Gotha

Voltaire in Gotha

Das Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg war Mitte des 18.Jahrhunderts einer jener Zwergstaaten, die sich nur durch Verkauf und Verleih ihrer Untertanen als Soldaten über Wasser halten konnten. Wenigstens um 1750 herum verprasste die aktuelle Herrscherfamilie (Friedrich III. und seine Frau Luise Dorothea) das seinen 15.000 Untertanen abgepresste Vermögen nicht voll und ganz, sondern verwendete einen erklecklichen Teil davon für den Schlossausbau, den Aufbau eines bis heute sehenswerten Museums und zur Förderung von Kunst und Wissenschaft. Zu verdanken war dies vor allem Herzogin Luise Dorothea, die gemeinsam mit ihrer Freundin Franziska von Buchwald aus ihrem vorher so lutherisch-bigotten Gotha eine Keimzelle der Aufklärung machte und dem örtlichen Klerus einige Lehren in religiöser Toleranz erteilte. So musste dieser hinnehmen, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft (im heutigen Neudietendorf) eine Kolonie der Herrnhuter Brüdergemeinen gründete.

Gotha entwickelte sich zu einem Zentrum des Buchdrucks (Ettinger und Perthes), der Porzellanmanufaktur (W.T. von Rotberg) und des Theaters (das Theater Ekhof und später Iffland), der Literatur (F.W. Gotter).
Luise Dorothea gründete auch eine Geheimgesellschaft, den 'Ordre des Hermites de bonne humeur', der sich dem Motto 'Vive la joie' verpflichtet fühlte und in seinen Sitzungen der freien Äußerung von Gedanken ein Forum bot. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Voltaire während seines einmonatigen Aufenthalts von 21. April bis 25. Mail an einem dieser Treffen teilnahm.

Gotha - Voltaire: im Zeichen der Freude

Voltaire kommt nach seiner Abreise aus Berlin  und einem Aufenthalt in Leipzig am 21.4.1753 nach Gotha und bleibt immerhin vier Wochen auf Schloß Friedenstein, das die Stadt weit überragt. Er genießt die zahlreichen Feste zu seinen Ehren. An Luise Dorothea schreibt er später (28.Mai 1753):

"Madame, meine leidende und umherwandernde Gestalt ist in Wabern bei Kassel beim Landgrafen und meine Seele ist in Gotha, sie liegt zu ihren Füssen, sie wird sich dort befinden so lange ich atme. Ich habe sogar Sorge, ob mich Eure ehrwürdige Hoheit nicht für den Rest meines Lebens unglücklich gemacht hat; ich werde es ihr von ganzem Herzen verzeihen. Es war ja nicht aus böser Absicht ihrerseits, aber, um   die Wahrheit zu sagen, sie hätte es berücksichtigen müssen, als sie mir so viel Schönes tat, als sie mir ein solch ergötzliches Leben ermöglichte, dass sie mich damit ewigem Bedauern überlieferte".

Prunksaal in Schloß Friedenstein

Und an Franziska von Buchwald am selben Tag :

Grande maîtresse de Gotha,
Et des coeurs plus grande maîtresse,
Quand mon étoile me porta
Dans votre cour enchanteresse,
Un trop grand bonheur me flatta;
Le destin jaloux me l’ôta.
J’ai tout perdu; mais ma tendresse
Avec les désirs me resta:
C’est bien assez dans ma vieillesse.
 
übersetzt:
Großhofmeisterin von Gotha,
Und noch größere Meisterin der Herzen,
Als mein Stern mich trug
An ihren zauberhaften Hof
Begünstigte mich ein zu großes Glück
Das mir ein eifersüchtiges Schicksal entwendete
Ich habe alles verloren, jedoch meine Zärtlichkeit,
dazu das Verlangen, bleiben mir erhalten:
Was reichlich genug ist in meinem Alter.
 
und:

"...Erlauben Sie mir, Madame, meine Grüße an Herrn Großhofmeister, an die ganze Familie zu richten, an alle die Ihnen nahestehen, an Fräulein Waldner1, an Herrn von Rothberg2, an Herrn Klupfel3. Meine Indiskretion hält hier ein. Ich würde sie zu weit treiben, wenn ich hier die Liste all derer einfügen würde, die ihre Güte für mich gewonnen hat".

*1: Friederike Eleonore von Waldner war Erzieherin der Prinzessin Friederike Luise und starb 1757.
*2: Wilhelm von Rotberg (1718 - 1795), Elsässer, Oberhofmeister, Gründer der ersten Gothaischen Porzellanfabrik und Herausgeber des Gothaer Almanachs
*3: Emmanuel-Christoph Klüpfel (1712 - 1776), ehemaliger Pastor aus Genf, Hauslehrer des Erbprinzen Friedrich, Vertrauter der Herzogin, Mitarbeiter und Herausgeber des Gothaer Almanachs. 

 
Es scheint, dass Voltaire hier auf die Mitglieder des "Orden der Einsiedler der Lebensfreude" in Gotha anspielt, deren Namen er nicht preisgeben will. Wenn dem so ist, nahm er möglicherweise an einer der Sitzungen selbst teil.
In den 14 Jahren bis zu ihrem Tod schrieb Voltaire der Herzogin 138 Briefe, diese Briefe und die Tatsache, dass er ihr ohne Sicherheiten größere Geldsummen lieh, zeigen, dass es sich bei dem oben zitierten Satz nicht um eine Höflichkeitsgeste handelte. Voltaire hat die Herzogin und ihre Freundin von Buchwald außerordentlich geschätzt.
Deshalb ist er wohl auch der Bitte der Herzogin nachgekommen, eine Geschichte Deutschlands zu schreiben. Er hat die Arbeit in der umfangreichen Schloßbibliothek zu Gotha begonnen und als  'Annales de l'Empire" bei Schoepflin in Colmar Ende 1753 mit einer Widmung an die Herzogin drucken und veröffentlichen lassen.
Am 25.Mai 1753 hat Voltaire Gotha in Richtung Kassel verlassen

 

Gotha heute (2014)

Auch heute wird die Stadt Gotha von ihrem Schloß Friedenstein dominiert, was aber keinesfalls als Mangel aufzufassen ist, denn es ist eine sehr erfreuliche Dominanz. Schloß Friedenstein ist eine wahre Schatzkammer und die Vielfalt seiner Sammlungen macht es, zusammen mit dem herzoglichen Palais, zu einem Klein-Louvre, einem Museum, das durch die Qualität seiner Exponate überrascht. Ein wirklicher Geheimtipp! Außer den barocken Räumen selbst und davon gibt es zahlreiche, gibt es in Gotha eine ägyptische Sammlung, die größte Sammlung von Werken des französischen Bildhauers Houdon (unter anderem mehrere Voltaire Büsten) außerhalb Frankreichs,
Eine wunderschöne Ausstellung zur Geschichte des barocken Ekhof-Theaters, das Ekhof Theater selbst, eines der wenigen noch bespielbaren Barocktheater mit Originalbühne und Kulissenwerk (jährlich gibt es ein Ekhof-Festival, bei dem Musikstücke des 18. Jahrhunderts aufgeführt werden, zum Beispiel die Oper von Herzogin Amalia nach Goethes Erwin und Elmire (man muss sich früh um Karten bemühen, das Theater fasst nicht mehr als 200 Personen).
Außerdem erwähnenswert ist die Sammlung v. Gemälden Lucas Cranachs, unter anderem das berühmte 'Liebespaar', die Porzellan- und Preziosensammlung (u.a. Bernsteinkabinett, Chinoiserien) und die zahlreichen Originalgemälde mit Schwerpunkt 18. Jahrhundert.
Auch Gotha als Stadt ist einen Besuch wert: liebevoll restaurierte Gebäude, nette Cafes und kleine Geschäfte laden zum Bummeln und Verweilen ein. Nähere Informationen erhält man auf den Internetseiten der Stadt