250 Jahre alt und noch immer lebendig: Das hätte sich Ludwig der XV. nicht träumen lassen, als er Voltaires Roman Candide kurz nach seinem Erscheinen Ende Februar 1759 in Frankreich verbieten ließ (in Genf wurde das Werk sogar öffentlich verbrannt). Voltaire war zum Zeitpunkt der Herausgabe Candides 65 Jahre alt und lebte im französischen Ort Ferney, ganz in der Nähe von Genf und in sicherer Entfernung von Paris, dem Zentrum der absolutistischen Macht. Candide – unter einem Pseudonym veröffentlicht - war seine Kampfansage an die Kirche und eine ironische Demaskierung der realitätsverblendenden Philosophie seiner Zeit zugleich. Um die Zensur wirkungslos zu machen, ließ er Candide an vier Orten Europas zugleich erscheinen, eine Strategie, die so erfolgreich war, dass sich das Werk in kurzer Zeit über alle Grenzen hinweg verbreitete und die Zensur wirkungslos machte. Unzählige Auflagen sind seither von diesem kleinen, genialen, gerade einmal 100 Seiten starken Roman in allen Sprachen der Welt erschienen und sein Erfolg, seine Aktualität, ist ungebrochen.
In Frankreich gehört Candide heute zum Kreis der
Klassiker und zur schulischen Pflichtlektüre und wird dort vom Lehrpersonal
auftragsgemäß durch das Verbreiten von Langeweile entschärft. Nicht viel
anders in Deutschland, kein Verlag, der etwas auf sich hält, kommt ohne eine
eigene Candide-Ausgabe aus und auch hier behandelt man den Roman im
Unterricht ähnlich dem französischen Vorbild - so zum Beispiel:
Die ostentativ-boshafte Lustigkeit
täuscht nicht über die latente Problematik der Geschehnisse hinweg. Voltaire
orientiert sich am hellenistischen Trennungsroman (vgl. Heliodors Aithiopika
oder Cervantes´ Trabajos de Persiles y Sigismunda), dessen peripetienreiche
Handlungsführung in idealtypischer Weise das Spiel von Kontingenz und
Vorsehung spiegelt und so die Theoreme der Aufklärung – den Glauben an die
Maschinenwelt und die Mündigkeit des Individuums – anzuzweifeln erlaubt.
Die Hauptmedizin zur Abtötung der Voltaireschen Kritik und zur Infusion von
Langeweile hierzulande heißt aber „Philosophie“, genauer: Leibniz. Denn
dieser war ja bekanntlich einer der größten deutschen Denker, wollen wir uns
also erst einmal seiner berühmten Monadenlehre zuwenden - und wieder stellt
sich der didaktische Erfolg in Gestalt allseitigen Gähnens ein – Ziel
erreicht, Patient tot also.
Trotzdem ist natürlich an der Sache mit Leibniz etwas dran, denn er, mit ihm Wolff, später Hegel und viele andere von ihren jeweiligen Fürsten sehr abhängige Philosophen, waren sich vollkommen sicher, dass die Welt, in der sie leben, nicht besser sein könne als sie ist, also die beste aller möglichen Welten sei und das deshalb, weil Gott der Schöpfer dieser Welt war, er in seinem Weltmechanismus auch alle Funktionsgesetze so intelligent eingebracht hat, dass, was dabei jeweils herauskommt, nicht hätte besser gemacht werden können, denn sonst, wäre es anders, ja dann, wäre ja Gott eben nicht der allmächtige Schöpfer dieser Welt…
Und hier setzt Voltaire mit Candide ein. Seine
Hauptfigur, eben Candide (etwa: “der Arglose“), möchte auf seinen
abenteuerlichen Reisen durch die ganze Welt gerne an das Gute und an die
Lehre von der besten aller möglichen Welten glauben, er hat auch einen
entsprechenden Einsager, einen Philosophen-Lehrer und unverbesserlichen
Optimisten namens Pangloss zur Unterstützung an seiner Seite. Nur ereignen
sich fortlaufend Dinge, die solche Lehre schwer erschüttern: es wird
gefoltert, vergewaltigt, verbrannt, Mönche vergehen sich an ihren
Schutzbefohlenen, Inquisitoren halten sich Frauen zu sexuellen Diensten,
Kaufleute veruntreuen das ihnen anvertraute Vermögen, Fürsten führen Krieg
aus reiner Gier und opfern ihre Untertanen ohne jede Hemmung und Erdbeben
verschlingen ganze Städte.
(Ausschnitt aus einer Candide-Illustration
Kubins: Ein Zuckerrohrsklave, dem man als Strafe für seinen Fluchtversuch
das Bein abgehackt hat. Der linke Arm fehlt zur Strafe für „ungeschicktes“
Arbeiten)
Kurz: Candide erlebt die Welt wie sie war und wie sie noch immer ist und
beginnt allmählich an der Lehre von der besten aller möglichen Welten zu
zweifeln. Dabei entwirft Voltaire keine Gesellschaftskritik, sondern
vielmehr eine Kritik am Autoritätsglauben, am Optimismus derjenigen, die
naiv auf das Gute in der Welt und im Menschen vertrauen, ganz besonders
gegenüber den jeweiligen Machthabern und ihren kirchlich-religiösen
Propagandisten. Voltaire sagt dem Leser: lass dich nicht auf leere
Versprechungen ein, vermute im Menschen eher den Eigennutz, vertraue nicht
auf Mitleid und Menschlichkeit. Vertraue stattdessen auf Deine eigene
Wahrnehmung, bilde Dir ein eigenes Urteil, ziehe Deine eigenen Schlüsse,
bleibe dabei, auch wenn Lehrer, Pfarrer und die Vertreter des Staates das
Gegenteil behaupten; bedenke: auch deren Macht ist vergänglich.
Mit seiner ganzen ironischen Kraft führt Voltaire in 'Candide'
zum ersten Mal in die Literatur den Begriff des Optimismus ein - und er
definiert ihn so: „Das ist der Irrsinn zu behaupten, alles sei gut, obwohl
alles schlecht ist“ (19. Kapitel). Wie würde er die Prediger von heute
verlachen, die landauf, landab verkünden, man müsse nur positiv denken und
schon relativiere sich alles Leid und Unglück.
Der Voltaire des Candide ist entschieden antiklerikal, ergreift Partei für die Betrogenen und Entrechteten, ohne diese deshalb zu besseren Menschen zu machen. Eine ideale Gesellschaft? In ihr müssten alle Beteiligten aus den vorhandenen Reichtümern einen angemessenen Vorteil ziehen. Ein Programm, mit humorvoller Phantasie im Land Eldorado des Candide vorgestellt, das auch heute noch geradewegs zur Revolution führte.
Im Candide kommen vor: der Preis, den ein Europäer für
den Zucker zahlen muss, den er aus Übersee bezieht, das Erdbeben von
Lissabon und wie die Kirche danach Juden verbrennen lässt, um Gott zu
gefallen, und der Papst, wie er jährlich 3000 Jungen zu Kastraten
verstümmeln lässt, um ihre süßen Stimmchen als Chorknaben zu erhalten und
eben das sympathische Programm Eldorados: Schönheit und Luxus für Alle!
In einer der bis heute besten, materialreichen Monographien zu Candide in
deutscher Sprache hat Dieter Hildebrandt (nicht der Kabarettist, sondern ein
früherer Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gleichen Namens,
Spezialist für die Literatur der Aufklärung, das gab es damals dort noch)**
die prophetische Kraft Candides herausgestellt, dass Voltaire nämlich einem
Übel in unserer Welt auf der Spur war, das am Ende zu Auschwitz geführt
habe. Nur benennt Hildebrand in Adornoscher Manier dieses Übel nicht, es
scheint ihm an einem irgendwie falschen Plan, einem naturnotwendigen Fehler
zu liegen. Voltaire ist da schon ein ganzes Stück weiter, denn er sieht das
Übel in der Bösartigkeit der Herrschenden und zeigt, dass diese ihre Erfolge
gerade der Gutgläubigkeit ihrer Untertanen verdanken, der diesen
eingeimpften Realitätsblindheit, die sie immer wieder ihren Schlächtern
ausliefert. Voltaire weiß zwar noch keinen rechten Ausweg aus diesem
Dilemma, er kennt noch nicht den organisierten Widerstand, rät aber dem
Leser klar und deutlich, das Geschwätz der Lehrer und Philosophen, mit dem
sie die bestehende Gesellschaft verklären und rechtfertigen, einfach nicht
ernst zu nehmen. Da soll man lieber, wie es am Ende des Romans heißt, seinen
Garten bestellen, denn er wird wenigstens Früchte tragen, die man zu eigenem
Vorteil ernten kann.

(deutsche Candide-Ausgaben)
Viele Übersetzer haben sich mittlerweile darin
versucht, den Roman ins Deutsche zu übertragen. Candide ist nicht einfach zu
übersetzen, sein Inhalt darf nicht dem Witz und sein Humor nicht der
geschliffenen Formulierung zum Opfer fallen. Die frühe Übersetzung von W.C.S.
Mylius von 1778 wird bis heute immer wieder aufgelegt, vielleicht, weil sie
in ihrer etwas altertümlichen Sprache den humoristischen Charakter des
Candide unterstreicht und außerdem für die Verlage ganz umsonst zu haben
ist. Sie ist gewiss nicht die schlechteste, fügt aber zu viel eigenes hinzu.
Eine gute, schnörkellose und dem Text Voltaires mit seinem subtilen Humor
recht nahe kommende ist aber die von Ilse Linden, die auch in der
Monographie von Hildebrandt abgedruckt ist. Viele Künstler (die
berühmtesten: Alfred Kubin und Paul Klee***) haben Candide, von der
Vielschichtigkeit des Romans angeregt, illustriert und auf ihre jeweiligen
Zeit- und Lebensumstände bezogen, es ist besonders interessant und reizvoll,
die unterschiedlichen Interpretationen miteinander zu vergleichen.
Sicher werden weitere Ausgaben mit neuen Übersetzungen und neuen
Illustrationen folgen, denn Candide wird bis zu dem Zeitpunkt zur Aufklärung
über unsere Welt beitragen und mit Gewinn gelesen werden können, an dem alle
Systemverklärer ihre gerechte Strafe (und die wäre:Nichtbeachtung) erhalten
haben und selbst dann wird es vielleicht noch immer Leute geben, denen man
zur Korrektur empfehlen kann, einmal in aller Ruhe Candide zu lesen. 100
Seiten, das ist wenig und doch so bereichernd!
Abschließend sei noch erwähnt, dass Candide 1954 in den
USA von Lillian Hellman als Bühnenstück gegen die Kommunistenverfolgung
ausgearbeitet und später von Leonard Bernstein zu einer Art Musical vertont
wurde. Die faszinierende Aufführung ist als DVD **** erhältlich und lohnt
sich auf alle Fälle anzusehen, als Ergänzung zur Lektüre,
selbstverständlich.
** Dieter Hildebrandt: Voltaire, Candide Dichtung und Wirklichkeit,
Frankfurt/M 1968,
168 S. (enthält auch die Candide Übersetzung von Ilse Linden und ist nur
antiquarisch erhältlich)
*** - Candide. Eine Erzählung, Mit 28 Federzeichnungen von Alfred Kubin,
deutsch. von Johann Frerking, Hannover 1922 (Paul Steegemann), 146 S.
- Candide, oder der Optimismus, mit 27 Zeichnungen von Paul Klee,
Düsseldorf 1962 (Droste ), 120 S.
****- Candide, Leonard Bernstein, London Symphonie Orchestra. DVD (Dolby
sourround) :VMG 2006, 147 min