Genf

Voltaire in Genf - Les Délices

Voltaire suchte in Genf Schutz vor französischer und preußischer Verfolgung, vor allem aber vor der der katholischen Kirche. Dabei unterschätzte er jedoch die andauernde Bösartigkeit des calvinistischen Klerus, der 200 Jahre früher - Voltaire hat darauf immer wieder hingewiesen -, am 27.10.1553 auf direkten Befehl Calvins den spanischen Arzt und Theologen Michel Servet auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrennen ließ, weil er die Dreieinigkeit von Gott-Vater, Gott-Sohn und Heiligem Geist ablehnte.

"In dem Wunsch, die Kirche Gottes von solcher Ansteckung zu reinigen und von ihr dieses verfaulte Glied abzuschneiden, ...gebunden zu werden und an den Ort Champel geführt zu werden, und ebendort an einen Pfahl gebunden und lebendig verbrannt zu werden, zusammen mit deinem von deiner Hand geschriebenen und dem gedruckten Buch, solange bis dein Körper in Asche verwandelt ist."

Nur 3 Exemplare seines Hauptwerkes Christianismi restitutio blieben erhalten. So dauerte es nicht lange, und Voltaire sah sich auch vom bigotten calvinistischen Klerus verfolgt, der nicht locker ließ, bis er Voltaire aus Genf vertrieben hatte.
Ihm wurde verboten, Theaterstücke aufzuführen, denn Schauspielerei fiel unter die Todsünden der Hoffart und des Luxus, man hetzte man den Pöbel gegen ihn auf, weil er es gewagt hatte, das Theaterverbot in dem Artikel Genf der Enzyklopädie öffentlich zu machen und 1760 verjagte man ihn endgültig aus Les Délices. Voltaire bekam nicht einmal die Hälfte des ursprünglichen Kaufpreises zurück.
Bei all dem tat sich Jean Jacques Rousseau sehr unrühmlich hervor. Der Verrat an Voltaire wird seiner Lebensgeschichte für immer als Makel anhaften.

Les Délices, Seitenansicht - das Anwesen  wurde erst von Voltaire 1757 so genannt, früher hieß es "Saint-Jean" und lag außerhalb der Stadtmauern. Damals konnte Voltaire noch den Genfer-See und die Alpen sehen.

Les-Délices - endlich ein Zuhause?

1754 Voltaire kommt am 12. Dez. aus Lyon nach Genf und wohnt zunächst beim Magistrat Francois Tronchin, dann, ab 14.12. in Prangins, dem Schloss der mit ihm befreundeten Bankiersfamilie Guiguer.

1755 Am 8. Februar 1755 erwirbt Voltaire Les Delices für 87.000 livres vom Genfer Rat Mallet. Seine Freude, endlich einen Ort gefunden zu haben, an dem er sich niederlassen kann kommt noch in seinen Erinnerungen deutlich zum Ausdruck.

Der berühmte Schauspieler Lekain kommt und übernimmt die Rolle des Dschingis Khan in Voltaires Tragödie L`Orphelin de la Chine, die schon im August in “Les Délices“ aufgeführt wird.
Die Nichte Voltaires (und auch seine Geliebte), Madame Dénis kommt aus Paris. 
Die Theatertätigkeit Voltaires wird von den Genfer Bürgern begeistert aufgenommen. Das veranlasst wiederum den kalvinistischen Klerus, leider unterstützt von J.J. Rousseau, den Mob gegen Voltaire aufzuhetzen und am 31. Juli ein Theaterverbot gegen Voltaire zu verhängen.

Auch Casanova besucht Voltaire in Les Délices. Über seine Treffen (und über den durchaus doppelten Boden der wohlanständigen Bürger Genfs) mit Voltaire erzählt er in:
Geschichte meines Lebens, Band VI, Kapitel X (S. 240-268)

1756 Admiral John Byng wird in England wegen Feigheit im Kampf gegen die Franzosen vor ein Kriegsgericht gestellt. Voltaire interveniert zu seinen Gunsten, ohne Erfolg: Byng wird am 14. 3. 1757 zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Veröffentlichung der Essay sur les moeurs.
D'Alembert kommt zu Besuch in Les Délices.

1757 Der von Voltaire inspirierte Artikel Genf erscheint in der Enzyklopädie und verteidigt das Theaterspielen, was den Genfer Klerus noch stärker erbost.
Mme de Epinay, Freundin Grimms, besucht Les Délices.
Reise nach Mannheim.
Anmietung eines Stadthauses in Lausanne.

1758 Voltaire wird bedroht, man will ihm das Haus anzünden, er plant, Les Délices aufzugeben.
Juli und August: Reise nach Schwetzingen

Voltaire schreibt an Candide.
Voltaire kauft auf der französischen Seite der Grenze, die Grafschaft Tournay und richtet dort ein Theater ein.

1759 Tancrède wird im Oktober in Tournay  aufgeführt

1760 Voltaire verläßt Les Delices und erst 1765 erhält er 38.000 livres für das von  ihm hergerichtete Gebäude. Später wird es die Familie Tronchin kaufen.

Werke - in Les Délices entstanden

Les Délices - Eingang Strassenseite

die antiklerikalen und gesellschaftskritischen Schriften:

- Artikel “Genf” in der Enzyklopädie 1756
- Jusqu’à quel point on doit tromper le peuple.(Bis zu welchem Ausmaß man das Volk täuschen soll) 1756   Hier nur der erste Satz:
“C’est une très grande question, mais peu agitée, de savoir jusqu’à quel degré le peuple, c’est-à-dire neuf parts du genre humain sur dix, doit être traité comme des singes.” (Es ist eine sehr gewichtige, aber wenig behandelte Frage, bis zu welchem Ausmaß das Volk, das heißt neun von zehn Teilen der Menschheit, wie Affen behandelt werden soll).
 

die Romane und Erzählungen:

- Les deux consolés. (Die beiden Getrösteten) 1756
- Histoire des voyages de Scarmentado, écrite par lui-même
(Geschichte der Reisen Scarmentados) 1756
- Le Songe de Platon ( Platons Traum) 1756

 

die Tragödien:

- L'Orphelin de la Chine 1755
- Tancrède 1759
 

die Versdichtungen:

Poème sur le désastre de Lisbonne ou examen de cet axiom: tout est bon(Gedicht über das Erdbeben von Lissabon oder Untersuchung über das Axiom: Alles ist gut) 1755
La pucelle d`Orleans (Die Jungfrau von Orleans) 1755
die historischen Schriften:
Essai sur les moeurs (Essai über die Sitten und den Geist der Völker) 1756,das Werk war schon beim Studienaufenthalt in Senones weitgehend fertiggestellt.
-Artikel Histoire für die Enzyklopädie 1756
-Histoire de la Russie (Geschichte Rußlands unter Peter dem Großen) 1759
die philosophischen Schriften:
- Dialogue entre un brachmane et un jésuite sur la nécessité et l’enchaînement des choses (Dialog zwischen einem Brahmanen und einem Jesuiten über die Notwendigkeit und den Zusammenhang der Dinge) 1756
- Dialogues entre Lucrèce et Posidonius.(Dialoge zwischen Lukrez und Poseidonius) 1756

Genf und Voltaire heute

Les Délices: Das Nachbargrundstück - Le Clos Voltaire, mit Veranstaltungsräumen

Les Delices liegt heute mitten in Genf, nur wenige Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, man geht einen kleinen Hügel hinauf und, je näher man kommt, desto häufiger mehren sich die Anzeichen, dass hier früher das Reich Voltaires begann: es gibt ein Restaurant, ein Café, eine Wäscherei Voltaire, alles heißt hier nach Voltaire, natürlich auch die große Hauptverkehrsstraße selbst, von der man seitlich in die Rue Les Délices einbiegt - und plötzlich steht man vor dem ansehnlichen, sehr hübsch restaurierten, von einem kleinen Grünstreifen umgebenen Gebäude Les Délices. Heute beherbergt es das Institut Voltaire, eine Forschungseinrichtung, und ein Voltaire-Museum mit zahlreichen, bedeutenden Handschriften Voltaires. Mit Voranmeldung werden Führungen durch die Ausstellung angeboten. In der Umgebung sind große Wohnblocks und ein älteres, etwas baufälliges Haus (2017:renoviert) mit Park ist ein Begegnungszentrum des Viertels, wo man sich im Garten mit Skulpturen beschäftigt hat, die sich mittlerweile in ihre Bestandteile auflösen. Macht Les Délices seinem Namen alle Ehre und zeigt, was man in einem Land mit dem in 600 Jahren ohne Krieg gesparten Geld erreichen kann, ist die Umgebung eher weniger délicieux und verweist auf die Kehrseite der Medaille: das Geld wandert nicht in alle Taschen.

Institut et Musée Voltaire. Les Délices, Rue des Délices 25, 1203 Genève, Tel.0041 223447133 institut.voltaire@ville-ge.ch Öffnungszeiten: Mo - Fr 14 - 17.00, und am ersten Samstag eines jeden Monats, sonst Voranmeldung, Führungen werden organisiert.

Über die Bibliothek, den Katalog, die Bibliotheksordnung informiert die Seite: www.ville-geneve.ch/plan-ville/bibliotheques/musee-voltaire/