Die Genfer Affäre
Mahomet
Wie
pseudolinke Politiker und pseudoliberale Islamisten eine Aufführung des
Theaterstücks Voltaires Le fanatisme ou Mahomet le Prophète verhindern
konnten. Eine Chronik.
Im Frühjahr 1993
begann der Genfer Regisseur Hervé Loichemol mit Vorbereitungen zur Aufführung
von Voltaires Tragödie Le Fanatisme ou Mahomet le Prophète im Rahmen der
Feiern zum 300. Geburtstag Voltaires. Der grüne Verwaltungsrat und
Kulturminister des Kantons Genf, Alain Vaissade, im übrigen ein Lehrer des
sogenannten Islamwissenschaftlers Tariq Ramadan, sprach sich als einer der
ersten gegen das Theaterstück aus:
„Selbst
wenn Voltaire hier die Klinge mit dem Katholizismus kreuzt, stellt ‚Mahomet ou
le fanatisme’ die Moslems doch als blutrünstige Leute dar. Das Stück ist
geeignet, religiöse Gefühle zu verletzen. Als Politiker ist es nicht unsere
Funktion, Konflikte anzuheizen, sondern dafür zu sorgen, dass sich Gegensätze
verringern“. (Tribune de Genève, 28.9.1993).
Vaissade sprach sich also für
einen Verzicht auf die Aufführung des Stücks aus. Als Zensor wollte er aber
nicht gelten, Loichemol könne sich ja an private Sponsoren wenden. Weniger
schüchtern war da der Bürgermeister von Ferney-Voltaire selbst, einer
französischen Kleinstadt in unmittelbarer Nähe von Genf, die Voltaire so viel
verdankt: „Wenn wir Mahomet in Ferney verbieten müssen, dann nicht, um zu
zensieren, sondern aus politischen Gründen und wegen der Sicherheit“.
Loichemol wehrte sich: „Man
kann nicht Voltaire feiern und gleichzeitig eines seiner Stücke verbieten, das
wäre ein Widerspruch in sich“. Dies war auch der Moment für Tariq Ramadan, der
bereits am 25.9.1993 in der Tribune de Genève seine Giftspritzen platziert
hatte. Dabei forderte er nicht, das Stück als gotteslästerlich zu zensieren, er
konzentrierte sich darauf, jene moralisch in Misskredit zu bringen, die das
Stück trotz der Proteste aufführen wollten: „In diesem Augenblick werden die
Moslems Bosniens zu neuen Feindbildern erklärt. Man kann Mahomet nicht aufführen
und von diesem explosiven Kontext absehen.“ Zweitens lässt er den
Rassismusknüppel ein wenig tanzen, indem er Kritik am Islam als Vorstufe zum
Aufruf zum Pogrom an einer kleinen religiösen Minderheit stilisiert. So
intervenieren er und seine Freunde gegenüber der Stadtverwaltung mit dem
Argument, dass man nicht „im Namen der Meinungsfreiheit eine Gemeinschaft
verletzen dürfe, die so das Gefühl bekomme, nicht erwünscht zu sein“.
Am 27. September wendet sich Ramadan an die Kulturamtsleiterin der Stadt, Erica
Deuber-Pauli, Ehefrau von Jean Ziegler und Mitglied der kommunistischen Partei
der Schweiz. Er gibt sich erstaunt über den Verlauf der Ereignisse. Am Tag
darauf erscheint ein Kommuniqué des Stadtrats, in dem sich dieser negativ zur
Aufführung Mahomets äußert; die Entscheidung will man aber erst im November
treffen, wohl um Zeit zu gewinnen.
Ramadan nutzt die Zeit, um eine Medienkampagne zu starten, Loichemol sieht sich
als ‚islamophob’ an den Pranger gestellt, organisiert aber für den 3.Oktober
eine öffentliche Versammlung im Theatre le Poche (‚Taschentheater’) zu der Tariq Ramadan erscheint, umgeben von einem Dutzend kopftuchbedeckter Mädchen,
die Flugblätter mit einem offenen Brief Ramadans an Loichemol verteilen, in dem
er diesen auffordert, das Stück nicht aufzuführen und Moslems nicht zu
beleidigen: „Sie nennen das Zensur, ich sehe darin Feingefühl“.
Diesen Brief ließ er dann am 7.10.1993 wiederum in der Tribune de Genève
erscheinen:
„Alle ihre
intellektuellen und literarischen Rechtfertigungen, so ernsthaft sie auch sein
mögen ( und die jede für sich diskutierenswert sind), werden doch zusammen
genommen durch ihre Konsequenzen ausgehöhlt: weil, was von all dem übrigbleibt,
das Bild vom blutrünstigen Mahomet ist, unduldsam, eifersüchtig, heuchlerisch,
fanatisch, ein „Falscher Prophet“, wie Voltaire in seiner Widmung an Papst
Benedikt XIV schrieb. Und sie können nicht verhindern, dass dieses Bild die
Herzen und das Bewusstsein von Muslimen mit Gewalt trifft, die heute Teil
Europas sind und für die Mohammed Weg und Horizont ihrer Identität und ihres
Glaubens darstellt. Kann ein Künstler, ein Regisseur den brutalen Charakter
leugnen, den sein Tun annehmen kann? Ist es nicht besser, wenn man angesichts
heiliger und persönlicher Räume manchmal Stillschweigen bewahrt?
Es mag sein, dass das Stück keinerlei Demonstration noch irgendwelche sichtbaren
Unruhen auslöst, aber seien sie versichert, dass die gefühlsmäßigen Konsequenzen
durchaus real sein werden: es wird ein weiterer Stein auf dem Gebäude des Hasses
und der Ablehnung sein, in dem die Muslime sich eingesperrt fühlen“.
Während der Veranstaltung versuchte Loichemol Ramadan zu einer Stellungnahme zur Bedrohung Salman Rushdies zu bewegen, drei Mal stellte er ihm die Frage: „Herr Ramadan, ich würde gerne ihre Position zur Rushdy-Affaire erfahren“. Drei Mal wich Ramadan aus und beantwortete die Frage nicht.
Auch Erica
Deuber-Pauli war im Theater anwesend und gab an, die finanzielle Unterstützung
des Mahomet-Projekts sei nun nicht mehr gesichert, sondern werde gegenwärtig
„geprüft“. Angesichts solcher Erfolge trommelten Ramadan und seine Freunde
weiter.
Am 14.10.1993 schreibt Hanif Ouardini, Sprecher der Genfer Moschee, im Journal
de Genève:
„Jene, die
behaupten, den Fanatismus im Namen der freien Meinungsäußerung zu bekämpfen tun
nichts anderes als ihn in einer friedlichen und ungeliebten muslimischen
Bevölkerung anzufachen und zu radikalisieren. Ist dies nicht eine andere Art von
niederträchtigem und heimtückischem Fanatismus? Ich bin mir sicher, dass
Voltaire heute nein zu einer derartigen Aufführung sagen würde, denn, wenn man
den Ereignissen in Europa Rechnung trägt, wäre er auf Seiten der Unterdrückten,
das heißt auf Seiten der Moslems Europas. Diese Aufführung kann für uns nicht
anders als tragisch sein, weil sie unglücklicherweise Haß hervorrufen kann und
wir wieder nichts dagegen unternehmen können. Sollten uns doch die
vorhergehenden Affären lehren, dass die freie Meinungsäußerung im Dienste der
Liebe zwischen den Menschen stehen sollte.“
Der grüne Kulturminister des Kantons, Alain Vaissade, entschied dann ganz im
Sinne eines mittelalterlichen Burgfriedens, dem Mahometprojekt die finanziellen
Mittel zu verweigern, weil er, wie er meinte, ‘gewisse Rücksichten beachten“
müsse.
Innerhalb von wenigen Tagen erreichte also Ramadan den Rückzug der Stadt. Heute
behauptet er, dabei überhaupt keine Rolle gespielt zu haben. Henry Loichemol ,
erschöpft und enttäuscht von so viel Lügen und Diffamierungen, verließ die
Schweiz. Leider muß man ihm vorwerfen, dass er verzichtete und sich dann dazu hergab, ein anderes
Voltairestück aufzuführen (da war das Théatre le Poche konsequenter, es nahm
nämlich an den Voltaire-Feierlichkeiten überhaupt nicht mehr teil). Aber wie ein
Alptraum suchte ihn die Sache 13 Jahre später wieder heim: Am 8 12. 2005, als
die kleine Stadt Saint-Genis-Pouilly ihn bat, eine öffentliche Lesung des
Mahomet zu veranstalten, intervenierte sofort Hafid Ouardi, indem er dem
dortigen Bürgermeister einen Beschwerdebrief schrieb.
Hervé Loichemol
war wieder bereit zu verzichten: „Ich möchte die Ereignisse von vor 10 Jahren
nicht noch einmal erleben, ich lasse das Projekt fallen“. Aber dieses Mal
stärkten der Bürgermeister von Saint-Genis-Pouilly und der Präfekt seinen Mut,
sie versprachen ihm sogar Polizeischutz und baten ihn, durchzuhalten. Am Tag der
Vorstellung des Projekts, am Vorabend der Lesung – es waren 30 bis 40 Leute
anwesend – tauchte Hafid Ouardi auf, um seine Show abzuziehen. Er behauptete,
ganz nach dem Vorbild Ramadans, nie ein Verbot der Veranstaltung gefordert zu
haben. Der Bürgermeister zeigte aber Ouardis eigenhändig geschriebenen Brief,
der das Gegenteil bewies. Die Veranstaltung fand statt.
Quellen:
o Nach
einem Artikel von Caroline Fourest
in:
http://carolinefourest.wordpress.com/2007/02/01/tariq-ramadan-et-la-censure-de-voltaire/
o Pierre Frantz, Le fantôme de Mahomet, in: Les Cahiers Voltaire, 2,
Ferney-Voltaire:Centre international d’ étude du XVIIIe siècle, 2003, S. 153 –
158
o Hier noch die
wenig befriedigende Antwort Jean Zieglers auf die in der Zeitschrift Charlie
Hebdo publizierten Vorwürfe v. Caroline Fourest, er habe bei der Unterdrückung
des Theaterstücks in Genf mitgewirkt:
„Das
Projekt, Mahomet im Rahmen der 300 Jahrfeier des Geburtstags Voltaires im Jahr
1994 aufzuführen, war an den Bürgermeister von Ferney-Voltaire herangetragen und
aus budgetairen Gründen sofort abgelehnt worden. Die Stadt Genf sah sich nicht
in der Lage, die französische Stadt zu unterstützen und befasste sich daher mit
der Sache nicht weiter. Charlie-Hebdo müsste seinen Lesern erklären, wie es
einer Kulturamtsdirektorin der Stadt Genf möglich sein sollte, die Aufführung
eines Theaterstücks auf dem Territorium der französischen Republik untersagen zu
lassen.“
(Le projet de monter Mahomet dans le cadre des célébrations du tricentenaire
de la naissance de Voltaire en 1994 a été proposé à Pascal Meylan, maire de Ferney-Voltaire
(Département de l’Ain) et aussitôt refusé pour des raisons budgétaires. Sollicitées de se
substituer au subventionnement de la municipalité française, les autorités genevoises ne sont
pas entrées en matière. Charlie-Hebdo devrait expliquer à ses lecteurs comment une directrice
de la culture
de la Ville de Genève pourrait faire interdire la représentation d’une pièce de
théâtre sur le territoire de la République française) 4.4.2009
http://www.affaires-strategiques.info/spip.php?article1078
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