Voltaires Antwortbrief an den Juden Isaac de Pinto vom 21.7.1762

Hintergund:
Isaac de Pinto, 1717 in einer der wohlhabendsten jüdischen Familien Amsterdams geboren, war philosophisch gebildet und hatte von sich aus persönlichen Kontakt zu den Aufklärern in Paris (La Condamine, Diderot) aufgenommen. In einem Brief und in einem Artikel ‚Réflexions critiques..“ beschäftigt er sich mit dem Essay ‚Des Juifs‘, in dem Voltaire die Juden als Vorläufer des Christentums negativ darstellt. Pinto fordert Voltaire auf, mehr zu differenzieren und sich nicht darauf zu beschränken, gegen die Scheiterhaufen und Judenpogrome zu schreiben. Man könne auch mit der Feder töten. Das sei um so fataler, als das geschriebene Wort Generationen später noch fortwirke. Siehe auch unsere Seite zum Thema ‚Voltaire, Juden, Antisemitismus‘. Eine Gegenposition dazu nimmt ein: Sutcliffe, A., Can a Jew be a philosophe? Isaac de Pinto, Voltaire and Jewish Participation in the Eurpean Enligthenment. Jewish Social Studies, vol 6, no.3, 2000 S. 31-51.

Monsieur,
die Zeilen, über die Sie sich beschweren, sind grob und ungerecht. Es gibt unter Euch [den Juden, R.N] sehr gebildete und sehr respektable Menschen, Ihr Brief zeigt mir das hinreichend genug. Ich werde dafür sorgen, dass in der neuen Ausgabe eine Korrektur vorgenommen wird. Wenn man falsch liegt, muss man es reparieren; und ich habe mich geirrt, indem ich die Fehler mehrerer Individuen einer ganzen Nation zugeschrieben habe.
Ich werde Ihnen mit der gleichen Offenheit sagen, dass viele Menschen weder Ihre Gesetze noch Ihre Bücher noch Ihren Aberglauben leiden können. Sie sagen, dass Ihre Nation zu allen Zeiten ebenso sich selbst wie auch der Menschheit insgesamt Leid zugefügt hat. Wenn Sie aufgeklärt sind, wie Sie es zu sein scheinen, werden Sie wie diese Leute denken, es aber nicht aussprechen. Der Aberglaube ist die abscheulichste Geißel der Welt; er ist es, der zu allen Zeiten viele Juden und viele Christen erdrosselt hat; er ist es, der Euch selbst bei ansonsten hochgeschätzen Völkern noch immer auf den Scheiterhaufen befördert. Es gibt Blickwinkel, unter denen betrachtet die menschliche Natur eine teuflische Natur ist.
Man würden vor Entsetzen verdorren, wenn wir sie immer von diesen Seiten betrachten würden; aber die ehrenwerten Leute, die an dem Platz La Grève vorbeikommen, wo man gerade jemanden rädert, befehlen ihrem Kutscher, schneller zu fahren, und werden sich in der Oper von dem schrecklichen Schauspiel ablenken, das sie auf ihrem Weg gesehen haben.

Ich könnte mit Ihnen über die Wissenschaften streiten, die Sie den alten Juden zuschreiben, und Ihnen zeigen, dass sie in der Zeit von Chilperich nicht mehr als die Franzosen wussten; ich könnte Ihre Zustimmung dazu erlangen, dass der Jargon einer kleinen Provinz, gemischt mit Chaldäisch, Phönizisch und Arabisch, eine Sprache war, die so dürftig und rau war wie unser altes Gallisch; aber ich würde Sie vielleicht ärgern, und Sie scheinen mir ein zu höflicher Mann zu sein, als dass ich Ihren Missfallen eregen möchte. Bleiben Sie Jude, so wie es sind; Sie sollten nicht zweiundvierzigtausend Männer töten, weil sie Shiboleth nicht richtig ausgesprochen haben, noch vierundzwanzigtausend, weil sie mit Midianitern geschlafen haben; aber seien Sie ein Aufklärer, das ist alles, was ich Ihnen in diesem kurzen Leben Gutes wünschen kann.

Ich habe die Ehre, mit all den Gefühlen, die Ihnen zustehen, Ihr sehr ergebener usw. zu sein,
Voltaire, Christ und gewöhnlicher Kammerherr
der sehr christlichen Königskammer