Colmar

Colmar

Colmar, 1753 bis 1754 wohnte hier Voltaire in der  Rue Berthe-Molly. Die Strasse - frühere Rue des Juifs (Judengasse) -, beherbergte vor dem Massaker an ihren Bewohnern im Februar 1349 einige jüdische Familien.

 

Als Voltaire 1753 nach seiner Flucht aus Berlin und den schlechten Erfahrungen mit Friedrich II. nach Colmar kam, stand die Stadt unter der Rechtsprechung des Bischofs von Basel, der in sicherer Entfernung von dem protestantischen Basel in Porrentruy residierte und erst 1740 einen Aufstand seiner Untertanen mit zahlreichen Todesurteilen blutig niedergeschlagen hatte. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für Voltaire, die Hetze ging auch sofort los, der Bischof ließ gegen Voltaire predigen

Anlass: der Essai sur les Moeurs war unter dem Titel Abrégé d’Histoire universelle, par M. de Voltaire, 1753 veröffentlicht worden, ohne Voltaire zu benachrichtigen, die Kirche begann ihre Messer zu wetzen. Warum kam er aber trotzdem nach Colmar und blieb über ein Jahr in der Stadt? Zunächst war ihm Paris verboten - der französische Hof wollte Friedrich II. einen Gefallen tun. Voltaire hoffte trotzdem, mit Hilfe seiner Nichte die alten Beziehungen zum Hochadel mobilisieren und das Verbot aufheben lassen zu können. Außerdem trug er sich mit dem Gedanken, in Horburg bei Colmar ein Schloss zu kaufen. Und drittens gab es in Colmar Schoepflin, den Buchdrucker, mit er bei der Herausgabe seiner Annales de L`Empire zusammenarbeitete. 

Colmar, in Hab-Acht-Stellung

 

 

 

Arkade an dem Haus in der Rue Berthe Molly (ehemals Judengasse), in dem Voltaire und Collini damals zwei Zimmer bewohnten

1753 2. Oktober: Voltaire und sein Sekretär Collini treffen aus Straßburg ein. Hier der Bericht seines Sekretärs Collini:

Ein junges Mädchen aus Montbéliard, das Deutsch und Französisch sprach, war unsere Köchin. Babet war fröhlich, von natürlichem Witz, liebte zu spaßen und verstand die Kunst, Voltaire zu amüsieren. Sie war ihm gegenüber aufmerksam und umsichtig, wie es sonst unter dem Dienstpersonal kaum vorkommt, er behandelte sie mit Güte und Komplimenten. Ich neckte Babet öfter wegen ihres Eifers, sie antwortete, indem sie lachte und wegging. Gewöhnlich spielten wir nach dem Abendessen Schach. ...Seine Gesellschaft bildeten Anwälte und Räte der souveränen elsäßischen Behörden, herauszuheben ist Herr Dupont, ein liebenswerter Mann, mit einer lebendigen und heiteren Vorstellungskraft ausgestattet, Amateurschriftsteller, mit dem er anschließend noch in Briefkontakt stand. 

Voltaire besuchte die Papierfabrik seines Verlegers Schoepflin in Luttenbach, hier hielt er sich 15 Tage, mitten in den Bergen der Vogesen, auf.


Luttenbach

Voltaire interessierte sich für die Papierfabrik Schoepflins in Luttenbach. Damals waren die wasserreichen Vogesen ein bedeutender Standort der Papierherstellung. Heute ist, ein paar Wasseranlagen ausgenommen, nichts mehr davon übrig. Hier der Bericht von Collini über den Besuch Voltaires: 

“Wir fanden dort ein großes, alleinstehendes Gebäude vor, das allen Winden ausgesetzt, keine bequeme Unterkunft versprach. Voltaire grub sich in diese Einsamkeit 15 Tage lange ein, ohne irgend jemanden zu sehen. Die Arbeiter der Papierfabrik und die dort angestellten Mädchen waren die einzigen Bewohner dieses Ortes. Sie konnten uns nur dazu dienen, die Zimmer zu machen und zu kochen. Ein Franzose namens Bellon, der für die Regierung über die Menge Papier zu wachen hatte, die diese Fabrik zur Herstellung von Spielkarten lieferte, war der einzige Mensch, mit dem man sich vernünftig unterhalten konnte. Er spielte einigermaßen Schach, das einzige Spiel, das Voltaire liebte; außer noch den Spaziergängen hatten wir keine anderen Vergnügungen.” 


Colmar war für Voltaire eine der gefährlichsten, wenn nicht die gefährlichste Periode seines Lebens überhaupt: Die Unterstützung Friedrichs II. war verloren, Versailles opferte ihn mit Vergnügen und seine Freunde waren zu weit entfernt, um sich ihrer Unterstützung zu versichern. Er hatte keinen eigenen Besitz, auf den er sich zurückziehen konnte.  Der Kauf von Schloß Horburg bei Colmar, zunächst ins Auge gefasst, hatte sich zerschlagen.

1754
In diese Schwächeperiode hinein veröffentlichte der Verleger Jean Néaulme aus Den Haag die von Voltaire nicht autorisierte Ausgabe des Essai sur les Moeurs, in der die Kirche scharf angegriffen wurde. Voltaire befürchtete Schlimmstes, die Verfolgung durch die Schergen der Kirche und den Entzug seiner finanziellen Mittel. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um gegenzusteuern. Unter anderem besuchte er an Ostern 1754 in Colmar - zum ersten Mal als Erwachsener aus taktischen Gründen die “heilige Kommunion”, um seine Verfolger zu entwaffnen.
Voltaire: “Ich begreife, daß ein Teufel in die Messe geht, wenn er sich auf päpstlichen Boden befindet” (an d`Argens) und “Wenn ich hunderttausend Mann hätte, wüßte ich schon, was tun. Aber da ich sie nicht habe, gehe ich Ostern zum Abendmahl und sie können mich einen Heuchler nennen, soviel sie wollen” (an D`Argental)

Hier der Bericht des Augenzeugen Collini:

Voltaire fragte mich eines Tages, ob ich die Osterkommunion machen werde. Ich antwortete, das sei meine Absicht  «Also gut, sagte er zu mir, wir werden sie gemeinsam machen.»  ... Ich gestehe, daß ich die so seltene Gelegenheit nutzte, um das Verhalten Voltaires  während dieser wichtigen Handlung zu beobachten. Gott verzeihe mir meine Neugier und meine Zerstreutheit, ich hatte deshalb nicht weniger Eifer. In dem Augenblick, wo er kommunizieren sollte, erhob ich die Augen zum Himmel, so als ob ich betete und warf einen kurzen Blick auf das Verhalten von Voltaire. Er streckte seine Zunge heraus und fixierte seine weit offenen Augen auf das Gesicht des Priesters. Ich kannte diesen Blick nur zu gut. Als wir zurückkamen, schickte er dem Kapuzinerkloster 12 Flaschen guten Weins und einen Kalbsbraten.

Die Aktion hatte keinen Erfolg, Voltaire erhielt die Erlaubnis, nach Paris zurückkehren zu dürfen, nicht. Er fühlte sich krank, trank viel Kaffee und versuchte sich mit Naturheilmitteln wie Chinarinde, Rhabarber, Johannisbeerkraut zu kurieren. Am 8 Juni 1754 fuhr Voltaire zur Kur ins Heilbad Plombières les Bains. Vorher jedoch nutzte er die Gelegenheit, um die berühmte Bibliothek von Senones im Benediktinerkloster von Dom Calmet zu besuchen.

1754 am 26. Juli
ist Voltaire wieder in Colmar, er beschäftigt sich mit der Herausgabe seines Werkes L`Orphelin de la Chine.

Am 11.11.1754 Abreise nach Lyon.

Colmar heute (2017) 

Colmar erinnert sich an Voltaire auf einer Tafel des historischen Stadtrundgangs. Eine Immobilienfirma namens 'Voltaire-Immobilier' verkauft Häuser im sogenannten 'Judenloch', also dort, wo man 1349 die Colmarer Juden verbrannt hat.
Heilt die Zeit Wunden?