Voltaire verpasst: Ausstellung in Gotha 2014. Offener Brief.

VOLTAIRE –  STIFTUNG
04924 BAD LIEBENWERDA

Stiftung Schloß Friedenstein Gotha
Herrn Prof. Dr. Eberle
Postfach 100319
99853 Gotha

Maasdorf, 12.9.2014

Offener Brief zur Gothaer Voltaire Ausstellung

Sehr geehrter Herr Professor Eberle,
da Sie weder die Voltaire-Stiftung noch deren Internetseiten kennen dürften, darf ich Sie einladen, dies bei Interesse auf www.correspondance-voltaire.de nachzuholen. Ich glaube, daß mich die langjährige Beschäftigung mit Voltaire im Rahmen der Voltaire-Stiftung, die nichts anderes bewirken möchte, als das Leben und Werk des streitbaren Voltaire (‚l’homme aux Calas’) in Deutschland bekannter zu machen, berechtigt, die von Ihrer Stiftung organisierte Voltaireausstellung im Schloß Friedenstein zu kritisieren.
Dies sei vorausgeschickt: wenn Hunger im Lande herrscht, ist der Bedürftige schon mit Brosamen zufrieden, insofern möchte ich mich im Namen der Voltaire-Stiftung bedanken, daß Sie überhaupt öffentlich etwas zu Voltaire gezeigt haben. Und noch ein Weiteres: als ich vor sechs Jahren das Museum Schloß Friedenstein zum ersten Mal besucht habe, war ich begeistert von den dort zu besichtigenden prachtvollen Räumen, von den Statuen Houdons und vom Barock-Theater (man spielte damals eine Oper von Anna Amalia – was für ein Jahrhundert, in dem die Herrschenden es noch verstanden, Opern zu komponieren!).
Deshalb habe ich mich auch sehr gefreut, als ich über das Internet von der Voltaire Ausstellung in Gotha erfahren habe. Welcher andere Ort außer Potsdam/Berlin wäre in Deutschland geeigneter als Gotha, um an Voltaire zu erinnern! Ich habe eine Geschäftsreise unterbrochen und bin extra nach Gotha gefahren, um mir die Ausstellung ansehen zu können.

Wie sechs Jahre zuvor, haben mich auch dieses Mal die Räume beeindruckt: welche Pracht, – welche einmalige Gelegenheit bietet dieses Museum, mit der ästhetischen Welt des 18. Jahrhunderts in Kontakt zu kommen, die Luft der Aufklärung zu schnuppern und wie zuvorkommend, freundlich und informiert sind hier die Museumsangestellten (einmalig in Deutschland).

Die erste Enttäuschung war, daß man die große und beeindruckende Voltairestatue von Houdon weggeschafft hat. Sicher mag es Gründe dafür geben, alles von Houdon in einem anderen Museum, dem herzoglichen, zu präsentieren. Man hat dadurch aber dem Besucher von Schloß Friedenstein die Gelegenheit entzogen, Voltaire in ganz unerwarteter Umgebung zu begegnen. Sicher, Voltaire-Houdon ist noch vertreten, als schwarz bemalte Kopfbüste im Zimmer Dorotheas, glaube ich, was aber etwas anderes bedeutet, als der Voltairebüste in unmittelbarer Nachbarschaft einer mannshohen Houdon-Statue, die an die Anatomieausstellungen Günther von Hagens aus unserer Zeit erinnert, zu begegnen. Warum hat man die Statuen nicht wenigstens zur Sonderausstellung zurückgeholt? War es zu teuer?

Aber der Aufwand hätte sich gelohnt, zumal die 8 Ausstellungstafeln, die zu Voltaire auf sogenannten Rollups in den verschiedenen Räumen aufgestellt wurden (was kaum mehr als 2000 € gekostet haben dürfte), von einer derartigen ästhetischen Qualität Lichtjahre weit entfernt sind. Es liegt nicht nur daran, daß die Texte auf den Tafeln gelesen werden müssen, sondern eher daran, daß sie selbst nur Inhalte vermitteln wollen und die Form ganz offenbar sekundär war – das gilt insbesondere für die graphische Gestaltung.

Die Ausstellung will ein literarischer Rundgang sein, worunter man sich eine Einführung in die Literatur des Namensgebers vorstellen könnte, eine Erwartung, die sich leider nicht erfüllt, vielmehr handelt es sich eher um den Versuch, dem unbedarften Besucher ein wenig über die Umstände des Voltaire-Aufenthalts in Gotha zu erzählen. So ungefähr antwortet man auf die Frage: „Ach, Voltaire, der war in Gotha? Wie kam denn das?“ und bietet weniger, als man auf unseren Internetseiten zu diesem Thema findet. Es ist schon erstaunlich, wie man eine Ausstellung zu Voltaire fabrizieren kann, ohne ein Wort zu den von ihm als Repräsentanten der Aufklärung vertretenen Inhalten und Positionen zu verlieren. Das einzige Mal, wo vielleicht eine Ahnung davon hätte aufkommen können, nämlich bei der Erwähnung des Ordens des Hermites du bonne humeur (also des Einsiedlerordens der Lebensfreude, ganz gut erforscht von Bärbel Raschke), macht man daraus eine Art frohsinnige Runde, obwohl seine Mitglieder, allen voran Luise Dorothea, selbst nichts weniger als das, stattdessen aber eine freisinnige sein wollten, aufklärerisch eben: honni soit qui mal y pense!

Was hätte man alles aus einer solchen Voltaire Ausstellung machen können! Dazu drei Anregungen, alle unter der Fragestellung: „Gotha, Insel der Freiheit?“ (falls Sie wieder einmal einen Versuch wagen sollten):
o die Aufklärung in Gotha als Mittel, der religiösen Orthodoxie zu begegnen, wie sie von Luise Dorothea und ihrem Kreis gefördert wurde und wie Voltaire sich dazu stellte
o die Geheimgesellschaften des 18. Jahrhunderts, speziell die von Luise Dorothea und von Wilhelmine von Bayreuth, beide engstens mit Voltaire befreundet
Oder als Gegenpol:
o Die Ökonomie der höfischen Prachtentfaltung in Kleinstaaten wie Gotha, wo dafür das Geld herkam – und wofür es verwendet wurde.

Viele andere wären denkbar, keine davon verspricht Gelingen, wenn Sie den Angriff Voltaires auf die Machtstellung der Kirchen und auf die christliche Religion auslassen.

Auch die Hoffnung auf ein Voltaire betreffendes Rahmenprogramm ist vergebens: kein Theaterspiel eines seiner Werke, keine Vorträge zum Einsiedlerorden, dessen Bedeutung als Vorläufer der Surrealisten (man hätte einmal eine solche Sitzung nachstellen können), keine Lesung bedeutender Werke Voltaires, kein wissenschaftliches Colloquium zur Frage religiöser Toleranz in Gotha, keine Veranstaltung zum Buchdruck der Aufklärung, die Bedeutung des Gothaer Verlags Ettinger beleuchtend, nichts dergleichen, nur eine kleine Lesung zum Abschluß der Ausstellung, wahrscheinlich aus dem Briefwechsel Luise Dorotheas mit Voltaire unter Mitwirkung von Friedegund Freitag, die eine kleine Broschüre zu Voltaire in Gotha verfasst hat, die bedauerlicherweise hauptsächlich die Biographie Voltaires außerhalb Gothas nacherzählt.

Wie wäre es beim nächsten Mal mit einem historischen Stadtführer zu den Orten in Gotha, an denen sich Voltaire wahrscheinlich aufgehalten hat oder die mit ihm zu tun haben?

Nein, man muß nicht nach Gotha reisen, um sich diese Ausstellung anzusehen, aber das Schloß allein lohnt einen Besuch allemal, und wenn man Glück hat und eine der alle Schaltjahre einmal stattfindenden Führungen durch die Bibliothek erwischt, kommt man wirklich voll auf seine Kosten. Leider ist das Turmzimmer, in dem Voltaire frierend die Annales zusammengestellt hat, für Besucher nicht geöffnet, – auch nicht im Rahmen der Sonderausstellung.

Sehr geehrter Herr Professor Eberle, Ihre Voltaire Sonderausstellung ist eine verpasste Gelegenheit, was wir außerordentlich bedauern.

Mit freundlichen Grüßen

Rainer Neuhaus
Voltaire-Stiftung

Für Interessierte hier noch eine kurze Charakterisierung der einzelnen Tafeln:

Rollup 1 (im Hintergrund, wie auf allen Tafeln, der alte Voltaire mit über 70 Jahren, gezeichnet von dem Schweizer Karikaturisten Jean Huber, unansehnlich, schwach, mit Stock: so hat er Voltaire in ganz Europa lächerlich gemacht) berichtet, wie positiv der Gothaer Hof Voltaire gegenüberstand, als er 1753 aus Berlin hierherkam. Freiesleben, der herzogliche Bibliothekar, so erfährt man, hat sogar die satirische Erzählung Mikromegas übersetzt, ist Micromegas satirisch?

Bei Rollup 2 habe ich vergessen, Notizen zu machen, ich glaube, es ging um den Streit Voltaires mit Friedrich.

Rollup 3 informiert über die besondere Gunst der Herzogin Luise Dorothea, die darin bestand, daß Voltaire an ihrer Tafel speisen durfte und daß er als Gast in den literarischen Zirkeln gern gesehen war, wo er aus seiner Verssatire Pucelle vorlas und im übrigen unter der Kälte im Schloß gelitten habe.

Rollup 4 erzählt erneut, daß Voltaire huldvoll in Gotha aufgenommen wurde, sogar im Schloß wohnen durfte, wahrscheinlich an einigen Sitzungen des ‚fröhlichen Einsiedlerordens’ (seltsame Übersetzung von Ordre des Hermites de bonne humeur‘) teilgenommen hat und nach 4 Wochen abgefahren ist.

Rollup 5 ist den Annales de l’Empire depuis Charlemagne gewidmet, die Voltaire für die Herzogin verfasst hat. Man erfährt, daß Luise Dorothea dieses Werk geschätzt hat, Voltaire selbst es aber später langweilig fand.

Rollup 6 berichtet, daß Gotha während des siebenjährigen Krieges häufiger von Armeeeinquartierungen heimgesucht wurde und arg unter dem Krieg zu leiden hatte. Dorothea hat gemeinsam mit Voltaire erfolglos versucht, Friedensgespräche zwischen Preußen und Frankreich zu initiieren.

Rollup 7 schildert die finanzielle Notlage der herzoglichen Familie von 1757, angeblich musste man froh sein, nicht zu verhungern. (da könnte einem die Tragödie der Frau Schaeffler aus unserer Zeit einfallen). Voltaire vermittelte einen Kredit.

Rollup 8 berichtet, daß der Gothaer Hof Voltaire auch nach seinem Besuch noch lange Jahre gewogen war. Der Erbprinz besuchte 1771 Voltaire in Ferney, 1775 eröffnete das herzogliche Hoftheater mit Voltaires Tragödie ‚Zaire’ und 1784 wurde in Gotha „die erste deutsche Gesamtausgabe“ in 71 Bänden bei Ettinger verlegt – die Werke waren zwar keine deutsche Gesamtausgabe; alle ihre Bände sind in französischer Sprache verfasst, aber über Details soll man sich ja nicht streiten.

Die Welt (Thüringen regional) 24.8.2014. Der Artikel informiert kurz über die Ausstellung, übernimmt im Wesentlichen die dpa Meldung. hier