Philosophisches Taschenwörterbuch:
Religion (Kommentare)

Hintergrund:
Als das philosophische Wörterbuch 1764 erschien, lebte Voltaire seit 6 Jahren in Ferney, an der Grenze zur Schweiz. Seine anfänglichen Hoffnungen auf die Genfer calvinistische Bürgerschaft hatten sich verflüchtigt. Nachdem in der Enzyklopädie (1757) der Artikel „Genève“ erschienen war, den Voltaire mitverfasst hatte, waren seine früheren Freunde auf Distanz gegangen und Voltaire zu ihnen. Zunehmend lehnte er alle Offenbarungsreligionen ab, unter ihnen ganz besonders die des Christentums. Auch durch das Terrorurteil gegen Jean Calas 1762 und die lange Auseinandersetzung um die Annullierung des Urteils verstärkte sich Voltaires antiklerikale Haltung. Seine Schriften Traité sur la Tolérance und Le sermon des cinquante legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Es ergab sich daraus die Frage, welche Religion es sein sollte, wenn nicht die Offenbarungsreligionen. Wenn es keine Offenbarung gibt, worauf könnte sich eine Religion dann berufen? Dies sind die Fragen, auf die der Artikel Religion eine Antworten geben soll. Voltaire widmete sich dem Thema ergänzend in seinem 1765 erschienenen Werk La Philosophie de l’histoire.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (Seite 340, „Erste Frage“): Warburton, der spätere Bischof von Gloucester behandelte indirekt ein Dogma, mit dem sich auch Voltaire befasste: dass eine Gesellschaft, die nicht an eine Belohnung/Bestrafung nach dem Tod glaubt, dem Untergang geweiht sei. Das war natürlich gegen den Atheismus gerichtet. Pierre Bayle widerlegte die Behauptung bereits 1680 in seinem Werk Lettre sur la comète („Brief über den Kometen“).
Warburton fand es störend, dass nicht nur Atheisten, sondern auch die Juden zur Zeit Moses nicht an eine Auferstehung ins Himmelreich glaubten, jedenfalls wurde über solches im Alten Testament nicht berichtet. Er löste das Problem, indem er Mose – und den Juden als Gottes Volk – eine besondere Nähe zu Gott zusprach, so dass diesen das Himmelreich ohnehin verbürgt war und sie sich mit Belohnung und Strafen gar nicht erst zu beschäftigen brauchten. Mit diesem Taschenspielertrick beginnt der Artikel ‚Religion‘.

Anmerkung 2 (Seite 342, „Die Namen der Gottheit“):
– Kneph: „Der seine Zeit vollendet hat“. Urform des Amun in Darstellung einer Schlange. Kematef (Km-3.t=f). Die Namen sind meist in gräzisierter Form überliefert, das Problem ist, dass die ägyptische Schrift keine Vokale kannte, also kennt man sie nur durch Transkription und Transliteration. In der Ägyptologie wird zwischen die Konsonanten ein „e“ eingefügt.
– Adonai: Man kennt es als Umschreibung „Mein Herr“ für Gott aus dem Alten Testament (s. Bibel Lexikon Gott, 6., 7.: 5.Mose 9,26 etc.). Es kommt als Adon, Adonai und Adonim (Plural) dort vor. Die Sprachen waren sich sehr ähnlich, mit der phönizischen Schrift wurden vom 11. bis 5. Jh. v.u.Z. mehrere Sprachen auch aufgeschrieben. Die althebräische Schrift ist eine Variante der phönizischen. Aus der phönizischen entstanden die aramäische Schrift, die griechische und die südarabische Schrift, sie ist die Grundlage der alphabetischen Schriften, untergegangen im Lauf der Spätantike.
– Baal, Bel war im Altertum eine Bezeichnung für verschiedene Gottheiten im syrischen und levantinischen Raum.
– Melech hebräisch Sing. bedeutet König, kommt im Alten Testament vor (1. Chronik, 8,35; 9,41 Nachfahren Sauls). Moloch (hebr. Molech) ist die biblische Bezeichnung für Brandopfer. Erst mit dem Aufschreiben der Bücher Mose wurde das Wort zum Gottesnamen umgedeutet.
– Papaios, skytischer Name des Zeus.
– Manco Cápac war der erste mythische Herrscher der Inkas. Er soll der Sohn des Sonnengottes Inti gewesen sein, der ihn mit seiner Schwester auf die Erde schickte, um dort die Welt zu verbessern. Sie sollen auf der Sonneninsel im Titicacasee die Erde erreicht haben und gründeten dann mit einem goldenen Stab, den ihnen ihr Vater mitgegeben hatte, die Stadt Cusco, die später als der Beginn des Inkareiches angesehen wurde.
– Vitzliputzli ist die deutsche Form von Huitzilopochtli oder Uitzilopochtli („Kolibri des Südens“ oder „Der des Südens“ oder „Kolibri der linken Seite/Hand“) war in der aztekischen Mythologie der Kriegs- und Sonnengott und Schutzpatron der Stadt Tenochtitlán. Er wurde als Kolibri dargestellt und ihm wurden Gefangene aus den Auseinandersetzungen mit den Nachbarvölkern geopfert.
– Zebaoth bezieht sich immer auf Jhwh, den Gott Israels. Die Bezeichnung geht vermutlich auf das ägyptische Wort „Thronender“ zurück, wurde aber von hebräischen Ohren von saba‘, Plural seba‘ot (Heerscharen, Heeresmacht) abgeleitet, also der Herr der Heerscharen. Es gibt im Alten Testament 285 Stellen, wo er so genannt wird, doch noch nicht in den Büchern Mose, wie auch in den Büchern Josua und Richter.

Anmerkung 3 (Seite 345, Ergänzung zu Anm. 233 „Juvenal“):
Nach Juvenal geschah dieser Kannibalismus in Oberägypten, wo die beiden Orte, Tentyra, (h. Dendera) und das nicht sehr weit entfernte Omboi miteinander verfeindet waren. Die Auseinandersetzung der Dendyriten mit den Ombiten soll während eines Festes in Koptos stattgefunden haben. Das Zeichen der Dendyriten war das Krokodil. In Omboi wurde Seth (Esel, Falke) verehrt. Die Stadt verlor in der Spätzeit Ägyptens wegen der Verfemung von Seth an Bedeutung, während Koptos noch erhalten ist. Es ging um den Gegensatz der Niltalbewohner zu den Wüstenstämmen, die sich dort niederließen. (Kleiner Pauly)

Anmerkung 4 (Seite 346, „Platon“):
Voltaire veröffentlichten 1765 zwei Texte über Platon in den Nouveaux Mélanges. In dem einen, Du Timée à Platon, zeigt er, dass die ersten Christen ihre Lehren von Plato übernommen haben und in Dieu et les hommes (1769), dass Plato der wahre Begründer der christlichen Metaphysik ist.

Anmerkung 5 (Seite 346, „wie Maria zur Mutter Gottes erklärt wurde“):
Das dritte allgemeine Konzil (431 in Ephesus) entschied, dass Maria die reale Mutter Gottes war, und dass Jesus zwei Naturen (die göttliche und die menschliche) in einer Person vereine. Die Doppelnatur Christi wurde von dem Konzil in Chalcedon (451) bestätigt. Der Beschluss wird von der römisch-katholischen, der altkatholischen Kirche und den orthodoxen, den anglikanischen und den lutherischen Kirchen anerkannt. Damals wurde die Trinität (Gottvater, Sohn u. hl. Geist) zum Dogma, die nestorianische und die orientalisch orthodoxen Kirchen spalteten sich ab.

Anmerkung 6 (Seite 346, Ergänzung zu Anm. 234 „Matthäus“):
Matthäus, 12, 22-28. Jesus hat einen besessenen, blinden und stummen Mann geheilt, woraufhin ihn die Pharisäer bezichtigen, die Teufel durch Beelzebub ausgetrieben zu haben.

Anmerkung 7 (Seite 347, „Krankheiten, die man damals…bösen Geistern zuschrieb“):
Nach Flavius Josephus, Jüdische Altertümer (8. Buch, 2. Kap. 5) „lehrte Gott ihn (Solomon) auch die Kunst, böse Geister zum Nutzen und Heile der Menschen zu bannen. Er verfasste nämlich Sprüche zur Heilung von Krankheiten und Beschwörungsformeln, mit deren Hilfe man die Geister also bändigen und vertreiben kann, dass sie nie mehr zurückkehren. Diese Heilkunst gilt auch jetzt bei uns noch viel. Ich habe zum Beispiel gesehen, wie einer der Unseren, Eleazar mit Namen, in Gegenwart des Vespasianus, seiner Söhne, der Obersten und der übrigen Krieger die von den bösen Geistern Besessenen davon befreite. Die Heilung geschah in folgender Weise. Er hielt unter die Nase des Besessenen einen Ring, in dem eine von den Wurzeln eingeschlossen war, welche Solomon angegeben hatte, ließ den Kranken daran riechen und zog so den bösen Geist durch die Nase heraus. Der Besessene fiel sogleich zusammen, und Eleazar beschwor dann den Geist, indem er den Namen Solomons und die von ihm verfassten Sprüche hersagte, nie mehr in den Menschen zurückzukehren. Um aber den Anwesenden zu beweisen, dass er wirklich solche Gewalt besitze, stellte Eleazar nicht weit davon einen mit Wasser gefüllten Becher oder ein Becken auf und befahl dem bösen Geiste, beim Ausfahren aus dem Menschen dieses umzustoßen und so die Zuschauer davon zu überzeugen, dass er den Menschen verlassen habe. Das geschah auch in der That und so wurde Solomons Weisheit und Einsicht kund (S. 474/75)“.

Anmerkung 8 (Seite 348, „Trugbach“):
Bei Voltaire verwendet „Supplantateur“. Der Ausdruck wurde damals benutzt und bezog sich auf die lateinische Bibel, da erhielt Jakob den Beinamen „supplantator“. was darauf zurückgeht, dass er sich an die Stelle seines Bruders Esau, des Erstgeborenen, setzte, und was noch einmal in Psalm 17, Vers 13: „Exsurge Domine praeveni eum et subplanta eum eripe animam meam ab impio frameam tuam“ vorkam. Eigentlich heißt das Betrüger, wird aber so nicht auf Gott angewandt. Gott kann aber zum ‚Trugbach‘ werden (vergl. Jer.15,18; Jes.58,11; Hiob6,15-18).

Anmerkung 9 (Seite 348 unten, zu Origines, „dass es den ersten Christen vor Tempeln, Altären, Götterbildern grauste“):
Voltaire fasst eine Argumentation von Origenes, c. Cels., 7,62-64 (FC 50/5, 1307-1313) zusammen. Origenes zitiert einen Vorwurf Celsus‘, nachdem die Christen, dem Beispiel der Skythen und Perser folgend keine Tempel, Altäre und Statuen leiden konnten. Origenes antwortet, dass es dafür verschiedene Gründe geben kann. Die Skythen verabscheuen sie nicht aus Furcht, die Gottheit herabzusetzen, während die Christen den Vorschriften des Deuteronomium (6,13), des Exodus (20, 3-4) und Matthäus (4,10) „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ gehorchten und folglich keine Tempel, Altäre oder Bildnisse mochten. Dann bemüht sich Origenes den Unterschied zwischen der christlichen Ablehnung von Bildnissen und der der Perser deutlich zu machen. Die Christen wollen nicht, dass man durch „Bildnisse die Form Gottes begrenzt, der ein unsichtbares und immaterielles Wesen ist“. Er betont, dass es kein Widerspruch sei, gleichzeitig zu behaupten, dass Gott keine menschliche Form, aber den Menschen nach seinem Bilde geschaffen habe, denn „in der vernünftigen Seele, durch die Tugend erschaffen, finden sich die Züge des Bildes Gottes wieder“.

Anmerkung 10 (Seite 349, Vierte Frage unten: ins „Irrenhaus“ gesteckt):
Voltaire verwendet „Petites-Maisons“, die „kleinen Häuser“, die zu dem Kloster in Saint- Germain-des-Prés in Paris gehört hatten und seit 1557 als Krankenhaus und Altenheim fungierten. Zunächst für Arme eingerichtet, lebten dort auch ca. 400 Pariser Bürger, die nicht arm waren und auf Kosten ihrer Familien untergebracht wurden. Für sie war das Grand Bureau des Pauvres zuständig, das bei ihrem Tod ihr Erbe erhielt. Im 18. Jh. hatte das Krankenhaus vier Abteilungen, von denen eine für die Geisteskranken zuständig war. Die ist auch in den vielen Zitaten gemeint, wenn von den Petites Maisons die Rede ist, in die die politischen Gegner eigentlich hineingehörten.

Anmerkung 11 (Seite 351, „Geschichte der Heiligen Maria, der Ägypterin“):
Der Tag der hl. Maria von Ägypten (345-421) wird am 2. April gefeiert. Sie floh mit 12 Jahren aus dem väterlichen Haus in Alexandria und verbrachte nach Petro de Ribadeneira (spanischer Jesuit 1527 -1611, dem Maria in seinen Lebensbeschreibungen von Heiligen ganz offenbar die Phantasie beflügelte), ein Leben, „indem sie alle Arten des Lasters auskostete, nicht für Geld oder anderweitige Vergünstigungen, sondern lediglich, um ihre Lust zu befriedigen“. Als Maria ein Schiff besteigen wollte, um nach Jerusalem zu fahren, beschloss sie, als Bezahlung ihren Körper all denen anzubieten, die ihn begehrten und verursachte so einen Skandal unter den Pilgern. Nach ihrer Bekehrung zum Christentum tat sie Buße und lebte, ganz nackt, aber von den langen Haaren vollständig bedeckt, 47 Jahre lang in der Wüste. Als sie starb, kam ein Löwe , leckte ihr die Füße und grub mit seinen Tatzen ihr Grab. Nach Ribadeneira ereignete sich die Bekehrung natürlich in Jerusalem, Voltaire verlegte sie nach Ägypten.

Anmerkung 12 (Seite 352, „die heidnische Religion hat sehr wenig Blut vergossen, die unsere hat die Erde damit bedeckt“):
Nach Plinius (n.h. XXXI) und Plutarch (Quaest. Roman. LXXXIII, 283f.) wurden in Rom Menschenopfer durch einen Senatsbeschluss des Jahres 97 v.u.Z. abgeschafft. Vorher hat es dort Menschenopfer gegeben – Voltaire erwähnt es in La Philosophie de l’histoire: „Denn während man sonst beim Gottesdienst keine wilden, barbarischen Sitten kannte, sondern im Ganzen den milden griechischen Anschauungen folgte, so fühlten sich die Römer damals beim Ausbruch des Krieges (gegen die Kelten, 225 v.u.Z.) gedrungen, … zwei Griechen, Mann und Frau, und ebenso zwei Gallier auf dem sogenannten Rindermarkt lebendig zu begraben;“ (Plutarch, Marcellus 3). S. auch Schwenn, Friedrich, Die Menschenopfer bei den Griechen und Römern (1915, S. 186).

Anmerkung 13 (Seite 353 Ende des Artikels: ab der 1765 erschienenen Ausgabe des Dictionnaire Philosophique (Editionsort Varberg) fügte Voltaire hier eine achte Frage an, die ein interessantes Licht auf seine Position in Glaubensdingen wirft:

Achte Frage

Muss man nicht sorgfältig die Staatsreligion und die Religion der Theologen unterscheiden? Die des Staates fordert, dass die Imame Register der Beschnittenen führen, die Pfarrer oder Priester Register der Getauften, dass es Moscheen, Kirchen, Tempel gebe, Tage, die der Anbetung und der Ruhe gewidmet sind, durch das Gesetz festgelegte Riten; dass die Ausführenden dieser Riten Ansehen ohne Macht genießen; dass sie dem Volk die guten Sitten beibringen, und dass die Diener des Gesetzes über die Diener der Tempel wachen. Diese Staatsreligion kann zu keiner Zeit irgendwelche Zwistigkeiten hervorrufen.
Mit der Religion der Theologen ist es nicht das Gleiche; diese ist die Quelle aller Dummheiten und aller vorstellbaren Zwistigkeiten; sie ist die Mutter des Fanatismus und der Zwietracht der Bürger, das ist der Feind der menschlichen Gattung. Ein Bonze behauptet, dass Fo ein Gott ist, dass er von den Fakiren vorhergesagt wurde, dass er von einem weißen Elefanten geboren wurde, dass jeder Bonze mit ein paar Grimassen einen Fo machen kann. Ein Talapoin sagt, dass Fo ein heiliger Mann war, dessen Lehre die Bonzen verdorben haben und dass Sammonocodom der wahre Gott ist. Nach hundert Argumenten und hundert Widerrufen kamen die beiden Parteien überein, sich an den Dalai Lama zu wenden, der dreihundert Meilen von ihnen entfernt verweilt und der unsterblich und sogar unfehlbar ist. Die beiden Parteien schicken ihm eine feierliche Deputation. Der Dalai Lama beginnt nach seinem heiligen Brauch damit, ihnen die Ausbeute seines geschlitzten Stuhls [Anm. CV: Der geschlitzte Stuhl war der damals in Frankreich übliche Ausdruck für Nachttopf] auszuteilen.
Die beiden rivalisierenden Sekten erhalten ihn zunächst mit dem gleichem Respekt, lassen ihn in der Sonne trocknen, und fügen ihn zu kleinen Rosenkränzen zusammen, die sie andachtsvoll küssen. Doch seit der Dalai Lama und sein Rat sich im Namen Fos ausgesprochen haben, gibt es die verurteilte Partei, die die kleinen Rosenkränze dem Vize-Gott an die Nase wirft und ihm hundert Schläge mit Steigbügelriemen geben will. Die andere Partei verteidigt ihren Lama von dem sie gutes Land erhielt; alle beide bekämpfen sich lange Zeit; und wenn sie es müde sind, sich gegenseitig zu zerstören, zu ermorden, zu vergiften, ergehen sie sich in heftigen Schmähungen; und der Dalai Lama lacht darüber und verteilt noch weiterhin den Inhalt seines geschlitzten Stuhls an jeden, der gerne die Absonderungen des guten Vaters der Lamas erhalten will.

Deutsche Erstveröffentlichung des Philosophischen Wörterbuchs: Reaktionen

Das Philosophische Taschenwörterbuch ist im September 2020 zum ersten Mal vollständig in deutscher Sprache bei Reclam erschienen. Nachfolgend d0kumentieren wir in chronologischer Reihenfolge, wie das Buch in den Medien angekommen ist:

  • Horst Delkus empfiehlt das Philosophische Taschenwörterbuch („Ein Klassiker der Aufklärung“) im Deutschen Freimaurermagazin „humanität“, Heft 3/ 2021 zur Lektüre. Das Buch sei, entstanden aus der Tradition der Freimaurer in der Zeit der Aufklärung auch noch 250 Jahren noch eine Inspiration für jeden Freimaurer. Herr Delkus hat uns freundlicherweise seine Rezension als pdf zur Verfügung gestellt: Ein Klassiker der Aufklärung (pdf)
  • Christoph Fleischmann von SWR2 lobt, dass das Philosophische Wörterbuch erstmals vollständig auf Deutsch erscheint. Er hätte sich mehr und treffsichere Kommentare gewünscht und kritisiert, dass wir für Voltaire voreingenommen sind. SWR2 Sendung Lesenswert Kritik, 25.1.2021, 15.55 Uhr und hier gibt es das Manuskript zur Sendung als ‚pdf‘ zum Herunterladen.
  • Die zu unserer großen Freude begeisterte und sehr ausführliche Rezension des bekannten Literaturkritikers Gustav Seibt erschien am 22.1.2021 in der Süddeutschen Zeitung.
  • „Empfehlenswerte sehr gute Übersetzung“ findet eine Leserin bei bücher.de
  • „Beobachtung der ungetauften Natur“ lautet der Untertitel zur Besprechung in der Online Ausgabe des Luxemburgischen Zeitung ‚Tageblatt“ vom 13.12.2020. Leider ist der Artikel nur kostenpflichtig lesbar.
  • Ein Klassiker, der in der Neuübersetzung „keinen Tag gealtert ist“, titelt buchmarkt.de am 20.11.2020, allerdings ohne eine eigene Besprechung zu liefern, es ist nur eine Notiz mit  Bezug auf die FAZ-Notiz.
  • www.perlentaucher.de berichtet über die Notiz in der FAZ (19.11.2020) und merkt an: „Zur Anlage des Bandes (Rainer Bauer) und zur Übersetzung (Angelika Oppenheimer) äußert sich der Rezensent leider nicht“.
  • „Zum ersten Mal vollständig auf Deutsch“, eine Notiz im Rahmen einer anderen Buchbesprechung im Feuilleton der FAZ von Friedrich Vollhardt (19.11.2020).
  • „Erstmals auf Deutsch“, der Kommentar bei Amazon ist eine ausführliche und sehr positive Besprechung von Dr. W. Fuchs zu dem Buch und seinem Inhalt. Er hebt positiv hervor, dass man kein Philosoph sein muss, um das Buch zu verstehen (19.11.2020).
  • „Klugheit, Skepsis und Ironie im Dienst von bitterer Kritik“ Eine sehr positive Kritik mit ausführlicher Würdigung des Philosophischen Wörterbuchs, der Übersetzung und der Anlage des Buchs von Martin Lowsky auf www.literaturkritik.de (10.11.2020). .
  • „Gegen Fanatismus hilft nur die Aufklärung“ Interview zur Aktualität Voltaires und des Philosophischen Wörterbuchs von Rüdiger Göbel mit dem Herausgeber Rainer Bauer auf www.nachdenkseiten.de (1.11.2020).

Dictionnaire portatif oder Dictionnaire philosophique 1764

Das philosophische Wörterbuch ist Voltaires Kampfansage an die christliche Religion und ihre Kirche, es ist die Schrift, in der man Voltaires lebendige Art zu denken am direktesten erleben kann. 

Philosophisches Taschenwörterbuch
Umschlagseite der Reclamausgabe (2020).

Stets die Fragestellung auf Beobachtung und unmittelbare Erfahrung beziehend, daraus zu erfrischend moralinfreien Schlussfolgerungen kommend und wo es geht, die herrschende Ideologie demaskierend, sind viele Artikel des philosophischen Wörterbuches noch so aktuell wie vor 250 Jahren: über die Liebe, die Schönheit, den Fanatismus, die Toleranz, die Eigenliebe und zahlreiche andere Themen. Das Buch wurde noch im Erscheinungsjahr in Genf und am 19.3.1765 in Paris verbrannt.
Wir haben die Erstausgabe, erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt, bei Reclam 2020 herausgegeben. Zu den Artikeln dieser Ausgabe bieten wir hier (siehe Tabelle) ergänzende Informationen. Außerdem haben wir damit begonnen, zu ausgewählten Artikeln ein Diskussionsforum unter www.traumdenken.de aufzubauen.

Inhalt des Dictionnaire portatif von 1764.

Bei hellgelb hinterlegten Stichwörtern kann man sich eine Inhaltsangabe und den französischen Originaltext anzeigen lassen. Bei hellrot hinterlegten Stichwörtern bieten wir zusätzlich ausführliche Kommentare zur Reclamausgabe von 2020 (deutsche Ausgabe) an. Falls es zu dem Artikel auch noch ein Diskussionsforum gibt, ist der Hintergrund hellgrün:

A B C D G L S
Abraham Baptême (Taufe) Caractère (Charakter) Destin (Schicksal) Gloire (Ehre) Luxe (Luxus) Salomon
Âme (Seele) Beau, beauté (Schönheit) Catéchisme chinois (Chinesischer Katechismus) Dieu (Gott) Grâce (Gnade) M Songes (Traumbild)
Amitié
(Freundschaft)
Bêtes (Tiere) Catéchisme du curé (Katechismus des Landpfarrers) Guerre (Krieg) Matière (Materie) Superstition (Aberglaube)
Amour (Liebe) Bien,souverain bien (das absolut
Gute)
Catéchisme du japonais (Katechismus des Japaners)

E

H

Méchant (Böse)

T

Amour nommé socratique
(Sokratische Liebe, Homosexualität)

Bien, tout est bien (Alles ist
gut)
Certain, certitude (Gewißheit) Égalité (Gleichheit) Histoire de rois juifs (Geschichte der jüdischen Könige) Messie (Messias) Tolérance
Amour propre (Eigenliebe) Bornes de l’esprit humain
(Grenzen des menschlichen Geistes)
Chaines des êtres crées (Kette der geschaffenen Lebewesen) Enfer (Hölle)

I

Métamorphose, Métempsychose (Verwandlung, Seelenwanderung) Tirannie
(Tyrannei)
Ange (Engel)   Chaines des événements (Kette der Ereignisse)

États, Gouvernements (Staatsformen)

Idole
(Götzenbild)
Miracles (Wunder)

V

Anthropohages (Menschenfresser)   De la Chine
(Über China)
D’Ézéchiel (Über Hesekiel) Inondation (Überflutung) Moïse (Mose) Vertu (Tugend)
Apis und Ägypten   Christianisme

F

J

P

 
Apocalypse   Ciel des anciens
(Der Himmel in der Antike)
Fables (Fabeln) Jephté (Jephta) Patrie (Vaterland)  
Athée, athéisme (Atheismus)   Circoncision (Beschneidung) Fanatisme Joseph Pierre (Petrus)  
    Convulsions (Zuckungen) Faussetés des vertus humaines
(Die Falschheit der menschlichen Tugenden)
L Préjugés (Vorurteile)  
    Corps (Körper)
Fin, causes finales
(Zweckursachen)
De la Liberté (Über die Freiheit)

R

 
    Critique (Kritik) Folie (Verücktheit) Des Lois (Über die Gesetze) Religion  
      Fraude (Betrug) Lois civiles et ecclésiastiques
(Zivile und kirchliche Gesetze)
Résurrection (Auferstehung)  

Auf Deutsch erschienen (Auswahl):
o Voltaires politische Ideen aus seinen Werken gezogen. Ein Lesebuch für die Bedürfnisse unserer Zeit und Auszüge aus Rousseau von von Christian August Fischer, Leipzig Halle: Reinicke 1793, 132 S. (BV-200300)
o Philosophische Aufsätze, übersetzt von Axel Winckler, Leipzig: Bibliographisches Institut,1890, 112 S. (BV-200309)
o Handbuch der Vernunft, Zusammengestellt von Laurenz Wiedner, Nachwort von Prof. J.R. von Salis, Zürich : Pegasus Verlag Gregor Müller, 1945, 166 S. (BV-200589)
o Abbé, Beichtkind Cartesianer, Philosophisches Wörterbuch, herausgegeben von Rudolf Noack, übersetzt von Erich Salewski, Leipzig 1964 (Philipp Reclam junior). (BV-200523)
o Aus dem Philosophischen Wörterbuch, herausgegeben und eingeleitet von Karlheinz Stierle, Anhang: Nachricht vom Tod des Chevalier de la Barre, Frankfurt/Main: Insel 1967 (BV-200799)
o 16 Artikel aus dem phil. Taschenwörterbuch, zweisprachig, Auswahl, Übersetzung und Nachwort von Ulrich Friedrich Müller, München: dtv 1973,111 S. (BV-200800)
o 20 Artikel aus dem phil. Taschenwörterbuch, zweisprachig, Auswahl, Übersetzung und Nachwort von Ulrich Friedrich Müller, München: dtv 1985 (BV-201016)
o Philosophisches Taschenwörterbuch, Nach der Erstausgabe von 1764 übersetzt von Angelika Oppenheimer, Nachwort von L.Moland, Hrsgg. V. Rainer Bauer, Ditzingen: Philipp Reclam jun., 2020, 444 S. (BV-201208)

Weitere Angaben in der Bibliothek Voltaire Suchmaschine, dort bei ‚Kurztitel (dt)‘ ‚Philosophisches Wörterbuch‘ auswählen. 

Amour – Liebe (Kommentare)

Hintergrund:
Der Artikel ist ein Meisterstück Voltaires: Ohne das Christentum auch nur zu erwähnen, grenzt er sich vom ersten bis zum letzten Satz von diesem ab. Will man über die Liebe sprechen, muss man sich zunächst mit der ‚Amour physique“, mit den physischen, physikalischen, körperlichen Gegebenheiten der Liebe, also der Sexualität befassen. Kein Hauch von der ‚platonischen Liebe’, wie sie in das Christentum einging und dort zur höchsten Gottesliebe verfeinert (’sublimiert’) herauskam. Auch die Geschlechtskrankheiten, von der Kirche so oft als ‚Strafe Gottes’ willkommen geheißen, sprechen für Voltaire eher für einen Konstruktionsfehler in dieser besten aller möglichen Welten.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (Seite 30, „Die Liebe brächte noch ein Land von Atheisten dahin, das Göttliche anzubeten“.): Voltaire zitiert mit dem Grafen von Rochester (1647 – 1680) eine sehr umstrittene Persönlichkeit des 17. Jahrhunderts. John Wilmot, Graf von Rochester, war hochtalentierter Poet, Autor zahlreicher erotischer Gedichte und einflussreicher Vertrauter von Charles II. Er starb wahrscheinlich an der Syphilis. Seine Biographie ist in einem Film von J. Malkovitch zu sehen (The Libertine). Das Zitat Voltaires geht auf das Gedicht: „A letter from Artemesia in the town to Chloe in the country“ zurück und lautet im Original: Love, the most generous passion of the mind,
The softest refuge innocence can find,
The safe director of unguided youth,
Fraught with kind wishes, and secured by truth;
That cordial drop heaven in our cup has thrown
To make the nauseous draught of life go down;
On which one only blessing; God might raise
In lands of atheists, subsidies of praise,
For none did e’er so dull and stupid prove
But felt a god, and blessed his power in love –
This only joy for which poor we were made
Is grown, like play, to be an arrant trade
nach: http://www.ealasaid.com/fan/rochester/main.html

Anmerkung 2 (S. 31, 2. Absatz: Phryne, Lais, Flora, Messalina):
Syphillis ist gerade keine ‚Gottestrafe‘, sonst hätte sie die vier genannten für ihren ausschweifenden Lebenswandel die Krankheit ja unbedingt befallen:


Phryne, berühmte griechische Prostituierte (Hetäre), aus Thespiä gebürtig, hieß eigentlich Mnesarete und erhielt den Namen Phryne („Kröte“) wegen ihrer Blässe; sie war erst eine arme Kapernhändlerin, gelangte dann aber in Athen, wo sie ihre Reize feilbot, zu außerordentliche Reichtum, so daß sie anbieten konnte, die Mauern Thebens auf eigne Kosten wieder aufzubauen, wenn die Thebaner die Inschrift darauf setzten: „Alexander hat sie zerstört, die Hetäre P. wieder aufgebaut“. Ihrem Reiz konnte angeblich niemand widerstehen. Als Phryne wegen Gottlosigkeit vor Gericht gezogen wurde, enthüllte ihr Verteidiger Hypereides ihren schönen Busen und das beeindruckte die Richter dermaßen, daß sie nicht anders konnten, als Phryne freizusprechen.

Lais, Name zweier wegen ihrer Schönheit bewunderter griechischer Hetären, von denen die ältere, aus Korinth, zur Zeit des Peloponnesischen Kriegs lebte und die Vornehmsten und Reichsten des Staats, sogar Philosophen, wie Aristippos und den Cyniker Diogenes, bezaubert haben soll. Die jüngere L., Tochter der Timandra, der treuen Gefährtin des Alkibiades, geboren zu Hykkara in Sizilien, kam in einem Alter von sieben Jahren nach Korinth, der Sage. nach als Kriegsgefangene. Der Maler Apelles soll sie zur Hetäre herangebildet haben. Später folgte sie einem Hippostratos nach Thessalien, wo sie von Frauen im Heiligtum der Aphrodite gesteinigt worden sein soll.

Flora, die ludi Florales, dieser Göttin der Blumen zu Ehren gefeiert, waren ein fröhliches Fest (28.April – 1.Mai) mit Mimen und lasziven Spielen, bei dem sich die Schauspielerinnen am Ende der Darbietungen entkleideten.

Messalina (25 – 48) heiratete im Alter von 15 Jahren Claudius, der damals bereits 50 Jahre zählte und war eine der begehrtesten Frauen ihrer Zeit. Als sie nach Claudius Krönung im Jahre 41 Kaiserin geworden war, stand der Erfüllung all ihrer zahlreich vorhandenen Begierden nichts mehr im Wege. Und sie strebte danach, nicht eine davon unbefriedigt zu lassen…. (Lit Tacitus TACITE, Annalen, XI, 12, 26-27, 31-32, 37-38 Erich Heller, hrsg. P.C.Tacitus, Annalen, (Sammlung Tusculum), WBG Darmstadt 1982). Siehe zu ihrem Lebenswandel unsere Messalinaseite.

Anmerkung 3 (Seite 31, unten: Francois 1er): Francois I. soll sich die Syphillis von einer Geliebten zugezogen haben, deren Mann, um sich an ihm zu rächen, extra , mit dem Ziel, sich dort anzustecken, Pariser Bordelle besucht haben soll. Er infizierte dann seine Frau, die wiederum den König ansteckte (nach Bayle Dictionnaire, Francois I).

Amour propre – Eigenliebe (Kommentare)

Hintergrund:
Wie könnte das Christentum die Eigenliebe positiv sehen, wenn es jahrhundertlang den Hass auf die Sexualität predigte, die ihm immer ein Teufelswerk war? Wer könnte die Devise befolgen „Liebe Deinen Nächsten wie die Dich selbst“, wenn ihm sein Körper als satanischer Gegner, als Territorium der Angst erscheint? Wem wäre es möglich, sich selbst zu lieben, ohne die Sexualität dabei einzubeziehen? Konsequent und ehrlich, wie er war, lehnte Blaise Pascal, der große Theoretiker des im 18. Jahrhundert einflussreichen Jansenismus, die Eigenliebe komplett ab. Sie führe unweigerlich dazu, dass man seine Unvollkommenheit, seine Laster und Fehler erkenne und dann, durch Eigenliebe zur Heuchelei getrieben, den Schein der Vollkommenheit aufrechtzuerhalten versuche. Aus der Erkenntnis der eigenen Mängel resultiere Selbsthass und Selbstverleugnung: „Der Mensch ist also nichts als Verstellung, Lüge und Heuchelei, sowohl in sich selbst als gegen die anderen“ (Pascal, Gedanken über die Religion…, I. 5, Eitelkeit, Eigenliebe). Ein wahrhaft philosophischer Gedanke!
Voltaire dagegen bekennt sich zu einer Eigenliebe, die für die Genüsse und Freuden des Lebens und sogar für das gute Funktionieren der Gesellschaft die Grundlage darstellt (siehe auch Philosophische Briefe, 25.XI, Bemerkungen über Pascal). Erstaunlich ist, wie Voltaire, Jahrhunderte vor der Psychoanalyse, völlig selbstverständlich erklärt, dass der Kern der Eigenliebe die Sexualität ist, die man genauso wie diese liebt, jedoch verstecken muss.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (Seite 36, 1. Absatz, „Ein Missionar reiste durch Indien und traf auf einen Fakir“): Voltaire baute die Geschichte in seine kleinen Erzählung: „Lettre d’un Turc sur les fakirs (1750)“ (dt. Bababek und die Fakire, in: Sämtliche Romane, übersetzt v. Ilse Lehmann) ein. Auch dort setzt der Fakir auf eine Entschädigung für seine Leiden im Himmel. Es sei daran erinnert, dass die Selbstgeißelung bei den Jesuiten gängige Praxis war. Der erotische Roman Therèse philosophe des Marquis d’Argens, in dessen Haus Voltaire in Potsdam (dem Marquisat) 1751 eine zeitlang lebte, stellte die Verbindung zwischen der Flagellation und der masochistischen Lustbefriedigung, einer sehr irdischen Entschädigung also, explizit her. In Voltaires Erzählung befriedigt den Fakir stattdessen die öffentliche Anerkennung. Was sind Viele bereit zu erdulden, um solcher Belohnungen willen!

Anmerkung 2 (S. 36, 2. Absatz, „Die Eigenliebe ist die Grundlage all unserer Empfindungen und Handlungen“):
An dieser Stelle weist die Voltaire Foundation, Oxford, darauf hin, dass das 18. Jahrhundert mit Voltaire an erster Stelle (und beginnend mit Pope’s Essay on man) die Eigenliebe rehabilitierte. Gegenüber welcher Tradition die Eigenliebe rehabilitiert werden musste, sagen die Voltaire-Spezialisten – wie an vielen anderen Stellen – leider nicht.

Amour socratique – Sokratische Liebe (Homosexualität) – Kommentare

Hintergrund:
‚Sokratische‘ Liebe heißt die Homosexualität hier, weil es Sokrates war, der nach Platon in seiner Unterhaltung mit dem jungen Phaidros die Liebe zu diesem rechtfertigt und ebenso in ‚Das Bankett‘ seine Zuneigung zu Alkibiades.
Im 18. Jahrhundert war Homosexualität, noch ganz unter der Fuchtel des Christentums, ein Kapitalverbrechen und wurde, Gott zu gefallen, mit dem Tode bestraft. Jeffry Merrick (Sodomites, Pederasts, and tribades in eigtheen-century France, Pensylvania 2019) schreibt dazu: „In Frankreich, wie in anderen Ländern, reglementierten Kirche und Staat die Sexualität und kriminalisierten nichtfortpflanzungsbezogenen Praktiken – Masturbation, Oral- und Analverkehr innerhalb der Ehe, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Verkehr mit Tieren“. Hier zwei Beispielprozesse, die größere Bekanntheit erlangten:
o 1726 entzog sich Nattier, ein französischer Maler, der drohenden Verbrennung wegen Homosexualität, indem er den Freitod wählte; während Benjamin Deschauffours, ebenfalls verurteilt, wirklich auf dem Scheiterhaufen endete (wobei die Anklage Kinderhandel und –schänderei beinhaltete).
o 1750 wurden Jean Diot und Bron Lenoir im letzten Todesurteil wegen Homosexualität in Frankreich auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Wenn Voltaire die Homosexualität auch nicht verteidigte und den Missbrauch von Minderjährigen (die Knabenliebe) verurteilte, war es im Jahr 1725 doch vor allem seinem Engagement zu verdanken, dass ein gewisser Abbé Desfontaines, ein Schriftsteller, den man wegen Homosexualität im Bicêtre, einem ‚Spezialgefängnis für Homosexuelle’, inhaftierte, ohne weitere Folgen aus dem Gefängnis entlassen wurde. In folgenden Werken Voltaires kommen homosexuelle Handlungen vor:
o in Candide, wo Kunegundes Bruder von Bulgaren (d.i.: Preussen) vergewaltigt wird und dann von Jesuiten missbraucht,
o in seiner biographischen Schrift, wo er Friedrich II den Mißbrauch der ihm untergebenen jungen Soldaten anlastet.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (Seite 32, letzter Absatz: „Oft gleicht ein Knabe mit der Frische seines Teints….einem schönen Mädchen. …und wenn mit dem Alter diese Ähnlichkeit verschwunden ist, hat der Fehlgriff ein Ende.“): Sokrates sagt bei Platon das Gegenteil, die Knabenliebe sei die erste Stufe zur Erkenntnis des wahrhaft Schönen, Göttlichen, Sittlichen (Symposium, Die Rede des Sokrates, 209 e 5 ff).

Anmerkung 2 (Seite 34, 1. Absatz Plutarch, Dialog über die Liebe):
Im Kapitel 4 sagt Protogenius: „So ist der einzige echtbürtige Eros der Knaben-Eros“ und der weibliche Eros ist „ein Bastard, der gleichsam einem niederen Stand gehört“. Ihm erwidert Daphnaios, dass die Knabenliebe keinesfalls so rein sei, wie Protogenius behaupte, „Philosophie und Selbstzucht zu pflegen – nach außen, um der guten Sitten willen, aber nachts dann, in aller Stille, erntet er süße Früchte, wenn der Wächter ist fern.“ Und umgekehrt verteidigt er den „ehelichen Eros, der dabei mitwirkt, dem sterblichen Geschlecht Unsterblichkeit zu verleihen“.

Anmerkung 3 (Seite 34, 2. Absatz, „Sextus Empiricus [behauptet], die Knabenliebe sei von den Gesetzen Persiens empfohlen worden“):
Voltaire überspitzt die Aussage. Im Grundriss der pyrrhonischen Skepsis, I,152. Dort sagt Sextus Empiricus nur, dass bei den Persern die Männerliebe Sitte ist.

Anmerkung 4 (Seite 35, 2. Absatz, „Kaiser Phillipus ..hat alle kleinen Jungen, die diesem Metier nachgingen [Lustknaben], aus Rom verjagt“):
Die Information stammt von Aelius Lampridius Alexandri Severi vita (dt. Die Kaisergeschichte der sechs Schriftsteller Aelius Spartianus, Julius Capitolinus, Aelius Lampridius, Vulcatius Gallicanus, Trebellius Pollio, Flavius Vopiscu). Dort schreibt er, dass Alexander Severus (208 – 235) alles mögliche tat, um die sexuellen Ausschweifungen in Rom in den Griff zu bekommen. Zum Beispiel ließ er die Gelder, die von den Lustknaben als Abgabe zu zahlen waren, öffentlichen Einrichtungen zukommen. Erst Phillipus Arabs (204 – 249) verbot die Lustknaben ganz, was aber dazu führte, so Aelius, dass sich das Laster ins Private verlagerte.

Vertu – Tugend (Kommentare)

Hintergund:
Die Beschäftigung mit der Frage, was Tugend oder tugendhaftes Leben sei, war zur Zeit Voltaires noch sehr stark von der kirchlich theologischen Tugendlehre durchdrungen, die jahrhunderte lang gepredigt und in die Köpfe gehämmert worden war. Die Werke der christlichen Tugendlehre würden meterlange Buchregale füllen, angeführt von Thomas von Aquin (1225-1274), der die christliche Tugendlehre in ein System goss. Auf diese bezieht sich Voltaire, ihren außerweltlichen Tugenden ‚Glaube an Gott, Hoffnung auf Gott, Liebe zu Gott’ setzt er die weltliche Wohltätigkeit entgegen, ein ganz und gar diesseitiger, gesellschaftlicher Begriff, den die große französische Revolution mit ‚fraternité’, ‚Brüderlichkeit’ übersetzte und den wir heute vielleicht am ehesten in den Begriffen ‚Hilfsbereitschaft, Solidarität’ wiederfinden. Aus dem Sprachgebrauch ist der Begriff ‚Tugend’ im Verlauf des 20. Jahrhunderts mit dem Niedergang des religiösen Einflusses fast vollständig verschwunden. Voltaire und seinen Mitstreitern, die ganz am Anfang dieser Entwicklung standen, haben wir es zu verdanken, dass das Individuum und sein Glücksanspruch, wohl eingebettet in die Gesellschaft, vom religiösen Jenseitsversprechen befreit wurde. Sein Artikel Vertu ist dafür ein erstrangiges Zeugnis und entsprechend heftig waren die Reaktionen seiner Gegner (s.u., Anm 4).

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020)):

Anmerkung 1 (Seite 377 unten: „Dass die Nächstenliebe schwerer wiegt als Glaube und Hoffnung..“):
In einem Brief (13.Februar.1768) an den Grafen Adam Lewenhaupt, einem in Frankreich dienenden Militär aus dem alten schwedischen Adelsgeschlecht der von Lewenhaupt, schreibt Voltaire: „Ich werde mit den drei theologischen Kardinaltugenden sterben, die mich trösten: Den Glauben den ich an die menschliche Vernunft habe, die beginnt, sich in der Welt zu entwickeln; die Hoffnung, dass geschickte und weise Minister endlich gleichermaßen lächerliche wie gefährliche Gewohnheiten zerstören; und die Mildtätigkeit (d.i. die Caritas), die mich über das Los meines Nächsten seufzen macht, seine Ketten beklagen und seine Befreiung erhoffen läßt“. Die Stelle zeigt sehr deutlich, wie Voltaire die christlichen Tugenden Glaube-Hoffnung- Liebe umdreht um sie ‚vom Kopf auf die Füße zu stellen’.
Warum damals ein schwedischer Adliger in französischen Diensten stand und wie damals wie heute imperialistische Politik funktionierte, kann, wer Französisch versteht, in der Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialgeschichte nachlesen.

Anmerkung 2 (Seite 378, Ergänzung zu Fußnote a, „Der heilige Bruno“):
Der heilige Bruno (1030 in Köln – 1101 in Kalabrien) gründete 1084 mit 6 seiner Begleiter den Karthäuserorden, der seine Mitglieder – extrem asketisch -, zum Fasten, Schweigen, zum Gebet und zur Einsamkeit verpflichtete. Sein Leichnam soll zahlreiche Wunder bewirkt haben, weshalb man ihn als Heiligen verehrte. Da er am 6.Oktober verstorben ist, sagt die Bauernregel: „Sankt Bruno, der Kartäuser, lässt Fliegen in die Häuser“.

Anmerkung 3 (Seite 378, 2. Absatz, „..an jedem Tag tugenhaft waren“):
Nonnotte, ein kaltholischer Theologe, der mehrere Bücher zur Bekämpfung Voltaires verfasste, schrieb in seinem Dictionnaire philosophique de la religion zu Voltaires Aussage über Nero und Alexander VI (wobei er wohlüberlegt den Papst nicht erwähnte): „Wie soll man einen Philosophen ansehen, der derartige Prinzipien aufstellt? Wie einen alten Verrückten.“

Anmerkung 4 (Seite 379, 2. Absatz, „Mein Gott, gib uns oft solche Schelme!“)
Vor allem dieser Artikel des philosophischen Wörterbuchs erregte bei Voltaires Gegnern größte Entrüstung. Gerade der letzte Satz zeige seine Niedertracht (Rochefort); zur Wohltätigkeit müsse der Gottesglaube kommen, sonst sei sie wertlos, giftete Chaudon, Paulian hetzte: „In dem Artikel Vertu hat der Autor des Dictionnaire die größten Niederträchtigkeiten verbreitet“. Der unsägliche Nonnotte kopierte den ganzen Artikel und verfasste eine Gegenschrift. Darin denunziert er die Tugend der Wohltätigkeit, in dem er sie mit einer Prostituierten vergleicht, die den einen ihre Wohltaten verleihe, und den anderen ihre Bedürfnisse befriedige.

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Vertu – Tugend (Inhaltsangabe)

 




Tugend ist Wohltätigkeit gegenüber dem Nächsten. Die in theologischen Katalogen aufgeführten Tugenden braucht man nicht, deren Kardinaltugenden ebenso wenig.
Für uns ist nur „wirklich gut, was zum Wohl der Gesellschaft beiträgt“. Kann dann ein Einssiedler tugendhaft sein? Nein, nicht so lange er in der Einsamkeit für sich lebt.

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Superstition – Aberglaube (Inhaltsangabe)

 




Aberglaube ist alles, was über die Anbetung eines höchsten Wesens und eine von Innen kommende Bereitschaft, die ‚ewigen Gebote’ zu befolgen, hinausgeht. Insbesondere verwerflich ist:
o die Vergebung von Verbrechen durch Priester im Namen Gottes,
o die Erhebung von Menschen zu Göttern,
o Kulte für untätige, schmutzige Bettler zu stiften.

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Salomon (Inhaltsangabe)

 




Der Artikel ist eine Kritik jener Bücher der Bibel, die Salomon zugeschrieben werden. Es geht einmal, wie immer bei Voltaire, um die Glaubhaftigkeit der Erzählung als historisches Dokument. Kann es sein, dass Salomon so sagenhaft reich war (dass er tausend Frauen, hunderttausende Pferde und Kutschen und mehr Geld hatte, als es damals auf der ganzen Welt gab)? Kann Salomon überhaupt der Verfasser eines Textes gewesen sein, der so in sexuellen Phantasien schwelgt? Man hat auch behauptet, das Hohelied sei eine Allegorie auf die Hochzeit von Jesus mit der Kirche. Aber was bedeutet dann der Lobgesang auf die Schönheit der Tochter und welche Rolle spielen die (noch nicht vorhandenen) Brüste der kleinen Schwester, auf die man bauen solle?