Cirey

Voltaire in Cirey

Im noch heute romantisch abgelegenen Cirey sur Blaise am Rande der Vogesen (Voltaire: “in einer unangenehmen und garstigen Gegend”) lebte Voltaire mit der großen Liebe seines Lebens, Madame Emilie du Châtelet, von 1734 bis 1749. Voltaire nach Cirey, das  über 200 km von Paris entfernt liegt, geflüchtet, weil er jeden Augenblick fürchten musste, von den Schergen Ludwig XV. verhaftet zu werden: Die  Englischen Briefe waren wegen der darin geäusserten Kritik an den vernunftfeindlichen Zuständen in Frankreich zum Verbrennen auf dem Scheiterhaufen verurteilt worden. Von Cirey aus wäre es Voltaire möglich gewesen, relativ schnell ins benachbarte und halb-unabhängige Lothringen zu fliehen. Jedoch konnte dank der hervorragenden Beziehungen Voltaires und Emilie du Châtelets zum Hochadel  der Haftbefehl “eingefroren” werden. In Cirey entstanden zahlreiche seiner bedeutendsten Werke.

Cirey, die glücklichste Zeit

1734 

Am 10. Juni: werden die Philosophischen Briefe auf den Treppen des Pariser Justizpalastes wegen der darin enthaltenen Kritik an den Zuständen in Frankreich verbrannt. Voltaires Pariser Wohnung wird von der Polizei durchsucht. Es ist eine Jagd nach verbliebenen Exemplaren des Buches und -  auf den Autor.
Voltaire erfährt davon während der Hochzeitsfeierlichkeiten seines Freundes Richelieu auf Schloß Monjeu in Burgund. Er entzieht sich der drohenden Verhaftung und reist nach Cirey, in den alten verwahrlosten Herrensitz der Châtelets, Schloß Cirey, das sich - heruntergekommen und ohne Möbel - reichlich unwirtlich präsentiert. Voltaire lässt auf eigene Kosten zahlreiche Renovierungsarbeiten durchführen und macht das Haus leidlich bewohnbar. 
Richelieu - mit dem Voltaire eine lebenslange Freundschaft verbindet - wird im Duell verletzt, Voltaire bricht ohne zu zögern auf, um Ihn im Feldlager von Phillipsburg zu besuchen. Da die Verletzung nicht so schlimm ist, bietet Voltaire den Soldaten willkommene literarische Abwechslungen, aber nach vier Wochen wird auch hier der Boden zu heiß und Voltaire kehrt nach Cirey zurück. Er arbeitet an dem Drama Alzire und an der Vers-Satire La Pucelle.

Emilie erreicht Cirey im Oktober des Jahres 1734, fährt aber, zum Leidwesen Voltaires, im Dezember wieder nach Paris zurück, denn sie hat sich noch nicht für das Leben mit Voltaire entschieden..
 

1735

Kardinal Fleury hebt den Haftbefehl wegen den 'Lettres philosophiques' auf und Voltaire reist Ende März nach Paris.
Emilie wohnt im Hôtel du Châtelet, Voltaire in kleineren Pensionen. Schon im Sommer erhält Voltaire eine eindringliche Warnung: Er soll wegen seiner satirischen Versdichtung über die Jungfrau von Orleans (“La Pucelle”) verhaftet werden. Er zieht sich deshalb Ende Juni, aus Lunéville kommend, mit Emilie vereint, nach Cirey zurück. Im Herbst Anreise von Emilies Ehemann. Er war nicht wenig beeindruckt von den Veränderungen im Schloss und - viel wichtiger - er akzeptiert die Freundschaftsbeziehung seiner Frau mit Voltaire.
Im Dezember: Voltaire fürchtet verhaftet zu werden, denn in Paris sind Abschriften seiner satirischen Versdichtung La Pucelle über die Jungfrau von Orléans aufgetaucht., er versteckt sich einige Tage in der Umgebung von Cirey.
 

1736

Die Hetze gegen Voltaire verschärft sich, seine Verse über Adam und Eva, (im Gedicht Le Mondain) gegen die christliche Abstammungslehre gerichtet, wurden als Aufhänger genommen. Er muß trotzdem von April bis Ende Juni nach Paris, um dort die Gegenmaßnahmen zu koordinieren.
8.August: Erster Brief Friedrich II. an Voltaire
9. Dezember: Innenminister Phillepaux stellt einen Haftbefehl gegen Voltaire aus, dem dieser sich durch Flucht nach Holland entzieht.
 

1737

Voltaire reist über Antwerpen (Aufführung von Alzire), Leyden (hört Gravesandes Vorträge über Newton), Utrecht (Ehrengast der Universität) nach Amsterdam und ist erst nach einigen Wochen, Ende Februar 1737, nach Aufhebung des Haftbefehls (unter anderen hatte sich Monsieur du Châtelet, der Ehemann Emilies, für ihn eingesetzt), wieder in Cirey.
Der Briefwechsel mit Friedrich II. beginnt.
Emilie und Voltaire beteiligen sich unabhängig voneinander am Wettbewerb der Academie über die Natur des Feuers. Die Wettbewerbsbeiträge müssen bis 1.September eingereicht sein. Voltaire weiß nichts von Emilies Teilnahme. 
 

1738

2.Mai: die Academie fällt ihr Urteil im Wettbewerb über die Natur des Feuers. Sieger ist die unbedeutende Arbeit eines Descartes-Anhängers.     Voltaire und Emilies Arbeiten zählen jedoch zu den besten und werden lobend erwähnt. Die Belobigung eines weiblichen Teilnehmers löst eine Sensation aus.
Voltaire unterstützt die Hochzeit seiner Nichte Louise mit M. Nicolas Charles Denis.
In Cirey werden die Räume für weitere physikalische Versuche hergerichtet, mit denen die Theorien Newtons überprüft werden sollen.
Am 4.12.1738 trifft Madame de Graffigny  in Cirey ein, sie schreibt zahlreiche Briefe, denen wir zwar ziemlich genaue Beschreibungen über das Alltagsleben in Schloss Cirey verdanken (Francoise de Graffigny, choix de lettres, Oxford, Voltaire Foundation, 2001). Leider wird ihre Stimmung zunehmend gehässig und sie zitiert darüberhinaus in ihren Briefen ausgerechnet aus La Pucelle,  womit sie Voltaire in größte Gefahr bringt, denn nicht anders als heute wurden die Briefe vom Geheimdienst sehr sorgfältig gelesen und die Pfaffen verstanden, im Besitz der Macht, noch weniger Spaß als in unserer Zeit.
 

1739

8.Februar: Madame de Graffigny reist ab
Voltaires gewinnt seinen Prozess gegen den Abbé Desfontaines wegen Verleumdung. Desfontaines muss widerrufen (Desfontaines, ein ehemaliger Jesuit, gehörte zu der Kategorie Mensch, die ihrem Wohltäter niemals verzeiht, dass sie ihm ihre Rettung verdankt - Voltaire hatte Desfontaines vor dem Scheiterhaufen bewahrt, dieser verleumdete ihn deshalb zeitlebens).

Im Mai: Gemeinsame Fahrt mit Emilie über Louvin und Beringen nach Brüssel, um einen Prozeß um einen Erbanspruch der Châtelets zu führen. 

26. November, Ankunft Voltaires aus Paris und Weiterfahrt nach Brüssel 
 

1741 kommen Ende November Voltaire und Madame du Châtelet aus Paris
 

1742 Im Januar Ausflug mit Madame du Châtelet zu Bekannten nach Grai in der Franche-Comté 
Im Februar Abreise nach Paris 
 

1744

Am 15. April kommt Voltaire aus Paris nach Cirey, um hier an dem Auftragsstück Princesse de Navarre zu arbeiten, was ihm schwer genug fällt. Mitte August kehren er und Madame du Châtelet wegen des Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche nach Paris zurück.

1748

Voltaire und Emilie reisen im Dezember von Lunéville aus nach Cirey. Monsieur du Châtelet stößt hinzu, um Emilies Schwangerschaft zu legitimieren, ein Plan, der sicher funktioniert hätte.
 

1749

Abreise im Februar nach Paris, wo sie bis im Juni bleiben um dann wieder zurück nach Lunéville an den Lothringer Hof zu reisen.
Am 15. September, nach Emilies Tod am 10.9.1749, kommt Voltaire gemeinsam mit Monsieur du Châtelet von Lunéville, um seinen Wohnsitz in Cirey aufzulösen, acht Tage später reist er in Richtung Paris ab.

Werke Voltaires - in Cirey entstanden

Die Tragödien:

Alzire ou les Américains (Alzire oder die Amerikaner, tragédie (1736) 
- La mort de césar tragédie en trois actes (1735) 
- Zulime tragédie en cinq actes (1740)
Le Fanatisme ou Mahomet le prohète, tragédie en cinq actes (1742) 
- Merope tragédie en cinq actes (1743)

Die Komödien:

- L'Enfant prodigue (Der verlorene Sohn), comédie en cinq actes (1738)
- L`Envieux (Der Neidische), comédie en trois actes

Die Versdichtungen

La Pucelle d`Orléans (Die Jungfrau von Orleans) 1735 
Le Mondain 1736  dieses Werk - in dem er den Luxus und die Künste
   verteidigt - trug Voltaire eine ernstzunehmende Strafverfolgung ein. 
   Anlass und Vorwand waren die Zeilen zu Adam und Eva ...(mehr)

 Historische Werke

Le siècle de Louis XIV erscheint erst 1751,Voltaire hat aber bereits 1735 in Cirey intensiv an dem Werk gearbeitet
Essais sur les moeurs et l'ésprit des nations et sur les pricipaux faits de l`histoire depuis Charlemagne jusqu`au Louis XIII 1744/45 und ergänzt 1756 gedruckt

Die philosophischen Schriften

- Traité de la Metaphysique (1734, jedoch erst 1787 erschienen)
- Epitre sur Newton (1736)
Eléments de la philosophie de Newton (1738)
- Discours sur l`homme (1738).
- Essais sur la nature du feu (1738)
 

Voltaire begann 1736 die Korrespondenz mit  Friedrich II von Preußen (genannt der Große)

Cirey und Voltaire heute

(aus dem Jahr 2001)

Fährt man heute von Deutschland aus nach Cirey, kommt man durch ein Gebiet, das irgendwie der Vergessenheit anheim gefallen zu sein scheint: viele Höfe sind verarmt, Geschäfte  geschlossen und zahlreiche Gebäude stehen zum Verkauf.

Inmitten dieser verlassenen, aber malerischen Umgebung liegt an einem kleinen Kanal das Schloß Cirey sur Blaise, das die heutigen Eigentümer, die Familie Hugues de Salignac Fénelon (der Schloßherr ist gleichzeitig Bürgermeister des Ortes) liebevoll renoviert haben und Besuchern zur Besichtigung freigeben.
In einem kleinen Häuschen am Eingang stehen wenige Bücher und Broschüren zum Verkauf, keine Postkarten. Eine wahrscheinlich von der Familie selbst in Auftrag gegebene Schrift von 12 Seiten enthält einige spärliche Informationen über das Schloß, Emilie du Châtelet und Voltaire. 

Man hat auf Schritt und Tritt das Gefühl, als mache die alte Adelsfamilie Salignac Fénelon notgedrungen der Öffentlichkeit das Zugeständnis, in ihren Besitz einzudringen, jedoch ist die Führung durch das Schloß sehr empfehlenswert, mit viel Sachverstand und Liebe zum Detail. Auf Fragen antwortet man gerne und kompetent.

Die Eigentümer haben unterdessen auch eine eigene Internetseite mit sehr schönen Photos und den Öffnungszeiten ins Netz gestellt: www.chateaudecirey.com

weitere Informationen zu Voltaire, Emilie du Châtelet und Cirey:

Literatur:
[Katalog zur Ausstellung], Madame du Chatelet, La femme des Lumières, Paris 2006 Bibliothèque Nationale, reich bebildert
- Emilie, Emilie, Badinter, Èlisabeth, Weiblicher Lebensentwurf im 18. Jahrhundert, Piper 1984
- Emilie und Voltaire. Eine Liebe in Zeiten der Aufklärung, Bodanis, David, Deutsch von Hubert Mania, Reinbek: Rowohlt 2007, 443 S., Bodanis, ein Physiker, stellt die Bedeutung Emilie als Wissenschaftlerin heraus - und Voltaire gegenüber. Lesenswert.
- Correspondance de Madame de Graffigny (Tome 1),   The Voltaire Foundation -   Taylor Institution - Oxford. Enthält die Briefe Mme de  Graffignys, die sie 1738 während ihres Cirey-Aufenthaltes geschrieben hat. Zur Einschätzung vgl. Edwards, “Die göttliche Geliebte”, S.140ff
- Voltaire à Cirey, Hubert Saget , 180 S. Le Pythare Edition
- Mme du Châtelet: Scientist, Philosopher, and Feminist of the Enlightenment. Ehrman,  UK: Esther Berg Publishers LTD, 1986
- Madame du Châtelet , René Vaillot, Albin Michel
- Madame Voltaire , Gilbert Mercier, Edition de Fallois, Paris 2001 Ein etwas langatmiges Werk, der Titel befremdlich, denn hier verkennt Mercier gerade das Besondere an der Beziehung zwischen Voltaire und Mme du Châtelet, eben als Gleichberechtigte zusammenzuleben. Kein Literaturverzeichnis!
- Die göttliche Geliebte Voltaires , Das Leben der Émilie du Châtelet, Samuel Edwards, Stuttgart 1971 DVA Übersetzung aus dem Amerikanischen von Anne Uhde ( The 
  Divine Mistress, Samuel Edwards 1970). Ist ein  spannend und mit Respekt vor den beiden größten Köpfen ihrer Zeit geschriebens Buch. Seltsam, daß es in der im Schloss von Cirey erhältlichen kleinen Broschüre “Voltaire à Cirey” nicht erwähnt wird. Leider enthält die deutsche Version keine Literaturangaben und kein Werkverzeichnis. 
- Le Siecle des Theatres, Salles et Scenes en France (1748 - 1807) Rais Bibliothèques
- Theatres et Chateaux, Francoise Taynac Les Èditions de Mécène

CD-Rom : Voltaire Cybèle Production SA La Muraz Wanadoo edition

Internet:
Internetseite über Emilie du Châtelet, Voltaire und Cirey :  http://www.visitvoltaire.com.
Eine sehr liebevoll gemachte und informative Seite in englischer, französischer und deutscher Sprache. Enthält aktuelle Öffnungszeiten, Anfahrskizze, Übernachtungsvorschläge. Nur mit der Einschätzung, Voltaire sei “Gast” in Cirey gewesen, kann man nicht recht einverstanden sein. Man stelle sich vor: In ein halbverfallenes Haus zieht ein Gast ein, renoviert es, macht es bewohnbar mit eigenem Geld, zieht dann aus, indem er die von ihm aufgebrachten Kosten zu 2/3 dem Eigentümer erläßt: Ohne Voltaire würde es heute kein Schloss Cirey mehr geben. Er war auch nicht gerade Gast von Emilie, er war 15 Jahre lang ihr Lebensgefährte, Geliebter, Mann - und all dies, obwohl sie verheiratet war und Kinder hatte.  Sehr unschön ist außerdem, daß die großartige Schrift Emilie du Châtelets: Discours sur le bonheur (“Rede vom Glück”) nicht einmal erwähnt wird.