Voltaire: Reisen im 18. Jahrhundert

Voltaire: Reisen im Jahrhundert der Aufklärung

Reisen und Macht

In einem Herrschaftsbereich absoluter Macht, sagen wir, bei ‚Hammurabi’ (weil es ein Strategiespiel entsprechenden Namens gibt, wo es darauf ankommt, das Volk so zu regieren, dass sich die Goldkammern des Herrschers maximal anfüllen) – wird das Herumreisen der Untertanen kaum wohl gelitten sein – denn sind sie auf Reisen, arbeiten sie nicht. Also wird Hammurabi das Reisen verhindern wollen, für ihn kein Problem, denn er verfügt über absolute Gewalt, Militär, Polizei, alle finanziellen Mittel, kontrolliert die Grenzen, Wege und Beförderungsmittel, während seine Untertanen nur das zum Arbeiten notwendige Essen erhalten, keine Waffen, möglichst isoliert voneinander leben, wenig untereinander kommunizieren, kurz: an einem traurigen Fleck seines Herrschaftsbereiches geboren und in einem ebensolchen auch begraben werden und auch noch wichtig: in der Zwischenzeit ihren Wohnort nicht verlassen. In diesen Flecken kontrollieren seine Priester, ob die Untertanen sich den Vorgaben entsprechend verhalten. Wenn Hammurabi Leute braucht, die er zur Wahrung seiner Interessen herumschicken kann, zum Beispiel um Krieg zu führen, oder um Handel zu treiben, öffnet er die Halsschlingen ein wenig und genau an diesen Stellen wird man auch die Schlupflöcher in seinem System suchen müssen.
Von Hammurabi nicht allzuweit entfernt war die absolutistische Monarchie des 17./18. Jahrhunderts, mit einem wesentlichen Unterschied: es gab mehr Schlupflöcher, es gab einen innereuropäischen Austausch unter den Wissenschaftlern, Künstlern und Handwerkern, die zwischen den großen Zentren herumreisten, sich kannten und es gab ein kontrolliertes aber funktionierendes Postwesen und: erste zivile Verkehrsverbindungen.

Reisen, ein Privileg

‚Fortschritt’ ist dem Reisen verwandt, denn wer fortschreitet, entfernt sich vom Bekannten, bewegt sich vorwärts zu neuen Zielen und lässt das Alte hinter sich.

Reisen im 18 Jahrhundert bedeutete zumeist eine ungeheure Horizonterweiterung, die Schiffsreisenden nach Amerika, nach Asien, China, die Handeltreibenden und die von den Pfaden des Kolonialismus oder aus europäischen Schlachtfeldern zurückkehrenden Kriegsleute hatten Dinge zu erzählen, die dem lesenden Bürger phantastisch erschienen, ihre Berichte wurden gedruckt und fanden reißenden Absatz. Reiche Kaufleute und die Familien des Hochadels schickten ihre Nachkömmlinge gezielt auf Bildungsreisen zu befreundeten Geschäftspartnern, in andere Adelshäuser, Reiseliteratur mit den Sehenswürdigkeiten der wichtigsten Städte entstand (zum Beispiel:E.R.Rothens Auserlesene Dencwürdigkeiten welche ein curieuser Reysender in den führnehmsten Orten Europae und etlichen anderen in den übrigen Weltteilen zu observieren hat, deren man sich auch sonsten statt eines compendieusen Reyß- oder Zeitungslexici nützlich bedienen kann. Ulm 1749, 708 Seiten). Durch die Verbesserung der Technik – des Straßenbaus, der Fahrzeuge, der Schiffe – verringerten sich die zeitlichen Abstände zwischen den Orten der Welt, das 18. Jahrhundert war gerade auch in dieser Hinsicht die Zeit des großen Fortschritts.

Dass Reisen den Horizont erweitert, bedeutet, dass man aus dem engen Kreis des Alltags mit all seinen Gewohnheiten – und sei es nur beim Essen, Trinken oder Feiern, aber auch hinsichtlich gesellschaftlicher Gepflogenheiten, auferlegter Zwänge und Verpflichtungen herauskommt und bemerkt, dass es auch anders geht, wodurch einem Stoff zum Vergleichen zuwächst und solches ist wohl auch gemeint, wenn man davon spricht, dass Reisen bildet.

Reise-Necessaire aus dem 18. Jhdt
(Dt. Hist. Museum, Berlin).

Deshalb ist heute, zu Zeiten des Massentourismus, eine ganze Branche damit befasst, die Leute so zu lenken, dass sie ihren Urlaub dort am liebsten verbringen, wo es möglichst wenig Anlass zu solchen Vergleichen gibt, ‚all inklusive’ eben. Und weil auch das nicht immer einwandfrei funktioniert – es gibt immer noch zu viele Schlupflöcher – arbeiten die Machtstrategen, oft im Namen des Umweltschutzes, an einer drastischen Einschränkung der Mobilität für den größten Teil der Bevölkerung.

Das war im 18. Jahrhundert noch nicht notwenig, denn das Reisen war weitgehend den Reichen vorbehalten und wer kein Geld hatte und es trotzdem versuchte, musste auf Schusters Rappen schwere Strapazen in kauf nehmen, denn man legte solchen Leuten nicht nur Steine in den Weg…(man lese etwa den Reisebericht von Karl Philipp Moritz, Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782).

Jeder Untertan benötigte zudem eine Erlaubnis der Obrigkeit, wenn er seinen Heimatort verlassen wollte – ganz zu schweigen von den Zugangsbeschränkungen, die ihm von den gewünschten Zielorten auferlegt wurden. Selbst Voltaire saß zwei Wochen in Kleve fest, weil der Passierschein des Königs für die Weiterreise nach Berlin nicht angekommen war. Hielt man die Erlaubnis endlich in den Händen, war es, selbst wenn man mit der Kutsche reiste, für einige angenehmer als für andere, denn das Dienstpersonal nahm gewöhnlich Platz hinter dem Kutscher, Wind und
Wetter ausgesetzt, oder – schon besser – im Gepäckraum, Economie-Class sozusagen. So stand all jenen, die kein Geld und keine Protektion hatten und trotzdem weg wollten, oft nur der gefährliche Weg über das Militär offen – auch das kommt einem (wieder!) bekannt vor – häufig genug eine Reise ohne Wiederkehr.

Reisen ist Freiheit

Vor dem Reiseantritt steht immer eine Entscheidung, man muß zwischen Vor- und Nachteil des Reisevorhabens abwägen. Die Entscheidung für eine Reise kann durch äußere Anlässe motiviert sein: es gibt Geschäftsreisen, man wird vertrieben, ein Todesfall ruft einen zum Begräbnis in ein anderes Land, Krankheit erzwingt einen Sanatoriumaufenthalt und ähnliche mehr. Oder es gibt einen inneren Antrieb, das Bedürfnis nach Erholung, der Wunsch, Freunde zu besuchen, die Neugier auf andere Länder, Menschen, Wissensdurst und Forscherdrang, auch die Lust auf Abenteuer und das Bedürfnis, Grenzen und Hindernisse zu überschreiten, gehören dazu.

Stellen wir uns vor, welche Entscheidung die Reisenden im 18. Jahrhundert zu treffen hatten, fallen die Mühen, die sie in Betracht ziehen mussten, besonders auf: schlechte Verkehrswege, hohe Kosten, große Gefahren für Leib und Leben, sehr schlechte Unterkünfte und Fortbewegungsmittel mit großen körperlicher Belastung. Wer trotzdem reiste, hatte ‚gute Gründe’, und versprach sich jedenfalls einen großen Vorteil davon.

Auch die Rückkehr von einer Reise kann man als Entscheidung sehen und in diesem Freiheitsmoment liegt vielleicht der einzige Vorteil des Reisens für die jeweils Herrschenden: wer sich zur Rückkehr in sein Elend selbst entscheidet, empfindet dieses als weniger drückend, fügt sich besser ein, denn er hat sich sein Los ja selbst gewählt. Dabei spielt es psychologisch keine Rolle, ob das Wegbleiben für den Einzelnen überhaupt möglich gewesen wäre: seine Anpassungsbereitschaft steigt. Nicht in jedem Fall, denn manche Reisen fördern vor allem kritisches Bewusstsein, doch dazu später.

Wie war es bei Voltaire? Schon in seiner Jugend und im frühen Erwachsenenalter wurde er aus Paris verbannt, weil sein Vater spürte, dass die Kreise, in denen sich Voltaire bewegte, einer ‚anständigen’ juristischen Karriere schädlich waren, Seine erste große Reise führte nach Holland. Nach seiner Rückkehr, die er nicht wünschte, lebte er in Paris, es ergaben sich zahlreiche kleine Reisen, auf denen sich nichts Wesentliches abspielte, vergleichbar mit den Wochendausflügen heutiger Zeit, getrieben vom Wunsch, Freunde zu treffen.
Mit der Verbannung durch den Regenten nach England 1726 kam es allerdings zu einem längeren Aufenthalt im Exil und die Erfahrungen, die Voltaire dort machte, haben ihn entscheiden geprägt, er hat sie in seinen „Philosophischen Briefen“ ausführlich beschrieben und jeder Satz, mit dem er die Verhältnisse in England beschreibt, ist eine Kritik an den Zuständen in seinem Vaterland. Daß er später immer wieder gezwungen war, aufzubrechen und auf Reisen zu gehen, hat sich auch in Voltaires Werk niedergeschlagen. Zeit seines Lebens war Voltaire kein Reisender aus Leidenschaft, er reiste aus geschäftlichen Gründen, seiner Erholung willen und meist, um vor einer Gefahr zu fliehen: wenn man in Frankreich seine Bücher verbrannte und er selbst verfolgt wurde, lag der Vorteil einer Abreise buchstäblich auf der Hand, er setzte sich in die Kutsche und suchte das Weite.

Freiheit gründet in der Möglichkeit sich zwischen alternativen Handlungsmöglichkeiten entscheiden zu können. Wer im Gefängnis sitzt, kann selten Entscheidungen fällen – nicht, wohin er gehen möchte, sein Recht den eigenen Aufenthaltsort zu bestimmen ist beschränkt, ebenso sein Recht, sich seine sozialen Kontakte selbst auszusuchen. Man braucht nur das Reisen dagegen zu setzen und jeder versteht: Reisen bedeutet Freiheit.

Psychologie des Reisenden

Beschäftigen wir uns kurz mit dem Einfluß, den die subjektiven Bedürfnisse auf die Entscheidung für das Reisen haben. Sicher, alle Menschen sind ähnlich, aber nicht alle gleich, glücklicherweise. Es gibt Menschen, die ein großes Sicherheitsbedüfnis haben, sie sind ängstlich, fürchten Veränderungen. Treten sie eine Reise an, dann nur, wenn starke äußere Anlässe sie dazu treiben. Das andere Extrem stellen die Abenteurer dar, die sich wagemutig in die Fremde begeben, ohne an drohende Gefahren zu denken.
Je größer die objektiven Risiken beim Reisen sind, umso wahrscheinlicher ist es, dass ein Großteil der Menschen das Reisen meidet, man tut es, wenn man muß. So war es zu Voltaires Zeit, denn die Gefahren waren groß. Sicher hat es auch Abenteurer gegeben, sie brauchten außer Wagemut eine bärenhafte körperliche Konstitution. Voltaires Gegenspieler aus der Berliner Zeit, Maupertuis war zum Besipiel ein solcher Mensch – er organisierte eine wissenschaftliche Expedition zum Nordpol, um die Krümmung der Erdoberfläche zu bestimmen. Voltaire dagegen war zeitlebens kränklich, seine Abenteuer ware nicht körperlicher, sondern geistiger Art und er mied die Risiken des Reisens, wenn er konnte
In Zeiten des Massentourismus dagegen sind sie auf ein so geringes Maß gefallen, dass sich jeder, gleichgültig ob Sicherheitsmensch oder Abenteurer, auf Reisen begeben kann. Die Aufwandsseite der Reiseentscheidung wiegt heute um so vieles leichter, dass sich das Reisen für Abenteurer kaum noch empfiehlt. Wer Abenteuer sucht, muß sich heute Gefahren selbst schaffen, um auf seine Kosten zu kommen.

Sehen wir uns einen zweiten psychologischen Typus an, den Menschen, der ohne persönlichen Ehrgeiz zu entfalten, zufrieden in der Gemeinschaft seiner Familie, oder seines Dorfes lebt und stellen diesem Heimatmenschen den freiheitsliebenden Individualisten, der unzufrieden ist, vieles verbessern will und sich Feinde schafft, gegenüber. Sicher wird die Motivation, auf Reisen zu gehen, bei letzerem deutlich größer sein als beim Heimatmenschen. Und in historischer Perspektive gilt: je größer der Anpassungsdruck in einer Gesellschaft ist, desto schwerer wird es dem Einzelnen gemacht, sein individuelles, eigenständiges Leben zu führen. Eine Reise anzutreten, ist unter solchen Umständen oft der einzige Ausweg, um sich dieser Zwangslage, meist endgültig, zu entziehen. In Voltaire haben wir ganz gewiß einen sehr freiheitsliebenden Menschen vor uns, die klare Auspägung des zweiten Typs. Stand er vor der Wahl, sich zu unterwerfen, oder ins Exil zu gehen, wählte er ohne zu zögern das Exil. Als sich zum Beispiel in Berlin der Konflikt mit Friedrich II. zuspitzte und der preußische König von Voltaire verlangte, sein ‚Akakia’ – Buch zurückzuziehen und es auf dem Gendarmenmarkt öffentlich verbrennen ließ, hatte Voltaire seine Abreise, getarnt als Kuraufenthalt, längst vorbereitet. Er hat seinen angeblichen Freund Friedrich nie wiedergesehen.

Schließlich möchten wir noch dem Typus des geistig Interessierten, des Forschers, des neugierigen Menschen den Dumpfbacken gegenüberstellen. Wird letzterer, was Reisen betrifft, allenfalls Erholungsreisen antreten, auf denen er paradiesisch viel trinkt und isst, was eben der Geldbeutel hergibt, wird der Neugierige Reisen wählen, um andere Kulturen, andere Menschen oder interssante Naturphänomene kennenzulernen. Voltaire, obwohl ein äußerst neugieriger Mensch, hat keine einzige Bildungsreise angetreten, sein großer Wunsch war, Italien zu besuchen, doch als er es sich leisten konnte, war ser schon zu alt und seine Gesundheit schon so angegriffen, dass er es vernünftigerweise unterließ. Voltaire befriedigte seine intellektuellen Bedürfnisse daher eher durch das Lesen und in Gesprächen mit Gleichgesinnten.

Wir haben jetzt alle wesentlichen Faktoren kennengelernt, die die Entscheidung, ob sich eine Reise lohnt, oder ob der Aufwand zu hoch ist, beeinflussen, und wir haben gesehen, dass diese Faktoren historischen Veränderungen unterliegen, die uns die Vortsellung davon, was das Reisen im 18. Jahrhundert bedeutet hat, erchweren. Widmen wir uns jetzt der Frage, was mit dem Reisenden geschieht, wie auch immer seine Entscheidung zustande gekommen sein mag, wie verändert sich sein Bewusstsein durch das Reisen selbst?

Reisen und Bewußtseinsveränderung

Eine Reisender verlässt seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort, entfernt sich über eine mehr oder weniger große Distanz und er braucht dafür Zeit, die nicht allein nur davon abhängt, wie weit er wegfährt, sondern auch davon, mit welchem Fortbewegungsmittel er die Reise unternimmt. Will man nun die Veränderungen untersuchen, die im Laufe der Geschichte beim Reisen stattgefunden haben, beschäftigt man sich zwangsläufig nicht nur mit den technischen Bedingungen des Reisens, sondern auch mit den Bewußtseinsveränderungen, die zu einem anderen Reiseverhalten geführt haben und umgekehrt, mit den Bewußtseinseränderungen, die sich aufgrund der veränderten Reisebedingungen ergeben haben.
Das Reisen steht im Zentrum einer Entwicklung, die mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte – mit ihr entstand ein neuer Menschentyp, dem es darum ging, sich ein eigenes, möglichst objektives Urteil zu bilden, unabhängig von den Zwängen der Tradition und von gesellschaftlichen Vorgaben, dieser Menschentyp war der natürliche Verbündete der Aufklärung.
Wer Beschränkungen, die normale Menschen akzeptieren, hinter sich lässt und vermeintlich gefährliche neue Gebiete erkundet, verändert seine Sicht auf das normale Leben und vielfach ist es den Menschen, die solche Erfahrungen gemacht haben, nicht mehr möglich, das normale Leben einfach hinzunehmen und zu akzeptieren. Auf das Reisen bezogen bedeutet dies, dass, wer Heim und Familie verlässt, nach der Rückkehr nicht gewohnheitsmäßig weiterlebt wie zuvor, denn was er bisher gewohnt war als normal anzusehen, vermag er jetzt vielleicht als Ergebnis einer historischen Entwicklung zu begreifen, auf alle Fälle kann das immer Gleiche, die Tradition, was man immer schon so und nicht anders gemacht hat, jetzt relativiert werden. Es ist nicht nur die Tatsache, dass einen Reiseerfahrungen das Alte mit anderen Augen sehen lassen, vielmehr verändert sich das Selbstbewusstsein durch das Reisen überhaupt: Wenn der Einzelne in der Lage ist, sich sein eigenes Leben in verschiedenen Umgebungen und Lebensumständen vorzustellen, beginnt er, die herrschenden Verhältnisse zu hinterfragen. Reisen fördert so die Entwicklung eines kritischen, selbstwussten Bürgers und die historische Ausdehnung des Reisens auf breite Bevölkerungsschichten führt zu einem größeren Maß an gesellschaftlicher Freiheit, und zwar in desto größerem Umfang, je mehr beim Reisen Grenzüberschreitungen, also Erfahrungen von anderen Lebensformen, möglich sind. Was für den Einzelnen gilt, dass durchschnittlich die Menschen, die reisen, verglichen mit lebenslang Ortsansässigen, freier und weniger beschränkt sind, und zwar zu jeder Zeit und in jeder Epoche, gilt auch für die Gesellschaft insgesamt.

Es ist fraglich, wie man es oft behauptet, daß der Massentourismus aufklärungsfeindlich ist. Wer die Mallorcareisen von Jugendlichen madig macht, ist oft genug bloß neidisch, weil sich die Leute trauen, einmal alle Regeln außer Kraft zu setzen und wie Panatagruel bei Rabelais alle Flüssigkeiten in Bewegung zu setzen. Welche Wirkung solche Reisen auf das Bewußsein haben? Vielleicht gar keine – vielleicht aber auch eine Vorstellung davon, dass es ein wenig mehr Glück schon geben könnte. Es steht allerdings zu befürchten, dass Dumpfbacken (siehe oben), die nach Mallorca reisen, diese Art von Entspannung lediglich als eine Art Belohnung für ihre alltägliche Plackerei empfinden und dies würde dann nach Pawlov zu einer Verstärkung des belohnten Verhaltens führen. Die allermeisten Arten von Massentourismus zeichnen sich dagegen dadurch aus, dass sie ihre Teilnehmer an schöne Orte befördern, wo sie im Prinzip das gleiche Leben führen, wie zu hause, nur eben ohne zu arbeiten, das wäre schon einmal etwas Gutes, wenn diese Leerstelle nicht durch allzu viele vermaledeite Animateure wieder aufgefüllt würde. Trotzdem kommt es zu Gesprächen unter vorher Fremden, zum Austausch von Meinungen und Beobachtungen – das muß nicht schlecht sein. Für geistig Interessierte hat der Massentourismus den immensen Vorteil, dass er das Reisen stark verbilligt und auf seinem Rücken Individualreisen möglich macht. Soviel zum Massentourismus.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein stärkte das Reisen die persönliche Unabhängigkeit allein schon deshalb, weil, wer erst solche Belastungen hinter sich gelassen hatte, auch´gegenüber zukünftigen Gefahren gewappnet war. Wer in London war, fürchtete sich nicht mehr davor, sein Dorf zu verlassen und in die Welt zu ziehen, wie das Beispiel der umherziehenden Studenten und Handwerksburschen zeigt. Die Risikobereitschaft stieg.

Zwischenspiel:
Zeit und Raumerfahrung in Scarmentatos Reisen

Scarmentados Reisen’ ist der Titel einer kleinen Erzählung von Voltaire, die 1756 als Vorläufer von Candide geschrieben wurde. Scarmentado erfährt ein Unglück nach dem anderen, Unglücke, die mit willkürlichen Gesellschaftssystemen und grausamen Herrschern zu tun haben. Kaum hat er sich dem Untergang durch Flucht in ein anderes Land entzogen, droht ihm dort gleich neues Ungemach: wieder ist etwas nicht ‚in Ordnung’. Durch seine Reisen schult sich aber sein Verstand, er begreift mehr und mehr und äußert ironisch:„Durch meine Reiseerlebnisse war ich klug geworden, und ich war mir bewusst, dass es mir nicht zukam, über diese erlauchten Herrscher zu urteilen“‚ seine Klugheit hilft immerhin, die Gefahren rechtzeitig zu erkennen und sich der Verfolgung zu entziehen.

Obwohl seine kleinen Erzählung das Reisen im Titel führt, ist nur an zwei Stellen vom Unterwegssein die Rede, einmal muß das Schiff repariert werden und ein anderes Mal wird es von afrikanischen Seeräubern überfallen. Sonst erzählt Voltaire von der Weltreise Scarmentados vor allem die Zustände in den verschiedenen Ländern, die sein Protagonist erreicht oder aus denen er wieder abreist, wie man von einem Ort zum anderen kommt, bleibt unerwähnt. Es ist wie bei der Schnitttechnik in unseren modernen Filmen, der Hauptdarsteller steigt ein und im nächsten Augenblick sitzt er am Zielort im Hotel beim Abendessen. Dadurch entfernt sich Voltaire extrem von der älteren Reiseliteratur, wo zum Beispiel im Don Quichote Cervantes die Erzählung den Wegen seines Protagonisten auf Schritt und Tritt folgt.

Die Freiheit, die Scarmentado als Einzelner gewinnt, steht in krassem Gegensatz zur Rechtlosigkeit in der er sich in der Realität befindet. Voltaire zeigt, wie kritisches Bewußtsein ensteht, durch Erfahrungen, wie er sie selbst gezwungenermaßen zu machen hatte. In seinen Erzählungen ist es kaum einmal so, und zwar obwohl er von Reiselust spricht, dass ein Mensch sich entschließt, eine Reise zu unternehmen, um interessante Dinge zu erfahren, sondern zumeist wird der Protagonist aus seiner gewohnten Umgebung in eine durchaus feindliche Welt geworfen. Das bürgerliche Individuum bei Voltaire ist nicht der Forscher, der aus Neugier in die weite Welt reist, sondern ein Opfer rechtloser Verhältnisse, das sich gezwungener Maßen zum Bewusstsein emporentwickelt. Es ist nicht dasselbe Aufklärungsveständnis wie bei Kant, der dem Einzelnen seine ‚selbstverschuldete Unmündigkeit’ vorwirft, Voltaire sieht die Schuld durchaus in Gesellschaftverhältnissen, die der Dummheit Vorschub leisten, Intelligenz fürchten, behindern und bekämpfen. Die Befreiung des Menschen geschieht bei ihm dadurch, dass man die Gewalt als solche erkennt, die Ehrfurch vor ihr und ihren Vertretern verliert. Dabei hilft es, sich außerhalb, manchmal: dumm zu stellen, zu fliehen, jedenfalls: sich nicht zu unterwerfen. Vor diesem Hintergund muß man die Schlusssempfehlung des Scarmentado und auch die so oft missverstandene des Candide verstehen, man solle seinen Garten bestellen: man soll sich von den Höfen des Absolutismus fernhalten, die für den Einzelnen nur den sicheren Untergang bereithalten.

Vom Aufwand: Reisen und Komfort

Welche Art zu reisen man wählte, hatte damals wie heute nicht nur mit dem verfügbaren Geld zu tun, sondern auch mit dem Reisezweck. Wer ganz einfach von A nach B wollte, entschied sich für die schnellste Methode, also für die Fahrt mit der Kutsche oder für das Pferd (wir vernachlässigen an dieser Stelle die Reise mit dem Schiff). Je länger die Strecke, desto überlegener wurde in dieser Beziehung allerdings die Kutsche, denn es gab, zumindest in Frankreich, an den großen Routen alle 25 km Poststationen, wo man die Pferde wechseln konnte und wenn ein Reisender viel Gepäck mit sich führte, gab es zur Kutsche ohnehin keine Alternative. Reisen zu Fuß war für Leute da, die wenig Geld hatten, aber auch für solche, die das Reisen selbst zum Zweck erhoben, die also einfach unterwegs sein, Land und Leute kennenlernen und Kontakte knüpfen wollten. Stets handelt es sich um eine Beziehung zwischen Reisezweck, Distanz und zur Verfügung stehender Zeit, natürlich auch dem Geld, das einer hat oder nicht hat, die einen das geeignete Fortbewegungsmittel wählen lässt.

 „[…] ich versichere Sie, dass keinem von uns möglich war nur eine Minute die Nacht durch zu schlafen – dieser Wagen stößt einem doch die Seele heraus! – und die Sitze! – hart wie stein! – von Wasserburg aus glaubte ich in der that meinen Hintern nicht ganz nach München bringen zu können! – er war ganz schwierig [schwielig] – und vermuthlich feuer Roth – zwey ganze Posten fuhr ich die Hände auf dem Polster gestützt, und den Hintern in lüften haltend – doch genug davon, das ist nun schon vorbey! – aber zur Regel wird es mir seyn, lieber zu fus zu gehen, als in einem Postwagen zu fahren.“ (zitiert nach Kardinar 2003, 3)

Der dies schrieb, W. A. Mozart (München, 8.11.1780), hatte Erfahrung mit dem Reisen, wie man sieht, auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, denn er war nicht annähernd so wohlhabend wie Voltaire, der aus diesem Grunde die Postkutsche nur im Notfall benutzte und, wenn es ging, in einem eigenen, sehr komfortablen, vierspännigen Fahrzeug reiste. Sein Sekretär Collini hat das Gefährt, das sie bei ihrer Abreise aus Berlin im Jahr 1753 benutzten, so beschrieben:

Er hatte sein eigenes Fahrzeug, eine große Coupé-Karosse, bequem, gut gefedert überall mit Taschen und Behälter ausgestattet, hintendrauf mit zwei Schrankkoffern und vorne einige kleinere Koffer. Auf dem Kutschbock zwei Bedienstete,… Vier Postpferde oder manchmal auch 6, wie die Wege es zuließen, waren dem Fahrzeug vorgespannt. Sind diese Details auch unbedeutend, zeigen sie doch, wie ein Schriftsteller reiste, der sich ein seinem Ruf und Ansehen entsprechendes Vermögen zu schaffen gewusst hat. Voltaire und ich bezogen das Innere des Fahrzeugs mit dabei zwei oder drei Mappen mit den Manuskripten, auf die er am meisten Wert legte und eine Schatulle mit seinem Gold oder seinen Wechseln und seinen wertvollsten Sachen. (Collini, mon séjour, p.72).


Ziemlich sicher ist, dass Voltaire keine Karosse fuhr, sondern schon die modernere Berline – die stabiler und besser gefedert war. Hier zur Illustration eine Karosse (zu Repräsentationszwecken ausgestattet),

und nun zum Vergleich eine Berline:

Bei einem Coupé, wie es Voltaire benutzte, war die Kabine kürzer als bei den gezeigten beiden anderen Modellen und daher nur für zwei Personen geeignet – hatte man weitere Mitreisende, mussten sie (maximal zwei) außen auf der an der Rückseite der Kabine angebrachten Bank sitzen, falls nicht, packte man dorthinauf das Gepäck – wie es Collini in seinem Bericht beschreibt.

 Hier die Abbildung eines Coupés:

Kutschenmseum in Vaux

Soviel zu den Fahrzeugen, wie man sie im 18. Jahrhundert für längere Reisen benutzte, natürlich könnte man noch in die Tiefe gehen, über die Technik der Federung sprechen, der kleinen Räder vorne und der Lenkung, doch werfen wir stattdessen einen kurzen Blick auf die damaligen Straßenverhältnisse:
Eine deutliche Verbesserung des französischen Transportwesens und der Straßen trat ab 1738 ein, denn in diesem Jahr wurde in Frankreich das Straßenwesen erstmals in die Hand einer zentralen Behörde gelegt, der Direction des Ponts et Chaussées. Die großen Verkehrsverbindungen ließ ihr erster Direktor, Orry, der später Finanzminister wurde, nach einem standardisierten System überholen und ausbauen. Es beruhte darauf, die wichtigsten, auch militärisch bedeutenden Strecken in der Mitte ca. 6 m breit mit einem Steinbelag zu befestigen und links und rechts davon jeweils einen ebenfalls 6 m breiten verdichteten Streifen mit anschließendem Entwässerungsgraben anlegen zu lassen. Durch diese Maßnahme verkürzten sich die Reisezeiten in Frankreich um bis zu 50%., Voltaire:

„Unter allen modernen Nationen sind Frankreich und das kleine Belgien die einzigen, die Strassen haben, die der Antike ebenbürtig sind“ (Juli 1750)

Mit modernen Kutschen wie sie Voltaire benutzte, waren 60 – 80 km am Tag zu schaffen, aber auch nicht mehr, es sei denn, man fuhr die Nacht hindurch…. und nur dann, wenn nichts dazwischenkam – als da wären: Achsbruch, aufgeweichte Strassen, schwer zu passierende Steigungen und Überfälle, Krankheit. Hinzu kamen noch ständige Kontrollen, Zollschranken, Straßen- und Brückenmaut, Vorspanngeld, Torgeld…und wir sehen ohnmächtig zu, wie in unserer Zeit die letzgenannten Ärgernisse Stück für Stück wieder eingeführt werden.

Voltaire und das Reisen

Wenn Voltaire reiste, hatte er fast immer die Absicht, schnell an ein bestimmtes Ziel zu gelangen, er reiste nie um des Reisens Willen, – vielleicht mit Ausnahme seiner Reise nach Berlin im Jahr 1750, wo er einige Schlachtfelder besichtigen wollte (Brief an seine Nichte, Mme de Denis): –

Nehmt also zur Kenntnis, dass ich aus Compiègne am 25 Juli abgefahren bin und die Strasse durch Flandern genommen habe, um als guter Historiograph und guter Staatsbürger die Schlachtfelde von Fontenoy, von Raucoux und von  Laufeldt zu besichtigen. Sie zeigten sich mir aber nicht, denn alles war vom schönsten Weizen der Welt bedeckt und die Flamen und die Fläminnen tanzten so, also ob hier nie etwas geschehen wäre.

Ob er die Schlachtfelder tatsächlich besuchte oder es überhaupt vorhatte, ist nicht bekannt, denn der Brief wurde nachträglich mit der Absicht, ihn zu veröffentlichen, verfasst. Oft genug war Voltaire zum Reisen gezwungen, um sich der Verfolgung oder einer drohenden Verhaftung zu entziehen. Ausgesprochene Bildungsreisen unternahm er, wir haben es schon erwähnt,  nicht. Da er zeitlich kaum eingeschränkt war und genügend Geld besaß, konnte er sich in der Etappe oder am Reiseziel je nach Lust und Laune länger oder kürzer aufhalten. Am ehesten kann man sich seine Art zu reisen vorstellen, wenn man sich Voltaire wie einen ‚hochangesehenen Vorsitzenden’ einer imaginären weltumspannenden Organisation in unserer Zeit denkt, eines Präsidenten, der verschiedene Ableger besucht und dort so lange bleibt, wie es der Sache dient. Weltumspannend war die Aufklärungsbewegung des 18 Jahrhunderts zwar nicht, sie beschränkte sich auf gebildete Bürger und sympathisierende Adlige in Europa, in jedem Land gab es aber meist einige hundert Anhänger. Voltaire als ihr führender Kopf besuchte sie und nutzte seine Aufenthalte, um die Sache der Aufklärung zu vertreten, die Anhängerschaft zu erweitern, zu stärken und, wo möglich, um die Gegenseite zu schwächen. Welches Fortbewegungsmittel dabei für ihn auf seinen Reisen zu wählen war, stand für Voltaire außer Frage: für ihn war immer das schnellste Fortbewegungsmittel auch das beste.

Daß das Reisen im 18 Jahrhundert trotz der Verbesserungen im Straßenbau und in der Fahrzeugtechnik ausgesprochen mühsam war, lag auch an den unbrauchbaren Unterkünften, denn es gab meist schmutzige, laute und zudem unsichere Gasthäuser. Kein Wunder, dass Voltaire es vorzog, in den Schlössern der Adligen Unterkunft zu nehmen, sie waren zwar ebenfalls oft ungemütlich und kalt, aber es gab zumindest gutes Essen, manchmal interessante Gespräche, brauchbare Informationen. Außerdem spielte man in den Adelskreisen des 18. Jahrhunderts gerne Theater: was gab es da besseres, als den berühmten Voltaire als Gast zu haben und mit ihm persönlich die aus Paris bekannten Stücke einzuüben – auch eine ideale Gelegenheit für Voltaire, im Sinne der Aufklärung tätig zu sein! Er schickte seinen Diener auf demPferd voraus, der erkundete die Lage und sorgte dafür, dass bei der Ankunft seines Herren die Betten warm waren:

Ich fuhr als Postillon voraus, damit an den Wechselstationen die Pferde bereit waren und man dort nicht warten musste . Es war geplant, in La Chapelle bei Nangis eine Rast einzulegen…Ich wartet nicht an der Wechselstation auf sie, sondern fuhr gleich weiter (bis La Chapelle), wie sie es befohlen hatten. … (In Nangis:) Die Concierge erwartete niemanden und hatte sich  im Inneren des Schlosses schlafen gelegt, das auf der anderen Seite des Eingangstors lag, durch einen großen Hof von  mir getrennt. So konnte ich rufen, so viel ich wollte, aber niemand antwortete mir. …. (endlich öffnet der Gärtner) …
Er weckte sogleich die Bediensteten, zündete in der Küche und in den Zimmern  ein großes Feuer an, man holte Täubchen, Geflügel, die man zubereitete und auf Spiesse steckte, dazu gab man alles, was man finden konnte, um müden Reisenden, deren Appetit nicht schlecht sein würde, zu genügen.
(nach Longchamp, Voltaires Sekretär)

Nur wenige reisten im 18 Jahrhundert so häufig und so weite Strecken wie Voltaire, das war zwar anstrengend, aber ohne seine Reisen hätte er nicht eine so große Wirkung im Sinne der Aufklärung entfalten können. Trotzdem gibt es keine Äußerung Voltaires, in der er sich positiv über das Reisen ausspricht, meist klagt er über die Beschwerlichkeiten des Reisens, also: die Kälte, denn er reiste oft im Winter, die schlechten Unterkünfte, die Anstrengungen überhaupt, die ihn krank machten und, falls er die Postkutsche benutzte, machten ihm die schlechte Gesellschaft und die Enge zu schaffen.

Zur Illustration übersetzen wir Voltaires Reisebericht aus einem Brief an den Baron von Keyserlingk v. 14.10.1743, er berichtet von einem Unfall auf der Reise von Berlin nach Brüssel, bei dem ihn die eifrigen Helfer auch noch bestahlen:

Je continuais mon voyage
Dans la ville d’Otto Gueric,
Rêvant à la divine Ulric
Baisant quelquefois son image,
Et celle du grand Frédéric.
Un heurt survient, ma glace casse,
Mon bras en est ensanglanté;
Ce bras qui toujours a porté
La lyre du bonhomme Horace
Pendante encore à mon côté.
La portière à ses gonds par le choc arrachée
Saute et vole en débris sur la terre couchée;
Je tombe dans sa chute; un peuple de bourgeois,
D’artisans, de soldats, s’empressent à la fois,
M’offrent tous de leur main, grossièrement avide,
Le dangereux appui, secourable et perfide;
On m’ôte enfin le soin de porter avec moi
La boîte de la reine et les portraits du roi.
Ah! fripons, envieux de mon bonheur suprême.
L’amour vous fit commettre un tour si déloyal:
J’adore Frédéric et vous l’aimez de même;
Il est tout naturel d’ôter à son rival
Le portrait de ce que l’on aime.   Enfin j’arrive à minuit dans un village nommé Schaffen-Stadt ou F… -Stadt. Je demande le bourgmestre, je fais chercher des chevaux, je veux entrer dans un cabaret; on me répond que le bourgmestre, les chevaux, le cabaret, l’église, tout a été brûlé. Je pense être à Sodome.—.
Enfin, aimable Césarion, me voilà dans la non magnifique ville de Brunswick. Ce n’est pas Berlin, mais j’y suis reçu avec la même bonté.
Ich setzte meine Reise fort
in die Stadt des Otto von Gericke*,
träumte von der schönen Ulrike**
küsste manchmal ihr Bild
und das des großen Friedrich
Es gab einen Schlag, mein Glas zerbrach
Mein Arm voll Blut
Dieser Arm, der stets
die Leier des guten Horaz getragen hat
baumelt noch an meiner Seite.
Die Tür durch den Schock aus ihren Angeln gerissen
Sprang heraus und flog in Stücke  …
Ich falle hinterher – eine Menge Volk, Bürgersleute,
Handwerker, Soldaten drängen auf einmal alle,
reichen mir ihre Hände mit ekliger Gier .
Solch gefährliche Stütze, strafbar, hinterlistig;
enthob mich schließlich der Anstrengung,
Das Kästchen der Königin und die Porträts des Königs bei mir zu tragen,
Ah Halunken, die ihr mein höchstes Glück begehrt
Die Liebe hat euch zu solch unloyalem Dreh verführt
Ich bete Friedrich an und ihr liebt ihn auch
es ist ganz normal, dem Nebenbuhler das Porträt
dessen zu entwenden, den man liebt

Schließlich komme ich um Mitternacht in ein Dorf namens Schaffenstadt oder Halunkenstadt. Ich frage nach dem Bürgermeister, brauche Pferde und eine Unterkunft. Man antwortet mir, dass Bürgermeister, Pferde, Unterkunft verbrannt seien. Ich denke an Sodom  
Schließlich, liebster Cäsarion, erreiche ich die wundervolle Stadt Braunschweig. Sie ist nicht Berlin, aber ich werde mit gleicher Güte empfangen.
*Magdeburg
** Ulrike, die Schwester Friedrichs


Voltaires Reisen

Voltaires unternahm sieben große Reisen, die ersten beiden nach England und zurück, als er in die Verbannung geschickt wurde, dann die Berlinreisen: 1740 von Den Haag, 1743 und 1750 aus Paris  und – mit vielen Unterbrechungen die längste (nach der Flucht aus Berlin) von Leipzig bis nach Genf. Auf seiner letzten Reise im Jahr 1778 legte er immerhin eine Strecke von 430 km in 7 Tagen zurück,  sie führte ihn von Ferney bei Genf in sein geliebtes Paris, das er nach 28 Jahren endlich wiedersah. Drei Monate später, am 30. Mai 1778, starb Voltaire in Paris im Alter von 84 Jahren.

Die kleine Übersichtskarte zeigt Voltaires Reiserouten der ersten Zeit bis zu seiner Rückkehr aus der Verbannung aus London 1728 in roter Farbe, man sieht deutlich, wie sie sich rund um das Zentrum Paris gruppieren. In Grün sieht man die Strecken, die Voltaire bis zu seiner Umsiedlung 1749 nach Berlin gefahren ist, eine klare Verlagerung nach Osten mit den Zentren Cirey/Lunéville und Brüssel/Den Haag und schließlich in Schwarz die Strecke der Flucht aus Berlin nach Genf/Ferney, von wo aus Voltaire mehrmals in das nahe Lausanne, einmal nach Schwetzingen und dann noch einmal nach Paris gefahren ist.
 
Statistisch hat Voltaire während seines Lebens grob geschätzt 25.000 km bewältigt, was einer Reisezeit, ohne dabei die Aufenthalte mitzuzählen, von ungefähr 400 Tagen entspricht. Vergleicht man dies mit heutigen Werten, wo man an einem Tag mit dem PKW 1000 km zurücklegen kann, entspräche dies 400.000 km, was in unserer Zeit nicht übermäßig viel wäre: Wenn ein Autobesitzer in Deutschland durchschnittlich pro Jahr 12.000 km zurücklegt, würde er diese 400.000 km in 33 (Auto-) Lebensjahren zurückgelegt haben. Zum Vergleich: Voltaire hat seine Strecken in 35 Reisejahren (wenn man die Jugend und die Zeit in Ferney abzieht) bewältigt.

Außer seinen Fernreisen besuchte er manche Orte recht häufig, wohl auch, weil die Strassen dahin relativ gut waren, wie es bei der Strecke von Paris nach Brüssel der Fall war, oder in den Jahren 1734 – 1749 Cirey, weil er aus Sicherheitsgründen seinen Lebensmittelpunkt dorthin verlegt hatte, aber trotzdem die Hauptstadt besuchen wollte, immer in der vergeblichen Hoffnung, am Hofe Ludwig XV. doch noch anerkannt zu werden.
 
Nachfolgend führen wir die uns bekannten Reisen Voltaires (nach Pomeau) auf und ergänzen die Liste an einigen Stellen mit Voltaires eigenen Reiseberichten. Bei der Berechnung der Fahrzeit gehen wir davon aus, dass man damals durchschnittlich 65 km pro Tag zurücklegen konnte. Die Entfernungen und die angegebenen Routen haben wir nach den uns bekannten Wegstrecken angegeben und berechnet (nach G.Arbellot).

  1. 1713
    Paris – Evreux – Caens  ca 210 km Dauer 3,5 Tage
    V. fährt auf Verlangen seines Vaters zu Mme d’Osseville – er will ihn von den freigeistigen Freunden des Temple entfernen.
    Route: Paris – Evreux – Caens

    Paris (August) –  Den Haag  ca 450 km Dauer 7 Tage
    V. fährt auf Wunsch seines Vaters als Sekretär des neu ernannten Botschafters von Frankreichs nach den Haag.
    Route: Paris – Compiègne-Cambrai-Valenciennes-Brüssel-Breda-Den Haag
    oder Paris-Soissons-Hirson-Maubeuge-Brüssel-Breda-Den Haag
    Doch sein Aufenthalt dauert nicht all zu lange, wegen eines Liebesabenteuers wird er am 18.12.1713 in Begleitung eines Botschaftsangehörigen nach Paris zurückgeschickt, wo er 6 Tage später, am 24.12. ankommt.

  2. 1714: Die Verbannung nach Saint Ange
    o Paris  – Saint Ange  80 km 1 Tag, Route: über Fontainebleau
    V. sollte auf Schloß Saint Ange bei Louis Urbain Le Fèvre de Caumartin vom
    Pariser lockeren Leben ferngehalten werden,

  3. 1716: Die Verbannung nach Sully
    o Paris (Ende Mai) – Sully (1716) 140 km Dauer 2 Tage
    V. muss sich wegen eines satirischen Gedichts aus Paris entfernen
    Route: Paris – Orleans –Sully
    zurück Sully – Paris (20.10)

  4. 1717 V. besucht den Marquis de Caumartin als Kenner der Geschichte
    o Paris (10.2.) –  Saint Ange 80 km 1 Tag, Route: über Fontainebleau
    zurück Saint Ange – Paris (Mitte April)

  5. (Bastille vom 16.5.1717 – 15.4.1718)

  6. 1718: Verbannung nach Chatenay bis Oktober
    o Paris (April) – Chatenay Malabry 15 km
    V. wird nach seiner Freilassung aus der Bastille dorthin bis zum 18.10.1718 verbannt,
    Chatenay liegt nahe bei Sceaux.

  7. 1719: Schlössertour
    o Paris – Vaux-Villars, heute Maincy 42 km 1 Tag
    V., verliebt in die Maréchale de Villars, besucht das berühmte Schloß viele Male

    o Paris – Sully (Juni 1719) 140 km Dauer 2 Tage

    o Sully – Chateau du Bruel /Sandillon bei Orleans  26 km
    http://www.bude-orleans.org/lespages/43auteurs/voltaire.html#bruel
    V. besucht dort Louis d’Aubusson, duc de la Feuillade, maréchal de France,
    zurück Sully – Paris

    o Paris – Sully (10. 10.) 140 km Dauer 2 Tage


  8. 1720: Schlössertour
    o Paris – Chateau du Bruel /Sandillon bei Orleans (13.11.) 140 km 2 Tage

    V. besucht dort Louis d’Aubusson, duc de la Feuillade, maréchal de France,

  9. 1721 Schlössertour: Route: Paris-Orléans (Sully)- Blois-Richelieu 260 km
    o Paris – Vaux-Villars, heute Maincy (Juni/1721) 42 km 1 Tag

    o Paris – Sully (1.7.) 140 km Dauer 2 Tage

    o Sully – Chateau du Bruel /Sandillon bei Orleans

    V. besucht dort Louis d’Aubusson, duc de la Feuillade, maréchal de France,
    o Sully Richelieu – Indre-et-Loire (25.) 162 kn 3 Tage

    o zurück nach Paris 300 km 5 Tage

  10. 1722 Schlössertour:
    o mehrmals längere Aufenthalte in Vaux-Villars, heute Maincy  42 km 1 Tag
    o mehrmals in La Rivière b. Quevillon/Rouen  120 km 2 Tage
    V., verliebt in die Mme. De Bernières
    o Paris  – Den Haag ca 450 km Dauer 7 Tage (pro Tag ca. 65 km)
    Reise mit Mme de Rupelmonde
    Route: über Compiègne- Cambrai-(Juli 107 km)-Brüssel-Breda-Den Haag
    von Paris über Cambrai nach Brüssel (7.9.), dann weiter nach Den Haag (22.9.)
    zurück nach Paris über Cambrai (30.10.), Ankunft ca. am 1.11
    V. besucht dort Lord Bolingbroke
    o Paris – Chateau du Bruel /Sandillon bei Orleans  150 km 2 Tage

    V. besucht dort Louis d’Aubusson, duc de la Feuillade, maréchal de France,
    o Chateau du Bruel – Ussé (5.12.1722 bis Febr 1723) 130 km 2 Tage
    zu Gast Louis Bernin de Valentinay II., Marquis d’Ussé und Frau, beide fürs Theater begeister, vom 5.12. – 19.12.t
    o Ussé – La Source Orleans (Dez 1722 )-Ussé 135 km 2 Tage

  11. Schlössertour 1723
    o Ussé – Paris (Febr 1723) 250 km 4 Tage
    o Paris – La Rivière b. Rouen  120 km 2 Tage ???
    V., findet für sein Epos La Henriade einen Drucker: Viret in Rouen
    o Paris – Vaux-Villars
    o Paris (Okt) – la Maison 17 km
    V besucht den Président de Maison (bis 1.12.)

  12. 1724
    o Paris (Juli/1724) – Forges les Eaux 110 km 2 Tage
    V wohnt in Forges an der Seite  des Grafen Richelieu den Verhandlungen zur Nachfolge
    des verstorbenen Duc d’Orléans bei, (Duc de Bourbon und Mme de Prie folgten)
    Route Paris – Beauvais – Forges (bis -Mitte August 1724)
    zurück: Forges (August) – Paris

  13. 1725
    o Paris – Bellegarde b. Orleans 140 km 2 Tage
    V. besucht dort den Duc d’Antin und dessen Gast Stanislas Lecinzski, dessen Tochter Königin von
    Frankreich werden sollte
    o Paris (September 1725)- Belebat/Fontainebleau  55 km 1 Tag

    in Fontainebleau wo man die Hochzeit des Königs feiert

  14. 1726
    o Paris (2. Mai) – London
    Verbannung: Reise nach England
    Route: in Calais am 5.Mai in Calais 250 km 4 Tage, mit dem Boot ca. 80 Seemeilen , ca 6 Std (bei 15 Knoten ) 10.5. nach London  (Gravesebd). Ankunft: 11.5.
    o London (20.Juli) – Paris
    heimliche Reise, um finanzielle Dinge zu regeln
    Route: über Dieppe  120 Seemeilen  8 – 10 Std. Schiff + 3 Tage über Land 160 km
    und zurück: Paris – über St.Omer (31.7.)-Calais 4 Tage 250 km – London Schiff 4 Tage

  15. 1728 Rückreise nach Frankreich
    o London (Oktober) –  Dieppe 1 Tag Schiff

  16. 1729 März Rückkehr nach Paris
    o Dieppe – Rouen – Paris 150 km 3 Tage
    o Paris (12.7)  Plombières 315 km
    Aufenthalt, um sich nach seinem ungeheuren Lotteriegewinn aus der Schußlinie zu bringen
    Route: Provins, Troyes-Chaumont
    und zurück: Plombières – Paris (12.8.)
    o September: Paris – Nancy 318 km
    (normalerweise 4 Tage), aber man kann auch nachts fahren: Auf Geschäftsreise, V. kauft Aktien der Grafschaft Lothringen, verdreifacht seinen Einsatz
  17. 1731:
    o Paris – Rouen 120 km 2 Tage
    Jore, V’s Verleger soll die Geschichte Karl XII herausbringen
    und Juli zurück: Rouen – Paris

  18. 1734
    o 2. April: Paris – Chateaux de Montjeu, bei Autun 250 km 4 Tage
    V. mit Mme du Chatelet zur Hochzeitsfeier ihres Freundes Richelieu  mit Elisabeth de Guise
    Route: Paris- Sens-Auxerre-Avalons-Beaulieu-Autun
    o Autun (8. Mai)`- Cirey sur Blaise, 180 km, 3 Tage
    nach Haftbefehl wegen der lettres philosophiques Flucht aus Chateaux de Montjeu
    Route: Autun, Saulieu, Semur, Chatillon sur Seine,Cirey,
    o Cirey – Phillipsburg (1.7.1734) 300 km 5 Tage
    V. besucht seinen Freund Richelieu im Feldlager
    Ende Juli: Phillipsburg – Cirey
    Route: St. Dizier, Nancy, Metz, Saarbrücken/Zweibrücken,Phillipsburg

  19. 1736
    o Cirey – Paris (30.3.) Route Cirey-Troyes – Provins-Paris 200 km 3 Tage

    o Paris (12.5.) – Lunéville (6/1735) 330 km 5 Tage
    Mit der Gräfin Richelieu, beteiligt sich an physikalischen Experimenten im Mechaniklabor des Schlosses .
    Route: Chateaux Thierry-Chalons-St Dizier-Nancy-Lunéville

    o Lunéville(20.6.) – Cirey (26.6.)  150 km 3 Tage
    V. trifft dort mit Emilie du Chatelet zusammen
    Route: L.-Nancy- St.Dizier-Wassy- Cirey

    o Cirey (9.12.1736) – Amsterdam (3.1.1737 520 km oder 8 Tage
    V. fürchtet seine Verhaftung, es liegt ein Haftbefehl des Innenministers La Popelinière wegen La Pucelle und Le Mondain vor
    Route: C. Wassy (11.12.)  St Dizier-Chalons Reims-Laon-Maubeuge-Brüssel-Antwerpen (Aufführung von Alzire) – Leyden (hört sGravesandes Vorträge über Newton, bespricht mit ihm die Èlements de la philosophie de Newton), Utrecht (Ehrengast der Universität) nach Amsterdam über den Kanal Oudezijds Achterburgwal (bespricht erste Werkausgabe mit Ledet)

  20. 1737
    o Rückreise: Amsterdam ca. 19.2. – Cirey (Ende Februar)

  21. 1739,
    o Cirey  nach Brüssel 320 5 Tage
    In Brüssel Prozess um die Erbschaft M. du Chatelets
    Route: C.- Wassy (11.5.)  St Dizier-Chalons Reims-Laon-Maubeuge-Brüssel

    o Brüssel (17.8.) – Cambrai – Compiègne –Paris (24.8.)  270 km 4 Tage

    o Paris – Cirey (26.11.)  200 km 3 Tage
    o Cirey – Brüssel 320 km 5 Tage

  22. 1740
    o Brüssel – Den Haag (20.7.) 150 km 2,5 Tage
    V. soll in den Haag die Veröffentlichung v. Friedrichs Antimachiavell verhindern, er überarbeitet das Werk

    o Den Haag – Moyland  140 km 2,5 Tage
    Erstes Treffen mit Friedrich in Moyland
    Route: Den Haag –Wesel (2.9.-6.9.) –  Moyland (11.9/)
       Moyland (11.9.) – Den Haag (15.9.)

    o Den Haag (6.11.) – Berlin/Potsadam 650 km 10 Tage
    V. als französischer Diplomat, will Friedrichs militärische Ziele herausfinden
    Den Haag (6.11.) – Utrecht (6.11.) – Herford (11.11.) nach Rheinsberg (24.11.)-Berlin/Potsdam (26.11.)    Berlin (4.12.)– Wesel (6.12.)-Bückeburg Besuch bei Albrexcht Wolfgang zu Schaumburg Lippe und seiner Geliebten, der Gräfin von Bentinck. (9.12.-11.12.) – Kleve (15.12.) – -Rotterdam – Den Haag (27.12.)

    o Den Haag (27.12) – Brüssel (3.1.1741) 150 km (2,5 Tage)
    Am 31. 12. ist Voltaire auf einem Boot fest, er wollte offenbar an der Küste entlang bis Antwerpen fahren, um schneller voranzukommen

  23. 1741
    o Brüssel – Lille (erste Aufführung des Mahomet 25.4.1741) 90 km 1,5 Tage – Brüssel
    o Brüssel – Paris (2. November) 270 km 4 Tage
    Voltaire und M. du Chatelet besorgen in Paris Dokumente  für den Prozess
    o Paris (21.11.) – Cirey 200 km 3 Tage

  24. 1742
    o Cirey (Anfang Febr.) – Paris 200 km 3 Tage
    Aufführung des Brutus und erstmals in Paris: Mahomet (9.8.), das Stück wird verboten
    o Paris (22.8.) – Reims – Lille – Brüssel  270 km 4 Tage
    Arbeit am Histoire de l’esprit humain/Essais sur les moeurs
    o Brüssel nach Aachen (25 8.) 120 km 2 Tage
    Treffen mit Friedrich
    und zurück : Aachen (1.9.) – Brüssel (7.9.)
    o Brüssel – Paris (21.11.) 270 km 4 Tage

  25. 1743
    o Paris (Mitte Juni) – Den Haag – Potsdam/Berlin 1100 km Dauer 17 Tage
    V. wiederum in diplomatischer Mission bei Friedrich, um dessen Haltung zu Frankreich auszuloten
    Paris –  den Haag (27.6.- ) nimmt Wohnung beim preußischen Botschafter Podewils – Den Haag (21.8.) – Utrecht (23.8) – Magdeburg (27.8., 14 Uhr) – Berlin (31.8.)

    o Berlin – Bayreuth (um den 13.9.) –Berlin einfach: 330 km 5 Tage
    Mit Friedrich Besuch bei dessen Schwester Wilhelmine

    zurück: Berlin (3.10.)- Den Haag – Brüssel
    Berlin (12.10) – Magdeburg – Wolffenbüttel/Braunschweig (14.10.-18.10.-> Brief an Keyserlingk v. 14.10.), 110 Meilen – min. 11 Stunden Reisezeit, bleibt 6 Tage am Hofe v. Pauline)
    Paderborn (20.10:Bückeburg) – Kleve – Utrecht – Den Haag (27.10.) – Brüssel (6.11.)
    o Brüssel – Lille(16.11.)-Paris ) 270 km 4 Tage

  26. 1744
    o (Februar Brüssel? Briefe: 29.1Pars, 2.2Brüssel, 5.2.Paris)
    o Paris – Cirey 15.4.
      Voltaire arbeitet am Singspiel (comédie ballet) La Princess de Navarre für die Hochzeit des Infanten
    zurück: (August) Cirey (1.9.)-Paris ( Chateau de Champs sur Marne)
    Einladung des Grafen de Vallière
    Champs – Paris (18..9.)


    Verkehrsstau  in Paris 14.9.44 Son Altesse royale revenant paisiblement au Palais-Royal avec ses grands carrosses, ses gardes, ses pages, et tout cela ne pouvant ni reculer ni avancer jusqu’à trois heures du matin. J’étais avec Mme du Châtelet; un cocher, qui n’était jamais venu à Paris, l’allait faire rouer intrépidement. Elle était couverte de diamants; elle met pied à terre, criant à l’aide, traverse la foule sans être ni volée ni bourrée, …

    Übersetzung: Ihre königliche Hoheit kam gemütlich ins Pailais Royal zurück mit ihren großen Karossen, ihren Wachen, ihren Dienern und all dies konnte weder vor noch zurück bis 3 Uhr in der Frühe. Ich war zusammen mit Mme du Chatelet und einem Kutscher, der noch nie vorher in Paris war und hieß ihn unerschrocken drauflosrollen. Sie war mit Diamanten behängt, setzte den Fuß hinaus, rief um Hilfe, durchquerte die Menge ohne bestohlen oder bedrängt zu werden, …
  27. 1745
    o Paris (April)- Chalons 140 km 2 Tage
    Besuch beim Sohn Mme du Chatelets, der an den kleinen Pocken erkrankt war
    o Paris – Champs (25.6.)- Versailles-Fontainebleau

  28. 1746
    o Paris-Versailles

  29. 1747
    o Paris-Versailles-Sceaux-Paris
    14.8. Paris – Anet Besuch bei Duchesse du Maine –  Paris 65 km, 1 Tag

  30. 1748
    o Paris (17.1.)-Cirey – Lunéville ( 1.2.)
    zurück Luneville – Paris (13.Mai)

    o Paris (28.6.) – Commercy ( – Lunéville (15.8.)
    Auf Einladung Stanislas
    zurück: Lunéville – Paris (30.8.) Rückreise gemeinsam mit Stanislas

    o Paris (10.9.) – Lunéville 330 km 5 Tage
    Route: Paris – Chalons (krank, 12.9.) – Lunéville (14.9.)
    o Luneville – Cirey 142 km 2 Tage
    Lunéville – Malgrange bei Lunéville (4.10.)-Commercy-Luneville
    zurück: Lunéville – Loisey-Bar le Duc 24.12. (der Schwager Mme du Chatelets hat dort ein Schloß) -Cirey (3.1.)

  31. 1749
    o Cirey – Luneville 330 km 4 Tage
    Cirey (30.1.) – Achsbruch bei Nangis  – Paris (4.2.)
    Paris- Cirey (16.6.)- Lunéville (21.7.)
    zurück
    Cirey  (12.9.) Abreise nach dem Tod M du Chatelets) – Bar le Duc (14.9.) – Cirey (17.9) ein Inventar muß erstellt werden
    o Cirey – Paris 200 km 3 Tage
    Route: Cirey – Chalons (3.10.) -Reims (5.10. – 8.10. besucht M. de Pouilly) –Paris (12.10.)

    Achsbruch bei Nangis
    1749 (nach Longchamp – franz. Text siehe Anhang 1)

    ….(Mme du Chatelet) gefiel es, nur bei Nacht zu reisen. Es war Januar, der Boden  von Schnee bedeckt und es fror sehr stark. Madame hatte das ganze Drum und Dran, das sie auf Reisen dabei hatte, vorbereiten lassen. Ihr altes Fahrzeug war beladen wie eine Kutsche, man spannte Postpferde an. Nachdem Mme du Chatelet und M de Voltaire sich einer neben dem anderen in dieser Karosse gut eingepackt platziert hatten, ließ man das Kammermädchen aufsteigen, die sich mit all den Kartons und anderen Sachen ihrer Herrin nach vorne setzte. Zwei Diener, setzten sich hinten auf den Wagen und so startete man gegen 9 Uhr abends. Ich fuhr als Postillon voraus, damit an den Wechselstationen die Pferde bereit waren und man dort nicht warten musste . Es war geplant, in La Chapelle bei Nangis eine Rast einzulegen…Ich wartet nicht an der Wechselstation auf sie, sondern fuhr gleich weiter (bis La Chapelle), wie sie es befohlen hatten. … (In Nangis:) Die Concierge erwartete niemanden und hattesich  im Inneren des Schlosses schlafen gelegt, das auf der anderen Seite des Eingangstors, durch einen großen Hof von mir getrennt, lag . So konnte ich wohl rufen, aber niemand antwortete mir. (endlich öffnet der Gärtner)…
    Er weckte sogleich die Bediensteten, zündete in der Küche und in den Zimmern  ein großes Feuer an, man holte Täubchen, Geflügel, die man zubereitete und auf Spiesse steckte, dazu gab man alles, was man finden konnte, um müden Reisenden, deren Appetit nicht schlecht sein würde, zu genügen. Jedoch, obwohl dabei viel Zeit vergangen war, kamen sie nicht., was mir ziemlich außergewöhnlich vorkam. Der Tag brach an und meine Unruhe verdoppelte sich von Augenblick zu Augenblick, schließlich entschied ich mich, nach Nangis zurückzureiten um festzustellen, was ihnen auf ihrem Weg zugestossen sein könnte. Nachdem ich mich aufgewärmt und gestärkt hate, stieg ich aufs Pferd und verließ das Schloß gegen 8 Uhr früh. Ich war einige hundert Schritte weit gekommen, als ich von weitem einen Wagen näherkommen sah, ich beeilte mich, ihm näherzukommen und erkannte sogleich die Equipage von Mme du Chatelet.          (man erzählt ihm, was passiert ist:)….
    Der Wagen war von der letzten Station vor Nangis losgefahren, als auf halbem Wege zur Stadt die hintere Achse brach und ihn auf der Site, wo M. de Voltaire saß zu kippen brachte. Mme du Chatelet und die Kammerzofe vielen über ihn mit all den Paketen und Kartons, die man nicht festgebunden, sondern bloß, zu beiden Seiten der Kammerzofe, übereinander auf die Sitzfläche gelegt hatte.und, den Gesetzen des Gleichgewichts und der Schwerkraft folgend, sich in die Ecke wo M. de Voltaire sich befand verschoben, und ihn dort eingklemmten. Unter all dem Zeugs, das ihn halb erstickte, stieß er spitze Schreie aus, aber es war ihm unmöglich, die Stellung zu wechseln er musste so bleiben, bis die zwei Bediensteten, einer davon durch den Sturz verletzt, mit dem Kutscher kamen, um das Fahrzeug —-sieh zogen zuerst das ganze Gepäck heraus, dann die Frauen, und dann M. de Voltaire. Man konnte sie nicht anders herausziehen als von oben, das heißt durch die Tür, die jetzt in die Luft zeigte, weshalb ein Diener und Kutscher auf den Fahrzelle kletterten und sie wie aus einem Brunnen herauszogen, indem sie sie beim ersten Glied griffen, das sich ihnen darbot, Arm oder Bein und reichten sie dann in die Hände ihrer Kameraden weiter, die unten warteten und sie auf den Boden legten – denn es gab keinen Fußtritt noch Einstiegsleiter, deren man sich behelfen hätte können, um herunter zu kommen. Glücklicherweise war außer dem Dienstboten, den ich schon erwähnt habe, niemand verletzt und dieser nicht schwer. Jetzt ging es darum, den Wagen wieder aufzurichten und festzustellen, was die Ursache des Sturzes war, man vermutete den Verlust eines Splints oder eines Verschlusses, die das Rad an der Achse zurückhalten. Die vier Männer waren nicht kräftig genug, um dies zu bewerkstelligen, da die Staatskarosse mit Gepäck überladen war. Man musste einen Kutsche auf einem losgebundenen Pferd lins nächstgelehgene Dorf, etwa eine halbe Meile entfernt,  schicken, um Hilfe zu holen. M. de Voltaire und Mme du Chatelet setzten sich Seite an Seite, die Rückkehr des Kutschers abwartend, auf die Sitzkissen der Karosse, die man herausgenommen und auf den vom Schnee bedeckten Weg gelegt hatte. Dort, trotz ihren Pelzmänteln halb erfroren vor Kälte fast , bewunderten sie die Schönheit des Himmels, tatsächlich war er ganz klar, die Sterne funkelten mit lebendigstem Blitzen bis zum Horizont, wo keinHaus und kein Baum ihren Augen die kleinste Sicht versperrte. Man weiß, dass die Astronomie für unsere beiden Philosophen stets ein bevorzugtes Untersuchungsgebiet war. Bezaubert von demgroßartigen Schauspiel déploye und um sie herum fachsimpelten sie vor Kälte zitternd, über die Natur und den Lauf der Sterne, über das Schicksal so vieler riesiger Erden die im Raum verteilt sind. Es fehlten ihnen bloß ihre Teleskope, um vollkommen glücklich zu sein.  Ihr Geist war so in der Tiefe des Himmels verloren, dass sie nichts von ihrer bedauerlichen Lage auf der Erde, oder vielmehr auf dem Schnee, von Eiszapfen umgeben, bemerkten
    Ihre Betrachtungen und wissenschaftlichen Unterhaltungen wurden nur durch die Rückkehr des Kutschers unterbrochen, der vier Männer, mit Seilen, Werkzeug und einer Behelfachse bewaffnet, mit sich führte
    Als der Wagen aufgerichtet war, sah man die wirkliche Ursache des Übels, sie heilten es mit Hilfe der Ersatzteile,die sie mitgebracht hatten. Man gab ihnen zwölf Francs, als man ihre Hilfe nicht mehr brauchte, sie kehrten um, wenig zufriedenmit dieser Summe und murrten. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung, aber kaum hatte er fünfzig Fuß zurückgelegt, kippte er ein zwites Mal um, die Seile waren zu schwach, hatten sich gelöst und zerrissen teilweise. Das Fahrzeug sackte aber nur in sich zusammen, was diesen zweiten Bruch sehr viel weniger unangenehm für unsere Reisenden machte. Man lief schnell hinter den Arbeitern her, die weggingen und nicht zurückkommen wollten. Sie waren nur zum Mitkommen zu bewegen, indem man ihnen versprach, besser bezahlt zu werden. Mit Hilfe der Kutscher gelang es ihnen, die Fahrzelle anzuheben und besser zu befestigen, ohne dass im Inneren des Wagens irgendetwas durcheinander geraten wäre. Aus übertriebener Vorsicht schlug man den Arbeitern vor, bis nach Nangis mitzukommen, was sie auch taten und wo man ohne weiteren Unfall ankam und sie diesmal reichlich bezahlte, so dass sie sehr zufrieden umkehrten. Die Achse wurde durch einen Hufschmied dieser Stadt gründlich repariert, er untersuchte auch die Fahrzelle, die sich, alt wie sie war,  in ziemlich schechtem Zustand befand, die Stürze hatten mehrer Teile eingedrückt. Dieser Handwerker empfahl, wenn man Unfälle verhindern wollte, bis nach La Chapelle nur im Schritt zu fahren, und auf diese Weise legte man die letzten drei Meilen zurück, um im sicheren Hafen anzukommen…..
  32. 1750
    o Paris – Potsdam/Berlin (1750) 990 km 18 Tage
    Route: Paris – Compiègne (26.6.- 28.6.)- Fontenoy,Raucoux,Laufeldt
    Brief an M Deniset: qu’en bon historiographe et en bon citoyen j’allai voir en passant les champs de Fontenoy, de Raucoux, et de Laufeldt. Il n’y paraissait pas; tout cela était couvert des plus beaux blés du monde; les Flamands et les Flamandes dansaient comme si de rien n’eût été.
  33. o Laufeldt – Kleve (krank:-2.7.-15.7. wohnt bei der Prinzessin von Kleve)-Wesel-Hildesheim-Halberstadt-Potsdam (21.7.) – Charlottenburg –Berlin

    Reisebericht an Friedrich II, später überarbeitet (französicher Text, siehe Anhang 2).
    Im Juli 1750. Auf einem breiten Weg des Bistums Hildesheim, 
    schönes Land für einen Priester und würdig einem häretischen König zu gehören. Beau Sans-Souci, daignez attendre
    Schönes Sans Souci, geruhet
    den schwächslichsten unter den Menschen zu empfangen
    Ins Paradis soll ich mich begeben
    Aber der Teufel hat die Strassen dorthin gebaut
    Sire, welch Hundeland ist dieses Westphalen und die Gegend um Hannover und Hessen! Hier schafft man an zwei Tagen gerade einmal 3 Meilen. Ich war in Kleve 14 Tage lang außer Gefecht; ich hatte Fieber, da konnte Eure Majestät – wie damals die Helden bei Homer – die Pferde antreiben und ihnen predigen so viel sie wollte.
    Unter allen modernen Nationen sind Frankreich und das kleine Belgien die einzigen, die Strassen haben, die der Antike ebenbürtig sind …. Der Passierbescheid des Königs für die Kontrollstellen ist mir endlich zugegangen, somit ist mein entzückender Aufenthalt bei der Prinzessin von Kleve beendet, ich reise ab nach Berlin Ich bin zuerst über Wesel gefahren, das nicht mehr das ist, was es einmal war, als Ludwig XIV. es 1672 innerhalb von 2 Tagen von den Holländern eroberte. Es gehört heute dem König von Preussen und ist einer der am stärksten beftigten Orte Europas. Hier bekommt man erstmals diese hübschen Truppen zu Gesicht, die Friedrich II ausbildet, ohne sich ihnen bedienen zu wollen und dabei Friedrichs des Großen Interessen und seinem Ruhm so nützlich sind. Der erste Blick ist überraschend. Mit erstauntem Blick, sah ich auf dem Festungswall
    Diese kurzberockten Riesen, Automaten des Mars
    Diese Bewegungen so akurat, ihre Schritte so stolz
    Diese Schnautzbärte, diese großen Helme
    Diese hochraffte Kleidung, wie sie ihre dicken Hintern zeigt
    Niemals sieht sie der Feind.
    Bald danach hatte ich die weiten und traurigen, eintönigen und abscheulichen Landstriche Westfalens durchquert.
    Vom goldenen Zeitalter, einst gepriesen,
    ist es getreuestes Abbild
    Aber stets hat Einfachheit
    die Natur zur Schönheit nicht geführt.
    In großen Hütten, die sich Häuser nennen, sieht man Tiere, die man Menschen nennt, die hier aufs kollegialste der Welt bunt vermischt mit anderen Haustieren leben. Irgendeine harte Gesteinsart, schwarz und schimmernd, wie man erzählt, aus einer Art von Weizen zusammengesetzt, ist die Nahrung der Hauseigentümer. Man beklage nach solchem unsere Bauern, oder besser beklage man niemanden, denn unter diesen verrauchten Hütten und mit ihrer abscheulichen Nahrung sind diese Steinzeitmenschen gesund, stark und fröhlich. Sie haben gerade so viel Geist, wie es ihr Zustand verlangt.

    Es ist nicht so, dass ich sie beneide,
    ich liebe unsere vergoldeten Stuckverkleidungen
    Ich segne die glücklichen Werkstätten
    die uns solche erzeugen
    Hundert Vergügungen habe ich genossen
    bekrittelt durch die Frömmelei
    durch sie noch schmackhafter

    Aber über die Hütten der Wilden
    breitet die Natur ihre Wohltaten aus
    Man erkennt den Abdruck ihrer Spur
    In dem geringsten ihrer Werke
    Der gewaltige Vogel der Juno*
    Das unreine Tier der Juden**
    Haben Vergnügen auf ihre Weise
    Und alles ist aus gleichem Stoff in dieser Welt.   Wäre ich ein richtiger Reisender, spräche ich von der Weser und der Elbe und den fruchtbaren Feldern von Magdeburg die früher im Besitz zahlreicher heiliger Bischöfe waren und heute (gewiß nur wider Willen) von den schönsten Weizenfeldern für einen häretischen König bedeckt sind. Ich würde ihnen erzählen, dass Magdeburg fast uneinnehmbar ist, ich würde über seine schönen Besfestigungsanlagen sprechen und seine Zitadelle, die auf einer Insel zwischen zwei Armen der Elbe erbaut wurde, ein jeder breiter als die Seine am Pont Royal. Aber da weder Sie noch ich jemals diese Sadt erobern werden, schwöre ich ihnen, dass ich niemals über sie sprechen werde.
    Schließlich bin ich in Postdam. Das war unter dem verstorbenen König der Wohnsitz von Pharasmane***, ein waffenstarrender Ort und kein Garten, die marschierenden Regimenter als einzige Musik, Truppenschauen als einziges Theater, die Liste der Soldaten zur Bibliothek. Heute ist es der Palast des Augustus, der Legionäre und der Schöngeister, des Vergnügens und des Ruhms, des Großartigsten und des Geschmacks usw….

    * Der Vogel der Juno, höchste römische Göttin, ist der Pfau
    ** Das Schwein
    (Erstgeborene aus einem Wurf galt als unrein, ebenso wie das erstgeborene Kind, es gehörte Gott und musste in einer speziellen Zeremonie vom Priester zurückgekauft werden s. Artikel Rachat, Enzyklopädie)
    *** Pharasmane, dies ist eine Anspielung auf Pharasman I, König von Iberien bis 58, der seinen ehrgeizigen Sohn Rhadames auf Geheiss Roms töten ließ.
  34. 1753
    o Berlin – Leipzig (entlang der via regia)-Gotha- Frankfurt-Strassburg-Colmar 850 km 16 Tage
    Nach der Akakia-Kampagne flieht V. aus Berlin bevor seine Lage noch brenzliger wird
    Route: Berlin (26.3.) – 150 km 2 Tage – Leipzig (27.3.18.4.) trifft Gottsched – 143 km 2 Tage – Gotha (21.4. – 25.5.) am Hof Schloß Friedenstein – 99km – Wabern (28.5. – 30.5.) – 53 –km 1 Tag  Marburg (31.5) – (über  Giessen – Butzbach – Friedberg)  79 km 1 Tag – nach  Frankfurt-(31.5. – 8.7.)
    Frankfurt – 31 km ½ Tag –-Mainz (9.7. – 28.7.)- 68 km 1 Tag -Mannheim (29.7.)/Schwetzingen (4.8.)- 120 km 2 Tage  – Strassburg (15.8. – 2.10.)- 70 km 1 Tag – über Munster – Colmar (3.10.)
  35. 1754
    o Colmar – Senones  60 km 1 Tag
    In die Bibliotheken von Selestat und Senones von Dom Calmet
    Route: Colmar (9.6.)- Senones (12.6. -2.7.)
    o Senones –Plombieres (4.7. – 23.7.) 70 km 1 Tag
    Zum Baden
    o Plombieres– Colmar (26.7.) 70 km 1 Tag –
    o Colmar – Lyon – Genf
    V. enscheidet sich, am Genfer See einen Wohnsitz zu erwerben
    Route:
    – Colmar (10.11)-Dijon (13.11.) 222 km-4 Tage
    – Dijon – – Lyon (15.11.- 10.12) 180 km 3 Tage
    – Lyon – Genf (12.12. – 14.12) 100 km 2 Tage
    – Genf – Prangins (14.12.) 25 km

  36. 1755
    o Prangins (28.2.) – Les Delices  (1.3.)
    o Les Delices – Lausanne (16.12.) 60 km 1 Tag
    o mehrmals: Lausanne-Les Delices- Lausanne
    o Lausanne – Bern 89 km 1,5 Tage
    o Genf  – Ferney (November:) 10 km

  37. 1758
    o Genf (Les Delices) (30.6.) – Schwetzingen 450 km 7 Tage
    Besuch bei Kurfürst Karl Theodor, es geht um Geschäfte, einen Kredit
    Route: Les Delices – Schwetzingen (16.7.) über Lausanne-Morat-Bern-Colmar Selestat-Strasburg –
    und zurück:5.8. – Strasburg- Colmar-Genf

  38. 1778:
    o Ferney (4.2.)  – Paris (10.2)  430 km 7 Tage
    V. will zur Aufführung von Irène in Paris sein – er ahnt, dass es seine letzte Reise ist.
    Route: Genf – über das Juragebirge (Doles ?) – Beaune/Dijon – Chatillon – Troyes – Provins – Paris


Literatur

G. Arbellot, Les routes de France au XVIIIe siecle, in Annales 28. Année, No 3 Mai-Juin 1973, S. 765-791

Collini, Alexandre, Mon séjour auprès de Voltaire, Paris: L. Collin, 1807, 372 S.

Griep, Wolfgang und Jäger, Hans-Wolf (Hrsg.). Reisen im 18. Jahrhundert Neue Untersuchungen. [Neue Bremer Beiträge. Bd. 3] Heidelberg: Carl Winter, 1986.

Kardinar, Alexandra, Die Sonne brennt fortissimo. Händel, Mozart, Berlioz und Mendelssohn Bartholdy reisen durch Italien. Frankfurt a. M.: Büchergilde Gutenberg, 2003

Longchamps et Wagnières, Memoires sur Voltaires, Paris: Aimé André, 1826, 2 T,

Pomeau, René, Volatire en son temps, 1. Band, Paris: Voltaire Foundation, 1995, 1036 S.

Die Voltaire Zitate wurden der digitalen Edition der Werke Voltaires nach Moland entnommen: www.voltaire-intégral.com

ANHANG

1. Autobiographie v. Longchamp, Voltaires Sekretär
aus: Longchamp Art. IX aus Memoires sur Voltaires, Paris: Aimé André, 1826, T.2, S. 160 ff

A son retour de Sceaux, madame la marquise du Châtelet ne fit pas un très long séjour à Paris; à peine y était-elle de deux mois qu’elle voulut en partir, soit pour mieux oublier les pertes qu’elle avait faites au jeu chez la reine, et n’être plus tentée d’y retourner encore, soit uniquement pour économiser. En conséquence elle prit la résolution d’aller avec M. de Voltaire passer le reste de l’hiver à sa terre de Cirey, en Champagne. C’était son goût de ne voyager que la nuit. On était en mois de janvier, la terre était couverte de neige et il gelait très fort. Madame avait fait préparer tout l’attirail qui la suivait dans ses voyages. Sa vieille voiture était chargée comme un coche; on y attela des chevaux de poste. Après que madame du Châtelet et M. de Voltaire se furent bien empaquetés l’un à côté de l’autre dans ce carrosse, on y fit monter la femme de chambre, qui se plaça sur le devant avec des cartons et divers effets de sa maîtresse. Deux laquais se postèrent sur le derrière de la voiture, et l’on se mit en route vers les neuf heures du soir. Je partis en avant comme postillon, pour qu’ils trouvassent les chevaux prêts et n’attendissent pas aux relais. Ils devaient faire une halte et se reposer à la Chapelle, château à trois lieues au-dessus de Nangis, appartenant à M. de Chauvelin, où je devais arriver avant eux, pour leur faire préparer à souper et allumer du feu dans leurs appartements. Je ne les attendais pas aux relais, et prenais toujours les devants, suivant leurs ordres. Il était une heure après minuit quand j’arrivai à la poste de Nangis; c’était la fête du lieu; les postillons, qui n’attendaient personne à cette heure, et par le temps qu’il faisait, étaient allés se divertir dans un bal à l’extrémité de la ville. Là, j’ai beau faire claquer mon fouet et crier pour faire ouvrir la porte, personne ne répond; je descends de cheval et cogne de toutes mes forces avec le talon de ma botte. Enfin, éveillé par ce bruit, un voisin mettant la tête à sa fenêtre, m’avertit qu’il n’y avait personne, et que tous les postillons étaient allés au bal; je lui demandai si je ne pourrais pas, en payant, trouver quelqu’un pour y courir et ramener de suite des postillons; il s’offrit de le faire lui-même; en effet, il s’habille à la hâte, part et revient en moins d’un quart d’heure avec deux postillons; c’était le nombre qu’il fallait pour la voiture. Le temps que j’avais perdu dans ces circonstances me paraissait suffisant pour qu’elle fût arrivée: j’étais surpris de ce retard, et même un peu inquiet, en sorte que je fus un moment incertain si je devais aller en avant ou retourner sur mes pas; mais, faisant réflexion que nos voyageurs seraient très mécontents s’ils ne trouvaient pas, en arrivant à la Chapelle, leurs ordres exécutés ponctuellement, ainsi qu’ils me l’avaient recommandé, je me déterminai à suivre ma route, d’autant plus qu’il me restait encore trois grandes lieues à faire, et par un chemin de traverse que je ne connaissais pas. Ne pouvant avoir de guide avec moi, je me fis expliquer plusieurs fois le chemin que je devais tenir. On me dit qu’en sortant de la ville je n’avais qu’à suivre la grande route jusqu’au premier chemin que je rencontrerais à gauche; qu’alors le cheval blanc qu’on me donnait, et qui connaissait parfaitement ce chemin, me servirait de guide, et, la bride sur le cou, me conduirait tout droit à la Chapelle. Je me conformai à cet avis, et après une heure et demie de marche, je me trouvai vis-à-vis la grille d’un château, où le cheval s’arrêta de lui-même. Le concierge, qui n’attendait personne, était couché dans l’intérieur du château, séparé de la grille par une vaste cour; aussi eus-je beau appeler et crier, on ne répondit point. Alors, tenant mon cheval par la bride, j’essayai de faire à pied le tour du château, pour voir si je ne pourrais pas me faire entendre plus facilement par quelqu’autre endroit. J’arrivai enfin à une petite porte où était une sonnette, que je tirai à plusieurs reprises. Je vis avec plaisir qu’on m’avait entendu; un jardinier vint et me demanda qui j’étais et ce que je voulais: l’ayant instruit de quelle part je venais, il alla réveiller le concierge, qui ne tarda point à venir m’ouvrir la porte. Il fit aussitôt lever les servantes, allumer grand feu dans la cuisine et dans les chambres; on alla chercher des pigeons, une volaille, qui furent bientôt préparés et mis à la broche. On y joignit tout ce que l’on put trouver pour satisfaire des voyageurs dont l’appétit devait être bien disposé. Cependant, malgré tout le temps employé à cela, ils n’arrivaient point, ce qui me parut fort extraordinaire. Le jour allait bientôt paraître; mon inquiétude redoublant à chaque instant, je me décidai à retourner à Nangis, pour découvrir ce qui pouvait être survenu de contraire à leur marche. Après m’être réchauffé et restauré, je montai à cheval et partis du château vers les huit heures du matin. J’avais parcouru quelques centaines de pas, lorsque j’aperçus de loin une voiture qui venait en cheminant très lentement; je me hâtai de la joindre: je reconnus bientôt l’équipage de madame du Châtelet, et l’ayant abordé, on me dit en peu de mots la cause qui le faisait arriver si tard. En voici les principales circonstances, que me raconta depuis la femme de chambre, et qui me furent confirmées par M. de Voltaire.

La voiture, en partant de la dernière poste avant d’arriver à Nangis, était à peu près à mi-chemin de cette ville, lorsque l’essieu de derrière vint à casser et la fit tomber sur le pavé, du côté de M. de Voltaire; madame du Châtelet et sa femme de chambre tombèrent sur lui avec tous les paquets et cartons, qui n’étaient point attachés sur le devant, mais seulement en pile sur le coussin, aux deux côtés de la femme de chambre, et qui, suivant les lois de l’équilibre et de la pesanteur des corps, s’étaient précipités vers l’angle où M. de Voltaire se trouvait comprimé. Sous tant de fardeaux qui l’étouffaient à moitié, il poussait des cris aigus, mais il était impossible de changer de position: il fallut la garder jusqu’à ce que les deux laquais, dont l’un était blessé de la chute, fussent venus avec les postillons pour désencombrer la voiture; ils en tirèrent d’abord tous les paquets, ensuite les femmes, et puis M. de Voltaire. On ne pouvait les ôter de là que par en haut, c’est-à-dire par la portière qui était en l’air; c’est pourquoi un des laquais et un postillon, grimpés sur la caisse de la voiture, les en tirèrent comme d’un puits, les saisissant par les premiers membres qui se présentaient, bras ou jambes, et ils les glissaient dans les mains de leurs camarades qui étaient en bas et qui les mettaient à terre, car il n’y avait là ni marchepied ni escabelle dont on pût s’aider pour descendre. Heureusement personne ne fut blessé, hors le laquais dont j’ai parlé, et il l’était peu dangereusement. Il fut alors question de relever la voiture et de voir ce qui avait occasionné sa chute, qu’on supposait provenir de la perte d’un écrou ou chapeau qui retient la roue sur l’essieu. Ces quatre hommes ne furent pas assez forts pour en venir à bout, tant l’impériale était surchargée de bagage: il fallut détacher un postillon à cheval pour aller chercher du secours dans le plus prochain village, qui était à une demi-lieue de là. En attendant son retour, M, de Voltaire et madame du Châtelet s’étaient assis à côté l’un de l’autre sur les coussins du carrosse, qu’on avait retirés et posés sur le chemin couvert de neige; là, presque transis de froid malgré leurs fourrures, ils admiraient la beauté du ciel; il est vrai qu’il était parfaitement serein, les étoiles brillaient du plus vif éclat, l’horizon était à découvert; aucune maison, aucun arbre n’en dérobait la moindre partie à leurs yeux. On sait que l’astronomie a toujours été une des études favorites de nos deux philosophes. Ravis du magnifique spectacle déployé au-dessus et autour d’eux, ils dissertaient, en grelottant, sur la nature et le cours des astres, sur la destination de tant de globes immenses répandus dans l’espace. Il ne leur manquait que des télescopes pour être parfaitement heureux. Leur esprit égaré dans la profondeur des cieux, ils ne s’apercevaient plus de leur triste position sur la terre, ou plutôt sur la neige et au milieu des glaçons. Leur contemplation et leurs entretiens scientifiques ne furent interrompus que par le retour du postillon qui amenait avec lui quatre hommes munis de cordes, d’outils et d’un faux essieu. La voiture redressée, on vit la vraie cause du mal; ils y remédièrent du mieux qu’ils purent au moyen des pièces qu’ils avaient apportées, et on leur donna douze francs quand leur besogne fut terminée; ils s’en retournèrent peu contents de cette somme, et en murmurant. La voiture se remit en marche, mais à peine eut-elle fait cinquante pas, que les cordes trop faibles s’étant relâchées et brisées en partie, la voiture tomba une seconde fois, mais en s’affaissant seulement sur elle-même; ce qui rendit cette nouvelle chute beaucoup moins fâcheuse pour nos voyageurs. On courut vite après ces ouvriers qui s’en allaient, ils ne voulaient plus revenir; on ne les ramena qu’à force de promesses qu’ils seraient mieux payés. Aidés des postillons, ils soulevèrent la caisse avec des leviers et la rattachèrent plus solidement, sans que rien eût été dérangé dans l’intérieur de la voiture. Pour surcroît de précautions, on proposa à ces ouvriers de la suivre jusqu’à Nangis, ce qu’ils firent, et l’on y arriva sans autre accident; on les paya largement cette fois, et ils s’en retournèrent fort satisfaits. L’essieu fut solidement réparé par un maréchal de cette ville; il examina la caisse, qu’il trouva en fort mauvais état; elle était vieille, et ses chutes en avaient ébranlé plusieurs parties. Cet ouvrier conseilla de n’aller qu’au pas jusqu’à la Chapelle, si l’on voulait prévenir les accidents; et c’est ainsi qu’on fit trois lieues pour y arriver enfin à bon port. Là, madame du Châtelet et M. de Voltaire se réchauffèrent amplement devant un grand feu, qui ne leur était pas moins nécessaire que la nourriture. Après avoir soupé, ou pour mieux dire, déjeuné, car il était jour, ils se retirèrent dans les appartements, où de bons lits leur avaient été préparés, et ils y dormirent très bien une grande partie de la journée. M. de voltaire étant levé, m’ordonna de faire venir des ouvriers pour réparer la caisse de la voiture; elle était si malade, ainsi que les soupentes et les roues, qu’il fallut deux jours entiers pour remettre le tout en passable état. Nous partîmes de la Chapelle le troisième jour, et arrivâmes enfin, sans nouveau retard ni accident, à Cirey, terre de madame du Châtelet.

2. Fiktiver Brief Voltaires an Friedrich II, aus Werke nach Moland, Correspondance*

Ce.. (juillet) 1750.

Sur un grand chemin de l’évêché de Hildesheim, 
beau pays pour un prêtre, et digne d’appartenir à un roi hérétique.

Beau Sans-Souci, daignez attendre
Le plus malingre des humains;
Au paradis je dois me rendre,
Mais le diable en fit les chemins.

Sire, quel chien de pays que la Westphalie et les environs de Hanovre et de Hesse! On y fait trois milles en deux jours. J’ai été en exil quinze jours à Clèves; j’ai la fièvre, et Votre Majesté a eu beau presser et prêcher les chevaux de la route, ainsi qu’en usaient les héros d’Homère:
De toutes les nations modernes, la France et le petit pays des Belges sont les seuls qui aient des chemins dignes de l’antiquité…. L’ordre du roi pour les relais vient enfin de me parvenir: voilà mon enchantement chez la Princesse de Clèves fini, et je pars pour Berlin.

J’ai d’abord passé par Wesel, qui n’est plus ce qu’elle était quand Louis XIV la prit en deux jours, en 1672, sur les Hollandais. Elle appartient aujourd’hui au roi de Prusse, et c’est une des plus fortes places de l’Europe. C’est là qu’on commence à voir de ces belles troupes que Frédéric II forma sans vouloir s’en servir, et que Frédéric le Grand a rendues si utiles à ses intérêts et à sa gloire. Le premier coup d’oeil surprend toujours.
.

D’un regard étonné j’ai vu sur ces remparts
Ces géants court-vêtus, automates de Mars,
Ces mouvements si prompts, ces démarches si fières,
Ces moustaches, ces grands bonnets,
Ces habits retroussés, montrant de gros derrières
Que l’ennemi ne vit jamais.

.
Bientôt après j’ai traversé les vastes, et tristes, et stériles, et détestables campagnes de la Westphalie.
.

De l’âge d’or jadis vanté
C’est la plus fidèle peinture
Mais toujours la simplicité
Ne fait pas la belle nature.

.
Dans de grandes huttes qu’on appelle maisons, on voit des animaux qu’on appelle hommes, qui vivent le plus cordialement du monde pêle-mêle avec d’autres animaux domestiques. Une certaine pierre dure, noire, et gluante, composée, à ce qu’on dit, d’une espèce de seigle, est la nourriture des maîtres de la maison. Qu’on plaigne après cela nos paysans, ou plutôt qu’on ne plaigne personne car, sous ces cabanes enfumées, et avec cette nourriture détestable, ces hommes des premiers temps sont sains, vigoureux et gais. Ils ont tout juste la mesure d’idées que comporte leur état.
.

Ce n’est pas que je les envie
J’aime fort nos lambris dorés;
Je bénis l’heureuse industrie
Par qui nous furent préparés
Cent plaisirs par moi célébrés,
Frondés par la cagoterie,
Et par elle encor savourés.
Mais sur les huttes des sauvages
La nature épand ses bienfaits;
On voit l’empreinte de ses traits
Dans les moindres de ses ouvrages.
L’oiseau superbe de Junon,
L’animal chez les Juifs immonde,
Ont du plaisir à leur façon;
Et tout est égal en ce monde.

.
Si j’étais un vrai voyageur, je vous parlerais du Wéser et de l’Elbe, et des campagnes fertiles de Magdebourg, qui étaient autrefois le domaine de plusieurs saints archevêques, et qui se couvrent aujourd’hui des plus belles moissons (à regret sans doute) pour un prince hérétique; je vous dirais que Magdebourg est presque imprenable; je vous parlerais de ses belles fortifications, et de sa citadelle construite dans une île entre deux bras de l’Elbe, chacun plus large que la Seine ne l’est vers le pont Royal. Mais comme ni vous ni moi n’assiégerons jamais cette ville, je vous jure que je ne vous en parlerai jamais.

Me voici enfin dans Potsdam. C’était sous le feu roi la demeure de Pharasmane, une place d’armes et point de jardin, la marche du régiment des gardes pour toute musique, des revues pour tout spectacle, la liste des soldats pour bibliothèque. Aujourd’hui c’est le palais d’Auguste, des légions et des beaux esprits, du plaisir et de la gloire, de la magnificence et du goût, etc.

*den Bericht über diese Reise hat V. nachträglich angefertigt und in zwei Briefe eingebaut, einen an seine Nichte Mme de Denis und einen zweiten an Friedrich II. – die Brief sind folglich fiktiv

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