Âme – Seele

Könnte man in die eigene Seele blicken, wäre dies eine gute Sache. ‚Erkenne Dich Selbst“ ist eine vortreffliche Verhaltensregel, aber nur Gott vermag sie anzuwenden, denn wer außer ihm wäre in der Lage, sein eigenes Wesen zu erkennen? 
‚Seele’ nennen wir, was mit Leben erfüllt. Mehr wissen wir, weil unser Verstand beschränkt ist, leider nicht. Drei Viertel der Menschheit geht darüber nicht hinaus und hat an der Seele kein Interesse, das andere Viertel sucht und findet nichts, noch wird jemals irgend jemand etwas finden.

Armer Philosoph, du siehst, wie eine Pflanze wächst und sagst ‚Wachstum’ oder sogar ‚vegetative Seele’.1  Du bemerkst, wie sich Körper bewegen und etwas in Bewegung setzen und sagst: „Kraft“; du erlebst, wie dein Jagdhund durch dich zu jagen lernt und da entfährt es dir ‚Instinkt’, hast du zusammenhängende Gedanken, sagst du: „Geist“. Aber mit Verlaub, was meinst Du mit diesen Wörtern? Diese Pflanze wächst, aber gibt es ein reales Wesen, das „Wachstum“ heißt? Dieser Körper stößt einen anderen an, aber besitzt er an sich ein erkennbares Wesen, das sich „Kraft“ nennt? Dieser Hund bringt dir ein Rebhuhn, aber ist dabei ein Wesen namens Instinkt beteiligt? Würdest du nicht auch über einen Klugschwätzer lachen (und selbst wenn es der Lehrmeister von Alexander dem Großen wäre), der dir erzählte: „Alle Tiere leben, also gibt es in ihnen ein selbständiges Sein, eine substantielle Form, die das „Leben“ ist“? Wenn nun die Tulpe sprechen könnte und zu dir sagte: „Mein Wachstum und ich sind offensichtlich zwei miteinander verbundene Wesen“ – würdest du die Tulpe da nicht auslachen?

Sehen wir uns zunächst einmal an, was du weißt und worüber du dir sicher sein kannst: nämlich, dass du mit deinen Füssen gehst, mit deinem Magen verdaust, mit deinem ganzen Körper fühlst und mit deinem Kopf denkst. Sehen wir einmal, ob dir dein Verstand allein genügend Aufklärung verschafft und dich – ohne Rückgriff auf Übernatürliches – zu dem Schluss gelangen lässt, dass du eine Seele besitzt.

Die ersten Philosophen, gleichgültig, ob sie Chaldäer oder Ägypter waren, sagen: „Es muss in uns etwas geben, das unsere Gedanken erzeugt, dieses Etwas muss sehr fein sein, es ist ein Hauch, es ist Feuer, es ist Äther, es ist das Feinste, es ist ein flüchtiges Trugbild, es ist die sich verwirklichende Form, eine Zahl, es ist eine Harmonie.“ Schließlich, dem göttlichen Platon zufolge, ist es ein Verbundensein des Selbst und des Anderen. Es sind die Atome, die in uns denken, hat Epikur nach Demokrit gesagt. Aber, mein Freund, wie denkt ein Atom? Gib zu, dass du keine Ahnung davon hast.

Zweifellos muss man sich der Ansicht anschließen, dass die Seele ein immaterielles Wesen ist, aber was es mit diesem immateriellen Wesen auf sich hat, versteht ihr bestimmt nicht. „Nein“, antworten die Gelehrten, „aber wir wissen, dass es ihrer Natur entspricht, zu denken“. Und woher wisst ihr das? „Wir wissen es, weil sie denkt“2. Oh ihr Gelehrten! Ich fürchte, ihr seid zumindest ebenso unwissend wie Epikur: es ist die Natur eines Steins, zu fallen, weil er fällt – aber ich frage euch, was bewirkt, dass er fällt? „Wir wissen“, fahren sie fort, „dass ein Stein keine Seele hat“. Einverstanden, davon bin ich genauso überzeugt wie ihr. „Wir wissen auch, dass eine Negation und eine Affirmation nicht teilbar, also nicht materiell sind.“ Da bin ich ganz eurer Ansicht. Aber die Materie, die uns übrigens unbekannt ist, besitzt ebenfalls nicht-materielle Eigenschaften, die nicht teilbar sind. So wird sie von der Schwerkraft gegen ein Zentrum hingezogen, das Gott ihr gegeben hat. Nun hat diese Gravitation keine Teile und ist überhaupt unteilbar. Der Kraft, die Körper bewegt, kommt nicht ein aus Teilen zusammengesetztes Sein zu. Das Wachstum belebter Körper, ihr Leben, ihr Instinkt, sind ebenfalls keine einzelnen, unterteilbaren Dinge. Das Wachstum einer Rose, das Leben eines Pferdes, den Instinkt eines Pferdes könnt ihr ebenso wenig in zwei Teile schneiden wie eine Empfindung, eine Negation, eine Affirmation. Euer schönes Argument von der Unteilbarkeit des Denkens beweist folglich nicht das Geringste. 
Was also ist eure Seele? Welche Vorstellung habt ihr davon? Ohne Offenbarung könnt ihr in euch nichts anderes annehmen als eine Kraft zu fühlen und zu denken, die euch unbekannt ist. Zunächst sagt mir aus freien Stücken, ob diese Kraft zu fühlen und zu denken dieselbe ist, die euch die Fähigkeit verleiht, zu verdauen und zu gehen? Ihr gebt zu, dass das nicht der Fall ist, denn euer Verstand könnte eurem Magen wohl sagen: verdaue – er macht nichts dergleichen, wenn er krank ist; vergebens würde euer immaterielles Wesen den Füßen befehlen, zu gehen – wenn sie die Gicht haben, verharren sie an Ort und Stelle.

Den Griechen war sehr wohl bewusst, dass das Denken oftmals nichts mit dem Zusammenwirken unserer Organe zu tun hat. Den Organen haben sie eine animalische Seele zugewiesen und dem Denken eine feinere, subtilere Seele, ein υοΰς. 
Doch seht, wie diese denkende Seele bei tausend Gelegenheiten über die animalische Seele die Aufsicht führt. Die denkende Seele befiehlt ihren Händen zu nehmen und sie nehmen. Doch befiehlt sie nicht dem Herzen zu schlagen, dem Blut zu fließen, den Verdauungssäften, sich zu bilden, all dies geschieht ohne ihre Einwirkung: da wären also zwei beschränkte Seelen, die recht wenig Herr im eigenen Hause sind. 
Demnach existiert diese erste animalische Seele gewiss nicht, denn sie ist nichts anderes als die Bewegung euerer Organe. Oh Mensch, nimm dich in Acht, wenn dir deine schwache Vernunft keinen anderen Beweis von der Existenz dieser Seele liefert, kann dir Gewissheit nur der Glaube geben. Du bist geboren, du lebst, du handelst, du denkst, wachst, schläfst, ohne zu wissen, warum. Gott hat dir die Fähigkeit zu denken gegeben, wie er dir auch das Übrige gab, und hätte dir nicht seine göttliche Vorsehung eingegeben, dass du eine immaterielle und unsterbliche Seele besitzt, so hättest du keinen einzigen Beweis von ihr.
Lasst uns die großartigen Systeme betrachten, die deine Philosophie über diese Seelen fabriziert hat. Das eine besagt, dass die Seele ein Teil der göttlichen Substanz selbst ist, das andere, dass sie ein Teil des großen Ganzen sei, ein drittes, dass sie von Ewigkeit an geschaffen sei, ein viertes, dass sie gemacht und nicht geschaffen wurde. Andere wiederum versichern, dass Gott die Seelen nach Maß so anfertigt, wie man’s braucht und dass sie zum Zeitpunkt der Befruchtung ankämen. “Sie lassen sich in den Samentierchen nieder”, ruft dieser – “Nein”, sagt jener, “sie bewohnen den Eileiter” – “Ihr habt alle Unrecht” meint einer, der zufällig dazukommt, “die Seele wartet sechs Monate, bis sich der Fötus herausgebildet hat, dann besetzt sie die Zirbeldrüse, findet sie aber einen falschen Keim, zieht sie sich zurück und wartet auf eine bessere Gelegenheit.”  Die letzte Meinung ist, dass das Corpus callosum ihre Behausung sei, dies ist der Ort, den ihr La Peyronie zuweist, man muss erster Chirurg des Königs von Frankreich sein, um solcherart über den Aufenthalt der Seele bestimmen zu können. Jedoch war seinem Corpus callosum nicht die gleiche Karriere beschieden, wie dem Chirurgen selbst.

Der heilige Thomas sagt in seiner 75. und in den folgenden Betrachtungen, dass die Seele eine für sich existierende Form sei, dass sie das Ganze überhaupt sei, dass sich ihr Wesen von ihrer Kraft unterscheide; dass es drei vegetative Seelen gebe, nämlich die ernährende, die vermehrende, die erzeugende; dass die Erinnerung an geistige Dinge geistig sei, die an körperliche körperlich; dass die vernünftige Seele ein Gebilde sei „immateriell hinsichtlich der Handlungen und materiell hinsichtlich des Seins“. Der heilige Thomas hat mit ebensolcher Kraft und Deutlichkeit 2000 Seiten geschrieben und deshalb ist er der gute Engel der Scholastik.
Nicht weniger Systeme hat man sich über die Art einfallen lassen, wie diese Seele fühlt, wenn sie ihren Körper, durch den sie fühlte, verlassen hat; wie sie hört ohne Ohren, riecht ohne Nase und berührt ohne Hand; welchen Leib sie dann am ehesten einnehmen werde, ob es derjenige wäre, den sie im Alter von 2 oder jener, den sie im Alter von 80 Jahren innehatte; wie das Ich, die Identität der Person, überdauern könnte. Ob die Seele eines Mannes, der mit 15 Jahren schwachsinnig wurde und im Alter von 70 Jahren schwachsinnig starb, an die Gedanken anknüpfen würde, die sie hatte, als er in der Pubertät war. Durch welchen geschickten Trick eine Seele, deren Bein in Europa abgetrennt wurde und die einen Arm in Amerika verlor, Bein und Arm wiederfände, welche, da sie sich unterdessen in Gemüse verwandelt haben, ins Blut eines anderen Tieres übergegangen sind. Man würde nie ein Ende finden, wollte man von all den Narrheiten berichten, die sich die arme Menschenseele über sich selbst eingebildet hat.
Was sehr bemerkenswert ist: In den Gesetzen des auserwählten Volkes wird nicht ein Wort über die Geistesnatur oder die Unsterblichkeit der Seele verloren, nichts in den 10 Geboten, nichts im Leviticus3* und nichts im Deuteronomium4*.
Es ist absolut unbezweifelbar, dass Moses den Juden nirgendwo Belohnung oder Strafen in einem anderen Leben verspricht, er spricht nie zu ihnen von der Unsterblichkeit ihrer Seelen, er macht ihnen keine Hoffnung auf den Himmel, bedroht sie nicht mit der Hölle: alles ist irdisch. Er sagt zu ihnen vor seinem Tode in seinem Deuteronomium:

„Wenn ihr Kinder und Enkel gezeugt habt und vergesst eure Pflichten, werdet ihr vernichtet werden im Lande und sollt eine kleine Nummer sein unter den Völkern“

„Ich bin ein eifersüchtiger Gott, der die Sünden der Väter bis in die 3. und 4. Generation bestraft“

„Ehret Vater und Mutter, dann werdet ihr lange leben“

„Ihr werdet zu essen haben, ohne jemals Mangel zu leiden“

„Wenn ihr fremden Göttern folgt, werdet ihr zerstört…

„Wenn ihr gehorcht, werdet ihr Regen im Frühjahr, Weizen im Herbst haben, Öl, Wein, Heu für euer Vieh, damit ihr esst und zur Genüge satt werdet“ (11,14)

„Tragt diese Worte im Herzen, in euren Händen, zwischen euren Augen, schreibt sie über eure Türen, damit sich eure Tage vermehren.“(11,18)

„Tut, was ich euch befehle, ohne etwas hinzuzufügen noch wegzunehmen“

„Wenn sich ein Prophet erhebt, der Wunderdinge weissagt und wenn seine Weissagung, von der er gesprochen hat, eintritt, und er sagt zu euch´: „Lasst uns den fremden Göttern folgen“, tötet ihn auf der Stelle und das ganze Volk erschlage ihn nach euch.“(13,2 und 13,10)

„Wenn der Herr euch Völker ausgeliefert hat, erwürgt jeden, ohne einen einzigen Mann zu verschonen und habt mit niemandem Mitleid.(20,13)

„Esst keine unreinen Vögel wie den Adler, den Greif, den Ixion“(14,12)

„Esst keine Tiere, die wiederkäuen und deren Klauen nicht gespalten sind wie das Kamel, den Hasen, das Stachelschwein usw.“ (14,7)

„Befolgt ihr die all die Gebote, werdet ihr gesegnet sein in der Stadt und auf den Feldern, die Früchte eures Leibes, eurer Erde, eures Viehs werden gesegnet sein“ (28,3)

„Wenn ihr nicht alle Gebote und alle Zeremonien befolgt, werdet ihr verdammt in der Stadt und auf den Feldern, ihr werdet Hunger, und Armut erleiden, werdet von Elend, Kälte, Armut, Fieber  sterben. Ihr bekommt den Grind, die Krätze, Fisteln, ihr werdet Geschwüre an Knien und Waden haben.“ (28,16; 28,17; 28,35)

„Der Fremde wird euch zu Wucherzinsen leihen, ihr werdet ihm nicht auf Wucherzinsen leihen können, weil ihr dem Herrn nicht gedient habt“ (28,44)

„Und ihr sollt die Frucht eures Leibes essen und das Fleisch eurer Söhne und eurer Töchter“(28,53), usw.

Es ist offensichtlich, dass all diese Versprechungen und Drohungen von nichts als Irdischem handeln enthalten und dass man kein Wort über die Unsterblichkeit der Seele oder über das zukünftige Leben darin findet. Mehrere hochberühmte Kommentatoren haben geglaubt, dass Moses über diese beiden wichtigen Dogmen bestens Bescheid gewusst habe und sie beweisen dies mit den Worten Jakobs, der, als er seinen Sohn von Tieren zerrissen glaubte, in seinem Schmerz ausrief „Ich werde mit meinem Schmerz in die Grube fahren, ins Inferno, in die Hölle“; das heißt: ich werde sterben, da mein Sohn tot ist. Sie führen darüber hinaus Beweis mit Passagen des Jesaja und des Hesekiel – aber die Hebräer, zu denen Moses sprach, konnten weder Hesekiel noch Jesaja, die bloß einige Jahrhunderte später lebten, gelesen haben. Es ist reichlich sinnlos, über Moses’ verborgene Gefühle zu streiten: Tatsache ist, dass er in den Gesetzen des öffentlichen Lebens nie über zukünftiges Leben spricht und alle Strafen oder Belohnungen auf das irdische Leben begrenzt. Wenn er von dem künftigen Leben wusste, warum hat er dann dieses wichtige Dogma nicht ausdrücklich erwähnt? Und falls er es nicht gekannt hat, was war dann der Zweck seiner Mission? Dies ist eine Frage, die sich viele große Persönlichkeiten stellen. Sie antworten, dass Moses’ und aller Menschen Herr sich das Recht vorbehielt, den Juden zu einer von ihm bestimmten Zeit eine Lehre zu erklären, die sie während ihres Aufenthalts in der Wüste nicht imstande gewesen seien, zu verstehen.
Wenn Moses das Dogma der Unsterblichkeit verkündet hätte, so wäre es nicht von einer der großen Gelehrtenschulen der Juden immerzu bekämpft worden, die große Schule der Saduzäer wäre nicht staatlicherseits zugelassen, nicht mit den ersten Aufgaben des Staates betraut worden und man hätte nicht die Hohenpriester aus ihrer Mitte gewählt.
Es scheint, als hätten sich die Juden erst nach der Gründung Alexandrias in 3 Sekten aufgeteilt: die Pharisäer, die Sadduzäer und die Essener. Der Historiker Josephus5, ein Pharisäer, erklärt uns im XIII. Buch seiner Altertümer, dass die Pharisäer an die Seelenwanderung glaubten, die Sadduzäer, an den Untergang der Seele mit dem Körper, die Essener – sagt ebenfalls Josephus – hielten die Seele für unsterblich. Nach ihnen kämen die Seelen aus den höchsten Schichten der Atmosphäre in luftigerForm zu den Körpern herunter, wo sie von einer gewaltigen Anziehungskraft festgehalten würden und dass nach dem Tod diejenigen, welchen guten Menschen angehört haben, jenseits des Ozeans leben würden, in einem Land, wo es weder Warm noch Kalt, weder Wind noch Regen gibt. Die Seelen der Bösen kommen in ein völlig entgegengesetztes Klima. Solcherart war die Theologie der Juden. 

Derjenige aber, der als einziger die ganze Menschheit lehren sollte, verurteilte alle drei Sekten, doch ohne ihn hätten wir niemals etwas über unsere Seele erfahren können, weil ja die Philosophen zu keiner Zeit eine  konkrete Vorstellung von ihr hatten und Moses, der einzige Mensch, der mit Gott von Angesicht zu Angesicht sprach und ihn dabei nur von hinten sah, hat die Menschen in einer tiefen Unkenntnis über diesen erhabenen Gegenstand zurückgelassen.

Also erst seit 1700 Jahren ist man sich der Existenz der Seele und der Unsterblichkeit gewiss. Cicero hatte nur Vermutungen, seine Enkel konnten die Wahrheit von den ersten Galiläern, die nach Rom kamen, erfahren. Aber vor dieser Zeit und auch danach sagte jedermann auf der ganzen übrigen Welt dort, wo die Apostel nicht hinkamen, zu seiner Seele: „Wer bist du, woher kommst du, was tust du, wohin gehst du?“ Du hast etwas an dir, das denkt und fühlt, aber auch wenn du hunderttausend Millionen Jahre fühlst und denkst, wirst du doch niemals aus eigener Erkenntnis, ohne die Hilfe eines Gottes, mehr darüber wissen können. Oh Mensch, dieser Gott hat dir den Verstand gegeben, damit er dich gut leite, aber nicht, damit du in das Wesen der Dinge vordringst, die er geschaffen hat.


1 – Hier und im Folgenden macht sich Voltaire über die Lehre Aristoteles’ lustig, der die anima vegetativa von der anima sensitiva und der anima intellectiva, der menschlich-geistigen Seele, unterscheidet (die erste bewirkt die räumliche Fortbewegung, die zweite die Empfindungen). Er stellt die Seele allgemein als Beweggrund alles Lebendigen vor, die das Materielle ‚bewegt’. Auf Aristoteles berufen sich traditionell katholische Gelehrte, denn aus seinem „Bewegenden“ destillieren sie mit leichter Hand den heiligen Geist persönlich.
2 – Die Substanzenlehre des Aristoteles, nach der es 3 Substanzen gibt: Stoff (die Materie), Form (der Begriff) und einzelnes Ding, dessen Existenz eine Verbindung von stofflicher Substanz und Form ist.
3 –  Als Leviticus wird das 3. Buch Mose bezeichnet
4 – Deuteronomium – so nennt man das 5.Buch Mose, in dem die Gebote, die Vorzüge, wenn man sich an sie hält, und natürlich die schrecklichen Folgen, wenn man ihnen zuwiderhandelt, weitläufig verkündet werden, Voltaire fasst verschiedene Verse zusammen oder gibt sie sinngemäß wieder. Wo der Bezug eindeutig ist, haben wir den Vers – immer aus Mose 5 – angegeben. Es ist offensichtlich, dass Voltaire die Gelegenheit nutzt und Stellen für die grausame Unerbittlichkeit der Bibel vorführt, die nicht zur eigentlichen Beweisführung dienen  – es sind Textbelege wider Judentum und Christentum, die sich beide auf das alte Testament berufen.
5 – Josephus – der Historiker Josephus Flavius,veröffentlichte um das Jahr 93 unserer Zeitrechnung seine ‚Jüdischen Altertümer‘ – in denen er, obwohl sonst recht ausführlich,  Jesu mit keiner Silbe erwähnt. Deshalb lässt die Kirche später einen kleinen Abschnitt einfügen, der sich dem Leben Jesu widmet, das sogenannte ‚Testimonium Flavianum‘ (nach Deschner, Abermals krähte der Hahn, S.15).

Abraham

Abraham ist einer der berühmten Namen Kleinasiens und Arabiens, wie Thot bei den Ägyptern, der ältere Zarathustra bei den Persern, Herkules in Griechenland, Orpheus in Thrazien, Odin bei den Völkern des Nordens, und vielen anderen, die man mehr dem berühmten Namen nach kennt, als durch eine gesicherte Geschichtsschreibung. Ich spreche hier nur von weltlicher Geschichtsschreibung, denn was die der Juden, unsere Herren und unsere Feinde, betrifft, an die wir glauben und die wir verachten,  so wurde die Geschichte dieses Volkes offensichtlich durch den heiligen Geist selbst geschrieben und wir haben für sie die Empfindungen, die uns zu haben befohlen wurde.

Wir beschäftigen uns hier nur mit den Arabern, sie rühmen sich, durch Ismael von Abraham abzustammen, sie glauben, dass dieser Patriarch Mekka erbaut hat und in dieser Stadt gestorben ist. Tatsache ist, dass der Stamm Ismaels unendlich stärker durch Gott begünstigt wurde als der Stamm Jakobs. Um die Wahrheit zu sagen, hat der eine wie der andere Stamm Diebe hervorgebracht, aber die arabischen Diebe sind den jüdischen deutlich überlegen gewesen. Die Nachfahren Jakobs eroberten nur ein sehr kleines Land und haben es verloren; die Nachfahren Isamels haben einen Teil Asiens, Europas und Afrikas erobert, ein Imperium aufgebaut, das größer war als Rom und verjagten die Juden aus ihren Höhlen, die diese das gelobte Land nannten.
Wenn man die Angelegenheit nur nach dem Vorbild unserer modernen Geschichtsschreibung beurteilt, erscheint es schwer möglich, dass Abraham der Vater zweier so unterschiedlichen Völker gewesen sein soll. Man sagt uns, er sei in Chaldäa geboren und Sohn eines armen Töpfers gewesen, der sein Leben damit verdiente, kleine tönerne Götterfiguren herzustellen. Es ist kaum wahrscheinlich, dass der Sohn dieses Töpfers losgegangen ist, um Mekka zu gründen, das 400 Meilen von dort am südlichen Wendekreis liegt, indem er unpassierbare Wüsten durchquerte. Wenn er ein Eroberer war, hätte er sich gewiss gegen das schöne Land der Assyrer gewandt und wenn er nichts als der arme Mann war, als den man ihn uns beschreibt, gründete er außerhalb seines eigenen Hauses keine Königreiche.
Die Genesis1 berichtet, er sei 75 Jahre alt gewesen, als er nach dem Tod seines Vaters Tharah, dem Töpfer, das Land Haran verließ, aber dieselbe Genesis sagt auch, dass Tharah Abraham mit 70 Jahren zeugte, also lebte Tharah bis zum Alter von zweihundertfünf Jahren, denn Abraham verließ Haran erst nach dem Tode seines Vaters. Folgt man der Genesis weiter, ist es nach dieser Rechnung ganz klar, dass Abraham, als er Mesopotamien verließ, hundertfünfunddreißig Jahre alt war, . Er ging von einem Land, das man als götzendienerisch bezeichnete, in ein anderes götzendienerisches Land namens Sichem in Palästina. Warum ging er dorthin? Warum verließ er die fruchtbaren Ufer des Euphrat für eine solch entfernte, ebenso unfruchtbare und steinige Gegend wie Sichem? Das Chaldäische muss von der Sprache Sichems sehr stark verschieden gewesen sein, dort war kein Handelsplatz; Sichem ist von Chaldäa mehr als hundert Meilen entfernt und man muss Wüsten durchqueren, um dort zu hinzukommen; aber Gott wollte, dass er diese Reise antrat, er wollte ihm den Landstrich zeigen, den einige Jahrhunderte später seine Nachkommen bewohnen würden. Schwerlich begreift der menschliche Geist den Sinn einer derartigen Reise.

Kaum war er in dem kleinen bergigen Sichem angekommen, zwang ihn eine Hungersnot, es zu verlassen. Er ging mit seiner Frau nach Ägypten, um dort eine Lebensgrundlage zu finden. Von Sichem nach Memphis sind es zweihundert Meilen. Ist es natürlich, dass man, um nach Korn zu fragen, einen so weiten Weg in ein Land geht, dessen Sprache man nicht versteht? Dies sind wahrhaft seltsamen Reisen, unternommen im Alter von fast einhundertvierzig Jahren. 
Nach Memphis nahm er seine Frau Sara mit, sie war extrem jung, verglichen mit ihm fast noch Kind, den sie war nur fünfundsechzig. Da sie sehr schön war, suchte er daraus seinen Vorteil zu ziehen: „Tut, als wärst du meine Schwester“, sprach er zu ihr, „damit mir durch Dich Gutes geschehe“. Er hätte ihr vielmehr sagen sollen: „Tu, als wärst du meine Tochter“. Der König verliebte sich in die junge Sarah und gab dem angeblichen Bruder viele Schafe, Rinder und Esel, Eselinnen, Kamele, Diener, Dienerinnen: was beweist, dass Ägypten damals ein sehr mächtiges und geordnetes Land war, demnach also schon lange bestand und dass man die Brüder, die nach Memphis kamen um ihre Schwestern dem König anzubieten, großartig belohnte. Die junge Sara war neunzig Jahre alt, als Gott ihr versprach, dass Abraham, mittlerweile hundertsechzig, ihr im Laufe des Jahres ein Kind machen würde. Abraham, der das Reisen liebte, ging mit seiner immer noch schönen schwangeren Frau in die schreckliche Wüste Kadesch. Es blieb nicht aus, dass sich ein König dieser Wüste wie der König Ägyptens in Sara verliebte. Der Vater aller Gläubigen griff zur selben Lüge wie in Ägypten: er gab seine Frau als seine Schwester aus und erhielt aus diesem Geschäft wiederum Schafe, Rinder Diener und, Dienerinnen. Man kann sagen, dass Abraham durch seine Frau sehr reich wurde. Die Kommentatoren haben eine beachtliche Anzahl Bände verfasst um das Verhalten Abrahams zu rechtfertigen und um die Chronologie zu bereinigen. Wir müssen also den Leser an diese Kommentare verweisen. Sie sind von erlesenen und feinfühligen Geistern verfasst, von exzellenten Metaphysikern, vorurteilslosen Leuten und überhaupt keinen Pedanten. 

Amour – Liebe

Amor omnibus idem1 Hier muss man über das Körperliche sprechen, denn: Die Liebe ist ein Stoff, den die Natur gewebt und die Phantasie bestickt hat. Willst du eine Vorstellung von der Liebe, so schau auf die Spatzen in deinem Garten; auf deine Tauben; betrachte den Stier, welchen man zu deiner Jungkuh bringt; sieh den stolzen Hengst, den zwei seiner Stallburschen der friedlichen Stute zuführen, die ihn erwartet und ihren Schweif zur Seite dreht, um ihn zu empfangen; sieh wie seine Augen sprühen; höre sein Gewieher; betrachte dies Springen und Tänzeln, die gespitzten Ohren, das Maul, wie es sich unter kurzen Zuckungen öffnet, die geblähten Nüstern, den entflammten Atem, der daraus entweicht, die Mähne, die sich sträubt und wogt, diese herrische Bewegung, mit der er sich auf das Objekt stürzt, das die Natur ihm bestimmt hat. Du aber sei bloß nicht eifersüchtig, sondern denke an die Vorteile der menschlichen Gattung: sie entschädigen in der Liebe für alles, was die Natur den Tieren mehr gab: Kraft, Schönheit, Zwanglosigkeit, Schnelligkeit.

Auch gibt es Tiere, die Sinneslust überhaupt nicht kennen. Die schuppigen Fische sind dieser Wonne bar, das Weibchen wirft Millionen von Eiern auf den Schlamm; das Männchen, wo es sie trifft, zieht darüber hin und befruchtet sie mit seinen Samen, ohne sich zu bekümmern, welchem Weibchen sie zugehören.

Die meisten sich paarenden Tiere kosten die Lust nur mit einem einzigen Sinn, der, sobald sein Appetit gestillt ist, erlischt. Kein Lebewesen außer Dir kennt die Umarmung; Dein ganzer Leib ist empfindsam; Deine Lippen vor allem genießen eine Wollust, die um nichts ermüdet, und diese Lust gehört Deiner Gattung allein. Schließlich kannst Du Dich jederzeit der Liebe hingeben, während die Tiere nur einen begrenzten Zeitraum haben. Wenn Du solche Vorteile bedenkst, wirst Du mit dem Grafen von Rochester sagen: „Die Liebe brächte noch ein Land von Atheisten dahin, das Göttliche anzubeten“. 2

Weil die Menschen die Gabe erhalten haben, alles, was die Natur ihnen geschenkt hat, zu vervollkommnen, haben sie auch die Liebe vervollkommnet. Die Sauberkeit, die Körperpflege, die die Haut angenehmer machen, erhöhen die Lust am Berühren und das Achtgeben auf die eigene Gesundheit macht die Organe der Lust empfindsamer.
Alle anderen Empfindungen münden schließlich in die der Liebe, so wie Metalle, die sich mit Gold verbinden: die der  Freundschaft, der Achtung, kommen zur Verstärkung; die Gaben des Körpers und des Geistes fügen sich ineinander.

Nam facit ipsa suis interdum faemina factis,
Morigerisque modis, et mundo corpore cultu,
Ut facile insuescat secum vir degere vitam 
(Lukrez, de rerum naturae Buch IV, Vers 1280)
3

Bewirkt die Frau doch manchmal durch ihre fügsame,
willige Art und den sauber gepflegten Körper,
dass sie dich leicht daran gewöhnt, ein Leben mit ihr zu verbringen

Vor allem die Eigenliebe hält all diese Verbindungen zusammen. Man applaudiert sich selbst zu seiner Wahl und zahlreiche Illusionen schmücken ein Werk aus, dessen Grundlagen die Natur gebildet hat.
Das also ist, was Du den Tieren voraus hast, aber wenn Du auch viele Freuden kostest, die sie nicht kennen, so auch Leiden, von denen sich Tiere überhaupt keine Vorstellung machen!
Das Schreckliche bei Dir ist, dass die Natur in drei Vierteln der Erde die Liebesfreuden und die Quellen des Lebens mit einer scheußlichen Krankheit4 vergiftet hat, die nur den Menschen trifft und die nur bei ihm die Fortpflanzungsorgane infiziert.
Es gibt außer dieser Pest noch zahlreiche andere Krankheiten, die Folge unserer Ausschweifungen sind. Es ist nicht die Ausschweifung selbst, die sie in die Welt gebracht hat. Phryne, Lais, Flora, Messalina5 wurden nicht von ihr befallen, sie ist auf Inseln entstanden, wo die Menschen in Unschuld lebten und hat sich von dort auf die alte Welt ausgedehnt.
Wollte man je die Natur anklagen, ihr eigenes Werk zu verderben, ihrem eigenen Plan zu widersprechen, gegen ihre Absichten zu handeln, so wäre es bei dieser Gelegenheit. Ist dies die beste aller Welten? Und wie! Wenn jene Krankheit Cäsar, Antonius, Octavius nicht befiel, wie war es dann möglich, daß sie Francois  I6 den Tod brachte? Nein, sagt man, die Dinge wurden so zum Besten eingerichtet: ich möchte es glauben, aber es fällt schwer.


Amor omnibus idem (Liebe ist für jederman gleich), nach Vergil.


Voltaire zitiert mit dem Grafen von Rochester (1647 – 1680) eine sehr von klerikalen Kreisen angefeindete Persönlichkeit des 17. Jahrhunderts, über den er auch in den Philosophischen Briefen, 21. Brief. berichtet. John Wilmot, Graf von Rochester, war ein hochtalentierter Poet, Autor zahlreicher erotischer Gedichte und einflussreicher Vertrauter von  Charles II., König von England. Er starb wahrscheinlich an der  Syphilis. Seine Biographie ist Gegenstand eines sehr sehenswerten Films von J. Malkovitch  (The Libertine, auch als DVD erhältlich), der bis heute (2007) auf eine deutsche Umsetzung wartet. Das Zitat Voltaires geht auf das Gedicht: „A letter from Artemesia in the town to Chloe in the country“ zurück und lautet im Original (nach: http://www.ealasaid.com/fan/rochester/main.html) :

Love, the most generous passion of the mind,
The softest refuge innocence can find,
The safe director of unguided youth,
Fraught with kind wishes, and secured by truth;
That cordial drop heaven in our cup has thrown
To make the nauseous draught of life go down;

On which one only blessing; God might raise
In lands of atheists, subsidies of praise,
For none did e’er so dull and stupid prove
But felt a god, and blessed his power in love – 
This only joy for which poor we were made
Is grown, like play, to be an arrant trade

3 die zitierten Verse: Lukrez‘ gehen der Frage nach, warum auch hässliche Frauen geliebt werden:
„Und es geschieht nicht durch göttliche Kraft und die Pfeile der Venus
dass bisweilen geliebt wird ein Frauchen von minderer Schönheit,“
(sondern eben durch ihre fügsame, willige Art usw. s.o.)

4 die Syphilis. Syphilis bildet am ganzen Körper pestähnliche Geschwüre und hinterlässt  schwere Narben. Der Erreger wurde wahrscheinlich von den Kolonisatoren Amerikas Ende des 15. Jahrhunderts nach Europa eingeschleppt und breitete sich seuchenartig aus.

5 Voltaires Aufzählung nennt historische Beispiele ausschweifenden Lebenswandels:
Phryne,  berühmte griechische Prostituierte, aus Thespiä gebürtig, hieß eigentlich Mnesarete und erhielt den Namen Phryne („Kröte“) wegen ihrer Blässe; sie war erst eine arme Kapernhändlerin, gelangte dann aber in Athen, wo sie ihre Reize feilbot, zu außerordentlichem Reichtum, so dass sie sich erbieten konnte, die Mauern Thebens auf eigne Kosten wieder aufzubauen, wenn die Thebaner die Inschrift darauf setzten: „Alexander hat sie zerstört, die Hetäre P. wieder aufgebaut. Ihrem Reiz konnte angeblich niemand widerstehen. Als Phryne wegen Gottlosigkeit vor Gericht gezogen wurde, enthüllte ihr Verteidiger Hypereides ihren schönen Busen und das beeindruckte die Richter dermaßen, daß sie nicht anders konnten, als Phryne freizusprechen. 

 Lais, Name zweier wegen ihrer Schönheit bewunderter griechischer Hetären, von denen die ältere, aus Korinth, zur Zeit des Peloponnesischen Kriegs lebte und die Vornehmsten und Reichsten des Staats, sogar Philosophen, wie Aristippos und den Cyniker Diogenes, bezaubert haben soll.   Die jüngere L., Tochter der Timandra, der treuen Gefährtin des Alkibiades, geboren zu Hykkara in Sizilien, kam in einem Alter von sieben Iahren nach Korinth, der Sage. nach als Kriegsgefangene. Der Maler Apelles soll sie zur Hetäre herangebildet haben. Später folgte sie einem Hippostratos nach Thessalien, wo sie von Frauen im Heiligtum der Aphrodite gesteinigt worden sein soll. Christoph M. Wieland hat ihnen mit seinem Briefroman ‚Aristipp‘ ein bezauberndes Denkmal geschaffen.

 Flora, römische Göttin der Blumen, der Pflanzenblüte und blühenden Natur und der Jugend sowie Frühlingsgöttin. Flora zu Ehren wurden seit 173 v. unserer Zeit jährlich  am 27. April (bzw. vom 28. April bis zum 1. Mai, nach GRIMM (1992), II, S. 651f. die ludi Florales oder Florealia gefeiert, ein fröhliches Fest mit Mimen und lasziven Spielen, Gesängen und Tanz, bei dem man aus Blumen geflochtene Kränze trug. Hierbei spielten auch Prostituierte eine Rolle, die sich am Ende der Darbietungen entkleideten.

 Messalina ( 25 – 48) heiratete im Alter von 15 Jahren Claudius, der damals bereits 50 Jahre zählte und war eine der begehrtesten Frauen ihrer Zeit. Als sie nach Claudius Krönung im Jahre 41 Kaiserin geworden war, stand der Erfüllung all ihrer zahlreich vorhandenen Begierden nichts mehr im Wege. Und sie strebte danach, nicht eine unbefriedigt zu lassen…. (Lit Tacitus TACITE, Annalen, XI, 12, 26-27, 31-32, 37-38 Erich Heller, hrsg. P.C.Tacitus, Annalen, (Sammlung Tusculum), WBG Darmstadt 1982). Mehr zu Messalina in dem  hier geretteten Text (2014) einer Schüler-AG zur Antike des Victoria-Louise Gymnasiums in Hameln (www.info-regenten.de).

6 Francois 1. (1494 – 1547), bedeutender, lebenslustiger König von Frankreich, baute ein geeintes Frankreich mit Französisch als offizieller Sprache auf. Er unternahm zur Vergrößerung Frankreichs zahlreiche Feldzüge gegen Italien. Francois I. starb am 31.März 1547 an der Syphilis, die er sich wahrscheinlich auf einem seiner italienischen Feldzüge zugezogen hatte.


Amitié – Freundschaft

Freundschaft ist ein stillschweigend eingegangener Vertrag  zwischen für einander empfänglichen und aufrichtigen Personen. Ich sage empfänglich, weil ein Mönch, ein Einzelgänger, ohne je bösartig zu sein, doch lebt, ohne die Freundschaft zu kennen. Ich sage aufrichtig, weil die Bösartigen nur Komplizen haben, die Wollüstigen haben Begleiter der Ausschweifungen, Gewinnsüchtige Teilhaber, Politiker versammeln Parteigänger, der gewöhnliche Müßiggänger hat Beziehungen, Prinzen haben Höflinge, aufrichtige Menschen allein haben Freunde.

Cethegus war der Komplize Catilinas1 und Maecenas Höfling von Octavius2, aber Cicero war der Freund von Atticus3.

Wozu führt dieser Vertrag zwischen zwei zartfühlenden und ehrlichen Seelen? Die Verpflichtungen sind je nach dem Grad ihrer gegenseitigen Empfänglichkeit und der Anzahl der erwiesenen Dienste stärker oder schwächer.Die Begeisterung für die Freundschaft war bei den Griechen und den Arabern stärker als bei uns. Die Erzählungen über die Freundschaft, die sich diese Völker ausgedacht haben, sind bewundernswert, wir haben nichts Vergleichbares, wir sind bei allem ein wenig trockener.Die Freundschaft war Bestandteil der Religion und der Gesetze bei den Griechen. Die Thebaner kannten ein Regiment aus Freunden: ein schönes Regiment – einige haben es für ein Regiment von Sodomiten gehalten – sie täuschen sich und haben die Nebensache für die Hauptsache ausgeben.Bei den Griechen war die Freundschaft im Gesetz und in der Religion vorgeschrieben. Die Päderastie wurde unglücklicherweise von ihren Sitten toleriert, man sollte aber einem Gesetz die schändlichen Missbräuche nicht anlasten. Wir werden später darüber sprechen.


Catalina, L.Sergius 108 -62 v.u.Z., römischer Patrizier, strebte 63 die Alleinherrschaft  durch einen Umsturzversuch an, den Cicero vereitelte. Cethegus Cornelius wurde wegen des von ihm geplanten Attentats gegen Cicero am 5. Dezember 63 v.u.Z. hingerichtet, während Catalina durch Flucht entkam.

Octavius, ursprünglicher Name des späteren Kaisers Augustus, lebte von 63 – 19.8.14 v.u.Z., sein Sterbemonat heißt noch heute nach ihm August.
Maecenas starb im Jahre 8 v.u.Z, betätigte sich als ‚rechte Hand‘ Augustus und als Kunstförderer. 

Cicero, römischer Konsul zur Zeit der Verschwörung Catalinas, großer Schriftsteller und Redner, lebte von 106 bis 43 v.u.Z. Während einer Bildungsreise nach Griechenland 79-77 befreundete er sich in Athen mit Atticus, der später seine Schriften herausgab. Am 7. Dezember 43 v.u.Z. wurde Cicero auf Befehl des Antonius ermordet, den er mit seinen 14 ‚Phillipikanischen Reden‘ scharf angegriffen hatte.

Amour-Propre – Eigenliebe

Ein Bettler aus der Umgebung von Madrid bat mit edler Geste um ein Almosen, ein Passant sagte zu ihm: „schämen sie sich denn nicht, diesen unwürdigen Beruf auszuüben, wo sie doch arbeiten können?“ – „Mein Herr, antwortete der Bettler, ich bitte sie um Geld, nicht um ihre Ratschläge“; dann drehte er ihm, seinem kastilischen Stolz entsprechend, den Rücken zu. Das war schon ein stolzer Bettler, dieser Herr, ein Weniges genügte, um seine Eitelkeit zu verletzten. Aus Eigenliebe bat er um Almosen und duldete nicht, von einem anderen aus Eigenliebe gerügt zu werden.
Ein Missionar reiste durch Indien und traf einen Fakir, beladen mit Ketten, nackt wie ein Affe, der auf seinem Bauch lag und sich für die Sünden seiner indischen Mitbürger auspeitschen ließ, die ihm dafür einige Heller in Landeswährung gaben. „Welche Selbstverleugnung!“, sprach einer der Zuschauer – „Selbstverleugnung!“, erwiderte der Fakir, „hören Sie, ich lasse mir in dieser Welt nur den Hintern versohlen, um es Ihnen in einer anderen zurückzugeben, wenn Sie dann das Pferd sind und ich der Reiter.“
Diejenigen, die gesagt haben, dass die Eigenliebe die Basis aller unserer Empfindungen und Handlungen sei, haben folglich recht in Indien, in Spanien und auf der ganzen bewohnbaren Erde: Und weil man nicht schreibt, um den Menschen zu beweisen, dass sie ein Gesicht haben, braucht man ihnen auch nicht zu beweisen, dass sie Eigenliebe besitzen. Diese Eigenliebe ist das Instrument zu unserer Selbsterhaltung und dem Instrument zu unserer Fortpflanzung ähnlich: sie ist uns unentbehrlich, sie ist uns teuer, sie bereitet uns Vergnügen und – man muss sie verstecken.

Ange – Engel

Engel, griechisch: der Gesandte; man ist kaum klüger, wenn man weiß, dass die Perser ihre Peris hatten, die Hebräer Malakim, die Griechen ihre Daimonoi. Aber was uns vielleicht klüger macht, ist, dass es immer schon eine der ersten Ideen des Menschen gewesen ist, zwischen die Götter und sich selbst Vermittler einzusetzen: das sind jene Dämonen, jene Genien, welche die Antike erfand: der Mensch schuf die Götter immer nach seinem Bilde. Man sah, dass die Fürsten ihre Befehle durch Boten zustellen ließen, also schickten Götter ebenfalls Kuriere: Merkur, Iris waren Kuriere, waren Boten.  
Die Hebräer, dieses einzige von Gott selbst geführte Volk, gaben den Engeln, die Gott ihnen schließlich zu schicken geruhte, keine Namen, sie bedienten sich der Namen, die die Chaldäer ihnen gaben, als die jüdische Nation in babylonischer Gefangenschaft war. Michael und Gabriel sind zuerst von Daniel, einem Sklaven dieses Volkes, genannt worden. Der Jude Tobit, der zu Ninive wohnte, wusste vom Engel Rafael, der mit seinem Sohn unterwegs war, um zu helfen, das Geld, das ihm der Jude Gabaël schuldete, einzutreiben. In den jüdischen Gesetzen, das heißt im Levitikus und im Deuteronomium, wird, vor allem bezüglich ihres Gottesdienstes, nicht die geringste Bemerkung über die Existenz von Engeln gemacht, auch die Sadduzäer glaubten nicht an Engel.1
Aber in den Geschichten der Juden ist viel von ihnen die Rede. Diese Engel seien körperlich, hätten Flügel am Rücken, so wie die Heiden vorgaben, dass Merkur welche an den Fersen hatte, mitunter verbargen sie ihre Flügel unter ihren Gewändern. Wie sollten sie auch keine Körper haben, wo sie doch aßen und tranken und die Einwohner Sodoms sündhafte Päderasterie mit den Engeln, die zu Loth kamen, treiben wollten. Nach Ben Maimonides kannte die alte jüdische Tradition zehn Stufen, zehn Ordnungen von Engeln. 1. Chaios Akodesch, Reine, Heilige. 2. Die Ofamin, Schnelle. 3. Die Oralim, die Starken. 4. Die Chasmalim, die Flammen. 5. Die Seraphim, die Funkelnden. 6. Die Malakim, Engel, Boten, Abgesandte. 7. Die Eloim, die Götter oder Richter. 8. Die Ben Eloim, Kinder der Götter. 9. Cherubim, die Spiegelbilder. 10. Ychim, die Beseelten.2
Die Geschichte vom Sturz der Engel findet sich nicht in den Büchern Moses; das erste Zeugnis das darauf Bezug nimmt, ist das des Propheten Jesaja, der, als er den König Babylons beschimpft und ausruft: „Was ist aus dem Tributeintreiber geworden? Die Tannen und die Zedern erfreuen sich seines Sturzes; wie bist du vom Himmel gefallen oh Hellel, du Stern des aufgehendes Tages?“ Man übersetzt dieses Hellel mit dem lateinischem Wort Luzifer und schließlich hat man den Namen Luzifer in allegorischem Sinn den Engelsfürsten gegeben, die im Himmel Krieg führten; und endlich ist dieser Name, der schimmerndes Licht  und Morgenröte bedeutet, zum Namen des Teufels geworden.
Die christliche Religion ist auf den Sturz der Engel gebaut. Jene, die sich erhoben, wurden aus den Höhen, die sie bewohnten, herabgestürzt in die Hölle im Inneren der Erde und wurden zu Teufeln. Ein Teufel in Schlangengestalt verführte Eva  und führte das Menschengeschlecht in Verdammnis. Jesus kam zur Erlösung des Menschengeschlechts und um den Teufel zu bezwingen, der uns noch immer in Versuchung führt. Jedoch findet sich diese Grundversion nur in dem apokryphen Buch Enoch und auch sie ist sehr verschieden von der gängigen Überlieferung.

Der heilige Augustin hat in seinem einhundertneunten Brief keinerlei Schwierigkeiten,  den guten und den bösen Engeln losgelöste und bewegliche Körper zuzuordnen.  Papst Gregor II. hat die zehn von den Juden anerkannten Engelchöre auf neun Chöre, neun Stufen oder Ordnungen verringert, es sind die Seraphim, die Cherubim, die Throne, die Herrlichkeiten, die Tugenden, die Mächte, die Erzengel und schließlich die Engel, die den acht weiteren Ebenen ihren Namen geben.3
Die Juden hatten im Tempel zwei Cherubim mit jeweils zwei Köpfen, der eine als Stier, der zweite als Adlerkopf, dazu sechs Flügel. Heute malen wir sie als fliegenden Kopf  mit zwei kleinen Flügeln unter den Ohren. Die Engel und die Erzengel malen wir in Gestalt junger Leute mit zwei Flügeln am Rücken. Hinsichtlich der Throne und Herrschaften hat man sich noch nicht unterstanden, sie zu malen. Der heilige Thomas sagt in seiner Disputation CVIII, Artikel 2, die Throne seien ebenso nah bei Gott wie die Cherubim und die Seraphim: sind sie es doch, auf denen Gott sitzt. Scotus hat tausend Millionen Engel gezählt. Die alte Mythologie der guten und bösen Genien, die vom Orient auf Griechenland und Rom überging, lässt uns diese Meinung bestätigen, indem wir jedem Menschen einen guten und einen bösen Engel zuordnen, von denen ihn der eine unterstützt, der andere ihm von der Geburt bis zum Tode schadet; aber man weiß noch nicht, ob die guten und bösen Engel laufend von einem Einsatzort zum anderen wechseln, oder ob sie von neuen Engeln abgelöst werden. Ziehen Sie zu dieser Frage die Summa des heiligen Thomas heran.4 Man weiß nicht genau, wo die Engel sich aufhalten, ob in der Luft, im Leeren oder auf den Sternen. Gott wollte nicht, dass wir davon wissen.


  1 – Tobit..,  Voltaire bezieht sich auf das apokryphe Buch Tobit; Levitikus (3.Buch Mose)  und Deuteronomium (5.Buch Mose) bilden mit den Büchern   Moses 1 – 3  den Gesetzeskanon – den Pentateuch – der jüdischen Tora.  Die Sadduzäer waren eine Priesterkaste des Judentums, Zeremonienmeister des Tempelkults und waren strikt an den Texten Moses orientiert, sie bestimmten das sakrale Geschehen bis zur Niederschlagung des von ihnen abgelehnten jüdischen Aufstands (70 uZ) durch Rom, in dessen Verlauf der zweite Tempel in Jerusalem zerstört wurde. Die Sadduzäer waren auch gegen die Auferstehung, somit entschiedene Gegner des Christentums.

2 – Eloim.., Quintus Fabius Pictor, römischer Historiker (254 – 201 vuZ), schrieb die Annalen Roms, die wohl auch den bekannten Mythos von der Gründung Roms enthielten. 

3 – Gregor II – (669 – 731), Papst, dem wir die Missionierung Deutschlands zu verdanken haben. Die katholische Engelshierarchie war seit  Dionysos Aeropagias Schrift  ‚Hierarchia coeestis‘ (um 500 uZ) in 3 Stufen mit 3 Unterabteilungen unterteilt: Seraphim, Cherubim, Throne – Herrschaften, Mächte, Kräfte  und Fürstentümer, Erzengel, Engel. Noch heute singt man im Vorgebet des Abendmahlsgottesdienstes, der sogenannten Profation: „Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln, den Thronen und Mächten (= Herrschaften), und mit all den Scharen des himmlischen Heeres den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit…“ zur Engelslehre aus kirchlicher Sicht siehe die recht guten Seiten des Pfarrers Dr. Johannes Holdt: http://catholic-church.org/ao/ps/Angeli.html.

4 – heiliger Thomas, Thomas von Aquin (1225-1275),  Summa theologica 4.Buch ‚Schöpfung und Engelwelt‘. (abgedruckt in http://www.himmelsboten.de)

Apis der Stier und Ägypten

Verehrte man den Stier Apis zu Memphis1 als Gott, als Symbol oder als Stier? Es ist anzunehmen, dass die Fanatiker in ihm einen Gott sahen, die Weisen schlicht ein Symbol und dass das dumme Volk den Stier anbetete. Tat Kambyses2 das Richtige, als er den Stier nach der Eroberung Ägyptens eigenhändig tötete? Warum nicht? Er machte den Einfältigen klar, dass man ihren Gott am Spieß braten konnte, ohne dass sich die Natur erhob, um solche Gotteslästerung zu rächen. Man hat die Ägypter sehr gepriesen. Doch kenne ich  kaum ein erbärmlicheres Volk – es muss in ihrem Charakter und ihrem Staatswesen ein Grundübel liegen, dass aus ihnen zu allen Zeiten ein Volk von elenden Sklaven machte. Ich gestehe, dass sie in fast unbekannten Zeiten die Welt beherrscht haben, aber in geschichtlicher Zeit wurden sie von allen, die sich diese Mühe machen wollten, unterworfen, von den Assyrern, von den Persern, von den Griechen, von den Römern, von den Arabern, von den Mamelucken, von den Türken, am Ende von aller Welt, ausgenommen unseren Kreuzfahrern, die zugegebenermaßen noch dümmer waren als die Ägypter feige. Es war eine Mameluckenmiliz, die die Franzosen besiegte. Es gibt bei dieser Nation vielleicht nur zwei passable Dinge: das erste ist, dass diejenigen, die einen Stier anbeteten, niemals jene, die einen Affen anbeteten, zwingen wollten, ihre Religion zu ändern, das zweite, dass sie in ihren Backöfen stets Hühnchen ausbrüten ließen. Man lobt ihre Pyramiden, aber sie sind das Denkmal eines versklavten Volkes. Es war wohl notwendig, dass die ganze Nation an ihnen arbeiten musste, anders hätte man diese schrecklichen Steinmmassen niemals aufstapeln können. Wozu dienten sie aber? Um in einem kleinen Gemach die Mumie irgendeines Fürsten, eines Herrschers, eines Verwalters zu konservieren, damit sie von ihrer Seele nach Ablauf von tausend Jahren wiederbelebt würde. Aber wenn sie die Wiederauferstehung der Körper erhofften: warum entfernten sie vor der Einbalsamierung das Gehirn ? Sollten denn die Ägypter ohne Gehirn auferstehen?


1 – Apis, der Stier, war ein Symbol der Fruchtbarkeit und wurde als lebendiges Tier in Memphis im Tempel des Ptah verehrt. Er musste schwarz sein, mit einem weißen Zeichen auf der Stirn

2 – Kambyses II. ( – 522 vuZ), war König in Persien und unternahm 525 einen Ägyptenfeldzug in dessen Verlauf er die Hauptstadt Memphis eroberte.

3 – Mamelucken, ursprünglich türkische Söldner, verselbständigten sich und gelangten in Ägypten unter Aybak ab 1250 an die Macht.

Circoncision – Beschneidung

Wenn Herodot erzählt1, was er von den Barbaren, zu denen er gereist war, erfahren hat, erzählt er Albernheiten wie die meisten unserer Reisenden. So braucht man ihm nicht zu glauben, wenn er von den Abenteuern von Gyges und Kandaules2 spricht, von Arion auf dem Delphin3 und vom Orakel, das befragt, was Krösus tun würde, antwortete, dieser koche eine Schildkröte bei zugedeckten Topf4 – oder vom Pferd des Darius, das seinen Herrn zum König machte, indem es sich ihm als erstem näherte5 und von hundert anderen Märchen, die Kindern gefallen und Rhetoriker sammeln. Wenn er aber von den Dingen erzählt, die er gesehen hat, von den Sitten der Völker, die er untersucht, von ihrer Geschichte, die er zu Rate gezogen hat, spricht er doch zu Erwachsenen. „Es scheint, sagt er im Buch Euterpe, dass die Einwohner von Kolchis6 ursprünglich aus Ägypten stammen, ich urteile aus eigener Anschauung und weniger vom Hörensagen, denn ich habe festgestellt, dass man sich in Kolchis wesentlich besser an die alten Ägypter erinnert als man sich in Ägypten an die alten Gewohnheiten von Kolchis erinnert. Die Bewohner der Ufer des Schwarzen Meeres behaupten eine durch Sesostris7 gegründete Kolonie zu sein, ich für meinen Teil vermute das ebenfalls, nicht nur weil sie dunkelhäutig sind und gekräuselte Haare haben, sondern weil die Völker von Kolchis, Ägypten und Äthiopien die einzigen sind, die sich seit jeher beschneiden lassen haben; weil die Phönizier und die Palästinenser zugeben, dass sie die Beschneidung von den Ägyptern übernommen haben. Die Syrer, die heute die Ufer des Thermodon und Parthiens bewohnen, und ihre Nachbarn, die Makronen8, erklären, dass es noch nicht lange her ist, seit sie sich dieser ägyptischen Gewohnheit angepasst haben.  Hauptsächlich deshalb hält man ihre Herkunft für ägyptisch. Was Äthiopien und Ägypten betrifft, bei denen diese Zeremonie jeweils sehr weit zurück reicht, wüsste ich nicht zu sagen, wer von beiden die Beschneidung vom anderen hätte, es ist indessen wahrscheinlich, dass die Äthiopier sie von den Ägyptern haben, wie umgekehrt die Phönizier den Brauch, die Neugeborenen zu beschneiden, abgeschafft haben, seit ihr Handel mit den Griechen zunahm.“
Aus dieser Passage Herodots folgt klar, dass mehrere Völker die Beschneidung von Ägypten übernommen haben; aber keine Nation jemals behauptet hat, sie von den Juden erhalten zu haben. Wem kann man nun den Ursprung dieses Brauchs zuschreiben – der Nation von der fünf oder sechs andere bekennen, ihn erhalten zu haben, oder einer anderen Nation, die weit weniger mächtig, weniger Handel treibend, weniger Krieg führend, versteckt in einem Winkel Arabiens lebend und niemals die kleinste ihrer Gewohnheiten an irgendein anderes Volk übermittelt hat? Die Juden sagen, sie seien vormals aus Barmherzigkeit in Ägypten aufgenommen worden; ist es nicht wahrscheinlich, dass das kleine Volk einen Brauch des großen Volkes nachahmte und die Juden einige Sitten ihrer Herren annahmen?  Clemens von Alexandria berichtet, dass Pythagoras9, als er durch Ägypten reiste, gezwungen war, sich beschneiden zu lassen, um zu ihren religiösen Mysterien zugelassen zu werden; man musste also unbedingt beschnitten sein, wollte man der Priesterschaft Ägyptens angehören.

Diese Priester waren da, als Joseph in Ägypten ankam, die Regierungsform bestand seit langem und man beachtete die antiken Zeremonien Ägyptens mit gewissenhafter Genauigkeit. Die Juden geben zu, dass sie zweihundertfünf Jahre in Ägypten ansässig waren, sie sagen, dass sie sich in diesem Zeitraum nicht beschneiden ließen; es ist folglich klar, dass die Ägypter während dieser zweihundertfünf Jahre die Beschneidung nicht von den Juden erhalten haben. Hätten sie diese von ihnen übernommen, nachdem ihnen die Juden alle Gefäße gestohlen hatten, die man ihnen geliehen hatte und nach ihrem eigenen Zeugnis mit ihrer Beute in die Wüste entflohen? Übernimmt ein Herr das wichtigste Kennzeichen der Religion von seinem flüchtigen und diebischen Sklaven? Dies liegt nicht in der Natur des Menschen. Es heißt im Buch Josua, dass die Juden in der Wüste beschnitten wurden: „Ich habe euch von dem befreit, was bei den Ägyptern zu eurer Schande gereichte“. Nun, was könnte dieses Schande-Bringende sein für Leute, die sich unter den Völkern der Phönizier, Araber und Ägypter befanden, wenn nicht jenes, das sie diesen drei Nationen verachtenswert machte? Wie befreite man sie von dieser Schande? Indem man sie von einem Stück Vorhaut befreite. Liegt nicht darin der natürliche Sinn dieser Passage?

Die Genesis sagt, dass Abraham schon vorher beschnitten worden war, doch Abraham reiste durch Ägypten, das seit langem, von einem mächtigen König regiert, ein blühendes Königreich war. Nichts spricht dagegen, dass die Beschneidung in diesem so alten Königreich  bereits lange in Gebrauch war, als sich die jüdische Nation bildete. Außerdem blieb die Beschneidung Abrahams ohne Nachahmung, seine Nachkommen wurden erst zur Zeit Josuas beschnitten.
Nun übernahmen die Israeliten vor Josua sogar nach ihrem eigenen Bekenntnis viele der Gewohnheiten Ägyptens: so imitierten sie einige Opferbräuche, mehrere religiöse Rituale wie das Fasten , das man an den Tagen vor den Isisfesten praktizierte, die Reinigungshandlungen, den Brauch, die Köpfe der Priester zu rasieren, den Weihrauch, den Kandelaber, das Opfer der roten Kuh, die Reinigung mit Ysopbüscheln, die Meidung von Schweinefleisch, die Abscheu vor Küchengeräten von Ausländern. All das belegt, dass das kleine hebräische Volk trotz seiner Abneigung gegen die große ägyptische Nation eine unendliche Vielzahl von Gebräuchen  seiner früheren Herren übernommen hat. Der Ziegenbock Asasel10, dem man die Sünden des Volkes auflud und ihn in die Wüste jagte, war eine ersichtliche Kopie eines ägyptischen  Brauchs, die Rabbiner geben sogar zu, dass das Wort Asasel nicht-hebräischen Ursprungs ist. Nichts spricht also dagegen, dass die Hebräer die Ägypter bei der Beschneidung imitiert haben, wie dies auch die Araber, ihre Nachbarn, taten.
Es ist keinesfalls verwunderlich, dass Gott, wenn er schon die Taufe – so lange gebräuchlich bei den Asiaten – heiligte, auch die Beschneidung guthieß, die nicht weniger lange bei den Afrikanern gebräuchlich war. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass es dem Herr gegeben ist, die Merkmale seines Wohlgefallens auszuwählen. 
Des weiteren hat das jüdische Volk, seitdem es unter Josua beschnitten wurde, diesen Brauch bis auf unsere Tage beibehalten, auch die Araber sind ihm fortwährend treu geblieben, während die Ägypter, die in der ersten Zeit Jungen und Mädchen beschnitten, mit der Zeit damit aufhörten, an den Mädchen diese Operation vorzunehmen und beschränkten sie schließlich auf Priester, Astrologen und Propheten. Das lehren uns Clemens von Alexandrien und Origines. Tatsächlich weiß man gar nicht, ob die Ptolemäern die Beschneidung jemals praktizierten. Die lateinischen Autoren, welche die Juden mit so großer Verachtung behandeln, indem sie sie zum Beispiel spöttisch ‚curtus Apella‘, credat Judaeus Apella, curti Judaei12 nennen, geben den Ägyptern keine derartigen Beinamen. Das ganze ägyptische Volk ist zwar heute beschnitten, aber aus einem anderen Grund, denn der mohammedanische Glaube hat die alte Beschneidung von den Arabern angenommen. Es ist diese arabische Beschneidung, die zu den Äthiopiern kam, wo man Jungen und Mädchen noch heute beschneidet.

Man muss gestehen, dass diese Beschneidungszeremonie zunächst sehr befremdlich erscheint; man muss aber beachten, dass sich die Priester des Morgenlandes zu allen Zeiten durch besondere Kennzeichen weihten. Mit einem Stichel ritzte man den Bacchuspriestern ein Weinblatt ein. Lukian sagt uns, dass die Isisanbeter sich Buchstaben auf die Faust und auf den Hals tätowierten. Die Priester der Kybele machten sich zu Eunuchen. Allem Anschein nach stellten sich die Ägypter, die das Fortpflanzungsorgan sehr verehrten  und sein Abbild bei ihren Prozessionen prunkvoll mitführten, vor, dass sie Isis und Osiris, von denen alles Leben auf der Erde abhing, einen kleinen Teil jenes Gliedes opferten, durch das sich das menschliche Geschlecht nach dem Willen dieser Gottheiten  fortpflanzte. Die alten orientalischen Sitten sind so erstaunlich verschieden von den unseren, dass, wer ein wenig belesen ist, nichts unmöglich finden wird.
Ein Pariser ist ganz erstaunt, wenn man ihm sagt, dass die Hottentotten ihren männlichen Kindern eine Hode abschneiden lassen. Die Hottentotten sind vielleicht erstaunt, dass die Pariser davon zwei behalten.


1 – Herodot, Historien, I-IX, übersetzt von J. Feist, Düsseldorf 2001 (Artemis)

2 – Gyges und Kandaules, Gyges war ein lydischer König des 7 Jh. vuZ., der nach Herodot (Historien I,8-13) durch den Mord an König Kanadaules zur Macht kam und dessen Frau ehelichte, die ihn zu der Tat angestachelt hatte..

3 – Arion auf dem Delphin. Arion von Lesbos war Sänger und Dichter im 7.Jh vuZ. Er sang so bezaubernd schön, dass es ihm gelang, zu seiner Rettung Delphine anzulocken, die ihn vor dem Ertrinken retteten (Herodot Historien,I,23). Arion auf dem Delphin stellt auch eine der zentralen Skulpturen der Gartenanlage des Schwetzinger Schlosses dar, das Voltaire 1753 und 1758 besuchte.

4 – Krösus und die Schildkröte – Krösos war ein Nachkomme von Gyges und lebte im 6.Jh vuZ im Lydien Kleinasiens. Die Schildkröte kochte Krösus wirklich und wollte das Orakel testen, indem er ihm die Frage stellen ließ, was er, Krösus, jetzt gerade tue. Nach Herodot kam die Pythia, die wichtigste Priesterin des Orakels von Delphi, auf die  richtige Antwort (Herodot Historien,I,47,3).     

5 – Dareios und das Pferd   Dareios I, König von Persien (549 – 486 vuZ), wurde nach Herodot (Historien III, 84-86) dadurch aus sechs Kandidaten  zum König erwählt, dass sein Pferd als erstes wieherte   –  der Stallmeister hatte die Lieblingsstute des Pferdes in einiger Entfernung angebunden.

6 – Kolchis  – hieß das kaukasische Land am schwarzen Meer, heute Teil von Georgien und der Türkei Näheres siehe www.kolchis.de.

7 – Sesostris – ägyptischer Herrscher Anfang des 2.Jahrtausends vuZ.

8 – Thermodon und Parthien, Makronen  – der Fluss Thermodon gilt als Fluss der Amazonen, die dort, am Mündungsgebiet des Terme Cyr (wie er heute heißt) am schwarzen Meer bei Samsun, gelebt haben sollen. Das Partherreich befand sich im nordöstlichen Kleinasien, grenzte an die Gebiete der Syrer. Der Thermodon war aber deutlich nördlich davon – Herodot scheint angenommen zu haben, dass sich die syrischen Siedlungsgebiete wesentlich weiter nach nördlich ausdehnten, als sie es nach heutigem Wissen wirklich taten. Die Makronenwaren ein Volk im südlichen Siedlungsgebiet von Kolchis und waren wohl kein Nachbarvolk der Syrer.

9 – Clemens von Alexandria, Pythagoras   – Titus Flavius Clemens (150 -215), griechischer Theologe, Lehrer des Origines; Pythagoras von Samos (570 – 510 vuZ), griechischer Philosoph und Mathematiker.

10 – Asasel  – Es ist eigentlich nicht der Sündenbock, der Asasel heißt, sondern einer der abgefallenen Engel, die die Menschen die Sünde lehren (Buch Henoch).

11 – Ysop  – Josefskraut, eine rosmarinähnliche Heilpflanze der Naturmedizin.

12 – Horaz  – Satiren, I,9 69-70:  curtus = beschnitten, Apella steht für a pellis, also ‚ohne Haut‘, eine andere Ansicht hält ‚Apella‘ für die Bezeichnung eines Freigelassenen, ‚credat‘ meint ‚leichtgläubig‘.

Fanatismus

Fanatismus verhält sich zum Aberglauben wie Fieberwahn zum Fieber, wie der Wutanfall zum Zorn. Wer Ekstasen hat, Erscheinungen, wer Traumbilder für Realität nimmt und seine Einbildungen für Prophezeiungen, ist ein Enthusiast, wer seinen Irrsinn durch Mord umsetzt, ein Fanatiker.

Jean Diaz, zurückgezogen in Nürnberg lebend und fest davon überzeugt, dass der Papst der Antichrist der Apokalypse sei und einen Pferdefuß habe, war nur ein Enthusiast; sein Bruder, Bartholomäus Diaz, der Rom verlassen hatte, um seinen Bruder heiligerweise zu ermorden und ihn auch tatsächlich aus Gottesliebe ermordete, war einer der nichtswürdigsten Fanatiker, den der Aberglaube jemals hatte erzeugen können.
Polyeuktes1, der an einem Festtag zum Tempel geht, um Statuen und Schmuckwerk umzustoßen und zu zerschlagen, ist ein minder schrecklicher Fanatiker als Diaz, aber nicht minder närrisch.

Die Mörder des Herzogs François de Guise, von Willhelm, Prinz von Oranien, von Heinrich III. und des Königs Henri IV und von so vielen weiteren waren Kranke, besessen von der gleichen Raserei wie Diaz. Das verachtungswürdigste Beispiel von Fanatismus ist das der Bürger von Paris, die zusammenliefen um jene ihrer Mitbürger umzubringen, zu erwürgen, aus den Fenstern zu stürzen, in Stücke zu reißen, die nie zur Messen gingen2.

Es gibt kaltblütige Fanatiker: dies sind die Juristen, die jene zum Tode verurteilen, die kein anderes Verbrechen begangen haben, als nicht so zu denken wie sie selbst und derartige Juristen sind um so mehr verurteilenswert, verdienen um so mehr aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, als sie sich nicht in einem Anfall von Raserei wie Clément, Châtel, Ravaillac, Gérard, Damiens3 befanden, sondern allem Anschein nach der Vernunft hätten folgen können.
Wenn der Fanatismus erst einmal ein Gehirn vergiftet hat, ist die Krankheit nahezu unheilbar. Ich habe Verzückte gesehen, die, während sie von den Wundern des heiligen Paris4 sprachen, sich hochgradig unbeherrscht erregten: ihre Augen Feuer sprühend, mit zitternden Gliedmaßen, verzerrte die Raserei ihr Gesicht und sie hätten jeden, der ihnen widersprochen hätte, umgebracht.

Es gibt gegen diese Epidemie kein anderes Mittel als die Aufklärung, die, von Mund zu Mund weitergegeben, die Sitten der Menschen mildert und das Eindringen des Übels verhindert; denn, sobald das Übel vorankommt, bleibt einem nur die Flucht und abzuwarten, bis die Luft wieder rein ist.
Die Gesetze und die Religion erreichen gegen die Seelenpest nichts. Die Religion, weit davon entfernt, ein Heilmittel zu sein, verwandelt sich in einem infizierten Hirn zu Gift. Diese Elenden haben ohne Unterlass das Beispiel von Aod vor Augen, der König Eglon ermordete (Bibel, Richter, 3), von Judith, die Holofernes den Kopf abschnitt (bibel AT Judith, 3), während sie mit ihm schlief, von Samuel, der König Agag in Stücke hackte5(Bibel 1 samuel 15). Sie sehen nur solche Beispiele, die in der Antike achtbar waren, jedoch heute verachtungswürdig sind. Sie speisen ihre Raserei selbst aus jener Religion, die sie verurteilt. Die Gesetze sind noch sehr viel unwirksamer gegen diese Auswüchse von Raserei, es ist, als lese man einem Tobsüchtigen einen Ratsbeschluss vor.

Luxe – Luxus

Gegen den Luxus predigt man seit 2000 Jahren in Versen und in Prosa und hat andauernd an ihm Gefallen gefunden. Was hat man nicht alles über die frühen Römer gesagt? Als diese Straßenräuber die Ernte ihrer Nachbarvölker geraubt und vernichtet, als sie, um ihre armseligen Dörfer voranzubringen, die armseligen Dörfer der Volsker1 und der Samniter2zerstört haben, galten sie als verdienstvolle und bescheidene Leute, denn sie stahlen weder Gold noch Silber, noch Edelsteine, weil es nämlich dergleichen in den Flecken, die sie überfielen, gar nicht gab. Ihre Wälder und ihre Sümpfe brachten weder Fasanen noch Rebhühner hervor: man lobte ihre maßvolle Lebensweise.
Als sie gut und gerne alles geplündert hatten, alles gestohlen vom Adriatischen Golf bis zum Euphrat und genug Geist besaßen, um sich an den Früchten ihrer Raubzüge sieben bis achthundert Jahre lang zu erfreuen, als sie die Künste förderten und von allen Vergnügungen kosteten, sogar die Besiegten davon kosten ließen, da – sagt man – hörten sie auf, brave und anständige Leute zu sein.
All diese Predigten reduzieren sich darauf, zu zeigen, dass ein Dieb niemals das Abendessen, das er nahm, essen dürfe, noch die geraubte Kleidung  tragen, noch sich mit dem gestohlenen Ring schmücken dürfe. Man soll – sagt man – alles in den Fluss werfen, wenn man als ehrlicher Mensch leben will – sagt doch lieber, dass man nicht stehlen soll!  Verurteilt die Straßenräuber, wenn sie rauben, aber behandelt sie nicht als Dummköpfe, wenn sie genießen. Einmal ehrlich: als eine große Zahl der englischen Seeleute sich bei der Einnahme von Pondichéry3 und von La Havana4 bereicherten, taten sie Unrecht, als sie sich in London als Entschädigung für die Strapazen vergnügten, die sie im fernen Asien und in Amerika ausgestanden hatten?
Die Prediger hätten gerne, dass man den Reichtum verscharrt, den man durch Waffenglück, Landwirtschaft, Handel und durch die Industrie angehäuft hat. Sie führen Lakedämonien5 an, warum nicht auch die Republik von San Marino? Was gab Sparta Griechenland an Gutem? Hatte es jemals einen Demosthenes, einen Sophokles, einen Appelles, einen Phidias6? Der Luxus Athens hat große Menschen in allen Bereichen hervorgebracht, Sparta hatte einige Armeeführer und auch die in geringerer Zahl als die anderen Städte. Doch bewahre meinetwegen eine so kleine Republik wie Lakädemonien seine Armut. Man erreicht die Schwelle des Todes als jemand, dem es an allem fehlt ebenso wie jemand, der die Dinge, die das Leben angenehm machen, genießt. Der kanadische Wilde lebt vor sich hin und erreicht ebenso ein hohes Alter wie der englische Bürger mit Einkünften von fünfzigtausend Guineen. Aber wer wollte jemals das Land der Irokesen mit England vergleichen? Wenn die Republik von Ragusa und der Kanton Zug Gesetze gegen den Luxus machen, haben sie recht, denn der Arme soll nicht über seine Verhältnisse leben , so habe ich irgendwo gelesen:

Wisset vor allem: der Luxus bereichert den großen Staat
und richtet den kleinen zugrunde 7.

Wenn Sie unter Luxus Übermaß verstehen, so ist bekannt, dass Maßlosigkeit jeder Art schädlich ist, in der Enthaltsamkeit wie in der Völlerei, in der Sparsamkeit wie in der Freigiebigkeit. 
Ich weiß nicht, wie es kam, dass in meinen Dörfern, wo die Erde karg, die Steuern hoch, das Verbot, selbst gesäten Weizen zu exportieren, unerträglich ist, dennoch fast jeder Bauer einen Anzug aus gutem Stoff besitzt und gut beschuht und genährt ist. Pflügte dieser Bauer mit seinem guten Anzug aus weißem Stoff, die Haare frisiert und gepudert, den Acker, wäre das sicher größter Luxus und größte Unverfrorenheit, aber wenn ein Pariser oder Londoner Bürger, wie dieser Bauer angezogen, im Theater erschiene: da hätten wir die schändlichste und lächerlichste Knauserei.

Est modus in rebus, sunt certi denique fines
Quos ultra citaque nequit consitere rectum
(Horaz, Satiren, 1.Buch, Vers 106-107)8

Als man  die Schere erfand, und das war gewiss nicht im finstersten Altertum, was sagte man da nicht alles gegen die ersten, die sich die Nägel schnitten und den Teil der Haare, der ihnen bis über die Nase hingen? Man behandelte sie zweifellos als Angeber und Aufschneider, die sich für viel Geld  einen Gegenstand der Sünde kauften, um das Werk des Schöpfers herabzusetzen. Welch ungeheure Sünde, die Nägel zu kürzen, die Gott am Ende der Finger wachsen lässt. Das war Gotteslästerung. Noch schlimmer war es, als man Hemden und Socken erfand. Man weiß, mit welchem Hass die Räte, die solches nie getragen hatten, gegen junge Magistrate hetzten, die sich in diesem verderblichen Luxus zeigten.


1 Volsker – in einem 13jährigen Krieg (389 – 377) besiegte Rom den Volksstamm der V., der im Süden Latiums lebte.

Samniter – in 3 Kriegen (von 340 bis 290) wurden die S., die ganz Unteritalien besiedelten (Hauptstadt Capua), unterworfen. Rom konfiszierte den größten Teil des fruchtbaren Bodens – siehe hierzu Th. Mommsen, Römische Geschichte I, S 352 ff.

Pondicherry – Hafenstadt an der Ostküste Südindiens, von 1673 bis 1954 französische Kolonie, jedoch am 16. Januar 1761  im britisch-französischen Krieg um die Vorherrschaft in Indien von den Briten dem Erdboden gleichgemacht, erst nach dem Pariser Frieden 1763 (beendet den siebenjährigen Krieg) baute die französisch-indische Kompanie Pondicherry wieder als Handelszentrum auf.

La Havana – Hauptstadt Kubas, 1762 durch britisches Militär den Spaniern abgenommen, jedoch ein Jahr später, im Rahmen des Pariser Friedens  im Tausch gegen Florida zurückgegeben..

Lakädemonien – Sparta, dessen Sparsamkeit und Askese sprichwörtlich wurde.

6  Demosthenes – bedeutendster griechischer Rhetoriker, lebte von 384 – 322 in Athen, Sophokles – griechischer Dramatiker, lebte von 496 – 406 in Athen;  Appelles – bedeutendster Maler der Antike, war Hofmaler Alexander d. Gr. lebte im 4.Jhdt vuZ in Athen;; Phidias – auch Pheidias, war der bedeutendste Bildhauer der Antike, lebte in der 2. Hälfte des 5.Jhdts vuZ in Athen

7 zit. Voltaire, Le Mondain

8  Es ist allen Dingen eigen, nur in bestimmten Grenzen zu gelten
    jenseits derer sie ihre Bedeutung verlieren
(in der versmaßgerechten Übersetzung von Johann Heinrich Voß:
    Maß ist allem bestimmt und eigene scharfe Begrenzung
    Jenseits der so wenig, wie diesseits Rechtes bestehn kann.