prophet 3.0? Passend zum Titel, als wäre sie direkt dem Internet entsprungen, besteht sie ganz einfach darin, möglichst viele, möglichst nur entfernt oder gar nicht zum Thema (hier Fanatismus) gehörende Fremdinhalte vorzubringen, um das Interesse des Zuschauers vom eigentlichen Feld abzuziehen und ihn so zu verwirren, daß sich in dem überfluteten menschlichen Gehirn kein einziger klarer Gedanke zum Thema Fanatismus mehr bilden kann: so wird erzählt, daß die USA ihre Munition in Schweinefleisch badeten , um den Muslimen besondere Angst zu machen, daß Frauen nicht baden dürften, weil das Wasser sie auch ‚unten herum‘ umfasse, daß Hunde und Musik als unrein gelten, daß die Großmutter der Protagonistin den Wasserhahn öffnete, um durch das Geräusch des fließenden Wassers ihre bösen Träume zu verscheuchen, daß in den Moscheen keine Bilder hängen, daß das früher anders war, daß die Religion von Männern erfunden, aber von Frauen aufrechterhalten werde. Es wird behauptet, daß Religion mit Humor verbunden, im Senegal zu einem erträglichen Zusammenleben verschiedener Glaubensrichtungen führe, ein Witz wird zum besten gegeben, usw. usf. Dazwischen Gesangseinlagen, schön vorgetragene iranische Lieder, aber auch Suren aus dem Koran, die man ohne Furcht, antislamisch genannt zu werden, harmlos wie sie waren, ins Deutsche übersetzen konnte.
Kein einziges Wort zu den Fanatikern unserer Tage und den Ursachen für die Blutspur, die sie durch Europa ziehen.

Nur dadurch, daß der Text Voltaires weitgehend unverfälscht wiedergegeben wurde, war erstaunlicherweise – auch durch die schauspielerische Leistung von M. Löwensberg, das sei hier hervorgehoben – die Stimme Voltaires durch die ganze Tognische Nebelfront hindurch überhaupt noch vernehmbar. Wie Löwensberg das „Du wagst zu denken? Das hat mit Glauben nichts zu tun! Zu schweigen, zu gehorchen, das sei allein dein Ruhm“ skandierte, ging unter die Haut. Nur die Antwort Saïds, von R.Schnoz äußert nachlässig und schnodderig heruntergespielt, war alles andere als glaubwürdig, womit der Effekt, der darin bestehen könnte, die grauenhafte Wendung Saïds zum Fanatiker zu erleben, zu begreifen, buchstäblich verspielt wurde.

An dieser zentralen Stelle des Stücks bietet sich ein vergleichender Blick auf die Übersetzung von Tobias Roth und die von Togni & Co vielgeschmähte Johann Wolfgang von Goethes an. Wenn Mohammed die Zweifel Saïds an seinem Mordauftrag sofort kontert und ihn mit:

Téméraire, On devient sacrilège alors qu'on délibère.
Loin de moi les mortels assez audacieux
Pour juger par eux-mêmes, et pour voir par leurs yeux !

attackiert, übersetzt das Goethe folgendermaßen:

Verwegener, halt!
Wer überlegt, der lästert! Fern von mir
vermessener Sterblichen beschränkter Zweifel,
die eignen Augen, eignem Urteil traun!

und wird daraus bei Roth:

Verwegener, man
versündigt sich, wenn man hier noch erwägen kann.
Sie seien fern von mir, die Menschen, die da meinen
sie könnten selber sehen, selber urteilen.

Das ist nicht unbedingt schlecht, nur an dieser zentralen Stelle der Tragödie ist Roths Übersetzung weitaus weniger kraftvoll (statt lästern: „versündigen“, statt Zweifel: „erwägen“ und das audacieux, bei Goethe „vermessen“, fällt bei Roth ganz durch das alexandrinische Raster) und schwächt dadurch die Wirkung der wichtigen Schlüsselszene ab.

Immerhin antwortete Roth einem Zuschauer im anschließenden Publikumsgespräch auf dessen Empfehlung, den Text Voltaires so zu modernisieren, daß er sich nicht so stark von der Sprache Tognis in der Rahmenhandlung unterscheide, das werde er nicht tun, denn schließlich sei er Voltaire und nicht Togni verpflichtet.

Das Publikum sah sich beim Publikumsgespräch, passend zur Methode 3.0, zum Statisten, Stichwortgeber degradiert, die Zeit war für eine Diskussion selbstverständlich zu knapp, Unterstützer für irgend einen freidenkerischen Kampf gegen den Fanatismus suchte man ohnehin nicht, so war man eher froh, als man die leidige Pflicht hinter sich gebracht und die Leute hinauskomplimentiert hatte.

Um das ganze Ausmaß des Niedergangs zu veranschaulichen, seien aus den Äußerungen der Podiumsteilnehmer abschließend einige Zitate im Wortlaut wiedergegeben. Sie zeigen, wie und in welche Richtung sich mittlerweile, 28 Jahre nach dem Mordaufruf Khomeinis gegen Salman Rushdie, die Stimmung in der Schweiz und in Europa verändert hat:

Togni: „Das Stück hat mich interessiert, ich habe mich gefragt, soll ich es machen? Aber nur unter der Bedingung, daß ich es mit der Gegenwart verschränken kann. Es war mir ein Anliegen, erstens, eben diesen Bezug zur Gegenwart herzustellen und zweitens herauszuarbeiten, daß es nicht um Islambashing geht, sondern wirklich darum, einen Focus zu legen auf die Gemeinsamkeiten von allen Religionen.“

Löwensberg (Darsteller von Mohammed und Omar): „Ich hatte meine Zweifel: Ist es richtig, einen Mohammed zu zeigen, der so schlecht und so fies ist, zu einem Vatermord anstiftet. Ist es richtig, eine ganze Religion, so viele Millionen Moslems die da ihren Propheten in den Dreck gezogen sehen [zu provozieren]?“

Zarina Tagjibaeva: (Darstellerin der Palmyre): „Ich wollte nicht mit dem Finger auf den Islam zeigen.., ich komme aus einer muslimischen Familie…Ich hatte wirklich Sorge: ursprünglich wollte man den Namen des Stückes behalten, also Fanatismus oder Mohammed, ich fand das zu sehr auf Mohammed bezogen, habe dann eigentlich wirklich darauf beharrt daß man Prophet 3.0, daß man das behält.“

Tagjibaeva: „Uns allen ging es bei diesem Stück nicht wirklich um den Islam, sondern es ging um die Religion als solche … ich finde, der Glaube ist etwas Persönliches, man muß für sich glauben und soll die Anderen in Ruhe lassen.“

Togni: „Ich habe dann auch noch Islamspezialisten kontaktiert und sie gebeten, mir eine Riskoeinschätzung zu geben und die haben mir eigentlich gesagt: besser nicht Mohammed im Titel. Die haben mir gesagt, sie schätzen das Risiko ansonsten nicht so hoch ein.“

Rainer Neuhaus

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Voltaire verhunzt: Die Prinzessin von Babylon im Freitag-Blog

Zum Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Soloto vom 21.10.2016

von Rainer Neuhaus

Der – aus unserer Sicht – widerlichste Text des Jahres 2016 stammt von einem Mitglied der Freitag-community und ist eine ‚Gendermeditation’, soll wohl heißen, daß einer herauslabert, was unter Ausschaltung jeglicher Vernunft aus seinem unbewussten Schlamassel zum Thema Voltaire so alles hochkommt. Was dabei herauskommt? Ein stinkender, sich selbst als Rosenduft empfindender Misthaufen – nichts anders.

Sich diesem Unrat zu widmen, hieße Perlen vor die Säue werfen, wenn denn nicht Gestank die Eigenschaft hätte, sich auszubreiten, oder wenn man damit rechnen könnte, daß Wissen zu Voltaires Leben und Werk allgemein verbreitet ist. Außerdem hilft es vielleicht, einige Illusionen über Zeitungen von der Art des Freitag zu vertreiben.

Hier, was Mister Soloto in seiner Gendermeditation zum Besten gibt. Und so legt er los: „Viele beziehen sich auf die Aufklärung, doch liest man die Texte wirklich, entstehen Irritationen. Irritationen, um die man seine Gedanken wie Hüften kreisen lassen kann“. Und so endet er: „Diese Sichtweise, versteht sich von selbst, kann ich mit keinerlei Quellenangaben belegen, sie ist pure Spekulation und flatterte mir eben so zu, der Weltgeist zwitscherte, tschilp, tschilp.“ Jaja, der Weltgeist zwitscherte – man hört ihn förmlich krächzen – und gab Freitag-Soloto dann noch diese feinduftende Weisheit ein: „Mag des Menschen spirituelle Essenz auch geistiger Natur sein, hat sie doch ein biologisches Korrelat, das Ejakulat.

Dazwischen liegen seine Ausgüsse zu Voltaires Roman ‚Prinzessin von Babylon’. Freitag-Soloto hat ihn auf der Strasse gefunden, vor einem Hauseingang abgelegt, wie es heute üblich ist: man stößt Bücher ab, setzt sie aus, hofft, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, indem man ein gutes Werk verrichtet. In diesem Fall ging das daneben, denn Freitag-Soloto findet Voltaire, an dem er schon immer einmal sein Mütchen kühlen wollte: „Voltaire, der Verfechter der Vernunft. Ekelig, natürlich, aber auch er hat eine Chance verdient.“ Die Chance ist, daß Meister Soloto den Roman liest. Chapeau!

Wofür steht aber Voltaires Prinzessin von Babylon? Hier, was als Inhaltsangabe auf den Seiten der Voltaire-Stiftung steht:

Die Erzählung „Die Prinzessin von Babylon“ erschien 1768 in Genf. Eine Prinzessin, schön wie Tag und Nacht zugleich, reist, von ihrer Liebe zu Amazan, dem Schäfer, getrieben, rund um die ganze Welt, um ihn wiederzufinden. Ihre märchenhafte Reise führt durch Länder aller politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse, von Tyranneien bis zur konstitutionellen Monarchie, von entwickelten Zivilisationen mit Handel, Kunst und Wissenschaft bis zu Gesellschaften mit nicht viel anderem als Ackerbau und Viehzucht. Es ist äußerst interessant, wie Voltaire die einzelnen Systeme bewertet und alle, die ihn der Sympathie zum Absolutismus verdächtigen, werden hier eines besseren belehrt. Es ist immer wieder überraschend, dass Voltaires Charakterisierungen der einzelnen Völker auch nach 300 Jahren Ihre Gültigkeit nicht verloren haben („Die Deutschen sind die Greise Europas…(S.248)“).Die Reise der Prinzessin endet in Spanien fast mit ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen, denn sie fällt der Inquisition in die Hände. Erst das beherzte Auftreten Amazans und besonders seines scharfen Schwertes „Fulminante“, das mit einem einzigen Hieb „Bäume, Felsen und Priester zerspalten konnte“(S.250), rettet sie vor dem qualvollen Feuertod. Die katholischen Priester, bei Voltaire heißen sie „Schnüffler und Anthropokäer*“ werden besiegt und die Herren Inquisitoren landen auf dem für ihre Opfer vorgesehenen Scheiterhaufen. Rundum also ein glückliches Ende.
* das heißt Menschenverbrenner

Und hier, was Freitag-Soloto halluziniert:
Nachdem er sich an der Liebesgeschichte zwischen der Prinzessin und ihrem Geliebten ergötzt, dreht er Voltaire aus dessen Vergleich der unterschiedlichen Gesellschaftssysteme des 18. Jahrhunderts (von denen es ja heute die allermeisten noch gibt) einen Vorwurf, auf den man erst einmal kommen muß: Voltaire, böse, böse, verwende Stereotype! Richtig, Voltaire typisiert, um dann die Unterschiede zwischen den typisierten Gesellschaftssystemen um so schärfer ins Licht zu stellen. Er würde zum Beispiel gesagt haben, daß die Saudis Frauen verachten und nicht: „zwar dürfen Frauen dort in der Öffentlichkeit nicht erscheinen, aber zu hause werden sie sehr geachtet und verehrt“.
Aber Freitag-Soloto weiß bestimmt: „Heutzutage sind solche stereotypen Beschreibungen des Volkscharakters ja nicht mehr so en vogue und, versuchte man sich trotzdem an ihnen, käme sofort der Einwand, ‚dass ja nicht alle so sind’. Insofern muss man irritiert konstatieren, hier auf einen Punkt zu stoßen, bei dem diejenigen, die heute die Aufklärung für sich in Anspruch nehmen, eine diametral entgegengesetzte Position zu dem vertreten, was zumindest ein Gründervater der Aufklärung im Sinn hatte“.

Als nächstes schafft er ohne jeden Beleg die Schlagwerkzeuge „rassistisch, judäophob“ in seinen meditativen Raum und erklärt Voltaire, die „Ikone der Vernunft“, hätte „mehr mit den Rechtspopulisten gemein als mit ihren Gegnern“. Fait accompli! Außerdem ginge Voltaires Aufklärung nicht mit sexueller Befreiung einher. Ausgerechnet Voltaire! Und wo ist der Beleg? Daß in der Liebesgeschichte die Prinzessin an ihrer Liebe festhält und alle anderen Anwärter abweist! Wer über solche „Beweise“ verfügt, braucht sich um die sexuelle Befreiung wahrlich nicht zu sorgen!

Aber sei’s drum. Freitag-Soloto nähert sich einem der Zentralthemen Voltaires, der Kritik an der katholischen Kirche. Indem er feststellt: „Schonungslos entlarvt Voltaire die katholische Kirche als Homoorganisation und stellt sie vor den Augen der Welt bloß“, glaubt er sich zur Schlussfolgerung berechtigt:
Niemand wird behaupten können, Voltaires militante Homophobie, mag er an anderer Stelle auch noch so sehr den sanftmütigen Vegetarier geben, sei in irgendeiner Weise mit der Position der aufgeklärten Menschheit von heute vereinbar.“ Voltaires Haltung zur Homosexualität führte übrigens dazu, daß er sich erfolgreich dafür einsetzte, einen homosexuellen Schriftsteller vor der Todesstrafe zu retten. Voltaires Entlarvung der Katholika als Homosexuellenorganisation, die ja bekanntlich manchem kleinen Jungen die Unschuld geraubt hat (Voltaire möglicherweise inbegriffen) – und das jahrhundertelang! – seine Kritik an der Verlogenheit, Scheinheiligkeit, Unmenschlichkeit einer der mächtigsten Organisationen der Welt, trägt ihm bei Freitag-Soloto also den Vorwurf der Homophobie ein?
Aber nein, der „lässt sich nämlich probehalber darauf ein, die katholische Kirche als Homoorganisation anzusehen“. Und was findet er dabei heraus? Daß sich durch das Zölibat von 1139 die Attraktivität der Kirche für Heterosexuelle minimiert, aber für Homosexuelle erhöht habe! Jegliches Begreifen von dem, was in der katholischen Kirche in Sachen Sexualität vor sich geht, ist in seinem Elaborat einem bodenlosen Genderian gewichen. Und wie es bei Romantik solcher Couleur nicht anders sein kann, schließt sich an diese einzige ‚analytische’ Stelle im meditativen Text eine vorsichtige, aber doch deutliche Rehabilitation der heiligen katholischen Messe selbst an. Oh heilige Simplicitas!
Wer das alles nicht glauben will, lese es selbst. Aber bitte dabei die Nase zuhalten!

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Voltaire: Reisen im 18. Jahrhundert

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Reisen, ein Privileg

„Fortschritt“ ist dem Reisen verwandt, denn wer fortschreitet, entfernt sich vom Bekannten, bewegt sich vorwärts zu neuen Zielen und lässt das Alte hinter sich.

Reisen im 18 Jahrhundert bedeutete zumeist eine ungeheure Horizonterweiterung, die Schiffsreisenden nach Amerika, nach Asien, China, die Handeltreibenden und die von den Pfaden des Kolonialismus oder aus europäischen Schlachtfeldern zurückkehrenden Kriegsleute hatten Dinge zu erzählen, die dem lesenden Bürger phantastisch erschienen, ihre Berichte wurden gedruckt und fanden reißenden Absatz. Reiche Kaufleute und die Familien des Hochadels schickten ihre Nachkömmlinge gezielt auf Bildungsreisen zu befreundeten Geschäftspartnern, in andere Adelshäuser, Reiseliteratur mit den Sehenswürdigkeiten der wichtigsten Städte entstand (zum Beispiel:E.R.Rothens Auserlesene Dencwürdigkeiten welche ein curieuser Reysender in den führehmsten Orten Europae und etlichen anderen in den übrigen Weltteilen zu observieren hat, deren man sich auch sonsten statt eines compendieusen Reyß- oder Zeitungslexici nützlich bedienen kann. Ulm 1749, 708 Seiten). Durch die Verbesserung der Technik – des Straßenbaus, der Fahrzeuge, der Schiffe – verringerten sich die zeitlichen Abstände zwischen den Orten der Welt, das 18. Jahrhundert war gerade auch in dieser Hinsicht die Zeit des großen Fortschritts.

Dass Reisen den Horizont erweitert, bedeutet, dass man aus dem engen Kreis seines Alltags mit all seinen Gewohnheiten – sei es beim Essen, Trinken oder Feiern, aber auch hinsichtlich gesellschaftlicher Gepflogenheiten, auferlegter Zwänge und Verpflichtungen herauskommt und bemerkt, dass es auch anders geht, wodurch einem Stoff zum Vergleichen zuwächst und solches ist wohl auch gemeint, wenn man davon spricht, dass Reisen bildet. Insofern ist Reisen eine Sache, die sich die Herrschenden gerne als Vorrecht reservierten und so haben sie es auch lange Zeit gehalten. Wer nie aus seinem Dorf herauskommt, nichts anderes kennt, als seinen Alltagstrott, wird auch nicht auf den Gedanken kommen, dass es auch anders, vielfach besser, gehen könnte. Deshalb ist heute, zu Zeiten des Massentourismus, eine ganze Branche damit befasst, die Leute so zu lenken, dass sie ihren Urlaub dort am liebsten verbringen, wo es möglichst wenig Anlass zu solchen Vergleichen gibt, „all inklusive“ eben. Und weil auch das nicht immer einwandfrei funktioniert – es gibt immer noch zu viele Schlupflöcher – arbeiten die Machtstrategen, oft im Namen des Umweltschutzes, an einer drastischen Einschränkung der Mobilität für den größten Teil der Bevölkerung.

Reisenecessaire
Reisenecessaire 18.Jhdt. (Dt.Hist.Museum Berlin)

Das war im 18. Jahrhundert selbstverständlich noch nicht notwendig, Reisen war damals ohnehin den Reichen vorbehalten und wer kein Geld hatte und es trotzdem versuchte, musste auf Schusters Rappen schwere Strapazen in kauf nehmen, denn man legte solchen Leuten nicht nur Steine in den Weg…(man lese etwa den Reisebericht von Karl Philipp Moritz, Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782).

Das war im 18. Jahrhundert selbstverständlich noch nicht notwendig, Reisen war damals ohnehin den Reichen vorbehalten und wer kein Geld hatte und es trotzdem versuchte, musste auf Schusters Rappen schwere Strapazen in kauf nehmen, denn man legte solchen Leuten nicht nur Steine in den Weg…(man lese etwa den Reisebericht von Karl Philipp Moritz, Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782).

Jeder Untertan benötigte zudem eine Erlaubnis der Obrigkeit, wenn er seinen Heimatort verlassen wollte – ganz zu schweigen von den Zugangsbeschränkungen, die ihm von den gewünschten Zielorten auferlegt wurden. Selbst Voltaire saß zwei Wochen in Kleve fest, weil der Passierschein des Königs für die Weiterreise nach Berlin nicht angekommen war. Hielt man die Erlaubnis endlich in den Händen, war es, selbst wenn man mit der Kutsche reiste, für einige angenehmer als für andere, denn das Dienstpersonal nahm gewöhnlich Platz hinter dem Kutscher, Wind und Wetter ausgesetzt, oder – schon besser – im Gepäckraum, Economie-Class sozusagen. So stand all jenen, die kein Geld und keine Protektion hatten und trotzdem weg wollten, oft nur der gefährliche Weg über das Militär offen – auch das kommt einem (wieder!) bekannt vor – häufig genug eine Reise ohne Wiederkehr.

Reisekutsche

Welche Art zu reisen man wählte, hatte aber damals wie heute nicht nur mit dem verfügbaren Geld zu tun, sondern auch mit dem Reisezweck. Wer ganz einfach von A nach B wollte, entschied sich für die schnellste Methode, also für die Fahrt mit der Kutsche oder für das Pferd (wir vernachlässigen an dieser Stelle die Reise mit dem Schiff). Je länger die Strecke, desto überlegener wurde in dieser Beziehung allerdings die Kutsche, denn es gab, zumindest in Frankreich, an den großen Routen alle 25 km Poststationen, wo man die Pferde wechseln konnte und wenn ein Reisender viel Gepäck mit sich führte, gab es zur Kutsche ohnehin keine Alternative. Reisen zu Fuß war für Leute da, die wenig Geld hatten, aber auch für solche sinnvoll, die das Reisen selbst zum Zweck erhoben, die also einfach unterwegs sein, Land und Leute kennenlernen und Kontakte knüpfen wollten. Heute kennen wir den Geschäftsreisenden, der in möglichst kurzer Zeit sein Ziel erreichen, seine Aufgaben abarbeiten und wieder zurückkommen will, den Touristen, der einen Ferienplatz gebucht hat, die Reise selbst nur bucht, um an dieses Ziel zu gelangen, um sich dort zu erholen, dann gibt es Individualtouristen, die mehrere Orte mit jeweils kurzen Aufenthalten hintereinanderschalten und schließlich Menschen, die das Reisen an sich genießen, wenn sie mit ihrem Auto, mit dem Orientexpress oder mit einem Kreuzfahrtschiff unterwegs sind. Stets handelt es sich um eine Beziehung zwischen Reisezweck, Distanz und zur Verfügung stehender Zeit, natürlich auch dem Geld, das einer hat oder nicht hat, die einen das geeignete Fortbewegungsmittel wählen lässt.

Fortbewegungsmittel

„[…] ich versichere Sie, dass keinem von uns möglich war nur eine Minute die Nacht durch zu schlafen – dieser Wagen stößt einem doch die Seele heraus! – und die Sitze! – hart wie stein! – von Wasserburg aus glaubte ich in der that meinen Hintern nicht ganz nach München bringen zu können! – er war ganz schwierig [schwielig] – und vermuthlich feuer Roth – zwey ganze Posten fuhr ich die Hände auf dem Polster gestützt, und den Hintern in lüften haltend – doch genug davon, das ist nun schon vorbey! – aber zur Regel wird es mir seyn, lieber zu fus zu gehen, als in einem Postwagen zu fahren.“ (zitiert nach Kardinar 2003, 3)

Der dies schrieb, W. A. Mozart (München, 8.11.1780), hatte Erfahrung mit dem Reisen, wie man sieht, auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, denn er war nicht annähernd so wohlhabend wie Voltaire, der aus diesem Grunde die Postkutsche nur im Notfall benutzte und, wenn es ging, in einem eigenen, sehr komfortablen, vierspännigen Fahrzeug reiste. Sein Sekretär Collini hat das Gefährt, das sie bei ihrer Abreise aus Berlin im Jahr 1753 benutzten, so beschrieben:

„Er hatte sein eigenes Fahrzeug, eine große Coupé-Karosse, bequem, gut gefedert überall mit Taschen und Behälter ausgestattet, hintendrauf mit zwei Schrankkoffern und vorne einige kleinere Koffer. Auf dem Kutschbock zwei Bedienstete,… Vier Postpferde oder manchmal auch 6, wie die Wege es zuließen, waren dem Fahrzeug vorgespannt. Sind diese Details auch unbedeutend, zeigen sie doch, wie ein Schriftsteller reiste, der sich ein seinem Ruf und Ansehen entsprechendes Vermögen zu schaffen gewusst hat. Voltaire und ich bezogen das Innere des Fahrzeugs mit dabei zwei oder drei Mappen mit den Manuskripten, auf die er am meisten Wert legte und eine Schatulle mit seinem Gold oder seinen Wechseln und seinen wertvollsten Sachen. (Collini, mon séjour, p.72).

Ziemlich sicher ist, dass Voltaire keine Karosse fuhr, sondern schon die modernere Berline – die stabiler und besser gefedert war. Hier zur Illustration eine Karosse (zu Repräsentationszwecken ausgestattet),

Karosse nobel

und nun zum Vergleich eine Berline:

berline

Bei einem Coupé, wie es Voltaire benutzte, war die Kabine kürzer als bei den gezeigten beiden anderen Modellen und daher nur für zwei Personen geeignet – hatte man weitere Mitreisende, mussten sie (maximal zwei) außen auf der an der Rückseite der Kabine angebrachten Bank sitzen, falls nicht, packte man dorthinauf das Gepäck – wie es Collini in seinem Bericht beschreibt.

Hier die Abbildung eines Coupés:

coupe

.

Soviel zu den Fahrzeugen, wie man sie im 18. Jahrhundert für längere Reisen benutzte, natürlich könnte man noch in die Tiefe gehen, über die Technik der Federung sprechen, der kleinen Räder vorne und der Lenkung, doch werfen wir stattdessen einen kurzen Blick auf die damaligen Straßenverhältnisse: Eine deutliche Verbesserung des französischen Transportwesens und der Straßen trat ab 1738 ein, denn in diesem Jahr wurde in Frankreich das Straßenwesen erstmals in die Hand einer zentralen Behörde gelegt, der Direction des Ponts et Chaussées. Die großen Verkehrsverbindungen ließ ihr erster Direktor, Orry, der später Finanzminister wurde, nach einem standardisierten System überholen und ausbauen. Es beruhte darauf, die wichtigsten, auch militärisch bedeutenden Strecken in der Mitte ca. 6 m breit mit einem Steinbelag zu befestigen und links und rechts davon jeweils einen ebenfalls 6 m breiten verdichteten Streifen mit anschließendem Entwässerungsgraben anlegen zu lassen. Durch diese Maßnahme verkürzten sich die Reisezeiten in Frankreich um bis zu 50%., Voltaire:

„Unter allen modernen Nationen sind Frankreich und das kleine Belgien die einzigen, die Strassen haben, die der Antike ebenbürtig sind“ (Juli 1750)

Mit modernen Kutschen wie sie etwa Voltaire benutzte, waren 60 – 80 km am Tag zu schaffen, aber auch nicht mehr, es sei denn, man fuhr auch die Nacht hindurch…. und auch dann nur, wenn nichts dazwischenkam – als da wären: Achsbruch, aufgeweichte Strassen, schwer zu passierende Steigungen und Überfälle, Krankheit. Hinzu kamen noch ständige Kontrollen, Zollschranken, Straßen- und Brückenmaut, Vorspanngeld, Torgeld…und wir sehen ohnmächtig zu, wie in unserer Zeit die letzgenannten Ärgernisse Stück für Stück wieder eingeführt werden.

Voltaire und das Reisen

Wenn Voltaire reiste, hatte er fast immer die Absicht, an ein bestimmtes Ziel zu gelangen, er reiste nie um des Reisens Willen, – vielleicht mit Ausnahme seiner Reise nach Berlin im Jahr 1750, wo er einige Schlachtfelder besichtigen wollte (Brief an seine Nichte, Mme de Denis): –

Nehmt also zur Kenntnis, dass ich aus Compiègne am 25 Juli abgefahren bin und die Strasse durch Flandern genommen habe, um als guter Historiograph und guter Staatsbürger die Schlachtfelde von Fontenoy, von Raucoux und von Laufeldt zu besichtigen. Sie zeigten sich mir aber nicht, denn alles war vom schönsten Weizen der Welt bedeckt und die Flamen und die Fläminnen tanzten so, also ob hier nie etwas geschehen wäre.

Ob er die Schlachtfelder tatsächlich besuchte oder es überhaupt vorhatte, ist nicht bekannt, denn der Brief wurde nachträglich mit der Absicht, ihn zu veröffentlichen, verfasst. Oft genug war Voltaire zum Reisen gezwungen, um sich der Verfolgung oder einer drohenden Verhaftung zu entziehen. Ausgesprochene Bildungsreisen unternahm er nicht. Da er zeitlich kaum eingeschränkt war und genügend Geld besaß, konnte er sich in der Etappe oder am Reiseziel je nach Lust und Laune länger oder kürzer aufhalten. Am ehesten kann man sich seine Art zu reisen vor Augen führen, wenn man sie sich wie die Reisen eines, sagen wir ‚hochangesehenen Vorsitzenden’ einer imaginären weltumspannenden großen Organisation in unserer Zeit vorstellt, eines Präsidenten, der verschiedene Ableger besucht und dort so lange bleibt, wie es der Sache dient. Weltumspannend war die Aufklärungsbewegung des 18 Jahrhunderts zwar nicht, sie beschränkte sich auf gebildete Bürger und sympathisierende Adlige in Europa, in jedem Land gab es aber meist einige hundert Anhänger. Voltaire als ihr führender Kopf besuchte sie und nutzte seine Aufenthalte, um die Sache der Aufklärung zu vertreten, die Anhängerschaft zu erweitern, zu stärken und, wo möglich, um die Gegenseite zu schwächen. Welches Fortbewegungsmittel dabei für ihn auf seinen Reisen zu wählen war, stand für Voltaire außer Frage: für ihn war immer das schnellste Fortbewegungsmittel auch das beste.

Daß das Reisen im 18 Jahrhundert trotz der Verbesserungen im Straßenbau und in der Fahrzeugtechnik ausgesprochen mühsam war, lag auch an den unbrauchbaren Unterkünften, denn es gab meist schmutzige, laute und zudem unsichere Gasthäuser. Kein Wunder, dass Voltaire es vorzog, in den Schlössern der Adligen Unterkunft zu nehmen, sie waren zwar ebenfalls oft ungemütlich und kalt, aber es gab zumindest gutes Essen, manchmal interessante Gespräche, brauchbare Informationen. Außerdem spielte man in den Adelskreisen des 18. Jahrhunderts gerne Theater: was gab es da besseres, als den berühmten Voltaire als Gast zu haben und mit ihm persönlich die aus Paris bekannten Stücke einzuüben – auch eine ideale Gelegenheit für Voltaire, im Sinne der Aufklärung tätig zu sein! Er schickte seinen Diener auf demPferd voraus, der erkundete die Lage und sorgte dafür, dass bei der Ankunft seines Herren die Betten warm waren:

Ich fuhr als Postillon voraus, damit an den Wechselstationen die Pferde bereit waren und man dort nicht warten musste . Es war geplant, in La Chapelle bei Nangis eine Rast einzulegen…Ich wartet nicht an der Wechselstation auf sie, sondern fuhr gleich weiter (bis La Chapelle), wie sie es befohlen hatten. … (In Nangis:) Die Concierge erwartete niemanden und hatte sich im Inneren des Schlosses schlafen gelegt, das auf der anderen Seite des Eingangstors lag, durch einen großen Hof von mir getrennt. So konnte ich rufen, so viel ich wollte, aber niemand antwortete mir. …. (endlich öffnet der Gärtner) … Er weckte sogleich die Bediensteten, zündete in der Küche und in den Zimmern ein großes Feuer an, man holte Täubchen, Geflügel, die man zubereitete und auf Spiesse steckte, dazu gab man alles, was man finden konnte, um müden Reisenden, deren Appetit nicht schlecht sein würde, zu genügen. (nach Longchamp, Voltaires Sekretär)

Voltaire und das Reisen

Nur wenige reisten im 18 Jahrhundert so häufig und so weite Strecken wie Voltaire, das war zwar anstrengend, aber ohne seine Reisen hätte er nicht eine so große Wirkung im Sinne der Aufklärung entfalten können. Trotzdem gibt es keine Äußerung Voltaires, in der er sich positiv über das Reisen ausspricht, meist klagt er über die Beschwerlichkeiten des Reisens, also: die Kälte, denn er reiste oft im Winter, die schlechten Unterkünfte, die Anstrengungen überhaupt, die ihn krank machten und, falls er die Postkutsche benutzte, machten ihm die schlechte Gesellschaft und die Enge zu schaffen.

Zur Illustration übersetzen wir Voltaires Reisebericht aus einem Brief an den Baron von Keyserlingk v. 14.10.1743, er berichtet von einem Unfall auf der Reise von Berlin nach Brüssel, bei dem ihn die eifrigen Helfer auch noch bestahlen:

Je continuais mon voyage Dans la ville d’Otto Gueric, Rêvant à la divine Ulric Baisant quelquefois son image, Et celle du grand Frédéric. Un heurt survient, ma glace casse, Mon bras en est ensanglanté; Ce bras qui toujours a porté La lyre du bonhomme Horace Pendante encore à mon côté. La portière à ses gonds par le choc arrachée Saute et vole en débris sur la terre couchée; Je tombe dans sa chute; un peuple de bourgeois, D’artisans, de soldats, s’empressent à la fois, M’offrent tous de leur main, grossièrement avide, Le dangereux appui, secourable et perfide; On m’ôte enfin le soin de porter avec moi La boîte de la reine et les portraits du roi. Ah! fripons, envieux de mon bonheur suprême. L’amour vous fit commettre un tour si déloyal: J’adore Frédéric et vous l’aimez de même; Il est tout naturel d’ôter à son rival Le portrait de ce que l’on aime.
Enfin j’arrive à minuit dans un village nommé Schaffen-Stadt ou F… -Stadt. Je demande le bourgmestre, je fais chercher des chevaux, je veux entrer dans un cabaret; on me répond que le bourgmestre, les chevaux, le cabaret, l’église, tout a été brûlé. Je pense être à Sodome.—. Enfin, aimable Césarion, me voilà dans la non magnifique ville de Brunswick. Ce n’est pas Berlin, mais j’y suis reçu avec la même bonté.


Ich setzte meine Reise fort in die Stadt des Otto von Gericke*, träumte von der schönen Ulrike** küsste manchmal ihr Bild und das des großen Friedrich Es gab einen Schlag, mein Glas zerbrach Mein Arm voll Blut Dieser Arm, der stets die Leier des guten Horaz getragen hat baumelt noch an meiner Seite. Die Tür durch den Schock aus ihren Angeln gerissen Sprang heraus und flog in Stücke … Ich falle hinterher – eine Menge Volk, Bürgersleute, Handwerker, Soldaten drängen auf einmal alle, reichen mir ihre Hände mit ekliger Gier . Solch gefährliche Stütze, strafbar, hinterlistig; enthob mich schließlich der Anstrengung, Das Kästchen der Königin und die Porträts des Königs bei mir zu tragen, Ah Halunken, die ihr mein höchstes Glück begehrt Die Liebe hat euch zu solch unloyalem Dreh verführt Ich bete Friedrich an und ihr liebt ihn auch es ist ganz normal, dem Nebenbuhler das Porträt dessen zu entwenden, den man liebt. Schließlich komme ich um Mitternacht in ein Dorf namens Schaffenstadt oder Halunkenstadt. Ich frage nach dem Bürgermeister, brauche Pferde und eine Unterkunft. Man antwortet mir, dass Bürgermeister, Pferde, Unterkunft verbrannt seien. Ich denke an Sodom Schließlich, liebster Cäsarion, erreiche ich die wundervolle Stadt Braunschweig. Sie ist nicht Berlin, aber ich werde mit gleicher Güte empfangen.
*Magdeburg
** Ulrike, die Schwester Friedrichs

Voltaires unternahm sieben große Reisen, die ersten beiden nach England und zurück, als er in die Verbannung geschickt wurde, dann die Berlinreisen: 1740 von Den Haag, 1743 und 1750 aus Paris und – mit vielen Unterbrechungen die längste (nach der Flucht aus Berlin) von Leipzig bis nach Genf. Auf seiner letzten Reise im Jahr 1778 legte er immerhin eine Strecke von 430 km in 7 Tagen zurück, sie führte ihn von Ferney bei Genf in sein geliebtes Paris, das er nach 28 Jahren endlich wiedersah. Drei Monate später, am 30. Mai 1778, starb Voltaire in Paris im Alter von 84 Jahren.

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