Der Chevalier de la Barre gehörte in Abbéville zu einem kleinen Kreis von jungen
Leuten, die sich an den Gedanken der Aufklärung orientierten und damit in klarer
Opposition zu dem herrschenden klerikal-totalitären Klima ihrer Umgebung
standen. Sie lasen die Werke der Aufklärung, tauschten erotische Literatur
untereinander und provozierten von Zeit zu Zeit die Bürger der Stadt. Sie waren
mehr als nur die übliche aufbegehrende Jugend, dieses Mehr bestand eben in ihrem
gemeinsamen Interesse an der Aufklärung und ihrer
antiklerikalen Haltung.
Die weiteren Ereignisse sollten zeigen, dass solches
Freidenkertum auch für Adlige – denn der Kreis um den Chevalier de la Barre und
seinen Freund d’Etallonde setzte sich ausnahmslos aus jungen Adligen zusammen -
mit höchsten Gefahren verbunden
war. Vor allem dann, wenn ihre Beziehungen, denn Beziehungen waren damals (wie
heute) alles, nicht hoch genug hinaufreichten, um im Notfall schützende Hilfe
mobilisieren zu können.Der Chevalier und seine Freunde waren keine Hippies, man
müsste sie, wollte man sie in die heutige Zeit ‚übersetzen’ mit jungen Leuten,
sagen wir in Saudi Arabien, vergleichen, die dort westliche Musik hören und die
Werke der Aufklärung lesen, sich über die Mullahs lustig machen, sich also
ersichtlich deren Befehlsgewalt entziehen. Der Kreis um den Chevalier de la
Barre tat sogar mehr, die jungen Leute missachteten die Kirche demonstrativ – als
sie nämlich an einer Prozession vorbeigingen, zogen sie nicht – wie 'es sich
gehörte’ den Hut und beugten nicht ehrerbietig ihre Knie, sondern gingen einfach
eilig vorüber, weil, wie sie später erklärten, sie zum Essen erwartet wurden.
Das war der Moment, auf den Kirchenleute und bigotte
Spießer gewartet hatten. Aus dieser Lappalie sollten sie innerhalb eines halben
Jahres einen Strick gedreht haben, dem sich die Freunde nicht mehr entwinden
konnten und die Verurteilung des Chevalier de la Barres zur Folter und zum Tode
zur Folge hatte.
Am 1.Juli 1766 wurde in Abbéville der erst 20 jährige
François Jean Lefebvre, Chevalier de la Barre, zunächst gefoltert, mit Schildern
behangen, die die Aufschrift trugen: "Gottloser, Lästerer, abscheulicher und
verdammenswerter Frevler", so einer fanatisierten Menge im Büßerhemd zur Schau
gestellt und gezwungen, vor der Kirche niederzuknien. Hier wurde ihm die Zunge
herausgeschnitten*, man führte ihn zum Richtplatz, wo ihm vom Henker der Kopf
abgeschlagen wurde. Seinen Körper verbrannte man auf dem Scheiterhaufen
und mit ihm das philosophische Wörterbuch Voltaires, denn es war nicht
das geringste Verbrechen des Chevalier de la Barres, dieses Buch besessen und darin
gelesen zu haben.
Dem Chevalier de la Barre war zur Last gelegt worden "absichtlich am heiligsten
Sakrament vorbeigegangen zu sein, ohne den Hut zu ziehen oder niederzuknien",
gotteslästerliche Lieder gesungen und infame Bücher gelesen zu haben. Außerdem
habe er das Kreuzeszeichen, die Verwandlung in Wein und den kirchlichen Segen
profaniert. Den ersten Vorwurf, vor einer Prozession nicht wie vorgeschrieben
den Hut gezogen zu haben, hatte Chevalier de la Barre zugegeben und ebenfalls
eingeräumt, in betrunkenem Zustand einmal blasphemische Lieder gesungen zu
haben. Auch den Besitz des philosophischen Wörterbuches hatte er nicht
bestritten.
Die bösartige Kirche im Verein mit einer willfährigen Justiz ließ ihm keine
Chance. Während erstere mit Massenaufläufen und Bittprozessionen für die nötige
Pogromstimmung sorgte und ein Moratorium verfügte, das ist ein allgemeiner Aufruf an
die Bevölkerung zur Denunziation, erledigte die königliche Justiz ihre dreckige
Arbeit, die darin bestand, wider jeglicher Beweislage ein Exempel zu statuieren
und mit der Hinrichtung des Chevaliers die Vertreter der Aufklärung, allen voran
Voltaire, in Angst und Schrecken zu versetzen. Aus diesem Grunde musste der
Chevalier de la Barre sterben und das Urteil war keineswegs nur das Urteil eines
verblendeten Provinzrichters: es wurde in einer Art Revisionsverfahren vom
obersten Gerichtshof, dem Pariser Parlament, vor das der Chevalier de la Barre
als bereits zum Tode Verurteilter geladen wurde und schließlich vom König Ludwig
XV. selbst, bestätigt.
* Zu diesem Punkt gibt es eine Debatte: ob nicht, ob doch
- aber es ist noch keinem gelungen, die überlieferte Rechnung des Henkers, auf
der er das
Zungeherausschneiden berechnet, wegzudiskutieren.
Literatur
o Voltaire,
Relation de la Mort du Chevalier de La Barre,1766, 24 p.
o Voltaire, Le cri du sang innocent, 1775
In diesem an Louis XVI gerichteten Text setzt sich Voltaire im Namen des Herrn
von Etallonde, den man wie den Chevalier de la Barre in Abbéville zum Tode
verurteilt hatte, für die Aufhebung des Urteils ein. Etallonde war seit 9 Jahren
im preußischen Exil, wo er auf Vermittlung Voltaires Offizier geworden war.
D'Etallonde verfolgte jedoch nicht das Ziel Voltaires zur Aufhebung des
Urteils, sondern wollte, gleich wie, zurück nach Frankreich und verfasste ein
Gnadengesuch, das ihm schließlich auch gewährt wurde.
o Max Gallo, Que passe la justice du Roi, Paris 1987 Editions Robert
Laffont, dt Ausgabe, übersetzt von Peter Hahlbrock: Im Namen des Königs
Frankfurt/M 1989, 351 S.
Gallo arbeitet die Vorgänge um den letzten französischen Inquisitionsprozess in
Abbéville akribisch auf, vernachlässigt jedoch erstaunlicherweise die
Rolle der Kirche. Dies treibt er sogar so weit, dass er das kurz vor der
Hinrichtung geschriebene Ersuchen des örtlichen Bischofs um Milde für den
Chevaliers de la Barre für bare Münze ausgibt. Dies obwohl er dessen
Denunziationsaufruf von der Kanzel, die Hassprozessionen, die Hetze der
Kirchenleute durchaus erwähnt, aber offenbar nicht als elementaren Bestandteil
der Inquisition, die in scheinheiliger Regelmäßigkeit noch bei jedem
Terrorprozess den weltlichen Arm zur Milde aufforderte, begreift.
Stattdessen stellt er die subjektiven Rachegedanken des Richters, die dieser
vermutlich auch gehabt haben wird, in den Vordergrund. Dies ist um so
sträflicher, weil Gallo dadurch den Prozess von Abbéville individualisiert, wo er
das bösartig-systematische Vorgehen und die Zusammenarbeit der weltlichen und
klerikalen Verfolger hätte herausarbeiten müssen.
Internet:
www.atheisme.org/statue.html auf dieser Seite wird ein kleiner interessanter
Streit anlässlich der Wiedererrichtung der Statue de la Barres am 24.2.2001
(siehe die Abbildungen auf dieser Seite) auf
dem Place Nadar, Montmartre, dokumentiert.
www.laicite1905.com die
Seiten der 'Association le Chevalier de la Barre' - etwas lasch und nicht
richtig gepflegt.
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