Saint Ange

Saint Ange

Saint Ange, Reste d. Gebäude und Park

Das (zerfallene) Schloß Saint Ange, liegt ca. 30 km südwestlich von Fontainebleau, nahe dem Ort Villecerf. Erbaut wurde es unter König Franz I. (Förderer der Künste, auch das berühmte Schloß Chambord stammt von ihm, 1494 - 1547).und war eine klassische Sommerresidenz des 16. Jahrhunderts in lieblicher, ländlicher Umgebung und in unmittelbarer Nähe zu Fontainebleau, wo sich der Hof aufhielt und sich das gesellschaftliche Leben Frankreichs abspielte. Seit 1680 gehörte der Landsitz dem ehrbaren Louis Urbain Lefèvre de Caumartin, einem Freund von Voltaires Vater. So lag es nahe, dass Voltaire 1714 von seinem Vater nach Saint Ange geschickt wurde, um dort, fern von den freizügigen Gedanken des Temple  auf den rechten Weg zu gelangen. Caumartin kannte aus seiner Zeit als Intendant der Finanzen unter Ludwig XIV. die intimsten Geheimnisse des französischen Hoflebens, besaß ein hervorragendes Gedächtnis und war so der ideale Mentor für den jungen Voltaire. Seine authentischen Berichte waren Quellen und Inspiration für zwei der wichtigsten Werke Voltaires, das Epos Henriade und das epochale Geschichtswerk Le Siècle de Louis XIV."

Saint Ange, Voltaire und Caumartin

Die Schloßanlage Saint Ange um 1700, Bibliothèque Nationale

1714
Voltaire auf Geheiß seines Vaters in Saint Ange geschickt, um ihn aus dem Einfluss der freizügigen Gedanken des Temple zu bringen.

 

1717
Im Jahr 1717 hält sich Voltaire dann ein zweites Mal in Saint Ange auf (Caumartin stirbt 1720), diesmal, um sich zu entspannen und ein letztes Mal von den Lebenserinnerungen des alten Mannes, genannt 'Caumartin der Große', zu profitieren.

Ein Besuch in Saint Ange (2005)

Saint Ange ist nahezu vergessen, weite Teile der ehemaligen Schlossanlage sind von Efeu und Farnen überwuchert, ein Nebengebäude ist bewohnt, weitere werden scheinbar nach und nach restauriert. Sanfte Hügel und saftige Wiesen prägen die Umgebung, eine Parkphantasie zeugt vom Wunsch der heutigen Eigentümer,  an den Glanz der alten Tage anzuschließen.

Wer im Touristikzentrum von Fontainebleau nach Saint Ange fragt, erntet Unverständnis, zuviel verlangt, durch ein, zwei Klicks im Internet unter "Voltaire, Saint Ange" nach dem Ort zu suchen - getreu der Regel, dass, wo viele Touristen sind, der Service schlecht ist, weil jeder ohnehin nur einmal kommt. Immerhin, das nächste Internetcafé bekommt man getreulich beschrieben, wenn auch das falsche, längst geschlossene. Den halben Weg zurück, endlich am geöffneten "Cybercafe" angekommen, ist der richtige Ort leicht gefunden - es ist Villecerf, ein halbe Autostunde von Fontainebleau entfernt (Hätte man natürlich auch bei René Pomeau nachlesen können).

Auch in Villecerf gibt es keinen Hinweis auf Saint Ange, nur ein Altenheim wird angezeigt, glücklicherweise liegt es in der selben Richtung und die riesigen Festungsmauern direkt an der Straße zeigen unzweifelhaft die Grenzen des früheren Schlosses. Der Eingang ist nicht verschlossen, ein breiter Weg führt auf die Ruine des früheren Zentralgebäudes zu, das sich, mit Plastikplanen abgedeckt, dem Besucher wie ein Raumschiff vor dem Start entgegenstellt. Natürlich darf man nicht einfach herumspazieren, Privatbesitz eben, aber da hier nicht viele Besucher herkommen, erhält man die Erlaubnis nach einem Telefonanruf beim Grafen Roy ohne weiteres.

Saint Ange war früher eine wunderschöne Anlage, die leider der französischen Revolution zum Opfer fiel und danach als Steinbruch für die umliegenden Dörfer diente - zu holen gab es da nicht wenig.
An den Aufenthalt Voltaires erinnert nichts mehr, eben sowenig an den verdienstvollen Marquis de Caumartin.  Allerdings findet sich im Internet eine Seite (in ständiger Rekonstruktion) der Freunde von Saint Ange, die auch an das Leben René Hubert Nicolas, Marquis de Roys aus der Familie der heutigen Eigentümer erinnert. De Roys war leitend in der Résistance tätig und starb im Alter von nur 47 Jahren 1945 im Konzentrationslager Ellrich.