Moyland

Schloß Moyland

zusammengestellt von Monika Gockel, Mitglied des Fördervereins Museum Schloß Moyland e. V.

Schloß Moyland, Photo: Monika Gockel

Am 11. September 1740 reist Voltaire aus den Haag an, um sich nach der langjährigen Brieffreundschaft mit Friedrich II. zu treffen.

Schloss Moyland liegt am Niederrhein in unmittelbarer Nähe von Kleve, ungefähr 23 km entfernt von der niederländischen Universitätsstadt Nimwegen. Die heute noch gültige Grundgestalt des Schlosses - ein enger, von vier Flügeln und wuchtigen Ecktürmen umschlossener Innenhof - entstand im 15. Jahrhundert. Im 17. Jahrhundert erhielten die Zinnentürme barocke Hauben und an die Stelle der Schiessscharten wurden hohe Fenster gebaut.

Die Burg wandelte sich zu einem Landschloss und war von 1695 bis 1767 im Besitz des preussischen Königshauses. 1766 wird Friedrich II Schloss Moyland verkaufen -Voltaires Idee, dort eine Art Gelehrtenrepublik zu errichten, hatte sich zerschlagen.

Der niederländische Adeligen und Unternehmer Jonkheer Adriaan Steengracht Herr van Souburg auf Zeeland kaufte das das durch Geldmangel und Schäden im Siebenjährigen Krieg heruntergekommene Schloss. Es blieb im Besitz der Familie Steengracht bis 1990. Der Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner wurde 1854 mit dem Umbau des Schlosses im neugotischen Tudorstil beauftragt. Danach diente Moyland der Familie Steengracht ununterbrochen als Wohnsitz.

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges war das Schloss Sitz des britischen Armeestabs, der sich im Keller einquartiert hatte, 1945 kam sogar Winston Churchill zu Besuch. Der letzte Steengracht auf Moyland war Gustav Adolf Graf Steengracht von Moyland, Stellverteter Ribbentrops während der Nazizeit und führender SA-Mann. Er war sehr wahrscheinlich im Anschluß an die Wannseekonferenz an der Ermordung der jüdischen Bevölkerung beteilgt. Man hat ihn 1949 zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt, aber schon 1950 entlassen. Er lebte bis 1969 auf Schloß Moyland.

Anschließend verfiel das Schloß immer mehr und erst 1987 hat die Siftung Schloß Moyland das Gebäude restauriert und zum Museum umgebaut.

Moyland - erste Begegnung mit Friedrich

Skizze von 1731 (C.Pronk)

1736
Am 8.August: Erster Brief Friedrichs an Voltaire, anschließend rege Korrespondenz, in denen sich die beiden gegenseitig mit Komplimenten überhäufen.

1740
Kurz nach seiner Krönung zum König im Herbst 1740 tritt Friedrich eine Reise durch die preussischen Rheinprovinzen an mit dem Ziel, Voltaire in Brüssel zu treffen. Eine fiebrige Erkrankung hindert ihn am Weiterreisen, er bittet Voltaire, nach Schloss Moyland zu kommen und vermeidet damit auch ein Zusammentreffen mit Emilie du Chatelet in Brüssel. Am 11. September trifft Voltaire, von Den Haag kommend, wo er den “Antimachiavell” Friedrichs korrigierte (dessen Druck er eigentlich verhindern sollte), in Schloss Moyland ein. Er liest Friedrich aus seiner religionskritischen Tragödie “Le Fanatisme ou Mahomet le prophète vor, an der er noch auf der Fahrt nach Moyland gearbeitet hatte.
Friedrich berichtet:

Ich habe Voltaire gesehen, auf dessen Bekanntschaft ich so neugierig war. Aber ich sah ihn, als ich Fieber hatte (..). Er besitzt die Beredsamkeit Ciceros, die Liebenswürdigkeit des Plinius, die Weisheit Agrippas. Sein Geist arbeitet unaufhörlich. Er hat uns Mahomet vorgetragen, eine bewunderungswürdige Tragödie; wir waren vor Entzücken außer uns, ich  kann nur bewundern und schweigen
.

Während seines Aufenthaltes auf Schloss Moyland  wird Voltaire in eine der ersten aussenpolitischen militärischen Handlungen Friedrichs verwickelt: die Bürger von Herstall bei Lüttich, seit Friedrich Wilhelm im Widerstand gegen die preussische Vorherrschaft, werden vom Bischoff von Lüttich unterstützt (aufgewiegelt?) und weigern sich, die vom neuen König geforderte Summe von 20.000 Taler zu zahlen und ihm den Treueeid zu leisten. Voltaire nimmt Partei für Friedrich und schreibt eine Stellungnahme (in der Gazette d'Amsterdam erschienen), in der er die Rechte Preussens gegenüber der katholischen Partei nachweist. Herstall wird belagert und  zur Unterwerfung gezwungen, der Bischof muß nachgeben (sehr schön nachzulesen in: Thomas Carlyle, Friedrich der Große)

14. September 1740
Voltaire verlässt Moyland und kehrt nach Den Haag zurück, mit der Absicht, eine umfangreich korrigierte Version von Friedrichs Anti-Machiavell zu veröffentlichen.
Bis zum ersten Treffen der beiden hatte Voltaire in seiner Berichterstattung  ausdrücklich die menschlichen Eigenschaften Friedrichs und seine literarischen Qualitäten hervorgehoben:

Je l’appelle notre souverain, parce qu’il aime, qu’il cultive, qu’il encourage les arts que nous aimons …. Sa passion dominante est de rendre les hommes heureux, et de faire fleurir chez lui les belles lettres.” (Brief an Cideville 28.6.1740)

In den unter dem frischen Eindruck der Zusammenkunft geschriebenen Briefen Voltaires deutet sich in der Gegenüberstellung des kunstfreudigen Mäzens  (charme de la société) und des Beherrschers eines von den gewaltigsten militärischen Machtmitteln getragenen Staates (armée de cent mille hommes) bereits die Möglichkeit einer Entfremdung an.

1766
Voltaire fasst kurze Zeit den Plan, im Rheinland unter der Obhut des preussischen Königs eine Art "Philosophenkolonie" zu gründen, aber die in Frage kommenden Zeitgenossen reizt eine Übersiedlung von Paris an den Niederrhein nicht. Friedrich II. kommentiert Voltaires Idee so:

Ich sehe, dass Ihnen die Gründung der kleinen Kolonie, von der sie mir erzählt haben, am Herzen liegt (…) Dieses Haus Moyland bei Kleve, von dem Sie mir erzählen, wurde von den Franzosen verwüstet und soweit ich mich erinnere, wurde es irgendwem übereignet, der sich daran gemacht hat, es wieder seinem alten Zwecke zuzuführen.”

Moyland heute (2010)

Schloss Moyland 1988 (nach Brues, Schloß Moyland)

Die Ruine verfiel immer mehr bis 1987 der Förderverein "Museum Schloss Moyland" gegründet wurde mit dem Ziel, das Schloss wieder aufzubauen und dort ein Museum der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts einzurichten Am 11. Juli 1990 erfolgte die Gründung der "Stiftung Schloss Moyland", Baron Adrian von Steengracht brachte das Schloss, die Nebengebäude und den Park ein und die Brüder Hans und Franz Joseph van der Grinten ihre in 50 Jahren zusammengetragene Kunstsammlung, die aus etwa 60.000 Stücken besteht (Skulpturen, Plastiken, Malerei, Grafik, Zeichnungen, Fotografien, Objektkunst und Kunsthandwerk), Schwerpunkt der Sammlung sind ca. 4000 Werke des in Kleve-Rindern aufgewachsenen Joseph Beuys. Dritter Bestandteil der Stiftung ist das Joseph-Beuys-Archiv mit nahezu 100.000 Archivalien.

Der Gesamtkomplex umfasst ausser Schlossgebäude und dem Park noch zwei Vorburgbauten, die ehemals als Pferdestallungen, Kutschenremisen und Wohnungen dienten. Zur Geschichte von Schloss Moyland  gibt es in einem Turm im Erdgeschoss einen kurzen Überblick in Texten und Bildern, u.a. auch der Stich von Pierre Charles  Baquoy nach einem Gemälde von Nicolas André Monsiaux, das Voltaire am Tisch sitzend mit einer Feder und Schriften zeigt, neben ihm steht Friedrich II in Uniform.

Informationen:

Museum Schloss Moyland
Am Schloss 4
D-47551 Bedburg-Hau
Tel.: ++49(0)2824 / 9510-60 Fax: ++49(0)2824 / 9510-94
Öffnungszeiten ganzjährig geöffnet
Sommer (1. April bis 31. Oktober) Di bis Fr 10 bis 18 Uhr Sa und So 10 bis 19 Uhr
Winter (1. November bis 31. März) Di bis So 10 bis 17 Uhr
Montags geschlossen !
Weitere Informationen auf den sehr schönen Internetseiten  http://www.moyland.de

Literatur

"Dort bin ich ohne Sorgen" Krankheit und Sterben Friedrichs des Grossen, aufgeschrieben von seinem Leibarzt Christian Gottlieb Selle Herausgegeben und mit kommentierenden Texten versehen von Detlef Rüster Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 1993 (man sollte sich für Friedrich und seine Zeit interessieren)

"Museum Schloss Moyland" hrsg. vom Förderverein Museum Schloss Moyland e.V. Du Mont Buchverlag, Köln, 1997 (sehr ausführliche Dokumentation)

Dr. Heinz Will, Voltaire am Niederrhein, Kleve 1974 (kompetente, quellenkritische Arbeit über Voltaires Aufenthalte am Niederrhein).

Otto Brües "Schloss Moyland: von Voltaire bis Beuys" Mervator-Verlag, Duisburg, 1988 (etwas blumige Berichte über das Leben im Schloss)

Carlyle, Thomas: Friedrich der Grosse. Übersetzung von Neuber, J. u. Althaus, F., Berlin Decker's Verlag., 1925. 434S (zur Herstall-Affaire)