Philosophisches Taschenwörterbuch:
Baptême – Taufe (Kommentare)

Die Taufe steht in der Reihe der sieben Sakramente am Anfang, soll sie doch die Tür zur Aufnahme in die christliche Gemeinde darstellen. Nicht erstaunlich, dass Voltaire sich diesem Thema widmete. Er war schon zu seiner Zeit im englischen Exil (1726-1728) in Kontakt mit Mitgliedern der Londoner Quäkergemeinde gekommen und berichtet über deren Ablehnung der Taufe, da sie ja Christen und keine Juden seien, im ersten seiner Englischen Briefe („Mein lieber Herr, sagte ich, sind Sie getauft?“)
Dass es sieben Sakramente gibt (Taufe, Firmung, Abendmahl, Buße, Krankensalbung, Weihe und Ehe), ist seit dem 16. Jhdt., dem Konzil von Trient in der katholischen Glaubenslehre fest eingemeisselt. Die Taufe ist nicht nur eine Aufnahme, durch sie soll auch die Erbschuld getilgt werden, die Adam durch sein Apfelessen auf die ganze menschliche Gattung geladen hat.
Die Aufnahme von Kindern in die Religionsgemeinschaft, bevor diese überhaupt selbständig denken können, war der Aufklärung ein Gräuel und wurde – wie andere Initiationsriten auch – eher als ein Gewaltakt denn als eine Gnade aufgefasst. Das Konstrukt der Erbschuld/Erbsünde wurde als Instrument der katholischen Kirche gesehen, mit der die Infame versuchte, ihren Schäflein irrationale Angst und Schuldgefühle einzuflößen, so etwa ironisch Rousseau (Mémoire à M. de Mably): „[Die Erbsünde] für die wir sehr gerecht für Fehler bestraft werden, die wir nie begangen haben“ und ablehnend (Lettre à Christophe de Beaumont): „Das Grundprinzip aller Moral […] ist, dass der Mensch ein von Natur aus gutes Wesen ist; dass es keine ursprüngliche Perversität im menschlichen Herzen gibt“. In der Ausgabe des Philosophischen Wörterbuchs von 1767 fügte Voltaire einen extra Artikel zur Erbsünde („péché originel“) hinzu. Darin beschreibt er die Eiertänze der christlichen Kirchen bei der Einführung und Begründung ihrer Erbsündenerzählung. Er hütete sich, diese zu kritisch zu bewerten und beschränkte sich darauf, wie bei dem vorliegenden Artikel Baptême auch, das groteske Wirrwarr von sich widersprechenden Regeln, in das sich die Theologen verwickeln, darzustellen.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (Seite 690 „Johannes taufte im Jordan“.): Johannes der Täufer predigte die „Taufe aus Reue“ zur Vergebung der Sünden und tauft im Jordan (Markus, I, 4-5, ebenso Matthäus III, 6; Lukas III, 3). Er taufte Jesus (Matthäus III, 13-15; Markus, I, 9; Lukas III, 21). Ohne jemals selbst zu taufen, empfiehlt Jesus seinen Jüngern, „im Namen des Vater, des Sohnes und des heiligen Geistes“ zu taufen (Matthäus XXVIII, 19; Markus, XVI, 15-16).

Anmerkung 2 (S. 61, 2,Absatz, Kaiser Konstantin, den Taufe von allem reinigte): Kontantin war der Mörder seines Schwiegervaters Maximinian, seines Schwiegersohnes Licinius, seines ältesten Sohnes Cris-pus, seiner Frau Fausta.

Anmerkung 3 (S61, „Man befragte den heiligen Cyprian“): Thascius Caecilius C., Rhetor in Karthago, wurde 246 Christ, 248 Bischof. Während der Verfolgung durch Decius 250 leitete er die Gemeinde von einem Versteck aus. Er starb 258 unter Valerianus I. den Märtyrertod.

Anmerkung 4 (S. 62 Mitte: „Waren jene, die in der ersten Woche starben, verdammt“):Dies bezieht sich auf Augustinus, der die ungetauften Kinder wegen der Erbsünde in die Hölle kommen ließ (Briefe, 215).

Anmerkung 5 (S. 62 Mitte, der Limbus, eine Art Vorhölle): 2005 entschied eine vatikanische Kommission, dass die Seelen nicht getaufter, gestorbener kleiner Kinder doch direkt in das Paradies kommen.

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Athée, Athéisme – Atheist, Atheismus (Kommentare)

Hintergrund:
Wer im 18. Jahrhundert die Meinung vertrat, dass es keinen Gott gäbe, zog dadurch nicht nur die Existenzberechtigung der Kirche in Zweifel, sondern auch die Legitimität des Königs, der Monarchie, die ihre Macht direkt ‚von oben‘ erhalten zu haben behauptete. Die Kirche verbreitete diese Erzählung gerne, um so mehr, als ihr im Gegenzug wertvolle Vorteile (Steuerbefreiung) und Pfründe, Staatsposten zuflossen. Jeder, den Kirche und Monarchie des Atheismus beschuldigten, war gefährdet, jeder, der offen atheistische Positionen vertrat, war in Lebensgefahr. Diderot wurde wegen Atheismusverdacht drei Monate ins Gefängnis geworfen, dem Chevalier de la Barre wegen Atheismus – man wagt es kaum zu glauben – die Zunge herausgeschnitten und hat ihn anschließend öffentlich verbrannt und mit ihm Voltaires Dictionnaire philosophique portatif, das der junge de la Barre besessen hatte. Erst die Französische Revolution machte mit der Adels- und Klerusherrschaft endgültig Schluss.
Die erste offen atheistische Schrift der Neuzeit, Jean Mesliers Testament, konnte ab 1729 nur als Manuskript zirkulieren und wurde erstmals 1762 von Voltaire in einem entschärften Auszug: Extraits des sentiments de Jean Meslier publiziert. Ganz aufgeweckte Geister unserer Tage wollen ihm daraus einen Vorwurf machen, dass er nur eine entschärfte Kurzversion zu veröffentlichen wagte. Das aufsehenerregende Werk L’homme machine von La Mettrie erschien 1748 anonym und zwang seinen Autor trotz versuchter Geheimhaltung ins Ausland zu fliehen (er fand bei Friedrich dem Großen in Berlin Schutz) und des Baron d’Holbachs Système de la Nature, auf La Mettrie aufbauend, konnte 1770 nur anonym erscheinen. Da man den anonymen Autor dem Kreis der Philosophen zuordnete, sah sich Voltaire gezwungen sich mit seiner Réponse au système de la nature umgehend davon zu distanzieren. Über diese Zusammenhänge informiert unterhaltsam und noch immer aktuell Fritz Mauthner in seiner Geschichte des Atheismus (S.63 ff).
Es ist eindeutig, dass Voltaire in den offen atheistischen Schriften eine große Gefahr für sich selbst und für die Sache der Aufklärung überhaupt sah. In seinem Aufsatz zum Thema Voltaire contre le Système de la nature (Cahiers Voltaire 20, 2021, S. 9 – 38) zeigt Gerhardt Stenger (Université Nantes) jedoch anhand der Anmerkungen, die Voltaire in seinem Exemplar von d’Holbachs Système de la Nature notiert hat, dass seine öffentliche Kritik eindeutig taktisch und nur in sehr geringem Maß Ausdruck seiner eigenen Meinung war (das persönliche Exemplar Voltaires ist in der Bibliothek von St. Petersburg – Katharian der Großen sei Dank – bis heute erhalten geblieben).
Die Aufnahme eines Artikels Atheismus in das Philosophische Taschenwörterbuch war vor diesem Hintergrund ein Wagnis. denn natürlich stürzten sich alle Schnüffler und Denunzianten darauf, um Voltaire daraus einen Strick zu drehen. Der aber nutzte die Gelegenheit, um genau sie, die fanatischen Verfolger und Meuchelmörder, an den Pranger zu stellen. Dass er sich das trauen konnte, lag an seiner ökonomischen Unabhängigkeit und an der Lage seines Wohnsitzes Ferney: Im Notfall hätte er über die Schweizer Grenze ins preußische Neuendorf entkommen können.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S.49 Mitte „[Aristophanes] würden wir nicht erlauben, seine Farcen auf dem Jahrmarkt von Saint Laurent aufzuführen“: Im Osten von Paris wurde seit Mitte des 15. Jhdts. von August bis September der große Jahrmarkt von St. Laurent abgehalten mit vielen Gauklern, Bänkelsängern, Theaterleuten.

Anmerkung 2 (S.50 Mitte „Die Römer haben keinen einzigen Philosophen wegen seiner Ansichten verfolgt“: Die Aussage Voltaires bezieht sich auf religiöse Ansichten. Dazu er bereits in seinem sein Werk Traité sur la Tolérance ein Kapitel verfasst: Waren die Römer tolerant?

Anmerkung 3 (S.50 Mitte „Sowie Kaiser Friedrich Streit mit dem Papst hat, bezichtigt man ihn Atheist zu sein…): ‚Atheist‘ war der Kampfbegriff der Kirche gegen Oppositionelle. Den Kampf Friedrich II. gegen den Papst schildert Voltaire im 52. Kapitel seines Essai sur les moeurs (Über den Geist und die Sitten der Nationen).

Anmerkung 4 (S.50 Mitte [Kaiser Friedrich II und Petrus de Vinea]): Im Jahr 1239 exkommunizierte Papst Gregor IX Kaiser Friedrich. Voltaire beschreibt die Auseinandersetzung in seinen Annales de l’Empire; Petrus de Vinea wurde als Berater, Schreiber., Sekretär von Friedrich II hochgeschätzt, dann aber grausam bestraft. Wie es zu dem Zerwürfnis kam, rekonstruiert Kantorowicz in seiner monumentalen Friedrich Biographie

Anmerkung 5 (S.47 Das Konzil von Laodikeia 360 zählte die Apokalypse nicht zu den kanonischen Schriften): Laodikeia ist eine antike Stadt in Phrygien, 6 km nördlich des heutigen Denizli (Türkei) und 10 km südlich von Hierapolis, am Fluss Lykos (heute Çürüksu cayi), einem Nebenfluss des Mäander, gelegen. Es gab dort eine frühe christliche Gemeinde. Die Stadt gehörte zu den sieben von Johannes in der Offenbarung genannten. Erst durch das dritte Konzil von Karthago 397 wurde die Apokalypse offiziell in die Reihe der kanonischen Schriften aufgenommen.

Anmerkung 6 (S.50 unten, Michel de l’Hopital und das Zitat ‚Homo ductus sed verus atheos‘ aus dem Commentarium rerum Gallicarum [Anm. Voltaires]): 1568 zog sich der ultraorthodoxe Bischof von Metz, François de Beaucaire de Péguillon (1514-1591), von seinem Amt zurück, um eine Geschichte Frankreichs der letzten hundert Jahre zu schreiben. 1625, nach dem Tod de Péguillons unter dem Titel “Rerum gallicarum commentarii“ veröffentlicht, enthält das Werk zahlreiche Zeugnisse seiner Verfolgungsbereitschaft gegen die Hugenotten (die er als Häretiker und Atheisten ansieht) und seines ausgeprägten machtpolitischen Instinkts. Ganz im Gegensatz dazu war Michel d’Hospital, oder auch Hôpital, (1505-1573) ein Mann des Ausgleichs und der Toleranz, der während seiner Kanzlerschaft dafür sorgte, dass alle Ketzerprozesse gegen Hugenotten eingestellt wurden. Zu den französischen Religionskriegen (1562 -1598) und Voltaires Sicht siehe Kap. 170 in seinem Essai sur les moeurs (Über die Sitten).

Anmerkung 7 (S 50 unten, Der Jesuit Garasse): François Garasse (1585-1631) war ein fanatischer Vertreter der katholischen Gegenreformation. Seine Gegner titulierte er mit allen möglichen Tiernamen, bevorzugt als Ungeziefer. Im Fall des Ketzerprozesses gegen Vanini war er einer der Haupteinpeitscher. Sein Name rangiert in der Galerie der größten Finsterlinge der Geschichte sicher auf einem der oberen Plätze. Seine Kampfschrift La Doctrine curieuse des beaux-esprits de ce temps ou prétendus tels (1624) wurde im Jahr 2009 tatsächlich neu aufgelegt – siehe dazu die Renzension in Le Monde vom 20. März 2009

Anmerkung 8 (S.51 oben, „Er bezeichnete Théodor de Bèze als einen Atheisten“): Zwar hat Garasse den bedeutenden calvinistischen Theologen nicht als Atheisten bezeichnet, aber als armseligen Idioten , als Dieb eines Silberlöffels, als Häretiker – aus einem einzigen Grunde: de Bèze war vom Katholizismus zum Calvinismus konvertiert und in Genf zum Stellvertreter Calvins und nach dessen Tod 1564 zu dessen Nachfolger geworden. Zur Biographie de Bèze siehe Meyers Konversationslexikon 1885-1889.

Anmerkung 9 (S.51, Vanini): Es ist vor allem Voltaire zu verdanken, dass durch die Aufnahme in das philosophische Taschenwörterbuch die Biographie und der Ketzerprozess gegen Lucilio Vanini (1585 – 1619) der Vergessenheit entrissen wurde. Er ist immer wieder auf den Fall zurückgekommen, in seinen Briefen (D923,D980,D950), in seiner Schrift Sur les contradictions du monde (1742) und im dritten Brief ‚Sur Vanini‘ seiner Lettres à S.A.Mgr. le prince de *** (1767).
Zu Vaninis Leben und Werk siehe unsere Extraseite Voltaire und Vanini.

Anmerkung 10 (S.52, dass Gott eine Kette von Wesen geschaffen hat): Die goldene Kette, die vom Himmel herab zur Erde reicht, ist ein Bild aus dem 8. Gesang der Illias, um die Allmacht Zeus‘ zu zeigen. Platon in seinem Theaitos interpretiert das Bild als Ausdruck des Umlaufs der Planeten um die Sonne.

Anmerkung 11 (S.52 Mitte, „Dieser Francon oder Franconi..“): Der Historiker Gabriel-Barthélemie Gramond (auch Grammont, wie von Voltaire, genannt – sein Vater war der Vorsitzende des Toulouser Gerichts und somit für das Terrorurteil gegen Vanini verantwortlich) behauptete in seinem Historiarum Galliæ ab excessu Henrici 4. libri 18, Francon sei aufrichtig und von vornehmer Herkunft gewesen. Aus seinem Bericht speist sich bis heute, was man über den Prozess weiß. Veyssière de la Croze übersetzte 1733 einiges daraus ins Französische und veröffentlichte es in seiner Dissertation sur l’Athéisme et sur les Athées modernes (in: Entretiens sur divers sujéts d’histoire, S.250 – ) in der er Vanini verteidigt (etwa S.374f). Voltaire verwendete die Abhandlung La Crozes zur Abfassung seines Artikels. Zu Veyssière de la Croze (1661-1739), Philosophieprofessor in Berlin und Erzieher von Wilhelmine von Bayreuth, mit der Voltaire befreundet war, existiert ein kurzer Wikipediaartikel.

Anmerkung 12 (S.53 Mitte, indem man „irgendeinen unschuldigen Ausdruck verdrehte“): Vanini hatte in seinem Dialog (s.Anm 16) einen Atheisten zu Wort kommen lassen. Dessen Äußerungen und Argumente legte ihm nun insbesondere Garasse (s. Anm.7) zur Last.

Anmerkung 13 (S.54 oben, „Vor Pater Mersenne hatte niemand einen so haarsträubenden Unsinn
geäußert“): Der Minimitenpater Mersenne (L’impitiés des déistes, athées et libertins 1624) hatte Vanini beschuldigt, ein Kinderschänder (!) zu sein, außerdem behauptete er, Vanini hätte beabsichtigt, das Christentum zu zerstören.

Anmerkung 14 (S.54 oben, [Mersennes haarsträubender Unsinn] hat historische Lexika verpestet): Etwa den Artikel Vanini in: Le Grand dictionnaire historique 1740 von Moreri.

Anmerkung 15 (S.54 2.Absatz, Pierre Bayle spricht von Vanini als Atheisten): In seinen Pensées sur les comètes widmet Bayle einen Abschnitt dem Schicksal Vaninis, dessen Standhaftigkeit vor Gericht er als Beweis dafür nimmt, dass Atheisten ein Gefühl der Ehrbarkeit besitzen können (§182). Dass eine Gesellschaft aus Atheisten lebensfähig wäre, scheint ihm durchaus möglich, weil auch die Gesellschaft von Gottesgläubigen vor allem durch weltliche Strafen reguliert wird und Christen nur zu oft gegen ihre religiösen Vorschriften handeln. (§161, §172)

Anmerkung 16 (S.54 2.Absatz, Vanini „war in seinen Schriften wie im Leben ein Freigeist“):In seinen Dialogen, enthalten in: De natura arcanis berichtet Vanini seinem Gesprächspartner, was er mit einem Atheisten diskutiert hat – hier zeigt er sich in der Tat als ein aufgeschlossener und toleranter Mensch – als Freigeist eben. Die Dialoge hat Rousselot 1842 ins Französische übersetzt.

Anmerkung 17 (S.54 3.Absatz, Philateles): das ist Peter Friedrich Arpe . Seine Verteidigungsrede Apologia pro Vanino erschien 1712 in Latein und wurde nie ins Deutsche übersetzt. Zu Arpe siehe Artikel in Wikipedia.

Anmerkung 18 (S.54 4.Absatz, Hardouin): Ob Jean Hardouin (1646-1729), der in allem und jedem Atheisten sah, der Autor der Athei detecti war, ist nicht gesichert. Zu Hardouin kann man den englischen Wikipediaartikel lesen (‚Although Hardouin has been called „pathological“, he was only an extreme example of a general critical trend of his time‘) – der deutsche ist ungeniessbar rechtfertigend.

Anmerkung 19 (S.55 2.Absatz, dass die Erlasse der chinesischen Kaiser Predigten sind): Voltaire bezieht sich auf du Halde, Descriptions de la Chine Paris 1725, der in seinem 3. Bd über die Verehrung eines höchsten Wesens bei den Chinesesn berichtet dt.: Ausführliche Beschreibung des Chinesischen Reichs und der grossen Tartarey: Aus dem Französischen mit Fleiß übersetzet, nebst vielen Kupfern Bd. 3, § 33-35 Rostock : Koppe, (1749).

Anmerkung 20 (S.57 unten, Spinoza): Ob Spinoza Atheist war, darf bezweifelt werden, er war eher ein Pantheist. Voltaire jedenfalls folgte Pierre Bayle in der Ansicht, dass er ein Atheist gewesen sei. Zu dem Thema siehe die ausführliche Rezension des Buches Czelinski-Uesbeck, Michael: Der tugendhafte Atheist. Studien zur Vorgeschichte der Spinoza-Renaissance in Deutschland 2007 in der Zeitschrift Information für Philosophie des Meiner Verlags.

Anmerkung 21 (S.57 unten, die Brüder de Witt): Johan de Witt (1625-1672) war als Mitglied des holländischen Rates Regierungschef aller Provinzen der Niederlande. Unter ihm wurde die Monarchie abgeschafft zugunsten einer republikanischen Staatsordnung. Er wird als unbestechlich und tolerant geschildert. Unter seiner Führung konnte Baruch des Spinoza in den Niederlande seine Werke publizieren und war vor Verfolgung geschützt, so wie viele aus Frankreich geflohene Hugenotten. Als unter Wilhelm III. von Oranien die Monarchie wieder Oberwasser bekam, hetzte sie einen blutrünstigen Mob gegen Johan de Witt und seinen Bruder Cornelis, zog deren Bewachung gezielt zurück und lieferte die beiden schutzlos der Meute aus, die sie buchstäblich in Stücke riss. Einige behaupten, man habe ihre Körperteile sogar verspeist. Alexandre Dumas verarbeitete die Ereignisse in seinem Roman Die schwarze Tulpe.

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Apocalypse – Apokalypse (Kommentare)

Hintergrund:
Die Offenbarung des Johannes, auch „Apokalypse“ genannt, ist das letzte Buch im Neuen Testament. Ihr Verfasser, Johannes von Patmos, lebte irgendwann um 100 n.u.Z. und phantasiert, was am Ende der Welt wohl geschehen könnte. Er entwickelt Straf- und Schuldphantasien, deren Herkunft aus den tiefen seines Sexuallebens nur zu offensichtlich ist. Wenn es eines Beleges für die von Beginn an vehement sexual- und menschenfeindliche Haltung des Christentums bedürfte, so lieferte ihn unzweifelhaft die Apokalypse des Johannes.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S.44 „..in seinem [Justinus der Märtyrer] Dialog mit dem Juden Tryphon „): ein frühchristlich-apologetisches Werk, gegen die Juden gerichtet. Darin ordnet Justinus die Apokalypse fälschlicherweise Johannes dem Täufer zu, der in Ephesus lebte. In seiner 1770 gedruckten, aber bereits Jahre zuvor als Manuskript zirkulierenden Schrift „Discours historique sur l’Apocalypse“ belegt der Genfer Universalgelehrte Firmin Abauzit (1679 – 1767) die Geschichte der fehlerhaften Zuordnung der Apokalypse. Voltaire referiert in weiten Teilen seines Artikels den Text Abauzits. Abauzit stammte aus einer wohlhabenden hugenottischen Familie aus dem französischen Uzès. Sein Lebenslauf ist es wert, immer wieder gelesen zu werden – als mahnendes Beispiel dafür, was religiöser Fanatismus, wenn er staatlicherseits losgelassen wird, anrichtet.

Anmerkung 2 (S.45 Die Seelen der Ägypter): Zu dem Totenkult im alten Ägypten ausführlich Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten, München: C.H.Beck, 2001

Anmerkung 3 (S.45 bei Vergil):Aeneis VI,748:
„Bis langwieriger Tag, nach vollendetem Ringe der Zeiten,/ All‘ anklebende Makel getilgt und völlig gekläret/ Stellt den ätherischen Sinn, und die Glut urlauterer Heitre./ Diese, nachdem sie den Kreis durch tausende Jahre gerollet,/ Ruft zum lethäischen Fluß ein Gott in großem Gewimmel:“

Anmerkung 4 (S.46 Tertullian):Quintus Septimius Florens Tertullianus oder kurz Tertullian (* um 150; † um 230) war ein früher christlicher Schriftsteller. Sein Beiname Tertullianus bedeutet in etwa: „Dreimal im Käfig“. Er verfasste mehrere Schriften vor allem gegen Juden und Gnostiker, legte sich aber auch mit christlichen Abweichlern an. Er wurde viel gelesen, im Mittelalter schwindet die Kenntnis von ihm.

Anmerkung 5 (S.47 Kerinthos):Kerinthos oder Cerinthus (1 Jh. n. Chr.) lehnte die Jungfrauengeburt Jesu ab und ebenfalls seinen göttlichen Charakter mit der Geburt. Den soll er erst mit der Taufe erhalten haben. K. war ein Anhänger der Vorstellung des 1000-jährigen wiederauferstandenen Jerusalems und meinte, die jüdischen Vorschriften müssten auch für die Christen gelten.

Anmerkung 6 (S.47 Das Konzil von Laodikeia 360 zählte die Apokalypse nicht zu den kanonischen Schriften): Laodikeia ist eine antike Stadt in Phrygien, 6 km nördlich des heutigen Denizli (Türkei) und 10 km südlich von Hierapolis, am Fluss Lykos (heute Çürüksu cayi), einem Nebenfluss des Mäander gelegen. Es gab dort eine frühe christliche Gemeinde. Die Stadt gehörte zu den sieben von Johannes in der Offenbarung genannten. Erst durch das dritte Konzil von Karthago 397 wurde die Apokalypse offiziell anerkannt.

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Apis – der Stier (Kommentare)

Hintergrund:
Dass sich Voltaire im Artikel Apis über Ägypten ähnlich wie an anderer Stelle über die Juden äußert, ist ein wichtiger Hinweis darauf, gegen wen seine teilweise drastischen Werturteile (Ägypten, ein erbärmliches Volk, feige, ein Volk elender Sklaven…) wirklich gerichtet sind:
Zahlreiche zeitgenössische Vertreter des Christentums (Bossuet, Calmet, Mairan..) suchten ihre Wurzeln nämlich im alten Ägypten, das sie nicht hoch genug rühmen (Voltaire: „Man hat die Ägypter hoch gerühmt“) und loben konnten, deren Weisheit und deren Kulturdenkmäler über alles gingen, usw. Nach der von ihnen verbreiteten – christlichen – Entwicklungslehre war Adam als erster Mensch im vollen Besitz alles Wissens, das sich dann im Laufe der Zeit auf verschiedene Kanäle verteilte, bis es sich im Christentum wieder vereinte (siehe dazu: Assmann,Jan, Altägypten und Christentum (in: Marlies Gielen, Joachim Kügler (Hg.), Liebe, Macht und Religion. 2003, S.32-33).
Voltaire greift, indem er den Mythos vom altehrwürdigen Ägypten aufs Korn nimmt, die altehrwürdige Herkunft des Christentums an – wie bei der Kritik an alter jüdischer Geschichte und Religion auch.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S.43 Tat Kamyses gut daran..?): nach Herodot, Historien III.27 f.

Anmerkung 2 (S.44 Nur die Unbedachtsamkeit der christlichen Kreuzfahrer übertraf die Feigheit der Ägypter..): Während des 7.Kreuzzugs wurde das Heer Ludwig IX 1250 in Mansourah geschlagen: wenn also die Ägypter schon feige und verächtlich sind, was sind dann erst die Christen…?

Anmerkung 3 (S.44 Körper, die ihre Seelen nach tausend Jahren wiederbeleben sollten.): Voltaire berichtet nach Herodot, Historien II.116, auch, was die menschenverschlingenden Arbeiten an den Pyramiden betrifft..

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Ange – Engel (Kommentare)

Warum Voltaire den Artikel Ange – Engel in sein Philosophisches Taschenwörterbuch aufgenommen hat, ist einleuchtend: die inspirierenden Engel, Engelsboten, Schutzengel, sind ein zentrales Konzept der Kirche zur Verankerung ihrer Religion im kindlichen Volksglauben. D’Holbach in seinem nur 4 Jahre nach Voltaires Dictionnaire – und durchaus in Anspielung auf Voltaire – erschienenen Büchlein Theologie portative sagt es so: „Engel. Briefträger des himmlischen Kabinetts, die Gott zu seinen Lieblingen schickt. Ohne die Engel wäre Gott gezwungen, seine Besorgungen selbst zu erledigen“ und zum Thema Schutzengel: „Jeder Christ hat den Vorteil, einen Schutzengel zu haben, der ihn daran hindert, größere Dummheiten zu machen, auch wenn dies dem freien Willen abträglich ist “. Immerhin ein komplett phantastisches Modell, das auszugestalten besonderes die Kirchenväter und die Scholastik erhebliche Energie aufgewendet haben und an dem die Kirche andauernd weitergebaut hat. Zu Voltaires Zeit beschäftigte das kirchliche Engelskonzept u.a. den Benediktiner Dom Calmet (Dictionnaire historique…de la Bible 1730 1.Bd. S.202-207, in englischer Übersetzung 1830) und in mehreren Artikel das einflussreiche Wörterbuch „Dictionnaire de Trévoux“ der Jesuiten.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (Seite 38 „Der heilige Augustinus hat in seinem 109. Brief…“.): Der Brief über die körperliche Natur der Engel ist nicht der 109. Brief, sondern der 95. an Paulinus und Therasia, online in der „Bibliothek der Kirchenväter“ erschienen.

Anmerkung 2 (S. 38 unten, Papst Gregor II): es war Gregor I. Seine vierzig Predigten (Homiliae in evangelia, 592) wurden auf Deutsch übersetzt: Des Hl. Papstes Gregor des Grossen 40 Homilien über die Evangelien, aus dem Lateinischen übertragen von der Abtei St. Gabriel zu Bertholdstein: Volksliturgisches Apostolat: 1931. (nicht digital verfügbar)

Anmerkung 3 (S. 39, Thomas von Aquin): Sein Hauptwerk, die Summa theologica, ist um 1265 erschienen. Seine Grübeleien über die guten und die bösen Engel kann man in der 113. und die über die Schutzengel in der 114. Frage nachlesen: in der Bibliothek der Kirchenväter“ auf deutsch online erschienen.

Anmerkung 4 (S. 39 Schlußsatz: „Man weiß nicht genau, wo sich die Engel aufhalten […] Gott wollte nicht, dass wir darüber etwas wissen“). Der Benediktinermönch Chaudon in seinem Dictionnaire anti-philosophique, Pour servir de Commentaire et de Correctif au Dictionnaire Philosophique et aux autres Livres, qui ont paru de nos jours contre le Christianisme, Avignon, 1767, antwortet darauf in exemplarischer Weise folgendermaßen (S.17-19): „Auch wenn einige Theologen Fragen über die Zahl, die Ordnung, das Wesen, die Fähigkeiten der Engel oder über deren Aufenthaltort auf lächerliche Weise beantwortet haben, […] dürfen das die Ungläubigen trotzdem nicht zum Anlass nehmen, die Religion zu verunglimpfen, denn sie ist immer im Recht, auch wenn einige Wenige sie manchmal mit falschen Ideen unterrichten.“

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Anthropophages – Menschenfresser (Kommentare)

Hintergrund:
Wieso ein Artikel Anthropophages – Menschenfresser im philosophischen Wörterbuch? Das Christentum behauptete stets, zivilisierter als seine Vorgänger- und Konkurrenzreligionen zu sein. Diese wären Menschenfresser gewesen, eine Gewohnheit, mit der die jüdische, dann die christliche Religion abgeschlossen hätten. Insbesondere gegenüber den kolonisierten Völkern Lateinamerikas begründete sich der zivilisatotorische Verfolgungsdrang auf dieses ‚Argument‘ (siehe den Atlas Theatrum Orbis Terrarum von 1573, in dem Lateinamerika als Land von Anthropophages-Menschenfressern erscheint, symbolisiert durch eine weibliche Kannibalin mit abgeschlagenem Männerkopf).
Andererseits kann das christliche Abendmahl als ritualisierter Kannibalismus betrachtet werden, seine zentrale Stellung in der Liturgie verweist auf die Bedeutung des Themas und zumindest in den Anfängen des Christentums trug es nicht wenig dazu bei, den Christen selbst Menschenfresserei nachzusagen (Kachala, Ivan, Anklage und Verteidigung, Die apologetischen Intentionen des lukanischen Doppelwerks…, Regensburg: Pustet, 2020, S.58-59). Voltaire wird die Vorwürfe gekannt haben.
Warum Voltaire in seinem Artikel von den Christen nicht spricht, dürfte klar sein: Das heilige Abendmahl anzugreifem, wäre sein sicherer Untergang gewesen, infolgedessen richtet sich sein Angriff auf die alttestamentarischen Belegstellen für Kannibalismus bei den Juden, in deren Tradition wiederum das Christentum steht. Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass dies vor der Shoah geschrieben wurde und danach so nicht mehr hätte geschrieben werden können. Wenn durch die Inquisition die Kritik am Christentum lebensgefährlich war und sich Voltaire und andere stattdessen auf die Vorläuferreligion konzentrierten, konnten sie davon ausgehen, dass ihre Leser wußten, wen sie meinten, wenn sie das jüdische Volk oder die jüdische Religion kritisierten.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S.40, „1725 brachte man vier Wilde vom Mississippi nach Fontainebleau“): Am 5.9.1725 heiratete der 15 jährige Ludwig XV die sieben Jahre ältere Maria Leszczynska von Polen. Voltaire war bei diesem Fest zugegen. Seine Tragödie Mariamne und die Komödie l’Indiscret wurden im Begleitprogramm der Hochzeitsfeierlichkeiten gespielt (Brief Voltaires v. 17.10.1725 an Thiériot). Tatsächlich besuchten in diesem Jahr vier Ureinwohner (ein Oto, ein Osage, ein Illinois und eine Prinzessin der Missouri) Frankreich und wurden in Fontainebleau von Louis XV empfangen (Harvard,Vidal, Cécile,Gilles, Histoire de l’Amérique française, Paris, Flammarion, 2019). Frankreich wollte sich ihre militärische Unterstützung sichern.

Anmerkung 2 (S.41 unten: „Was ist wohl das größere Verbrechen,…“): In der Bibel, Richter, 11. 34-40 opfert Jephta seine Tochter, um ein Gelübde zu erfüllen, das er Gott gegeben hatte (siehe auch den Artikel Jephta). In seiner Erzählung „Der Hurone“ zeigt Voltaire die moralische Überlegenheit der Ureinwohner und ihrer Religion dem Christentum gegenüber.

Anmerkung 3 (S.42. „Und in der Tat, warum sollten die Juden keine Menschenfresser gewesen sein?“): – Dies ist vor allem ein Schlag gegen das – nicht erwähnte -Christentum, das im Alten Testament ein heiliges Buch sieht, Grundlage seiner Religion – und so hätte der Satz ohne Verfolgung geendet: ist die christliche Religion die abscheulichste unter allen Religionen.“ Voltaire richtet sein Verdikt hier gegen die Juden, sagt es anderer Stelle aber so: „So stelle ich fest, dass jeder vernünftige, jeder anständige Mensch die christliche Sekte verabscheuen muss“ (L’examen important du Milord Bolingbroke, Wichtige Untersuchung des Lord B., Voltaire, Kritische und satirische Schriften, München: Winkler, 1970, S.370).

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Abraham (Kommentare)

Hintergrund:
Der Artikel Abraham geht auf eine Skizze zurück, die Voltaire schon 1752 in Berlin anfertigte. Seine Hauptquellen sind Pierre Bayle bzw. Dom Calmet. Beide veröffentlichten in ihren Wörterbüchern jeweils einen Artikel ‚Abraham‘, die Voltaire sehr gut kannte. In der späteren Ausgabe seines Philosophischen Wörterbuchs von 1767 hatte der Artikel fast die doppelte Länge. Voltaire baute insbesondere die Überlegungen zur Herkunft Abrahams und zur Beziehung der jüdischen Religion zu ihren Konkurrenzreligionen deutlich aus.
Noch heute sind sich die Archäologen über die Abstammung der Juden nicht einig. I.Finkelstein/N.Silberman (Keine Posaunen vor Jericho, München: Beck 2002) meinen, „Die meisten Israeliten kamen nicht von außen nach Kanaan“ (S.135). Die Erzählung von Abraham, seiner Reise und seiner Herkunft diente den Priestern, um zu zeigen, „dass die Ursprünge des Volkes Israel mitten im Herzen der zivilisierten Welt lagen“ (S.334). Demnach hat Voltaire Recht, wenn er bezweifelt, dass Abraham eine hochkultivierte, fruchtbare Region aufgab, um sich im kargen Land Kanaan in Sichem anzusiedeln. Es verhielt sich umgekehrt: die Menschen in Kanaan schufen sich mit der Abrahamerzählung eine ehrwürdige, kulturell bedeutende Herkunft.
Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (Seite 15 (1.Satz), „Wie Thot bei den Ägyptern…“.): Voltaire grenzt sich von den Verteidigern des Christentums ab, die behaupten, die anderen Religionen hätten das meiste von den Juden übernommen. Für ihn haben alle mit gleichem Recht ihren eigenen Gründervater, eher jedoch haben die Juden das meiste von den anderen übernommen. Das erläutert Voltaire in seinen Zusätzen von 1767 noch ausführlicher.

Anmerkung 2 (S. 16 unten, „Warum verließ er [Abraham] die fruchtbaren Ufer des Euphrat.. für eine so steinige Gegend wie die von Sichem?“):
Sichem oder Shechem ist ein Ort am Ostrand der heutigen palästinensischen Stadt Nablus. Voltaire schließt aus der bereits im 18. Jahrhundert steinigen, kargen Beschaffenheit des Landstrichs um Sichem, dass es zu Abrahams Zeit, evtl. 4000 Jahre zuvor, dort ebenso karg aussah. Diesen Schluss hielt etwa der Benediktinermönch Chaudon in seinem Dictionnaire anti-philosophique, Pour servir de Commentaire et de Correctif au Dictionnaire Philosophique et aux autres Livres, qui ont paru de nos jours contre le Christianisme, Avignon, 1767 nicht für zulässig. Nach seiner Meinung hätte Sichem früher, zur Zeit Abrahams, ja durchaus eine blühende Landschaft sein können.
Laut archäologischen Funden in neuerer Zeit war die Region um Sichem Nomadenland, wohl für Schafe und Ziegen geeignet und während dreier Perioden dünn besiedelt: 3500 – 2200 v.u.Z. , 2000-1550 v.u.Z. (nomadische Herdenschutzdörfer), 1150 – 900 v.u.Z. (Finkelstein, S.130). Die Abrahamerzählung könnte in der ersten oder zweiten Siedlungsperiode spielen. Erst in der dritten Periode breitete sich die Besiedlung aus, die Bevölkerung wuchs, Weinanbau und andere landwirtschaftliche Aktivitäten lassen sich nachweisen.

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Religion (Kommentare)

Hintergrund:
Als das philosophische Wörterbuch 1764 erschien, lebte Voltaire seit 6 Jahren in Ferney, an der Grenze zur Schweiz. Seine anfänglichen Hoffnungen auf die Genfer calvinistische Bürgerschaft hatten sich verflüchtigt. Nachdem in der Enzyklopädie (1757) der Artikel „Genève“ erschienen war, den Voltaire mitverfasst hatte, waren seine früheren Freunde auf Distanz gegangen und Voltaire zu ihnen. Zunehmend lehnte er alle Offenbarungsreligionen ab, unter ihnen ganz besonders die des Christentums. Auch durch das Terrorurteil gegen Jean Calas 1762 und die lange Auseinandersetzung um die Annullierung des Urteils verstärkte sich Voltaires antiklerikale Haltung. Seine Schriften Traité sur la Tolérance und Le sermon des cinquante legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Es ergab sich daraus die Frage, welche Religion es sein sollte, wenn nicht die Offenbarungsreligionen. Wenn es keine Offenbarung gibt, worauf könnte sich eine Religion dann berufen? Dies sind die Fragen, auf die der Artikel Religion eine Antworten geben soll. Voltaire widmete sich dem Thema ergänzend in seinem 1765 erschienenen Werk La Philosophie de l’histoire.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (Seite 340, „Erste Frage“): Warburton, der spätere Bischof von Gloucester behandelte indirekt ein Dogma, mit dem sich auch Voltaire befasste: dass eine Gesellschaft, die nicht an eine Belohnung/Bestrafung nach dem Tod glaubt, dem Untergang geweiht sei. Das war natürlich gegen den Atheismus gerichtet. Pierre Bayle widerlegte die Behauptung bereits 1680 in seinem Werk Lettre sur la comète („Brief über den Kometen“).
Warburton fand es störend, dass nicht nur Atheisten, sondern auch die Juden zur Zeit Moses nicht an eine Auferstehung ins Himmelreich glaubten, jedenfalls wurde über solches im Alten Testament nicht berichtet. Er löste das Problem, indem er Mose – und den Juden als Gottes Volk – eine besondere Nähe zu Gott zusprach, so dass diesen das Himmelreich ohnehin verbürgt war und sie sich mit Belohnung und Strafen gar nicht erst zu beschäftigen brauchten. Mit diesem Taschenspielertrick beginnt der Artikel ‚Religion‘.

Anmerkung 2 (Seite 342, „Die Namen der Gottheit“):
– Kneph: „Der seine Zeit vollendet hat“. Urform des Amun in Darstellung einer Schlange. Kematef (Km-3.t=f). Die Namen sind meist in gräzisierter Form überliefert, das Problem ist, dass die ägyptische Schrift keine Vokale kannte, also kennt man sie nur durch Transkription und Transliteration. In der Ägyptologie wird zwischen die Konsonanten ein „e“ eingefügt.
– Adonai: Man kennt es als Umschreibung „Mein Herr“ für Gott aus dem Alten Testament (s. Bibel Lexikon Gott, 6., 7.: 5.Mose 9,26 etc.). Es kommt als Adon, Adonai und Adonim (Plural) dort vor. Die Sprachen waren sich sehr ähnlich, mit der phönizischen Schrift wurden vom 11. bis 5. Jh. v.u.Z. mehrere Sprachen auch aufgeschrieben. Die althebräische Schrift ist eine Variante der phönizischen. Aus der phönizischen entstanden die aramäische Schrift, die griechische und die südarabische Schrift, sie ist die Grundlage der alphabetischen Schriften, untergegangen im Lauf der Spätantike.
– Baal, Bel war im Altertum eine Bezeichnung für verschiedene Gottheiten im syrischen und levantinischen Raum.
– Melech hebräisch Sing. bedeutet König, kommt im Alten Testament vor (1. Chronik, 8,35; 9,41 Nachfahren Sauls). Moloch (hebr. Molech) ist die biblische Bezeichnung für Brandopfer. Erst mit dem Aufschreiben der Bücher Mose wurde das Wort zum Gottesnamen umgedeutet.
– Papaios, skytischer Name des Zeus.
– Manco Cápac war der erste mythische Herrscher der Inkas. Er soll der Sohn des Sonnengottes Inti gewesen sein, der ihn mit seiner Schwester auf die Erde schickte, um dort die Welt zu verbessern. Sie sollen auf der Sonneninsel im Titicacasee die Erde erreicht haben und gründeten dann mit einem goldenen Stab, den ihnen ihr Vater mitgegeben hatte, die Stadt Cusco, die später als der Beginn des Inkareiches angesehen wurde.
– Vitzliputzli ist die deutsche Form von Huitzilopochtli oder Uitzilopochtli („Kolibri des Südens“ oder „Der des Südens“ oder „Kolibri der linken Seite/Hand“) war in der aztekischen Mythologie der Kriegs- und Sonnengott und Schutzpatron der Stadt Tenochtitlán. Er wurde als Kolibri dargestellt und ihm wurden Gefangene aus den Auseinandersetzungen mit den Nachbarvölkern geopfert.
– Zebaoth bezieht sich immer auf Jhwh, den Gott Israels. Die Bezeichnung geht vermutlich auf das ägyptische Wort „Thronender“ zurück, wurde aber von hebräischen Ohren von saba‘, Plural seba‘ot (Heerscharen, Heeresmacht) abgeleitet, also der Herr der Heerscharen. Es gibt im Alten Testament 285 Stellen, wo er so genannt wird, doch noch nicht in den Büchern Mose, wie auch in den Büchern Josua und Richter.

Anmerkung 3 (Seite 345, Ergänzung zu Anm. 233 „Juvenal“):
Nach Juvenal geschah dieser Kannibalismus in Oberägypten, wo die beiden Orte, Tentyra, (h. Dendera) und das nicht sehr weit entfernte Omboi miteinander verfeindet waren. Die Auseinandersetzung der Dendyriten mit den Ombiten soll während eines Festes in Koptos stattgefunden haben. Das Zeichen der Dendyriten war das Krokodil. In Omboi wurde Seth (Esel, Falke) verehrt. Die Stadt verlor in der Spätzeit Ägyptens wegen der Verfemung von Seth an Bedeutung, während Koptos noch erhalten ist. Es ging um den Gegensatz der Niltalbewohner zu den Wüstenstämmen, die sich dort niederließen. (Kleiner Pauly)

Anmerkung 4 (Seite 346, „Platon“):
Voltaire veröffentlichten 1765 zwei Texte über Platon in den Nouveaux Mélanges. In dem einen, Du Timée à Platon, zeigt er, dass die ersten Christen ihre Lehren von Plato übernommen haben und in Dieu et les hommes (1769), dass Plato der wahre Begründer der christlichen Metaphysik ist.

Anmerkung 5 (Seite 346, „wie Maria zur Mutter Gottes erklärt wurde“):
Das dritte allgemeine Konzil (431 in Ephesus) entschied, dass Maria die reale Mutter Gottes war, und dass Jesus zwei Naturen (die göttliche und die menschliche) in einer Person vereine. Die Doppelnatur Christi wurde von dem Konzil in Chalcedon (451) bestätigt. Der Beschluss wird von der römisch-katholischen, der altkatholischen Kirche und den orthodoxen, den anglikanischen und den lutherischen Kirchen anerkannt. Damals wurde die Trinität (Gottvater, Sohn u. hl. Geist) zum Dogma, die nestorianische und die orientalisch orthodoxen Kirchen spalteten sich ab.

Anmerkung 6 (Seite 346, Ergänzung zu Anm. 234 „Matthäus“):
Matthäus, 12, 22-28. Jesus hat einen besessenen, blinden und stummen Mann geheilt, woraufhin ihn die Pharisäer bezichtigen, die Teufel durch Beelzebub ausgetrieben zu haben.

Anmerkung 7 (Seite 347, „Krankheiten, die man damals…bösen Geistern zuschrieb“):
Nach Flavius Josephus, Jüdische Altertümer (8. Buch, 2. Kap. 5) „lehrte Gott ihn (Solomon) auch die Kunst, böse Geister zum Nutzen und Heile der Menschen zu bannen. Er verfasste nämlich Sprüche zur Heilung von Krankheiten und Beschwörungsformeln, mit deren Hilfe man die Geister also bändigen und vertreiben kann, dass sie nie mehr zurückkehren. Diese Heilkunst gilt auch jetzt bei uns noch viel. Ich habe zum Beispiel gesehen, wie einer der Unseren, Eleazar mit Namen, in Gegenwart des Vespasianus, seiner Söhne, der Obersten und der übrigen Krieger die von den bösen Geistern Besessenen davon befreite. Die Heilung geschah in folgender Weise. Er hielt unter die Nase des Besessenen einen Ring, in dem eine von den Wurzeln eingeschlossen war, welche Solomon angegeben hatte, ließ den Kranken daran riechen und zog so den bösen Geist durch die Nase heraus. Der Besessene fiel sogleich zusammen, und Eleazar beschwor dann den Geist, indem er den Namen Solomons und die von ihm verfassten Sprüche hersagte, nie mehr in den Menschen zurückzukehren. Um aber den Anwesenden zu beweisen, dass er wirklich solche Gewalt besitze, stellte Eleazar nicht weit davon einen mit Wasser gefüllten Becher oder ein Becken auf und befahl dem bösen Geiste, beim Ausfahren aus dem Menschen dieses umzustoßen und so die Zuschauer davon zu überzeugen, dass er den Menschen verlassen habe. Das geschah auch in der That und so wurde Solomons Weisheit und Einsicht kund (S. 474/75)“.

Anmerkung 8 (Seite 348, „Trugbach“):
Bei Voltaire verwendet „Supplantateur“. Der Ausdruck wurde damals benutzt und bezog sich auf die lateinische Bibel, da erhielt Jakob den Beinamen „supplantator“. was darauf zurückgeht, dass er sich an die Stelle seines Bruders Esau, des Erstgeborenen, setzte, und was noch einmal in Psalm 17, Vers 13: „Exsurge Domine praeveni eum et subplanta eum eripe animam meam ab impio frameam tuam“ vorkam. Eigentlich heißt das Betrüger, wird aber so nicht auf Gott angewandt. Gott kann aber zum ‚Trugbach‘ werden (vergl. Jer.15,18; Jes.58,11; Hiob6,15-18).

Anmerkung 9 (Seite 348 unten, zu Origines, „dass es den ersten Christen vor Tempeln, Altären, Götterbildern grauste“):
Voltaire fasst eine Argumentation von Origenes, c. Cels., 7,62-64 (FC 50/5, 1307-1313) zusammen. Origenes zitiert einen Vorwurf Celsus‘, nachdem die Christen, dem Beispiel der Skythen und Perser folgend keine Tempel, Altäre und Statuen leiden konnten. Origenes antwortet, dass es dafür verschiedene Gründe geben kann. Die Skythen verabscheuen sie nicht aus Furcht, die Gottheit herabzusetzen, während die Christen den Vorschriften des Deuteronomium (6,13), des Exodus (20, 3-4) und Matthäus (4,10) „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ gehorchten und folglich keine Tempel, Altäre oder Bildnisse mochten. Dann bemüht sich Origenes den Unterschied zwischen der christlichen Ablehnung von Bildnissen und der der Perser deutlich zu machen. Die Christen wollen nicht, dass man durch „Bildnisse die Form Gottes begrenzt, der ein unsichtbares und immaterielles Wesen ist“. Er betont, dass es kein Widerspruch sei, gleichzeitig zu behaupten, dass Gott keine menschliche Form, aber den Menschen nach seinem Bilde geschaffen habe, denn „in der vernünftigen Seele, durch die Tugend erschaffen, finden sich die Züge des Bildes Gottes wieder“.

Anmerkung 10 (Seite 349, Vierte Frage unten: ins „Irrenhaus“ gesteckt):
Voltaire verwendet „Petites-Maisons“, die „kleinen Häuser“, die zu dem Kloster in Saint- Germain-des-Prés in Paris gehört hatten und seit 1557 als Krankenhaus und Altenheim fungierten. Zunächst für Arme eingerichtet, lebten dort auch ca. 400 Pariser Bürger, die nicht arm waren und auf Kosten ihrer Familien untergebracht wurden. Für sie war das Grand Bureau des Pauvres zuständig, das bei ihrem Tod ihr Erbe erhielt. Im 18. Jh. hatte das Krankenhaus vier Abteilungen, von denen eine für die Geisteskranken zuständig war. Die ist auch in den vielen Zitaten gemeint, wenn von den Petites Maisons die Rede ist, in die die politischen Gegner eigentlich hineingehörten.

Anmerkung 11 (Seite 351, „Geschichte der Heiligen Maria, der Ägypterin“):
Der Tag der hl. Maria von Ägypten (345-421) wird am 2. April gefeiert. Sie floh mit 12 Jahren aus dem väterlichen Haus in Alexandria und verbrachte nach Petro de Ribadeneira (spanischer Jesuit 1527 -1611, dem Maria in seinen Lebensbeschreibungen von Heiligen ganz offenbar die Phantasie beflügelte), ein Leben, „indem sie alle Arten des Lasters auskostete, nicht für Geld oder anderweitige Vergünstigungen, sondern lediglich, um ihre Lust zu befriedigen“. Als Maria ein Schiff besteigen wollte, um nach Jerusalem zu fahren, beschloss sie, als Bezahlung ihren Körper all denen anzubieten, die ihn begehrten und verursachte so einen Skandal unter den Pilgern. Nach ihrer Bekehrung zum Christentum tat sie Buße und lebte, ganz nackt, aber von den langen Haaren vollständig bedeckt, 47 Jahre lang in der Wüste. Als sie starb, kam ein Löwe , leckte ihr die Füße und grub mit seinen Tatzen ihr Grab. Nach Ribadeneira ereignete sich die Bekehrung natürlich in Jerusalem, Voltaire verlegte sie nach Ägypten.

Anmerkung 12 (Seite 352, „die heidnische Religion hat sehr wenig Blut vergossen, die unsere hat die Erde damit bedeckt“):
Nach Plinius (n.h. XXXI) und Plutarch (Quaest. Roman. LXXXIII, 283f.) wurden in Rom Menschenopfer durch einen Senatsbeschluss des Jahres 97 v.u.Z. abgeschafft. Vorher hat es dort Menschenopfer gegeben – Voltaire erwähnt es in La Philosophie de l’histoire: „Denn während man sonst beim Gottesdienst keine wilden, barbarischen Sitten kannte, sondern im Ganzen den milden griechischen Anschauungen folgte, so fühlten sich die Römer damals beim Ausbruch des Krieges (gegen die Kelten, 225 v.u.Z.) gedrungen, … zwei Griechen, Mann und Frau, und ebenso zwei Gallier auf dem sogenannten Rindermarkt lebendig zu begraben;“ (Plutarch, Marcellus 3). S. auch Schwenn, Friedrich, Die Menschenopfer bei den Griechen und Römern (1915, S. 186).

Anmerkung 13 (Seite 353 Ende des Artikels: ab der 1765 erschienenen Ausgabe des Dictionnaire Philosophique (Editionsort Varberg) fügte Voltaire hier eine achte Frage an, die ein interessantes Licht auf seine Position in Glaubensdingen wirft:

Achte Frage

Muss man nicht sorgfältig die Staatsreligion und die Religion der Theologen unterscheiden? Die des Staates fordert, dass die Imame Register der Beschnittenen führen, die Pfarrer oder Priester Register der Getauften, dass es Moscheen, Kirchen, Tempel gebe, Tage, die der Anbetung und der Ruhe gewidmet sind, durch das Gesetz festgelegte Riten; dass die Ausführenden dieser Riten Ansehen ohne Macht genießen; dass sie dem Volk die guten Sitten beibringen, und dass die Diener des Gesetzes über die Diener der Tempel wachen. Diese Staatsreligion kann zu keiner Zeit irgendwelche Zwistigkeiten hervorrufen.
Mit der Religion der Theologen ist es nicht das Gleiche; diese ist die Quelle aller Dummheiten und aller vorstellbaren Zwistigkeiten; sie ist die Mutter des Fanatismus und der Zwietracht der Bürger, das ist der Feind der menschlichen Gattung. Ein Bonze behauptet, dass Fo ein Gott ist, dass er von den Fakiren vorhergesagt wurde, dass er von einem weißen Elefanten geboren wurde, dass jeder Bonze mit ein paar Grimassen einen Fo machen kann. Ein Talapoin sagt, dass Fo ein heiliger Mann war, dessen Lehre die Bonzen verdorben haben und dass Sammonocodom der wahre Gott ist. Nach hundert Argumenten und hundert Widerrufen kamen die beiden Parteien überein, sich an den Dalai Lama zu wenden, der dreihundert Meilen von ihnen entfernt verweilt und der unsterblich und sogar unfehlbar ist. Die beiden Parteien schicken ihm eine feierliche Deputation. Der Dalai Lama beginnt nach seinem heiligen Brauch damit, ihnen die Ausbeute seines geschlitzten Stuhls [Anm. CV: Der geschlitzte Stuhl war der damals in Frankreich übliche Ausdruck für Nachttopf] auszuteilen.
Die beiden rivalisierenden Sekten erhalten ihn zunächst mit dem gleichem Respekt, lassen ihn in der Sonne trocknen, und fügen ihn zu kleinen Rosenkränzen zusammen, die sie andachtsvoll küssen. Doch seit der Dalai Lama und sein Rat sich im Namen Fos ausgesprochen haben, gibt es die verurteilte Partei, die die kleinen Rosenkränze dem Vize-Gott an die Nase wirft und ihm hundert Schläge mit Steigbügelriemen geben will. Die andere Partei verteidigt ihren Lama von dem sie gutes Land erhielt; alle beide bekämpfen sich lange Zeit; und wenn sie es müde sind, sich gegenseitig zu zerstören, zu ermorden, zu vergiften, ergehen sie sich in heftigen Schmähungen; und der Dalai Lama lacht darüber und verteilt noch weiterhin den Inhalt seines geschlitzten Stuhls an jeden, der gerne die Absonderungen des guten Vaters der Lamas erhalten will.

Philosophisches Taschenwörterbuch:
Amitié – Freundschaft (Kommentare)

Hintergrund:
Voltaire war dem Kult der Freundschaft, wie er in der griechischen Antike zelebriert wurde, durchaus zugeneigt, wenn auch mit der ihm eigenen Skepsis.
Für den Artikel Amitié (Freundschaft) hat Voltaire, anders als bei vielen anderen Artikeln des Philosophischen Taschenwörterbuchs, seine Autorschaft nie verleugnen müssen. Der Artikel ist in erweiterter Form auch in seinem 440 Artikel umfassenden Werk Questions sur l’Encyclopédie (1770 -1774) enthalten.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S. 28, dritter Absatz: „Die Begeisterung für die Freundschaft war bei den Griechen und den Arabern stärker als bei uns“): Bereits in seinem 1734 erschienenen Gedichtzyklus Discours en vers sur l’homme (IV) sucht Voltaire Anschluss an die antike Begeisterung für die Freundschaft: „Oh göttliche Freundschaft, vollkommene Glückseligkeit/Einzige Empfindung, die Maßlosigkeit erlaubt“ (O divine amitié, félicité parfaite/Seul mouvement de l’âme où l’excès soit permis).

Deutsche Erstveröffentlichung des Philosophischen Wörterbuchs: Reaktionen

Das Philosophische Taschenwörterbuch ist im September 2020 zum ersten Mal vollständig in deutscher Sprache bei Reclam erschienen. Nachfolgend d0kumentieren wir in chronologischer Reihenfolge, wie das Buch in den Medien angekommen ist:

  • Horst Delkus empfiehlt das Philosophische Taschenwörterbuch („Ein Klassiker der Aufklärung“) im Deutschen Freimaurermagazin „humanität“, Heft 3/ 2021 zur Lektüre. Das Buch sei, entstanden aus der Tradition der Freimaurer in der Zeit der Aufklärung auch noch 250 Jahren noch eine Inspiration für jeden Freimaurer. Herr Delkus hat uns freundlicherweise seine Rezension als pdf zur Verfügung gestellt: Ein Klassiker der Aufklärung (pdf)
  • Christoph Fleischmann von SWR2 lobt, dass das Philosophische Wörterbuch erstmals vollständig auf Deutsch erscheint. Er hätte sich mehr und treffsichere Kommentare gewünscht und kritisiert, dass wir für Voltaire voreingenommen sind. SWR2 Sendung Lesenswert Kritik, 25.1.2021, 15.55 Uhr und hier gibt es das Manuskript zur Sendung als ‚pdf‘ zum Herunterladen.
  • Die zu unserer großen Freude begeisterte und sehr ausführliche Rezension des bekannten Literaturkritikers Gustav Seibt erschien am 22.1.2021 in der Süddeutschen Zeitung.
  • „Empfehlenswerte sehr gute Übersetzung“ findet eine Leserin bei bücher.de
  • „Beobachtung der ungetauften Natur“ lautet der Untertitel zur Besprechung in der Online Ausgabe des Luxemburgischen Zeitung ‚Tageblatt“ vom 13.12.2020. Leider ist der Artikel nur kostenpflichtig lesbar.
  • Ein Klassiker, der in der Neuübersetzung „keinen Tag gealtert ist“, titelt buchmarkt.de am 20.11.2020, allerdings ohne eine eigene Besprechung zu liefern, es ist nur eine Notiz mit  Bezug auf die FAZ-Notiz.
  • www.perlentaucher.de berichtet über die Notiz in der FAZ (19.11.2020) und merkt an: „Zur Anlage des Bandes (Rainer Bauer) und zur Übersetzung (Angelika Oppenheimer) äußert sich der Rezensent leider nicht“.
  • „Zum ersten Mal vollständig auf Deutsch“, eine Notiz im Rahmen einer anderen Buchbesprechung im Feuilleton der FAZ von Friedrich Vollhardt (19.11.2020).
  • „Erstmals auf Deutsch“, der Kommentar bei Amazon ist eine ausführliche und sehr positive Besprechung von Dr. W. Fuchs zu dem Buch und seinem Inhalt. Er hebt positiv hervor, dass man kein Philosoph sein muss, um das Buch zu verstehen (19.11.2020).
  • „Klugheit, Skepsis und Ironie im Dienst von bitterer Kritik“ Eine sehr positive Kritik mit ausführlicher Würdigung des Philosophischen Wörterbuchs, der Übersetzung und der Anlage des Buchs von Martin Lowsky auf www.literaturkritik.de (10.11.2020). .
  • „Gegen Fanatismus hilft nur die Aufklärung“ Interview zur Aktualität Voltaires und des Philosophischen Wörterbuchs von Rüdiger Göbel mit dem Herausgeber Rainer Bauer auf www.nachdenkseiten.de (1.11.2020).