Ausgewählte Schriften zur Geschichte

Für Voltaire war die Geschichtsschreibung eine einmalige Gelegenheit, der Menschheit ihre dunkle Vergangenheit vor Augen zu führen, um vor diesem Hintergrund umso deutlicher die glücklichen Perioden herauszustellen. Durch Vertiefung in die Ereignisse ferner Zeiten gewinnt man die nötige Distanz, die man benötigt, um die Gegenwart zu verstehen und aus der Perspektive der aufgeklärten Vernunft ist umgekehrt die Vergangenheit zu kritisieren. Voltaire hätte sich immer gegen ein Geschichtsverständnis gewehrt, das die Vergangenheit aus sich selbst heraus verstehen will. Die Grundsätze für die Erforschung der Geschichte sind: Vertrauenswürdige Quellen verarbeiten, religiöse und mystische Erklärungen unterlassen, den Maßstab der Vernunft anlegen: welchen Beitrag für den Fortschritt der menschlichen Zivilisation haben die Gesellschaften der Vergangenheit geleistet?

Voltaires Geschichtsschreibung

La Ligue ou Henri le Grand, poème épique par M. de Voltaire, Genève 1723, Jean Mokpap, 231 p.

Voltaires Heldengesang auf Heinrich IV, König von Frankreich, dem mit dem Edikt von Nantes die Beendigung der Hugenottenkriege zu verdanken war, ist eigentlich ein episches Gedicht, kein Geschichtswerk. Doch die Henriade enthält eine Schilderung der Bartholomäusnacht, in der ein katholischer Mob tausende Protestanten ermordete und ist eine vehemente Kritik an der Politik der katholischen Kirche und deren Kreatur Katharina di Medici. Als eines der ersten und bedeutendsten Werke Voltaires zeugt dieses Epos davon, dass die religions- und kirchenkritische Haltung nicht erst die 3. Schaffensperiode Voltaires bestimmt, sondern von Anfang an eine entscheidende Grundlinie war, ohne die man sein Werk nicht versteht. Die erste Ausgabe, mit zahlreichen Auslassungen, auf schlechtem Papier, wurde geheim in Rouen bei A. Viret gedruckt und in Paris heimlich unter die Leute gebracht. Erst 1726 erschien eine von Voltaire besorgte Ausgabe, der Königin von England gewidmet. .

Textbeispiel:
Voltaire, La Henriade
über den Fanatismus  (V. Gesang, Verse 100f):
Aber als endlich Rom dem Gottessohn sich ergeben,
fuhr er vom Schutte des Kapitols herab in die Kirche;
Und mit seinem Gewüthe die Herzen der Christen entflammend,
Macht er aus Märtyrern bald erbitterte Glaubensverfolger.

In Lissabon, in Madrid, entzündete er jene
Flammen, die Scheiterhaufen, die festlichen, denen die Priester
Jedes Jahr zuführen unglückliche Juden, 
Weil abtrünnig sie nicht dem Glauben der Väter geworden. 

über die Staatsverfassung (II. Gesang, Verse 316 f):
Glücklich der Staat, wenn das Volk in seiner Pflichten Erkenntnis,
So wie es soll, der höchsten Gewalt Verehrung beweiset!
Glücklicher noch, wenn ein milder, gerechter, verständiger König,
So wie er soll, der Volksfreiheit Hochachtung bezeiget.

dt.: Die Henriade, Epos auf Heinrich dem Vierten, König in Frankreich.

Die deutschen Übersetzungen fallen ins 18. und 19. Jahrhundert. Danach wurde die Henriade nie wieder übersetzt oder veröffentlicht. Dies ist sicher einerseits dem nachlassenden Einfluss Frankreichs auf die deutsche Kultur zuzuschreiben, andererseits aber auch auf den ungeliebten, religionskritischen Inhalt der Henriade zurückzuführen. Man lese nur einmal einen kleinen Ausschnitt aus Voltaires Darstellung des Fanatismus, um dies nachvollziehen zu können. 

Die erste teilw. Übertragung ins Deutsche ist enthalten in:
o  Voltaire, Der Tod des Cäsars, Trauer-Spiel des Herrn von Voltaire;
Aus dem Französischen in eben so viel teutsche Verse übersetzet, und nebst einer Vorrede, worinnen man dieses Werck nach den Reguln der Tragödie untersucht, wie auch einem Poetischen Send-Schreiben über die beygelegte Probe von einer Poetischen Übersetzung der Henriade / ans Licht gestellet von M. J. F. Scharffenstein, L. Occ. Pr. Nürnberg 1727, Felsenecker, 143 S. (Fromm 27090)

-> Liste weiterer ausgewählter Übersetzungen (hier aufklappen) Auf Deutsch erschienen (Auswahl):
o Der Heldengesang auf Heinrich dem Vierdten, König in Frankreich. Übersetzt von Friedrich Heinrich von Schönberg, auf Zschaiten. Dresden 1751, (Krause), 184 S. (BV-200485)
o Heldengesang auf Heinrich IV. König von Frankreich, Leipzig 1752 (BV-200645)
o Henriade, Übersetzt von Johann Christoph Schwartz [vielmehr Schwarz], [Französisch und deutsch], Mannheim: Chrfürstliche Hof-Buchdruckerei, 1761, 235 S. (BV-200653)
o Henriade, [Übersetzt] von Elias Kaspar Reichard [vielmehr v. Johann Christoph Schwarz] Magdeburg 1766 (Hechtel) (BV-200646)
o Des Herrn von Voltaire Henriade. Übersetzt von Johann Christoph Schwartz, Aus dem Französischen des Herrn von Voltär [Frz. U. dt] T.1.2,, Wien: Joseph Edler von Kurzbeck [vielmehr Breslau, Korn] 1782.1783 (BV-200486)
o Heinrich der Vierte, Ein Heldengedicht in 10 Gesängen, [Französisch und deutsch], T1.2, Mannheim: Schwan & Götz, 1796, 127, 139 S. 8° (BV-200647)
o Über die Nachbildung der Henriade, Nebst Versuchen [Übersetzt von Ludwig Purgold], Ruthenia 1807 H.3 S.85-100 (BV-200654)
o Die Henriade von Voltaire. In deutschen Hexametern mit geschichtlichen Anmerkungen von Karl Kleinschmidt. Frankfurt am Main bei Franz Varrentraapp Mannheim: Schwan u. Götz, 1817, 420 S (BV-200487)
o Henriade in zehn Gesängen, Metrisch übersetzt von J[osef] Hoffbauer, Grätz: Ferstl 1821, 158 S. (BV-200648)
o Die Henriade, ein Heldengedicht in zehn Gesängen, Übersetzt von Franz A.W.Hermes, Berlin: Stuhr, 1824 (BV-200649)
o Die Henriade, ein Heldengedicht in zehn Gesängen von Voltaire. Uebergetragen (!) von Franz Hermes, Premier-Lieutnant a. D. und Mitglied der Opitz-Gesellschaft. (Zum Besten verkrüppelter Krieger.) Berlin, August Pletsch 1824. XVI, 155 S. (BV-200983)
o Henriade, Nebst Noten des Autors, frei übersetzt von Peregrinus Syntax [d.i. Friedrich Ferdinand Hempel], Bdchen 1.2, Pesth 1828 (Hartleben) (BV-200650)
o La Henriade, Poeme. Mit grammatischen, historisch-geographischen und mythologischen Bemerkungen und einem Wörterbuche neu hg. von E. Hoche. 2. Auflage Leipzig 1836 (Fleischer), 210 S.. (BV-200488)
o Die Henriade, Im Versmaße des Originals übersetzt von Fr.Schröder, Leipzig: Brockhaus, 1843, 206 S., Ausgewählte Bibliothek der Classiker des Auslandes 17 (BV-200651)
o Heldengesang auf Heinrich IV. König von Frankreich, {Übersetzt] von Ph. L. Krafft, Leipzig [um 1875] (Reclam), 118 S. (BV-200652)

Histoire de Charles XII, Roi de Suède, Rouen: Jore, 1731.

Karl XII, der durch seine furchtlose und entschlossene Kriegsführung ganz Europa in Angst und Schrecken versetzt hatte, beeindruckte Voltaire durch seine damals (und heute) bei Herrschern sehr seltenen Charaktereigenschaften: Bescheidenheit, Mut, Gerechtigkeit und Freigiebigkeit. Karl XII ließ nicht seine Soldaten kämpfen, während er sich selbst in Palästen vergnügte, sondern teilte das Los seiner Leute in jeder Hinsicht. Nur dadurch war er als unfehlbare Führungspersönlichkeit anerkannt. Vor diesem Hintergrund und durch kluge Kriegsführung gelang es dem schwedischen Heer, selbst übermächtige Gegner vernichtend zu schlagen. Voltaire gibt mit der Geschichte Karls XII. ein Bild der Zeit um 1700, das aufgrund seiner erstklassigen und gewissenhaft ausgewerteten  Quellen, so denen des Ex-Polenkönigs Stanislas, eines Parteigängers Karl XII., den Voltaire  öfter in Lunéville (Lothringen) besucht hat, bis heute Gültigkeit besitzt und nie langweilig ist. Die Spannung resultiert aus der mitreissenden Bewunderung für einen Menschen, der seinen Leidenschaften voll und ganz, ohne jeden Kompromiss folgt und gerade durch diese extreme Konsequenz auf seinen unvermeidlichen,  tragischen Untergang zusteuert.  Von der ersten Ausgabe, die heimlich erscheinen musste und alsbald verboten wurde, ist kein Exemplar erhalten. …Zitate

dt. Geschichte Karls des Zwölften

Karl XII ist eines der am häufigsten übersetzten und veröffentlichten Werke Voltaires, wurde bis um 1900 auch als Lektüre im Französischunterricht benutzt . Diesen Umstand verdankt das Werk seinem Gegenstand, eines draufgängerischen Alleinherrschers und der bei diesem Thema weitgehend fehlenden Religionskritik. Später wurde es zusammen mit den anderen Werken Voltaires und der Aufklärung weitgehend ins Abseits, das heißt ins sterile Reich der 18. Jahrhundert-Spezialisten, verdrängt. Das Werk ist sehr gut antiquarisch erhältlich. 

-> Liste weiterer ausgewählter Übersetzungen (hier aufklappen) Auf Deutsch erschienen (Auswahl):
o Leben Carls XII., Königs von Schweden beschrieben von H. v. Voltaire. Nach d. dritten und lezten Auflage aus d. Französischen übersetzt, mit nöthigen Anmerckungen, Nachrichten und Urkunden versehen. Stockholm [Danzig: Schuster] 1733, 456 S. (BV-201087)
o Leben Carls XII., König in Schweden, Leipzig 1734 (Junius) (BV-200657)
o Leben Karls XII., Königs von Schweden. Nach der letztern Auflage aus dem Französischen übersetzt, mit nöthigen Anmerkungen, Nachrichten und Urkunden versehen. Dritte und vermehrte Auflage, Stockholm [vielmehr Danzig: Schuster] 1734, 456 S. (BV-200489)
o Geschichte Carls des Zwölften Königs von Schweden durch den Herrn von Voltaire. Nach den neuesten Verbesserungen und Zusätzen der französischen Urschrift eingerichtet auch mit einigen Anmerkungen. Frankfurt am Main bey Johann Gottlieb Garbe, 1756, 479 S. (BV-200490)
o Geschichte Karls XII, Königs von Schweden, Übersetzt von L.Hartog, Danzig 1771 (Kafemann), 227 S. (BV-200492)
o Geschichte Karls 12., Königs von Schweden, nach Voltaire, [übersetzt von] Dr. Ernst Ludwig Posselt, Karlsruhe: Schmieders, 1791, 8 Bl, 502 S. (BV-200661)
o Geschichte Karl's XII., nach Voltaire, in: Ernst Ludwig Posselt's Kleine Schriften, Nürnberg 1795 (Bauer & Mann), 374 S. (BV-200662)
o Geschichte Karls XII., Königs von Schweden, Übersetzt von F.C.Kretschmar, Pesth 1806 (Hartleben), Bdch 1.2. (BV-200494)
o Geschichte Karls XII., Königs von Schweden, Nach Voltaire von Dr. Ernst Ludwig Posselt, Stuttgart: Gebrüder Franckh, 1828 Bd.1.2, , 212 S., 174 S. (BV-200591)
o Geschichte Karls XII. Königs von Schweden. Von Voltaire. Aus dem Französischen von M.A.N. Stein. 3 Bändchen, Zwickau 1821 (Gebrüder Schumann), 143, 192, 176 S (BV-200493)
o Geschichte Carls XII., Königs von Schweden, Übersetzt von C[arl] F[riedrich] E[rnst] Ludwig, Bdch 1-3, Hamburg, Leipzig: Schuberth 1840, Bd.1: 160 S., Bd 2: 136 S., Bd.3: 236 S (BV-200929)
o Geschichte Karls XII. Königs von Schweden - nach der Ausgabe von Beuchot 1829 ins Deutsche übertragen von Adolf Seubert, Leipzig: Philipp Reclam [um 1875] , 277 S. (BV-200793)
o Geschichte Karls XII. Königs von Schweden, H 1-3, Leipzig [um 1876] (Violet) (BV-200504)
o Carl XII. König von Schweden, übertragen von Hermann Kollmann, Augsburg 1878 (Rieger), 303 S., (BV-200506)
o Geschichte Karl's XII., Königs von Schweden, Wortgetreu nach H.R. Mecklenburgs Grundsätzen übersetzt von R.T.H. 1-5, Berlin 1887-1891 (Mecklenburg) (BV-200658)
o Geschichte Karls XII. Königs von Schweden, Leipzig 1891, (Bibliographisches Institut, Meyer), 263 S. (BV-200507)
o Geschichte Karls XII. Königs von Schweden - mit einer Einführung von Max J. Wolff und 18 Abbildungen nach Kupfern der Zeit, ins Deutsche übertragen von Paul Althaus Gotha: Flamberg Verlag, 1924 , 218 S. (BV-200508)
o Geschichte Karls XII. Königs von Schweden, ins Deutsche übertragen von Theodora von der Mühll, Mit einer Einführung von Carl J[acob] Burckhardt,Zürich: Fretz & Wasmuth, 1943 , 250 S. (BV-200509)


Le Siècle de Louis XIV., publié par M. de Francheville …Berlin: C.F. Henning, 1751, Bd.1 488 S., Bd.2 466 S.

Einmaliges Geschichtswerk, an dem Voltaire 20 Jahre lang gearbeitet hat. Es ist bis heute als Gesamtdarstellung der Zeit Ludwig XIV. ein Klassiker geblieben, denn Voltaire verliert sich nicht in Details, sondern behält bei aller Komplexität den Überblick. Ein außerordentlicher Genuss für historisch interessierte Leser. 

dt. Das Zeitalter Ludwigs des XIV.

-> Liste ausgewählter Übersetzungen (hier aufklappen) Auf Deutsch erschienen (Auswahl):
o Die Zeiten Ludewig des XIV., Königs von Franckkreich, aus dem Französischen des Herrn Voltaire übersetzt, Berlin 1752, 2 Theile, 544 S., 476 S. (BV-200752)
o Zeiten Ludwig XIV. Königs Frankreich, als eine Fortsetzung der allgemeinen Weltgeschichte, T.1-3, Dresden 1778 (Walther) (BV-200753)
o Das Zeitalter Ludwig's XIV., Deutsch von Robert Habs, Bd. 1.2, Leipzig: Philipp Reclam jun 1888, 514 , 487 S. (BV-200754)
o Das Zeitalter Ludwigs des XIV. München o.J. [70er Jahre] (Lothar Borowsky). Nachdruck der 1887 bei Reclam erschienen Ausgabe mit dem Nachwort von Robert Habs, (BV-200514)

Essai sur l’histoire générale et sur les moeurs et l’esprit des nations depuis Charlemagne jusqu’à nos nos jours, Nouvelle éditions, Amsterdam 1761, 8 Bd. (frz 1756)

Eines der wichtigsten Werke Voltaires, umfangreich, vielleicht deshalb so selten auf Deutsch veröffentlicht. Hier ist zum ersten Mal der Versuch unternommen worden, die Geschichte als Zusammenwirken irdischer Kräfte und Entwicklungen zu zeigen und als ein Gesamtbild begreifbar zu machen.
Voltaire hat an diesem Geschichtswerk, aufbauend auf aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen zur geologische Erdentstehung, zu ersten menschlichen Zivilisationen bis hin zur jüngeren Geschichte aller Völker unendlich viel Material ausgewertet und zwei Jahrzehnte daran gearbeitet.

dt. Voltaire, Über den Geist und die Sitten der Nationen

Voltaire, Sämmtliche Schriften, Berlin: Wever [=Sander], 1786-1794, 29 Bd. enthalten in den Bänden 4 – 10 übersetzt von W.C.S.Mylius, eine hervorragende Übertragung ins Deutsche.

-> Liste weiterer ausgewählter Übersetzungen (hier aufklappen) Auf Deutsch erschienen (Auswahl):
o Versuch einer allgemeinen Weltgeschichte worin zugleich die Sitten und das Eigene der Völkerschaften von Carln dem Großen an bis auf unsere Zeiten beschrieben werden. Übersetzt von K.F.Romanus Dresden, Leipzig: Walther, 1760-1762, 647,622,607, 520 S. (BV-200515)
o Geschichte der Völker. Neu übersetzt durch K.A.F.Schnitzer Leipzig 1827 (Hartlebens Verlags-Expedition) in 22 Teilen, (BV-200516)
o Über den Geist und die Sitten der Nationen, Deutsch von K.F. Wachsmuth, 6 Teile in 3 Bänden, Leipzig: Otto Wigand, 1867, 260, 268; 260, 262; 252, 276 S. (BV-200517 Dieses Werk aufrufen)

Histoire de l`Empire Russe sous Pierre le Grand

-> Liste ausgewählter Übersetzungen (hier aufklappen) Auf Deutsch erschienen (Auswahl):
o Geschichte des russischen Reichs unter Peter dem Großen, Übersetzt [von Johann Michael Hube mit Zusätzen und Verbesserungen von Anton Friedrich Büsching], Nebst dazugehörigen Landcharten, T1.2 Leipzig 1761 (Lauk) T.2 Frankfurt, Leipzig: Brönner: 1763 (BV-200659)
o Geschichte des russischen Reichs unter Peter dem Großen, übersetzt von J.M.Hube - Leipzig 1761 (Junius), (BV-200518)
o Histoire de l`Empire Russe sous Pierre le Grand par Voltaire. Mit gram. Erläuterung u. einer Erklärung d. Wörter u. Redensarten zur Erleichterung der Übers. ins Dt. für d. Schul- und Privatgebrauch von: Johann Friedrich Sanguin Leipzig: G. Fleischer 1825 (BV-200519)
o Geschichte Peter des Großen, Übersetzt von Friedrich Gleich Bändchen 1-3, Pesth 1827 (Hartleben) (BV-200660)
o Geschichte des russischen Reiches, Hamburg: Schubert & Comp. [um 1843], 2 Bd., Bd 1: I & II, 255 S., Bd 2: III & IV, 244 S. (BV-200663)
o Geschichte des russischen Reiches unter Peter dem Großen, Übersetzt von Carl Friedrich Ernst Ludwig, Hamburg: Schuberth, 1846, 500 S. (BV-200664)


Theoretische Schriften zur Geschichtsschreibung

Hier die wesentlichen Grundsätze einer neuen, modernen und aufgeklärten Geschichtsschreibung seit Voltaire:
1. „Ihr Zweck ist nicht, zu wissen, in welchem Jahr ein Fürst, der nicht wert ist, genannt zu werden, dem wilden Herrscher einer unzivilisierten Nation folgte“. Es geht vielmehr darum, die Kräfte kennen zu lernen, die solche Herrscher an die Oberfläche spülen.
2. Man muss sich nicht vor Urteilen scheuen. Eine Epoche, ein Jahrhundert, aber auch einzelne Menschen könne wir danach beurteilen, was sie getan haben, um Kunst und Wissenschaft voranzubringen. Dies ist eine Messlatte, nach der sich Groß und Niedrig bestimmen lässt, ganz unabhängig von der Hautfarbe, dem Geschlecht oder der sozialen Herkunft.
3. Geschichtsschreibung soll aufhören, Heiligenlegenden zu spinnen und lobrednerische Hofgeschichte zu sein. Voltaires Mahnung an die Adresse der Fürsten aller Zeiten lautet, „dass die Geschichte eine Zeugin ist, keine Schmeichlerin, und dass das einzige Mittel, die Menschen zu bewegen, Gutes von uns zu sagen, darin besteht, Gutes zu tun.”

Remarques sur l’histoire, 1742

Der kurze Text ist ebenso wie die ‚Nouvelles considérations als Vorwort zur Geschichte von Karl XII erschienen. Voltaire warnt vor Anekdoten und Fabeln aller Art: „Ce qui manque d’ordinaire à ceux qui compilent l’histoire, c’est l’esprit philosophique: la plupart, au lieu de discuter des faits avec des hommes, font des contes à des enfants. (Was den Geschichtsschreibern gewöhnlich fehlt, ist ein aufgeklärter Geist: die Meisten, statt mit den Leuten Tatsachen zu erörtern, erzählen Geschichten für Kinder).“

Nouvelles considérations sur l’histoire, 1744

Man vernachlässigt in der Geschichtsschreibung so oft die wichtigen Dinge, die einem erlauben würden, Fragen zu beantworten wie diese: Wie gut ging es einem Land vor und nach dem Krieg?; Warum hatte Amsterdam lange Zeit ganz wenige Einwohner wurde dann zu einer der größeren Städte Europas?; Deutschland war früher ein großer Wald, heute ist es mit hundert ansehnlichen Städten übersäht, wie kam es dazu? Beantwortete man solche Fragen, würden wir wirkliches Wissen über unsere und über vergangene Zeiten erlangen. Voltaire fordert: „Il faudrait donc, me semble, incorporer avec art ces connaissances utiles dans le tissu des événements. Je crois que c’est la seule manière d’écrire l’histoire moderne en vrai politique et en vrai philosophe. (Es wäre also nötig, so scheint es mir, mit Geschick den ABlauf der Ereignisse vor dem Hintergund all dieses nützlichen Erkenntnisse zu zeigen. Ich glaube, dies ist die einzige Möglichkeit, die Geschichte auf moderne Art als wirklicher Politiker und als wirklicher Aufklärer zu schreiben.“

‚Histoire‘ in: Encyclopédie, VIII, 1765

La philosophie de l’histoire, 1765