Zadig, Geschichte vom bedrohten Individuum

Einführung zur Lesung von Voltaire: Zadig am 23.3.2014 in Berlin (Vorlesende Jennipher Antoni)

Von Rainer Neuhaus

Arno Schmidt hat einmal* die Anzahl seiner potentiellen Leser für Deutschland mit 390 beziffert, diejenigen, die sich für sein Werk aber professionell interessieren, mit acht Lesern. Wenn wir ähnliche Verhältnisse für Voltaire annehmen und gleichzeitig feststellen, daß die Verhältnisse seit den 60er Jahren keinesfalls besser geworden sind, so schneiden wir mit 20 Teilnehmern bei unserer Lesung nicht allzu schlecht ab. Bedenkt man aber, daß die Bemühungen, außerhalb des Kreises eigener Freunde (die ja durch persönliche Einladungen gekommen sind) Teilnehmer zu gewinnen, ohne jeden Erfolg gewesen sind, ist das Ergebnis schon ernüchternd. Weder die Programmzeitschriften Berlins noch der Deutschlandfunk, noch die Berliner Tageszeitungen haben die Veranstaltung, obwohl extra informiert, angekündigt und auch die angeschriebenen Kontaktpersonen der Voltaire Internetseiten blieben der ersten Veranstaltung der Voltaire-Stiftung, die gleichzeitig auch die erste Lesung von Zadig in Deutschland ist, fern. Voltaire, so kann man feststellen, hat keine Konjunktur in Deutschland und kommt in der Öffentlichkeit nicht vor. Davon gibt es nur wenig Ausnahmen, eine davon war im Jahr 2009 die Veröffentlichung (in der Zeitschrift Argos von André Thiele) meiner Besprechung von Peter Hacks Essay Ödipus Königsmörder. Hacks analysiert die Theaterstücke Voltaires und kommt zu dem Schluß, daß es sich bei Voltaire um einen konservativen Umstürzler handle, einen, der die Meinung vertritt, daß man beim Lauf nach dem Glück nicht das Gute, das man schon hat oder hatte, aus dem Korb verlieren sollte. Peter Hacks sieht sich selbst in der Tradition der Aufklärung und weiß aus eigener Erfahrung, daß der konservative Umstürzler eine Welthaltung besitzt, „die es schwer hat, sich Gehör zu verschaffen“. Auf die Theaterstücke Voltaires bezogen meint er: „Ein Land, das seine Stücke nicht auf dem Spielplan hat, hat keinen Spielplan“. Demnach besitzt außer Frankreich kein weiteres Land in Europa und wahrscheinlich auch keines auf der ganzen Welt, einen wirklichen Spielplan. Als man etwa 1993 in Vorbereitung der Feiern zum 300 jährigen Geburtstag Voltaires sein Stück ‚Mohammed oder der Fanatismus’ in Genf aufführen wollte, scheiterte der Plan an den Hetzkampagnen fanatischer Islamisten (angeführt von den Brüdern Tariq) und an der Rückratlosigkeit der dortigen Stadtregierung: dem Aufführungsprojekt wurde das Geld gestrichen, Mohammed fiel aus. Um dem allem entgegenzuwirken, um Voltaires Werke in Deutschland wieder bekannter zu machen, ist vor 15 Jahren die Voltaire-Stiftung entstanden. Als ich damit angefangen habe, die Orte, an denen sich Voltaire aufgehalten hat, zu besuchen und die Entdeckungen im Internet zu dokumentieren, wurde mir klar, wie kurzlebig das Internet ist und wie gefährdet die Inhalte sind, die man dort veröffentlicht, denn, ganz anders als bei einem Buch, sind alle Inhalte einer Internetseite nach dem Ableben des Erstellers verloren, sie werden ganz einfach wegen Nichtbezahlen der Rechnung gelöscht. Mit der Gründung der Voltaire-Stiftung, die die Kosten für den Server bezahlt, ist zumindest diese Gefahr gebannt. Die Voltaire-Stiftung hat darüber hinaus die Aufgabe, die Werke und das Schaffen Voltaires einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland, zum Beispiel durch Veranstaltungen oder durch Übersetzungen der Originaltexte, bekannt zu machen. Warum aber soll man sich mit Voltaire heute überhaupt beschäftigen, sind seine Schriften noch aktuell, besitzen sie für uns Bedeutung? Bei meiner eigenen Begegnung mit Voltaire hat mich persönlich zunächst ganz einfach die Person Voltaires begeistert, daß er sich ganz alleine gegen die Inquisitionen gestellt hat, die damals noch Menschen zum Tod auf dem Scheiterhaufen oder durch das Rädern verurteilt hat: dafür war und bin ich ihm zu Dank verpflichtet. Erst allmählich habe ich dann festgestellt, daß seine Schriften, seine Theaterstücke, eine ähnlich überdauernde Relevanz besitzen wie etwa die Theaterstücke der Antike, die uns durch die klassische Darstellung von Krisensituationen, die unsere Lebensform zwangsläufig mit sich bringt, über die Zeiten hinweg beeindrucken. Oder die Stücke Molières, die wahrscheinlich Gültigkeit besitzen, so lange es Menschen gibt, denken wir nur an den Geizigen, oder an den eingebildeten Kranken. Bei Voltaire schließlich ist es die Stellung des Einzelnen zu einer feindlichen Umgebung, der er geistig überlegen, jedoch faktisch ausgeliefert ist, weil sie die Macht über die Gewehrläufe besitzt. Seine Stücke und Romane erzählen davon, wie vor diesem Hintergrund das Überleben des Einzelnen möglich ist. Das 18.Jahrhundert Voltaires verhält sich zu unserer Zeit spiegelbildlich: während er gegen das beharrende Mittelalter und seiner Institutionen, vor allem die Kirche, im Namen einer neuen Zeit, der Aufklärung, kämpft, ist es im 21. Jahrhundert so, daß wir das Zusammenbrechen der Neuzeit und unserer aufgeklärten Kultur aufhalten müssen, indem wir die wesentlichen Merkmale und Forderungen dieser neuen, besseren Zeit verteidigen:
o Wissen statt Glauben
o Befreiung von autoritärer Bevormundung
o Rechtsprechung, um die Gesellschaft zu verbessern statt Rache am Täter zu üben
o religiöse Toleranz.
Das Werk Voltaires zeigt uns, wie und gegen wen in der Geburtsstunde unserer Zivilisation diese Forderungen durchgesetzt wurden und es zeigt uns, was wir verlieren und wohin wir kommen werden, wenn wir es aufgeben, uns für sie einzusetzen. Hören wir Voltaire, die Stimme der Aufklärung, sie macht uns Mut, unsere Meinung – und stünden wir noch so alleine – gegen eine zunehmend feindliche Umgebung zu behaupten. Ich freue mich sehr, daß wir für unsere Lesung Frau Jennipher Antoni gewinnen konnten, deren Vortrag die ausgebildete Stimme der Schauspielerin verrät. Sie ist bekannt durch ihre Theaterengagements, vor allem am Hans Otto Theater in Potsdam, aus zahlreichen Auftritten in Film- und Fernsehen und nicht zuletzt durch ihre Lesungen und ihre Hörspielrollen. Mein ganz besonderer Dank gilt Jennipher Antoni dafür, daß sie sich bereit erklärt hat, trotz vieler Verpflichtungen die Lesung von Zadig zu übernehmen!

Bevor wir mit der Lesung beginnen, möchte ich noch kurz auf die Entstehungsgeschichte des Zadig eingehen: Voltaire hat Zadig 1747 zu einem Zeitpunkt geschrieben, der den Höhepunkt seiner höfischen Laufbahn und zugleich seinen tiefen Fall in eine bis zu seinem Tode währende Ungnade beim französischen Königshof kennzeichnet. Voltaire war zum Gentilhomme de la Chambre du Roi ernannt, er war endlich in die Academie française aufgenommen worden, hatte alles ihm mögliche einer höfischen Karriere erreicht – doch als er am Spieltisch in Fontainebleau seiner Lebensgefährtin Emilie du Châtelet auf Englisch zuflüsterte (sie hatte soeben über 80.000 louis d’or** verloren): „Madame, sehen Sie denn nicht, daß Sie mit Schurken spielen?“ hatte die Bemerkung ein Denunziant aufgenommen und Voltaire musste Fontainebleau gemeinsam mit Emilie du Châtelet noch in der gleichen Nacht fluchtartig verlassen. Er versteckte sich wochenlang in einer Dachkammer des Schlosses der Duchesse du Maine in Sceaux und eben dort schrieb er seinen Roman Zadig, den er der Duchesse zu ihrer Freude als erster Hörerin vorgelesen hat. Man kann die unglückliche Lage, in der sich Voltaire befand, in Zadig leicht nachempfinden und auch die Haltung, die Voltaire in dieser Zeit zu seinem Schicksal einnahm: er hoffte auf den gütigen König, der die Poesie liebt: in der Person Friedrichs war dieser seit sieben Jahren auf dem Thron in Preußen existent, den er dann auch zwei Jahre nach dem Erscheinen Zadigs mit großen Hoffnungen besuchte. Daß sich diese Hoffnung am Ende in Nichts auflöste, steht auf einem ganz anderen Blatt und der ernüchterte Voltaire zeigte nach dem Aufenthalt in Berlin in seinem Candide viel weniger Illusionen und eine deutlich verbesserte Realitätseinschätzung als noch in Zadig.

An den Schluß meiner Einführung möchte ich ein Voltaire-Zitat stellen, es stammt aus seinem ersten, sehr erfolgreichen Theaterstück Oedipe aus dem Jahre 1718, das, wie ich finde, besonders gut zu Zadig überleitet und die Konstanz seiner Grundüberzeugungen belegt:

Ne nous fions qu’à nous – vertrauen wir nur uns selbst,
Voyons tous par nos yeux – sehen wir alles mit unseren eigenen Augen
Ce sont là nos trépieds – sie sind unsere heiligen Gefäße
Nos oracles, nos dieux – unsere Orakel, unsere Götter.

*) In: Arno Schmidt, Bargfelder Ausgabe, Supplemente, Band 2: Lesungen, Interviews, Umfragen. 231 Seiten, Suhrkamp Verlag, 2006 **) Umrechnung in Rindfleischwährung: 1kg Rindfleisch kostet heute 8 € 1724 kostete 1 kg Rindfleisch 14 sols, also 1 sols = 0,57 € 20 sols = 1 livre = 11,5 € 1 louis = 24 livres = 275 € oder in Gold: 1g Gold 22 Karat = 25€ heute (2014), 1 louis = 7 g Gold 22 Karat, also 175 € Man kann also 1 louis d’or mit ungefähr 200 € extrapolieren, das war damals der 3 Monatslohn eines Handwerkers