Voltaire gehört zu den Begründern der Gattung 'philosophische Erzählung', das sind Erzählungen in aufklärerischer Absicht, die oft ironisch, mit Humor und mit politischem Engagement geschrieben sind. Insbesondere Candide und Zadig gehören zu den Werken, die bis heute publiziert und an deutschen Schulen im Französischunterricht noch ab und zu durchgenommen werden. Zweifellos zählen sie zu den Meisterwerken der Weltliteratur, sind vielschichtig und auch ohne große historische Kenntnisse verständlich. Trotzdem versperrt der Zugang zu Voltaire über Candide, daß man ihn als kämpferischen, handelnden Humanisten kennen lernt. Vor allem die jüngere Generation könnte am Beispiel Voltaires lernen, daß alle Rechte zuerst erkämpft werden und ebenso wieder verloren gehen, wenn niemand bereit ist, die ewigen Feinde der Freiheit: Kirche, Superreiche und andere Profiteure des Elends zu bekämpfen.
Mikromegas wurde wahrscheinlich schon 1739 verfasst, erschien zuerst 1752, zusammen mit einer Geschichte der Kreuzzüge, als Druckort war London angegeben. Mikromegas stößt als Bewohner des Sirius auf die für ihn sehr kleine Erde, deren Bewohner er nur durch ein Vergrösserungsglas sehen kann. Es kommt zu einer Unterhaltung zwischen Mikromegas und den Menschen über erkenntnistheoretische Fragen, wobei Mikromegas sich über die verwirrenden Ansichten der Erdbewohner zur Natur der Seele und der Vernunft wundert. Indem er Erde und Menschen vor die Kulisse des riesigen Weltalls stellt, relativiert Voltaire menschlich-christlichen Größenwahn und amüsiert sich mit dem Kniff, die Erde, ihre Bewohner und deren Ansichten aus möglichst großer Entfernung zu beobachten über einzelne erkenntnistheoretische Positionen - und mit ihm der Leser.
Zadig ou la déstinée, histoire orientale 1747. "Zadig oder das Schicksal" ist die Geschichte eines babylonischen Adligen, der durch seine überragenden geistigen Fähigkeiten und seine Herzensgüte in höchste Gesellschaftsschichten aufsteigt, jedoch nicht gegen die Bösartigkeiten seiner Umgebung gewappnet ist, die ihn in Elend und Sklaverei stürzen. Den negativen Leidenschaften seiner Zeitgenossen wie Neid, Eifersucht, Habgier, Sucht nach öffentlicher Anerkennung, aber eben auch der Gesellschaftsordnung mit ihrer unumschränkten Macht für - seien sie noch so dumm - Kirchenleute und Adlige hat er bei seiner Suche nach Glück nichts entgegenzusetzen. Erst am Schluss der Erzählung bringen ihn sein Mut, die Liebe des Volkes und die einer Frau, sowie die beständige Unterstützung seines Freundes Cador auf den ihm gebührenden Königsthron Babylons. Einerseits zeigt die Erzählung, welche Vorteile ein klarer Verstand in einer mittelalterlichen Umgebung bietet, aber auch welche Gefahren (Umberto Eco hat hier sicher manche Vorlage gefunden). Voltaire kritisiert Missstände wie Witwenverbrennung, religiösen Hass, korrupte Richter und verlogene Kirchenfürsten. Ganz am Ende der Erzählung: Theaterdonner, sogar ein Engel tritt auf. Eine wunderbare Geschichte: spannend, phantasievoll, lehrreich.
Candide ou l`optimisme. Traduit de l'allemand de Mr. le Docteur Ralph. Sans lieu, (Paris ? ) erschien anonym 1759. Voltaires bis heute viel gelesener und immer wieder publizierter Roman Candide zeigt, dass keine Rede davon sein kann, dass die Welt oder gar die menschliche Gesellschaft zweckmäßig eingerichtet, die beste aller möglichen Welten (Leibniz) sei: die Welt ist schlecht, der Mensch des Menschen Feind, die Gesellschaftsordnung ungerecht, die Herrscher bösartig, die Religion in den Händen raffgieriger und mordbrennender Kirchenleute. ...mehr
L`Ingénu. Histoire véritable tirée des Manuscrits du Père Quesnel London 1767. Das im Deutschen unter "Der Hurone", "Das Naturkind" oder "Der Freimütige" bekannte Werk erzählt, wie ein Fremder huronischer Abstammung, der europäisch-christlichen Kultur nur teilweise vertraut, mit den Widersprüchen zwischen Katholizismus und seiner angeblichen Quelle, der Bibel, konfrontiert wird und dabei die seltsamsten Abenteuer zu bestehen hat. So findet er nirgends einen Beleg für die Forderung, dass zur Liebe die Genehmigung der Kirche, ein Vertrag und die Zustimmung diverser Dritter nötig sei. Er kennt die Stimme der Natur, die zur Liebe nur die Zustimmung des Gegenübers verlangt. Die ihm angeborene Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit bringen ihn bald in Konflikt mit den Zuständen der französischen Adelsgesellschaft, wo Wenige alle Macht in den Händen halten und sie nach Lust und Laune ausnutzen. Er landet in der Bastille. Seiner Geliebten gelingt es, ihn zu befreien, jedoch um den Preis ihrer Selbstachtung, sie wird Opfer der durch kein Gesetz gezügelten Gier allmächtiger Beamter. Der Ekel, den Voltaire vor solchen Zuständen empfindet, tritt einem auf nahezu jeder Seite entgegen. Voltaire ist Verteidiger der Opfer und Ankläger der Täter einer Gesellschaft, in der sich tugendhafte Ziele nur durch Verlust der eigenen Tugend erreichen lassen. Bittere Erfahrung spricht aus den Zeilen: "Man findet genug Hände, die auf die Masse der Unglücklichen einschlagen, aber selten eine helfende." (S.161) L`Ingénu ist eine beißende Kritik der Gesellschaft seiner Zeit mit tiefgreifenden und erfrischenden Gedanken zum Verhältnis von Körper, Geist und Gefühl, zur Liebe und ist eine Antwort Voltaires auf Zivilisationspessimisten à la Rousseau, die Zivilisation nur als Verlust des ursprünglich idealen Naturzustandes begreifen.
La Princesse de Babylone. Die Erzählung "Die Prinzessin von
Babylon" erschien 1768 in Genf. Eine Prinzessin, schön wie Tag und Nacht
zugleich, reist,
von ihrer Liebe zu Amazan, dem Schäfer, getrieben, rund um die ganze Welt, um
ihn wiederzufinden. Ihre märchenhafte Reise führt durch Länder aller
politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse, von Tyranneien bis zur
konstitutionellen Monarchie, von entwickelten Zivilisationen mit Handel, Kunst
und Wissenschaft bis zu Gesellschaften mit nicht viel anderem als Ackerbau und
Viehzucht. Es ist äußerst interessant, wie Voltaire die einzelnen Systeme
bewertet und alle, die ihn der Sympathie zum Absolutismus verdächtigen, werden
hier eines besseren belehrt. Es ist immer wieder überraschend, dass Voltaires
Charakterisierungen der einzelnen Völker auch nach 300 Jahren Ihre
Gültigkeit nicht verloren haben ("Die Deutschen sind die Greise
Europas...(S.248)").Die Reise der Prinzessin endet in Spanien fast mit ihrem Tod
auf dem Scheiterhaufen, denn sie fällt der Inquisition in die Hände. Erst das
beherzte Auftreten Amazans und besonders seines scharfen Schwertes "Fulminante",
das mit einem einzigen Hieb "Bäume, Felsen und Priester zerspalten
konnte"(S.250), rettet sie vor dem qualvollen Feuertod. Die katholischen
Priester, bei Voltaire heißen sie "Schnüffler und Anthropokäer*" werden besiegt
und die Herren Inquisitoren landen auf dem für ihre Opfer vorgesehenen
Scheiterhaufen. Rundum also ein glückliches Ende.
* das heißt Menschenverbrenner
L' homme aux quarante écus In "Der Mann mit den vierzig
Talern" beschäftigt sich Voltaire mit der bis heute aktuellen Frage, wieso der
arbeitenden Bevölkerung so wenig von den Früchten ihrer Arbeit übrigbleibt und
Spekulanten, Nichtstuern, Wohnungsbesitzern und dem Klerus* der Löwenanteil des
Volkseigentums zufällt und diese, im Unterscheid zu jenen, nicht einmal Steuern
dafür zahlen. Das schreiende Unrecht wird noch dadurch vermehrt, dass durch die
Art der Verwendung dieser Steuern (Kriege, Verschwendungssucht..) die
Lebensgrundlagen der Steuer zahlenden Bevölkerung geradewegs zerstört werden.
Außerdem geht es in der Erzählung um die wichtigsten naturwissenschaftlichen
Hypothesen (die Entstehung der Gebirge, des Lebens, der Menschen, der Kinder)
der Zeit, zu denen Voltaire hier Stellung nimmt. Die Erzählung ermöglicht einen
interessanten Blick in die Entstehungsgeschichte der Wissenschaft.
*"Um aber ein Reich in Blüte zu bringen, bedarf es einer möglichst geringen Zahl
von Priestern und möglichst vieler Handwerker"(S.141).
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