Volker Reinhardt, Voltaire, eine Biographie –
Kritisch kommentiert von Rainer Neuhaus

1. Auf dem Weg zum eigenen Namen

Das erste Kapitel der neuen Voltaire Biographie von Prof. Volker Reinhardt , das sich Kindheit und Jugend Voltaires widmet, orientiert sich sehr stark an der nur auf Französisch erschienenen Biographie von René Pomeau. Reinhardt erzählt routiniert, aber auch mit großer Distanz zu seinem Gegenstand.
Zum Beispiel wertet er die Jugendliebe Voltaires zu Pimpette als „Pflichtpensum“, so als ob er selbst nie neunzehn Jahre alt gewesen wäre.

Bei der Vorstellung von Voltaires erstem, erfolgreichen Theaterstück Ödipus bleibt er in den Bahnen gewöhnlicher Interpretationsmuster und gerät, wo er darüber hinausgeht, in eine Sackgasse. Dagegen stellt er die ersten Erzählungen Voltaires Cosi Sancta und Der einäugige Lastenträger kurz und prägnant vor, so dass man durchaus Lust bekommt, sie selbst zu lesen, genau, wie es sein soll. Folglich ist unser Gesamteindruck von Kapitel 1 ambivalent. Hier dazu die ausführlichere Begründung: 
Wenn Besterman die Kindheit und Jugend Voltaires beleuchtet, berichtet er über das familiäre Umfeld, erklärt, was es mit dem freidenkerischen Temple Kreis auf sich hat, in dem der jugendliche Voltaire verkehrte, stellt einzelne Personen des Temple vor, von denen einige unter dem im Alter frömmelnden Ludwig XIV. verfolgt wurden und im Gefängnis saßen und kommt schließlich auf Voltaires Schule Louis le Grand zu sprechen, hier insbesondere auf jene Mitschüler, die Voltaire lebenslang verbunden blieben und gewissermaßen die Basis einer antiklerikalen Gegenöffentlichkeit im 18. Jhdt. bildeten. Manches davon findet man auch bei Reinhardt, allerdings scheint für ihn  der Bericht über diese Lebensphase eher eine Art lästige Pflichtaufgabe zu sein, die er auf 30 Seiten eilig absolviert. Dabei entgehen ihm außer Fyot de la Marche die anderen so bedeutenden Freundschaften Voltaires wie die zu d’Argental, Cideville, d’Argenson.
Wenn er auf Voltaires erste Liebe zu sprechen kommt, unterstellt Reinhardt dem 19 jährigen sogar strategisches Verhalten und versteigt sich zu der Bemerkung, Voltaire habe hier ein „biographisches Pflichtpensum abgehakt, denn für einen künftigen homme-de-lettres gehörte eine ‚amour fou‘ genauso dazu wie ein Zwangsaufenthalt in der Bastille“ (47).
Ganz anders Besterman (und auch Pomeau), der durch seine intensive Beschäftigung mit den Briefen Voltaires von seinem andauernden, lebenslangen Interesse am Schicksal seiner Jugendliebe Pimpette weiß.
Ödipus, Voltaires erstes Theaterstück, war für sein weiteres Leben von großer Bedeutung, nicht nur, weil der Erfolg sein Selbstbewusstsein als Schriftsteller stärkte und ihm zu neuen Freunden und Unterstützern verhalf, ohne die er sich den Angriffen der ihn zeitlebens verfolgenden Kirche nicht hätte erwehren können. Das Stück enthält darüber hinaus drei Themen, die Voltaire später in zahlreichen Facetten weiterentwickelte: Das Recht des Einzelnen auf ein eigenes, freies Leben, die Kritik an der Kirche und – weitergehend –  am Christentum wegen seinen lebensfeindlichen Maximen, die sich mit einem aufgehetzten Pöbel leicht zu fanatischen Ausbrüchen steigern lassen. Und drittens die Forderung nach einer vernünftigen, dem Glück (Wohlstand, Entwicklung von Kunst und Wissenschaft, Rechtstaatlichkeit) ihrer Bürger  verpflichteten Regierung.
Reinhardt fragt richtig, wie es kam, dass Voltaires Ödipus so erfolgreich war und sucht die Antwort in der Kritik am Klerus, an der Prädestinationslehre der Jansenisten und am Absolutismus des Sonnenkönigs. Er vernachlässigt dagegen, dass es in dem Stück darum geht, dass man als einzelnes Subjekt seinem Schicksal (durch Herkunft, Familie gegeben) entrinnen kann, indem man seiner inneren Stimme, seinen unmittelbaren Gefühlen folgt und nicht überholten moralischen Grundsätzen oder Maximen, ebenso der eigenen Wahrnehmung und nicht den kirchlich-religiösen Dogmen.
Insofern verwundert es nicht, dass der zentrale Grundsatz der Aufklärung aus dem Mund Araspes bei Reinhardt (wie übrigens auch bei Pomeau) fehlt:
„Ne nous fions qu’à nous, voyons tous par nos yeux, ce sont là nos trépieds, nos oracles, nos dieux“ (Vertrauen wir nur uns selbst, sehen wir alles mit unseren eigenen Augen. sie sind unsere heiligen Gefäße, unsere Orakel, unsere Götter“).

Mit seiner Interpretation des Stückes als Kritik am Absolutismus Ludwig XIV begibt sich Reinhardt indessen in eine Sackgasse, an deren Ende angekommen er sich verwundert fragt, warum Voltaire den Regenten Philippe d’Orléans kritisiert, obwohl er doch von diesem Reformen am Absolutismus erhoffen konnte und erklärt sich seinen eigenen Widerspruch als Widerspruch Voltaires, der von dem Kreis um die Duchesse du Maine vielleicht gegen den Regenten aufgehetzt worden sei.
Es ist anders herum: Voltaire schätzt Ludwig XIV als Förderer von Kunst und Wissenschaft und vor allem als denjenigen, der mit der Feudalherrschaft und seiner unbeschränkten kleinstaatlichen Machtausübung Schluss machte. Er kritisiert den Regenten, weil er befürchtet, dass durch dessen schwächliche Regierung die alten Mächte wieder an die Macht kommen könnten. Auf sein Drama bezogen bedeutet dies: Laios, der Königvater ist Ludwig XIV und “gut“, Ödipus, der Vatermörder ist der Regent und „schwach“. Philoktet indessen ist das Alter-Ego Voltaires, der tugendhafte Held, der nicht König zu werden braucht, um groß zu sein. Ödipus, hervorgegangen aus einer Ehe, die Iokaste aus Staatsräson schloss, ist eine faule Frucht, ermordet den Vater aus reinem Hochmut, heiratet inzestuös seine Mutter Iokaste, die ihm – wiederum aus Staatsraison, den Vorzug vor ihrem Geliebten Philoktet gibt. Auch Ödipus hört  – wie er selbst bekennt – nicht auf seine innere Stimme, die ihn oft genug warnt und wird deshalb zum Verderber seines eigenen Vaterlandes und nicht „weil er es nicht besser wusste“. Über all dem steht die Religion, der Glaube und der Klerus, die dem unmenschlichen Treiben ihren Segen verleihen. Nie stehen sie auf Seiten des Einzelnen und repräsentieren eine Macht, die das Entwicklungspotential der Menschen und der Menschheit verspielt.

2. Am Hof und im Exil

Im zweiten Kapitel erzählt Reinhardt Voltaires Lebensweg bis zum englischen Exil. Er stellt das epische Gedicht Henriade zu ausführlich, die Lettres Philosophiques zu knapp vor und berichtet von Voltaires Reise mit Madame de Rupelmonde, dem für sie verfassten antiklerikalen Gedicht Le pour et le contre und schließlich von der Zeit in England. Außer der lebendigen Präsentation des Gedichts und eines Teils der Philosophischen Briefe finden wir nicht viel Gefallen an dem Kapitel – eher Langeweile und bedauerliche Auslassungen. Hier die ausführlichere Begründung unserer Kritik:

Dass Voltaires epische Dichtung Henriade mit Heinrich IV das Vorbild eines „guten König“ in Szene setzten wollte, ist nicht neu, erklärt aber nicht den Jahrzehnte anhaltenden Erfolg des Werks. Für Beaumarchais etwa war es gleichrangig mit der Illias Homers und die Kritik von katholisch-klerikaler Seite (Journal de Trévoux, 1731), dass in der Henriade die „Rebellen, die Häretiker immerzu recht hätten und die Könige, die Päpste und die Katholiken immerzu unrecht“ weist einen Weg, der Reinhardt offenbar nicht ins Konzept passt. Stattdessen referiert er viele Textstellen mit dem guten König, seinen Liebschaften, seinen Kriegszügen, was Langeweile verbreitet, weil er sie nicht vor dem gesellschaftlichen Hintergrund im vorrevolutionären Frankreich erzählt. Die Henriade antwortet auf die Zerrüttung, die Frankreich durch die seit 50 Jahren andauernden Verfolgung der immerhin 10% der Bevölkerung ausmachenden Protestanten erfuhr. Sie bezieht Stellung gegen die Grundfesten einer staatlichen Ordnung, die den König als Abgesandten des katholischen Gottes betrachtet, somit beauftragt, alle Konkurrenzreligionen auszuschalten und geißelt den christlichen Fanatismus, der in der Bartholomäusnacht vom 23. Auf den 24. August 1572 wütete- eine zentrale Stelle der Henriade, die Reinhardt mit keinem Wort erwähnt.
Die ausführliche Inhaltsangabe steht wie isoliert vom biographischen Erzählfluss, so, als hätte sie eine andere Person ganz unabhängig davon angefertigt. Das ist eindrucksvoll anders, wenn Reinhardt die Philosophischen Briefe aus England vorstellt (hier zunächst den ersten Teil), deren Religionskritik, Voltaires positive Erfahrung mit den Quäkern – hier erzählt er lebendig und nah an der Situation des in England exilierten Voltaire.
Warum aber Voltaires „am häufigsten zitierter Absatz“ (135), der davon spricht, dass dreißig Religionen in einem Land besser sind als eine allein, missverständlich sein soll, muss Reinhardts Geheimnis bleiben, denn eine Erklärung dafür gibt er nicht. Auch sind die Auslassungen störend: weder Voltaires authentischer Bericht über die frühe Pockenimpfung in London kommt vor, noch diese vielzitierte Stelle zur Londoner Börse – es ist der Satz unmittelbar vor dem oben erwähnten: „Dort treiben der Jude, der Mohammedaner, und der Christ Handel miteinander, als ob sie sich alle zur gleichen Religion bekennen“.
Diese Lücke ist von besonderer Bedeutung, weil sie in dem Prozess „Reinhardt gegen Voltaire wegen Antisemitismus“, den der Autor längst vorbereitet hat, einen wichtigen Hinweis zur Entlastung des Angeklagten enthält. Reinhardt hat sich auch schon vorher wenig bemüht, entlastendes Material zu finden: weder greift er zu Pomeaus Charakterisierung des Mehrfachspions und Waffenhändlers Levy, noch fühlt er sich bemüßigt, den tatsächlichen Verlust, den Voltaire durch den Bankrott seines jüdischen Bankiers erlitten hatte zu beziffern und den Vorfall korrekt einzuordnen. Es macht einen Unterschied, ob man als Leser weiß oder nicht weiß, wer Salomon Levy war, von dem im übrigen Pomeau korrekt berichtet. Auch heute ist es üblich, von Finanzleuten zu sagen, sie hätten kein Heimatland und folgten dem, der ihnen am meisten Gewinn verspricht, zudem: „Jude“ und „Finanzier“ waren noch bis vor kurzem Begriffe mit großer semantischer Übereinstimmung.

3. Auf der Suche nach Reichtum und Ruhm

Das dritte Kapitel berichtet über die Jahre 1728 – 1734, den Lebensabschnitt, in dem Voltaire mit Haftbefehl verfolgt wurde und schließlich nach Cirey in die Champagne floh. Man hätte erwartet, dass diese dramatische Wendung in der Biographie Voltaires durch eine intensive Beschäftigung mit dem Corpus delicti, seinen Philosophischen Briefen und den gesellschaftlich-politischen Gründen der Verfolgung verständlich gemacht wird. Dem ist jedoch nicht so. Das Ziel, möglichst viele Werke vorzustellen, führt dazu, dass durch ausführliche Inhaltserzählungen kaum Platz für Hintergrundanalysen bleibt.

Nach der uninspirierten Erzählung über den Lotteriegewinn Voltaires konzentriert sich Reinhardt auf den zweiten Teil der Philosophischen Briefe, Voltaires Auseinandersetzung mit dem Jansenisten Blaise Pascal. Diesem bescheinigt er stets größte Eloquenz, Tiefe, beeindruckende Bilder, während Voltaire bei seiner Entgegnung meist „an Pascals Gedanken vorbei“ argumentiere (187). Die wichtigen erkenntnistheoretischen, naturwissenschaftlichen Kapitel über Locke, Newton, Pope stellt Reinhardt dem Leser dagegen nur am Rande vor und schlimmer, losgelöst von der Sprengkraft, die sie für das immer noch an Descartes und seinem Rationalismus verhafteten Frankreich spielten.
Ausführlich erzählt er dagegen den Inhalt der Tragödien Brutus, Der Tod Cäsars; Eriphyle und von Zaïre, wobei uns seine Interpretationen wiederum nicht überzeugen können. Reinhardt geht einerseits an der politischen Bedeutung der Tragödien vorbei (das ist der Gegensatz zwischen Absolutismus und Feudalismus, wobei Voltaire den Absolutismus als zivilisatorischen Fortschritt wertet und in immer neuen Facetten vor dem Wiedererstarken des seine Partikularinteressen stets über die der Allgemeinheit stellenden Feudaladels warnt) und verkennt andererseits die Bedeutung, die Voltaire dem Individuum als einem autonomen Subjekt zuweist, dessen ‚innerer Stimme‘ er gegenüber der scheinbar übergeordneten Moral und Religion immer den Vorzug gibt und deren Nichtbeachtung bei ihm fast unausweichlich den tragischen Untergang nach sich zieht. Nur bei Brutus  lobt er republikanische Tugenden und nicht die Monarchie, folgt aber trotzdem dem gleichen Schema: der wahre Herrscher, Brutus, stellt das allgemeine Interesse über das individuelle und umgekehrt: wenn sich individuelle Interessen im obersten Machtzirkel geltend machen, ist dies eine höchst alarmierende Lage und führt die Gesellschaft in den Untergang. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch zum Drama Oedipus. Dort entwickelt sich das Verderben, weil Jocaste ihre Liebe den Staatsinteressen opfert. Bei Brutus führt Titus‘ Liebe dazu, dass er gegen das Staatsinteresse handelt, obwohl ihm seine ‚innere Stimme‘ sagt, dass dies falsch ist. Die Schlussfolgerung daraus kann nur lauten, dass ein idealer Herrscher sein individuelles Interesse mit dem Allgemeininteresse in Übereinstimmen bringen sollte. In den Dramen dieser Zeit spiegelt sich Voltaires Ringen um eine politische Theorie vor dem Hintergrund der eigenen Konflikte mit dem Staat. Durch seine oberflächliche Interpretation verliert Reinhardt diesen Punkt aus den Augen und seine Biographie deutlich an Schwung (wen interessiert, ob in der Zaïre die Empfindsamkeit als dramaturgisches Mittel die Zuschauer zu Tränen rührte?). Nur durch die engagierte Vorstellung von Karl XII., Voltaires erstem bedeutenden Geschichtswerk zu Beginn des Kapitels kann Reinhardt verhindern, dass man das Buch gelangweilt zur Seite legt.
Erwähnen wir zum Abschluss, wie Reinhardt auf Voltaires Betroffenheit angesichts des schändlichen Verhaltens der Kirche beim Tod seiner innig geliebten Schauspielerin Adrienne Lecouvreur eingeht. Zwar berichtet er korrekt über die schändliche Weigerung der Kirche, Schauspielern ein ordentliches Begräbnis zu gewähren, die Übertragung des Gedichts in Prosa gerät ihm allerdings so, dass von der Entrüstung und der tiefen Erschütterung, wie sie in dem Pathos Voltaires zum Ausdruck kommen, nicht die geringste Spur übrigbleibt.

4. Der Homme de Lettres und die Mathematikerin

„Die Abenteuer der Freiheit“ heißt der Untertitel von Volker Reinhardts Voltaire Biographie. Im 4. Kapitel scheint es, als ob die Freiheit Voltaires weiterginge als die des Autors bzw. seines Mentors (das ist R. Pomeau) und er daher zu einem erstaunlichen Werturteil kommt. Die Zeit in Cirey ist der Lebensabschnitt, in dem Voltaire am glücklichsten war, was vor allem an der außergewöhnlichen Persönlichkeit der Frau lag, mit der er von 1733 – 1749 zusammenlebte: Emilie du Châtelet.

Reinhardt gelingt es nicht, diese bewundernswerte Frau als Mensch aus Fleisch und Blut zu zeigen. Ist Emilie ein außergewöhnlich begabtes Mädchen und erhält durch ihren Vater jedwede intellektuelle Unterstützung, so tut er das nicht, behauptet Reinhardt, „um damit uralte frauenfeindliche Vorurteile zu widerlegen, sondern um Gabrielle Emilie zu einer Ausnahmeerscheinung zu machen, die letztlich die Regel bestätigte“ (198). Hat Emilie du Châtelet eine bemerkenswert freie Einstellung zur Sexualität, reduziert Reinhardt sie auf die unter Adligen übliche Libertinage – dass sie ihre Einstellung zum Glück als dem Sinn des Lebens auch schriftlich niederlegte (Discours sur le Bonheur). findet Reinhardt zwar erwähnenswert (S.265), ändert jedoch deshalb nichts an seiner klischeehaften Einschätzung ihrer Person. Geht sie, nachdem das sexuelle Interesse zu Voltaire erkaltete, eine neue Liebesbeziehung ein, ist ihm das Arrangement der beiden, die ihre tiefe Freundschaft deshalb keineswegs aufgeben, eher befremdlich als ein Gegenstand, der genügend Stoff böte, um, seinem Untertitel „Die Abenteuer der Freiheit“ gemäß, über das besondere und zukunftsweisende dieser Beziehung einige Gedanken zu verlieren.
Dazu passt, wie er den Tod Emilies erzählt: emotionslos, routiniert und ja, auch geschwätzig. Emilie du Châtelet, diese freiheitsliebende, selbstbewusste und hochintelligente Frau ist ihm sichtlich suspekt, so dass er, wo möglich, versucht, sie auf Normalmaß zu reduzieren. Die Folge davon ist, dass er auch Voltaires enge Freundschaft zu Emilie nicht versteht und nicht nachvollziehbar erzählen kann.
Ansonsten gibt Reinhardt getreulich den Inhalt der in dieser Zeit entstandenen Werke wieder. Mit seiner Interpretation der Tragödien Alzire („Rührstück für die Frommen“, 209), Zulime („Drama voller Rosenwasser“, 232), der Komödien Les Originaux, Le Préjugé à la mode, L’Enfant Prodigue („Harmlos“, 225) und den Tragödien Mahomet („Eindimensional“, 248), Mérope („Hohelied der Mutterliebe“, 252), Princesse de Navarre („Farce für den Hof“, 265),  tut er sich sichtlich schwer. Insbesondere gelingt es ihm nie zu zeigen, wie in einem Stück die historisch so bedeutende Opposition gegen die Kirche zum Ausdruck kommt. Nur bei Sémiramis ist er dem Kern, dem Gegensatz zwischen der von „Unwürdigen usurpierten Macht“ und dem edlen, vielfach verkannten König, nahe, ohne aber diesen Aspekt weiterzuverfolgen.
Bei seiner Interpretation der philosophischen Erzählung Zadig, der Vorläufererzählung zu Candide, übersieht Reinhardt, dass es darin um die Frage geht, wie sich der Einzelne in einer feindlichen Umgebung verteidigen und behaupten kann. Zadig zeigt, wie stark Voltaire in der Tradition des Humanismus steht, für den das Subjekt, das Individuum, Zentrum und Ausgangspunkt einer neuen, lebenswerten Weltordnung werden sollte. Dass Reinhardt dies nicht erkennt, ist umso befremdlicher, als er bei der Vorstellung des Traité de la Metaphysique genau diesen Punkt (Voltaire: „Denn das zu tun, was Vergnügen bereitet, heißt frei zu sein“ (219)) sehr richtig herausarbeitet und plausibel erklärt.

In diesem längsten Kapitel der Biographie stecken noch zahlreiche weitere Fallstricke, die meist Pomeau, teilweise aber auch Reinhardt selbst ausgelegt hat. Sie aufzudecken würde den Umfang dieser Rezension deutlich sprengen. Nur Reinhardts Werturteil, dass es sich bei den Bemühungen von Voltaire und Emilie, ihre Schwangerschaft (aus einer Liebesbeziehung zu einem gewissen Saint-Lambert entstanden) zu legalisieren, um eine „schäbige Komödie“ gehandelt habe, sei noch erwähnt, denn dieses pfäffische Verdikt ist selbst so schäbig, so empörend, dass es die ganze Reinhardtsche Biographie beschmutzt. Eine Frau, die im 18. Jahrhundert ein uneheliches Kind zur Welt brachte, wurde in der Regel von ihrem Mann verstoßen und landete im Kloster. Das Kind wurde irgendwelchen Pflegeeltern übergeben. Das Leben von Emilie und das Zusammenleben mit Voltaire wäre völlig aus der Bahn geworfen worden. Dieser Gefahr zu entgehen, die sie unter enormen Druck setzte, diente das Manöver und es war vor allem ein lebensrettendes Manöver und eines, das die Kooperation zweier für unsere Kultur so wichtiger Persönlichkeiten ohne Probleme hätte absichern können. Daran ist, außer Ihrer Wertung, nichts Schäbiges, Herr Reinhardt (und zu Monsieur Pomeau, von dem er das hergenommen hat (I,583): Non, ce n’était pas une comédie odieuse)!

5. Am Hof des Kriegerkönigs

Schon im Titel dieses Kapitels zeigt sich, dass Reinhardt – wie so viele seiner Zunft -meint, dass Friedrich II., genannt der Große, vor allem durch seine zahlreichen Kriege charakterisiert werden könnte. Kriege haben allerdings viele Könige geführt, auch das Habsburgerreich kam zu seiner Größe nicht nur durch Heiraten. Wenige haben Schriftsteller und Philosophen an ihren Hof gerufen, um sie vor lebensbedrohlicher Verfolgung zu schützen (von Reinhardt ins Negative gedreht: „..die durch Gehaltszahlungen von Friedrich abhängig waren“(315), oder „von der Gunst des Königs abhängig“(316)). Wenige haben die Folter abgeschafft, wenige die Kirchen in ihre Schranken verwiesen. Dass es am preußischen Hof zuging, wie an allen Höfen – auch dies ist keine Besonderheit Friedrichs.

Nach dem tragischen Tod seiner Lebensgefährtin Emilie du Châtelet schrieb Voltaire an seine Geliebte Marie Louise Denis, die auch seine Nichte war:“..ich bin das Opfer der Freundschaft gewesen..“, um ihr, die er begehrte, anzuzeigen, dass sie von nun an zusammen leben könnten.
Reinhardt stellt Voltaire in seinem Kommentar zu dieser Äußerung wie einen Verräter an der Beziehung zur Verstorbenen hin. Das Gegenteil ist der Fall. Voltaire blieb Emilie auch dann, als ihre Freundschaft keine sexuelle Grundlage mehr hatte, eng verbunden und er hätte sie nie wegen seiner Nichte verlassen, das ist mit dem „Opfer der Freundschaft“ gemeint; ein Opfer also, das zu erbringen er jederzeit im Namen der Freundschaft bereit war, die er an anderer Stelle (Artikel Amitié im Philosophischen Taschenwörterbuch) als „stillschweigenden Vertrag  zwischen für einander offenen und aufrichtigen Personen“ bezeichnet. Voltaire wusste sehr wohl, dass sich zu Marie Louise niemals auch nur annähernd eine Verbindung auf gleichem geistigen Niveau aufbauen lassen würde.
Wie schon im letzten Kapitel, wo er die Zeit in Cirey beschreibt, ohne Emilie du Châtelets Bedeutung für Voltaire zu verstehen, versteht Reinhardt hier die Bedeutung dieses „Opfers“ nicht, es klingt ihm „rätselhaft“. Sein Interpretationsversuch („Mit dem Opfer kann also nur die peinliche Rolle als abgehalfterter und gehörnter Liebhaber gemeint sein (305)“) zeigt, wie verwirrt Reinhardt selbst dem Phänomen dieser wirklich außergewöhnlichen Freundschaft zwischen Voltaire und Emilie du Châtelet gegenübersteht, so dass er nur mit den allergewöhnlichsten Kategorien aufwarten kann.
Wie anders kommentiert Theodor Besterman dasselbe „Phänomen“: Voltaire tauschte „eine ehrenhafte, wenngleich strapaziöse Abhängigkeit gegen eine neue ein, in der er aber eine weit unerfreulichere [..] Rolle spielte“ (Bestermann. Voltaire, S.244).

Völliges Unverständnis zeigt Reinhardt, wenn es um die Frage geht, warum Voltaire, obwohl er um die Risiken wußte, 1750 trotzdem nach Potsdam/Berlin übersiedelte. Reinhardt unterschätzt die Bedeutung, die für Voltaire Bündnisgenossen im Kampf gegen die Kirche hatten und zweitens nimmt er die intellektuelle Beziehung zwischen Friedrich und Voltaire nicht ernst, reduziert sie von Seiten Friedrichs auf das Interesse nach Zerstreuung, die ihn Voltaire als Hofnarren nach Berlin kommen ließ. Das ist nicht falsch, aber nur die eine Seite der Medaille, die Briefe Friedrichs sprechen eine völlig andere Sprache und zeugen von einem ernsthaften geistigen Interesse am Dialog mit Voltaire.
Was Voltaire betrifft, so bot das Leben an der Seite eines der mächtigsten Herrscher, der zudem Freimaurer war, den großen Reiz, tiefe Einblicke in das Funktionieren der Macht zu gewähren, die er in Frankreich niemals erhalten hätte. Das Thema der Freimaurerei: Bei Reinhardt Fehlanzeige – um so seltsamer, als fast alle Freunde Voltaires Mitglieder in Freimaurerlogen waren.
Eine der verwickeltsten Affären in Voltaires Berliner Zeit war sicherlich die Auseinandersetzung mit Maupertuis, einem bedeutenden Naturwissenschaftler, den Friedrich II zu seinem mit nahezu unbeschränkten Befugnissen ausgestatteten Präsidenten der preußische Akademie der Wissenschaften berufen hatte. Diese Geschichte kann nicht verstehen, wer die Person Maupertuis‘ und die Gepflogenheiten nicht kennt, die dieser, leider dem Alkohol anheimgefallene Despot an den Tag legte. René Pomeau entwickelt diese Dinge in seiner Biographie mustergültig, nicht jedoch Reinhardt, dem irgendwie der Platz dafür auszugehen scheint. Weil er aber die Vorgeschichte nicht bringt, hängt bei ihm Voltaires Verdacht, dass eine Intrige gegen ihn im Gang sei, in der Luft und erscheint dem Leser als Ausdruck einer charakterlichen Schwäche Voltaires. Es ist hier, wie überall: wer die Hintergründe einer Auseinandersetzung nicht bringt, kann die Handlungen jedes noch so berechtigten Verteidigers stets in ein schlechtes Licht rücken. Reinhardt benutzt Voltaires Auseinandersetzung mit Maupertuis, um jenem ein ehrenhaftes Verhalten ganz und gar abzusprechen. Die Kampfschrift Voltaires, Akakia, mit der er dem schwächeren Part, eben Samuel König, den Rücken stärkte, bewertet Reinhardt als „bösartige Satire“, als „maliziöse Zusammenstellung“, als „systematische Rufvernichtung“ (325 f), während sie Théodore Besterman als Voltaires „geistreichste und beißendste“ Satire bezeichnet.

Die Biographie wendet sich schließlich dem Sermon des cinquante zu, einem zentralen religionskritischen Text Voltaires. Reinhardt skizziert dessen Inhalt korrekt, jedoch so, dass sich kein Leser, nachdem er das Buch zur Seite gelegt hat, jemals wieder an dieses Werk erinnern wird. Was daran liegt, dass Reinhardt so hastig und eilig darüber hinweggeht, zum anderen, sicherlich von größerer Bedeutung, nicht das Geringste über die Macht der Kirche zu Voltaires Zeit, die wieder einsetzende Hugenottenverfolgung, die Situation der Kirche in Preußen und die Debatten am Hof Friedrichs II zu diesem Thema berichtet. Dadurch wird selbst die Tatsache, dass sich Voltaire zeitlebens nicht als Autor des Sermon zu erkennen geben durfte, zu einer unbedeutenden Bagatelle heruntergestuft, ungeeignet in welchem Leser auch immer, ein Unrechtsempfinden auszulösen.
Ganz anders, wenn sich Reinhardt Voltaires bedeutendem Werk über Ludwig XIV widmet. Mit großem Elan stellt er es als „intellektuelles Großereignis“, als Beginn einer „neuen Epoche der europäischen Historiographie“ vor. Nun ist Reinhardt Historiker und es ist durchaus verständlich, dass er sich für das Zeitalter Ludwig XIV erwärmt und mit einem großen Lob abschließt: „Niemals zuvor oder danach wurde Geschichte so elegant, so geistreich und zugleich so fesselnd vergegenwärtigt“(347).
Zum Abschluss dieses Kapitels wird eilig die Geschichte von Voltaires Abreise aus Berlin geschildert, die in Wirklichkeit eine Flucht war und in der Inhaftierung Voltaires in Frankfurt mündete. Sie wird von Reinhardt, seltsam genug, als Tour d’Allemagne, als Deutschlandreise, bezeichnet. Man bedenke: ein Schriftsteller trotzt einem mächtigen König, hält dem Verfolgungsdruck stand – welch bedeutendes Fanal für eine zukünftige Gesellschaft der Gleichen! Wie Voltaire dies gelingen konnte, bleibt bei Reinhardt vollkommen unverständlich – eine ausführlichere Beschäftigung mit dem Aufenthalt am Gothaer Hof bei Louise Dorothea hätte ihm helfen können, das Unterstützungssystem Voltaires zu verstehen. So müssen die Hintergründe dieses sensationellen Erfolges Voltaires angesichts der Verfolgung durch einen mächtigen absolutistischen König ebenso nebulös erscheinen, wie auch die Gründe seiner Anreise am Anfang des Kapitels schon als „rätselhaft“ bezeichnet worden waren.

6. Zwischenspiel im Elsass und in Genf 1753-1758

In dem Kapitel zu Voltaires Aufenthalten in Colmar, am Genfer See und in Genf selbst überspringt Reinhardt die Ereignisse dort, um mehr Raum für die Beschäftigung mit dem Erdbeben von Lissabon zu bekommen. Seine Biographie verlagert sich dadurch zunehmend weg von den gesellschaftspolitischen Hintergründen hin zur Werkpräsentation und -analyse, was sich schon in den Kapiteln davor andeutete.
Der Abschnitt über Voltaires Gedicht über das Erdbeben von Lissabon (S.371-382), in dem am 23.11.1755 zehntausende Menschen umkamen, kann als zentrales Kapitel der Biographie angesehen werden. Es enthält eine bemerkenswerte Analyse des Autors, die zeigt, von welch entscheidender Auswirkung die Katastrophe auf Voltaires Denken war.

Von diesem diesem Zeitpunkt an war für Voltaire die Anschauung eines gütigen, allmächtigen Gottes, dem er eventuell noch angehangen hatte, erledigt. Zum Atheisten/Materialisten wurden er deshalb trotzdem nicht, stattdessen vertrat Voltaire den philosophischen Standpunkt eines radikalen Skeptikers, der allerdings die Religion und den Glauben an einen strafenden und belohnenden Gott für das Volk aufrechterhalten wollte, um es von Aufständen abzuhalten und vor Hoffnungslosigkeit zu schützen.
Diese Analyse ist bestechend und bietet einen Ausweg aus der ungelösten Debatte, ob nun Voltaire eher Atheist/Agnostiker (Besterman) war oder aber ein vehementer Vertreter des Deismus/Theismus (Pomeau).
Auch ordnet er das Gedicht in die zeitgeschichtlichen ideologischen Debatten ein und zeigt, wie Voltaire gegen den Klerus, der  in dem Erdbeben eine Strafe Gottes sah, gegen Leibniz und Pope mit ihrer Behauptung von der besten aller möglichen Welten (Alles ist gut), gegen Rousseau, der darin eine Folge des Luxus und eine Folge (Strafe?) der menschlichen Entfernung von einer naturnahen Lebensweise sah und schließlich gegen die Janseninsten, die in dem schicksalhaften Geschehen eine Chance für die Religion sahen, den Menschen Trost und Hoffnung zu spenden.
Im folgenden bringt Reinhardt den Unterschied zwischen Rousseau und Voltaire auf den Punkt, indem er Gefühl – Verstand, Romantik – Aufklärung auf die Frage bezieht, ob der menschliche Wille frei sei oder nicht. In seinem Dialog zwischen einem Brahmanen und einem Jesuiten findet Voltaire zwar keine endgültige Antwort, es ist ihm aber völlig klar, dass der Verstand die Gefühle leiten muss und dass in dieser Aufgabe auch die individuelle Verantwortung des Menschen ankert.
„Frei sein heißt, das zu machen, was man will und nicht, das zu wollen, was man will (S. 386)“.


Colmar, Prangins, aber auch Lausanne sind deshalb wichtige Zwischenaufenthalte, weil sich hier das europaweite unterstützende Netz von Anhängern der Aufklärung, das Voltaire jahrelang aufgebaut hatte, lebensrettend zeigte.
Das Theaterspielen in Lausanne zum Beispiel, aber auch in Les Délices, war kein bloßes Steckenpferd Voltaires, es war dazu geeignet die Gemeinschaftsbande der Aufklärer zu festigen und zu erweitern.
Dieses nicht gesehen zu haben, ist unser wichtigster Kritikpunkt an Reinhardt in diesem Kapitel.
Wer sich ein wenig mit der Genfer Familie Tronchin befasst (Henry Tronchin, Le Conseiller Francois Tronchin et ses amis Voltaire, Diderot, Grimm etc., Paris 1895), wird über Reinhardts Einschätzungen nur den Kopf schütteln und über Voltaires Beziehung zur Genfer Geistlichkeit (ausführlich Graham Gargett, Jacob Vernet, Geneva and the ‚philosophes‘ 1994) die eine sehr wesentliche Rolle bei Voltaires Zugang zur Genfer Gesellschaft spielte, ist Reinhardt einfach hinweggegangen, der Name des bedeutenden Genfer Theologen Vernet kommt ebensowenig vor, wie die der anderen „aufgeklärten“ Pastoren wie Jacob Vernes und Polier de Bottens

7. Der Patriarch von Ferney 1759-1766 und 8. Voltaires Tod am 30.5.1778

Es gibt 26 Voltaire-Biographien in deutscher Sprache, die meisten erzählen die Ereignisse seines Lebens, einige integrieren die Geschichte seines schriftstellerischen Schaffens – die bisher gelungenste, die von Theodore Besterman (1969), findet das Wohlwollen von Reinhardt nicht, weil sie zu sehr auf Seite Voltaires steht.
Wie dem auch sei, eine zusätzliche Voltaire-Biographie sollte, da sein Leben genau in den Zeitabschnitt fällt, der das Ende der jahrhundertelangen Adelsherrschaft durch die Französische Revolution vorbereitet, diese Ereignisse systematisch einbinden, oder sie wird zwangsläufig epigonal. Epigonal ist der Begriff, der am ehesten auf Reinhardts Arbeit zutrifft. In weiten Teilen ist sie nur eine gekürzte Wiedergabe der nicht auf Deutsch erschienenen Voltaire-Biographie von Réné Pomeau, erweitert um ausufernde Inhaltsangaben vieler einzelner Werke.


Wie soll man Voltaires zentrale Forderungen verstehen: Wissenschaftlichkeit statt Glauben, Beobachten statt Autoritätsbeweis, Anerkennung durch Verdienst anstelle von Herkunft, sowie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, wenn man ihn nicht als den Vertreter der aufstrebenden, jedoch vom Absolutismus noch abhängigen bürgerlichen Klasse begreift? Wie seinen Kampf gegen die katholische Kirche einordnen, wenn man diese nicht als Stütze der absolutistischen Aristokratie auffasst, zwar ebenfalls abhängig vom Königshaus, aber als eigenständige Kraft mit gehässig-tödlicher Eigendynamik handelnd? Die Kräfteverhältnisse sind gewiss nicht immer einfach zu verstehen; Jansenismus, Hugenotten, Feudaladel kommen mit ihren eigenen Interessen und Kämpfen hinzu. Das alles zu integrieren, ist möglicherweise eine Aufgabe, die ein Einzelner kaum bewältigen kann. Reinhardt wäre es zuzutrauen gewesen, sein Schaffenshorizont ist, wie seine Publikationen zeigen, weit genug. Aus irgendeinem Grunde verfasste er stattdessen ein Kompendium der Inhaltsangaben von zahlreichen Werken Voltaires, ergänzt durch biographische Informationen und einigen wenigen, isoliert dastehenden kulturhistorischen Erläuterungen.

Besser hätte er getan, sich auf die Zeit, in der Voltaire in Genf, dann in Ferney lebte, zu beschränken. Aber Reinhardt schildert, obwohl er in der Schweiz lebt, nicht einmal die Ereignisse in Genf vor dem Hintergrund der sich dort verändernden Kräfteverhältnisse. Wenn sein Buch schon „Die Abenteuer der Freiheit“ im Titel trägt, warum stellt er nicht die Freiheitskämpfe der Nichtpatrizier Genfs vor, vor allem der Natifs (die in Genf Geborenen ohne Bürgerrechte), die doch genau in die Zeit fallen, in der Voltaire dort gelebt und die er unterstützt hat. Warum reduziert er Voltaires Unterstützung der Natifs auf dessen angebliche gekränkte Eitelkeit („der verschmähte Friedensstifter“, S. 486) und macht gleichzeitig Rousseau madig, in dessen contrat social er gar keinen Vorschlag für einen allumfassenden Gesellschaftsvertrag sieht, sondern nur eine Adresse an die reichen Genfer Altbürger.

In die Ferneyer Zeit (ab 1760) fallen jene Ereignisse, denen Voltaire europaweit seinen Ruf als entschiedener Gegner der Kirche und ihrer Inquisition verdankt. Es sind die Fälle Jean Calas, Michel Sirven und Chevalier de la Barre. Sie alle müssen vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen in der französischen Gesellschaft gesehen werden, die zu einer Verfolgung der Opposition führten, vor allem der religiösen (Protestanten, Hugenotten), aber auch der Enzyklopädisten, Philosophen, Atheisten, ja, sogar auch der Jesuiten.

Voltaire starb am 30. Mai 1778 im Alter von 84 Jahren in Paris, das er viele Jahre nicht mehr hatte betreten dürfen. Sein Leichnam musste heimlich aus der Stadt geschafft werden, denn die Kirche wollte ein ordentliches Begräbnis ihres gefährlichen Gegners verhindern.
Sein Leichnam war einbalsamiert und heimlich in einer sechsspännigen Kutsche aus Paris nach Sellières geschafft worden, um ihn dem Zugriff des Klerus zu entziehen, der ihn auf dem Weg nach Ferney vermutete, abfangen und auf den Schindanger werfen lassen wollte. In der Kapelle dieser Abtei wurde Voltaire am 2. Juni 1778, drei Tage nach seinem Tod, gegen den ausdrücklichen Willen des Bischofs von Troyes bestattet.

Dass Reinhard seinen Lesern diese letzte Niederträchtigkeit der Kirche verschweigt, gehört zu den Tiefpunkten seiner Biographie.

Anhang: Gesellschaftspolitische Anmerkungen

A.1 Welches waren die wichtigsten Parteien in diesem Kräftespiel, einem Spiel auf Leben und Tod, die Reinhardt in seinem Buch nicht vorstellt?
  • Zunächst die wichtigste, die absolutistische Zentralgewalt. Sie hatte bereits Anfang des 16. Jahrhunderts die adligen Lokalpotentaten der mittelalterlichen Feudalgesellschaft weitgehend entmachtet und zwang sie, sich ihrer übergeordneten Zentralgewalt zu unterwerfen, nahm ihnen die Rechtsprechung (teilweise), die Steuergesetzgebung und die Militärhoheit ab. Die Papstkirche wurde in Abhängigkeit gebracht, und um seine Herrschaft zu organisieren, zog der Absolutismus geeignete bürgerliche Fachleute an den Hof, aus dem sich der sogenannte Amtsadel (Noblesse de robe) entwickelte, aus deren Mitte wiederum die Philosophie der Aufklärung viele ihre Anhänger rekrutierte.
  • Die katholische Kirche, die im Feudalismus als einzige überregionale Organisation ein europaweites Informationsmonopol besaß, das ihr eine enorme Macht verlieh, sogar die, einzelne Feudalherren in den Untergang zu treiben. Vor allem aber sicherte sie die Adelsherrschaft gegenüber dem Volk ab, tat im Absolutismus zwar dasselbe, musste sich aber mehr oder weniger den Interessen der absolutistischen Zentralgewalt fügen, sogar auch dann, wenn es gegen ihre Erzfeinde, die Anhänger der Aufklärung ging.
  • Das Bürgertum, teils in eigenem Interesse als Kaufleute, Handwerker, Manufakturbetreiber, oder als Finanzspezialisten tätig, teils aber als Bürger mit Adelstitel (Nobellese de robe) als die wirklichen Organisatoren der Verwaltung im Interesse des Absolutismus.
  • Die ehemaligen Machthaber aus dem Feudaladel, jetzt oft verarmte Landadlige, aber mit Wurzeln in der Landbevölkerung, die sie bei Bedarf durchaus mobilisieren konnten. Sie versuchten, ihre Nachkommen und Parteigänger in der absolutistischen Verwaltung, in der Kirche, vor allem aber in den wichtigen Parlamenten, den Gerichtshöfen, unterzubringen und dadurch an Einfluss zu gewinnen und waren an allem interessiert und beteiligt, was die Monarchie schwächte.
  • Die Jesuiten als papsttreuer Orden in der katholischen Kirche, der den Absolutismus als eigene Machtbasis schätzte und über seine Beichtväter beim König einflussreich war. Die Jesuiten waren im Machtapparat selbst die eigentlichen Gegenspieler des Bürgertums, durch die Kontrolle und zum Vorteil des Hofes nicht stark genug, um jenes zu besiegen, so dass diese beiden, in zweiter Reihe stehenden Kräfte gegeneinander ausgespielt werden konnten.
  • Die Jansenisten, eine dem Pietismus ähnliche Strömung in der katholischen Kirche, für die der Mensch seit dem Sündenfall im Paradies verderbt war, sein Leben vorherbestimmt ohne einen freien Willen, jedoch zu Ordnung und Enthaltsamkeit verpflichtet – eigentlich eine bürgerliche Bewegung, waren sie durch die Gegnerschaft der Jesuiten auf die Unterstützung von außerhalb der Kirche agierenden Kräften angewiesen, die sie meist in den Kreisen des Feudaladels fanden.
  • Die Protestanten (Hugenotten) die sich wie die europäischen antikatholischen Strömungen Calvins und Luthers aus dem Bürgertum entwickelt hatten und, vor allem an der Peripherie mit dem Feudaladel verbündet, zu einer Gefahr für die Monarchie wurden. Als aber ihre Anführer geschlagen waren (dafür mag stellvertretend der Untergang in La Rochelle 1628 stehen), standen sie, die hugenottischen Handwerker, Kleinkaufleute, Intellektuellen, alleine da und wanderten in Scharen aus. Eine zweite Auswanderungswelle ereignete sich noch unter Ludwig XIV., nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes im Jahr 1685. Danach konnten sie keine eigene Dynamik mehr entfalten, fungierten stattdessen als bevorzugte Objekte des erzkatholischen Hasses.
A.2 Warum gab Voltaire seinen Wohnsitz in Genf auf, warum wurde ihm dort die Luft zu dünn?

Reinhardt flüchtet sich zu der banalen Auskunft, Voltaire hätte eben mehrere Fluchtwege haben wollen.
Wie war es wirklich?
Voltaire kam nach Genf, erhielt die seltene Genehmigung, als Nichtbürger ein Haus (zwar außerhalb der Stadtmauer und nur über einen Strohmann) zu erwerben, was er der Fürsprache einiger einflussreicher Pastoren um Jean Vernet und der Patrizierfamilie Tronchin zu verdanken hatte. Es war selbstverständlich die Gegnerschaft zur katholischen Kirche, die sie in Voltaire einen Bündnisgenossen sehen ließen und (bei den Tronchins) das viele Geld, das sie verwalten durften.
Voltaire renovierte das Anwesen mit hohen Kosten zu einer ansehnlichen Villa mit einem kleinen Park, zu seinem liebsten Ort, wo er sich endlich Ruhe erhoffte. Aber kaum drei Jahre später verlässt er „Les Délices“ und verkauft es mit großem Verlust, nur weil er mehrere Fluchtwege wollte?

Als Voltaire ein Theater aufbaute, das Theaterspielen verteidigte, als die Genfer Herrschaft bemerkte, dass Voltaire und seine Nichte ein Liebespaar waren (ein Punkt, über den Reinhardt verschämt hinwegsieht), dass Voltaire die Vorsehung und das Christentum ganz generell und mit ihm auch die anderen Offenbarungsreligionen ablehnte (z.B. am Gedicht über das Erdbeben von Lissabon), wurde ihre Einstellung zunehmend kühler. Sie verboten die Teilnahme an Voltaires Theateraufführungen.
Als dann auch noch Auszüge aus seinem freizügigen, satirischen Werk La Pucelle, in dem er sich über die Jungfrau von Orléans belustigt, herauskamen und er im Essay sur les moeurs das Schicksal von Michel Servet, den Calvin am 27.10.1553 als Ketzer verbrennen ließ, ausführlich thematisierte, war es mit der Freundschaft vollends vorbei. Der Klerus und das Patriziat entzogen ihm ihre Gunst.

All dies spielte sich vor dem Hintergrund eines Konflikts in der Genfer Gesellschaft ab, der sich zunehmend verschärfte: die Patrizier-Oligarchie Genfs wollte den sogenannten Natifs, den in Genf Geborenen, die fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachten und oft Ansehen und Besitz erworben hatten, keinerlei Bürgerrechte zugestehen und sie nicht an der Ausübung der politischen Macht mitwirken lassen. Entsprechend explosiv war die politische Lage. Der Genfer Rat schreckte nicht vor Verhaftungen und sogar Exekutionen der politischen Gegner zurück, auch nicht davor, ausländisches Militär zur Unterdrückung der eigenen Bürger zu Hilfe zu rufen. Im Historischen Lexikon der Schweiz (online) heißt es dazu:

Eine Besonderheit der Genfer Ereignisse, die deren Breitenwirkung verstärkte, war die Einflussnahme von Persönlichkeiten wie d’Alembert (Artikel „Genf“ in der Encyclopédie, 1757), Rousseau und Voltaire, welche die Natifs unterstützten. Die Geschichtsschreibung sah denn auch im Genf des 18. Jh. nachgerade ein „Laboratorium der Revolution“ bzw. „einen Resonanzkasten“ der aufklärerischen Ideen.

Weil Rousseau sich gegen die Vorrechte der Patrizier stellte, verbrannte man in Genf seinen Émile und den Contrat social und weil Voltaires Dictionnaire philosophique portatif das Christentum kritisiert, auch dieses Werk. Diese Zuspitzung der Lage, die Voltaires Umzug weniger als klugen Schachzug denn als unvermeidbare, rechtzeitige Flucht aussehen lässt, erwähnt Reinhardt nicht.

A.3 Wie waren die Kräfteverhältnisse in Frankreich, 25 Jahre vor der Revolution?

Bereits in den letzten Regierungsjahren Ludwig XIV., vor allem aber unter Louis XV erlebte die absolutistische Monarchie durch Misserfolge in den kriegerischen Konflikten mit England, durch ihre anhaltende Verschwendungslust und ausuferndes Spekulantentum eine Krise, die zu großer Unzufriedenheit im Volk führte, vor allem bei den bürgerlichen Amtsträgern, Handwerkern, Händlern und Manufakturbesitzern. Viele von ihnen hatten sich innerlich von der Monarchie entfernt, glaubten nicht mehr an das gottgesandte Königtum und nicht an die Prädestinationslehre. Für sie musste die Staatsführung durch Ergebnisse überzeugen, die zu ihren Interessen passten – oder sie verlor ihre Unterstützung. Das liest sich bei Reinhardt so (S.438), dass die Verteuerung des Brotes „…apokalyptische Ängste“ heraufbeschworen habe. Und wenn das Volk behauptete, dass der König, „statt seine heiligste Pflicht, für das ungefährdete Überleben der kleinen Leute zu sorgen“, mit den Reichen und Mächtigen das Mehl verknappe, um sich auf Kosten der Armen zu bereichern, bezeichnet Reinhardt dies als Verschwörungstheorie. Ja, man glaubt es kaum, aber so steht es da: „Verschwörungstheorie“.

Der gegen das Königshaus agierende Feudaladel hatte in der innerkirchlichen, gegen die Jesuiten eingestellten Opposition der Jansenisten neue Parteigänger gefunden, mit denen er in den sogenannten Parlamenten, den Gerichtshöfen Frankreichs, die antimonarchische Stimmung anheizte. Das war der Grund, warum die Jesuiten durch die päpstliche Bulle Unigenitus 1713 die Jansenisten als Häretiker verurteilen ließen und eine neue Runde in dem Machtkampf Krone – Feudaladel eröffneten.

Voltaire berichtet in seiner Histoire du Parlement de Paris ausführlich über den Konflikt zwischen der königlichen Zentralgewalt und den Parlamenten: sobald die jesuitisch geführte, königstreue Kirche gegen die Jansenisten vorging, schlugen die Parlamente Alarm, und zwar unter zunehmender Sympathie des Volkes. Sobald die Parlamente einen Erlass gegen die Interessen des Klerus verabschiedeten, gab es entschiedene Gegenwehr der Jesuiten, die versuchten, den König auf ihre Seite ziehen.
Diese schwierige Machtkonstellation ist der Ausgangspunkt, ohne den man die Ereignisse der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und Voltaires Handeln in dieser Zeit einfach nicht versteht.

A.4 Die Inquisition erhebt ihr Haupt

Reinhardt stellt selbst die Frage: welches die Gründe für das „gespenstische Wiederaufflackern religiöser Unduldsamkeit“ in der Mitte des 18. Jahrhunderts waren: (S. 438). Er führt die neue „Unduldsamkeit“, wie er es nennt, auf die Schwächung der Monarchie zurück, die als Gegenmaßnahme, um die ihr verlorengegangene „sakrale Weihe“ wiederzuerlangen, die Protestanten als Ketzer ausgerufen habe. Scheiterhaufen, Zunge ausreißen, Rädern um der sakralen Weihe willen? Mit dieser Sündenbocktheorie macht es sich Reinhardt wirklich sehr einfach – und nimmt einen der Hauptakteure, die Kirche, aus dem Spiel.

Sicher war die absolutistische Monarchie (vor allem finanziell) geschwächt, aber sie hatte die Protestanten besiegt und kontrollierte mehr oder weniger die Kirche und das Bürgertum an ihrer Seite. Als jedoch gegen Ende des 17. Jahrhunderts Ludwig XIV. unter dem Einfluss der Mme de Maintenon und seines jesuitischen Beichtvaters zum Frömmler wurde, war es zu einem Machtzuwachs des Klerus gekommen. Die Kirche nutzte diesen sofort aus und machte sich an die Verfolgung der übrig gebliebenen Hugenotten, der Jansenisten und des fortschrittlichen, der Aufklärung verbundenen Bürgertums.

Insbesondere die Protestanten waren ihre bevorzugten Opfer, stellten sie doch die Autorität der Kirche bereits durch ihre bloße Existenz in Frage und hatten keine Machtbasis. Gerade diese Schwäche machte sie zu den idealen Zielobjekten klerikaler Folterknechte; an Ihnen konnte man durch abschreckende Grausamkeit Exempel zelebrieren, ohne Gegenwehr zu befürchten. Seit der Révocation, der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes im Jahr 1685, durch Verfolgung und Konvertierungsdruck, waren die Protestanten stark dezimiert, waren von über 1 Mio. auf 200 Tsd. Mitglieder zurückgegangen.

A.5 Die Aufklärung in höchster Gefahr

Nur Voltaire begriff, was auf dem Spiel stand, wenn man die Kirche hier gewähren ließ. Was Ludwig XIV erreicht hatte, die Unterordnung des Klerus unter die Zentralmacht, ihre kulturelle Eindämmung, drohte sich umzukehren, außerdem konnte es zu einer vielleicht noch gefährlicheren Gegenreaktion kommen, so dass es die Kräfte rund um den Feudaladel, die in den Parlamenten saßen, im Verbund mit den Jansenisten wieder an die Macht geschafft hätten – in beiden Fällen drohte alles, was die Aufklärung bisher erreicht hatte, unterzugehen.

Voltaire also erkannte diese Gefahr und versuchte, die Kirche durch koordinierte Gegenwehr auf ihren Platz zurückzudrängen, und gleichzeitig der feudalen/jansenistischen Gegenreaktion den Wind aus den Segeln zu nehmen. Eine Herkulesaufgabe, selbst wenn man berücksichtigt, dass er inzwischen ein funktionierendes Netzwerk von Anhängern und Unterstützern, z.B. in den Freimaurerlogen, aufgebaut hatte.

Das selbstherrliche Handeln des Klerus kam ihm möglicherweise zu Hilfe, denn es führte zum Verbot des Jesuitenordens in Frankreich, Portugal und Spanien. Nachdem die Bulle Unigenitus sie als Häretiker verdammt hatte, wollten die Jesuiten den Jansenisten die katholischen Sterbesakramente verweigern. Dagegen wendete sich energisch und erstaunlich selbstbewusst das Parlament (immerhin das höchste Gericht) von Paris. Durch die Auflösung und Verhaftung der Richter zeigte ihnen das Königshaus zwar ihre Grenzen auf, doch die Gegenseite war bereits zu stark geworden: die Auflösung des Parlaments und die Verhaftungen mussten zurückgenommen und das Parlament wieder in seine Rechte eingesetzt werden; stattdessen wurde nun der Jesuitenorden (1764) verboten, das labile Gleichgewicht drohte zugunsten des alten, reaktionären Feudaladels zu kippen.

A.6 Terrorprozess gegen den Chevalier de la Barre und Voltaires Gegenwehr

Noch von der inquisitorisch auftrumpfenden Staatskirche 1763 eröffnet, wurde der Prozess gegen den Chevalier de la Barre vom zurückgerufenen Parlament mit keinem anderen Ergebnis beendet: Zunge herausschneiden, Scheiterhaufen, das Dictionnaire philosophique portatif von Voltaire gleich mitverdammt und mitverbrannt. An diesem Prozess lässt sich ablesen, wie einig sich Kirche und Parlament waren, sobald es gegen Religionskritiker und die Aufklärung ging und was drohte, wenn man nur einer Seite freie Hand ließ.

Vor diesem Hintergrund führte Voltaire seinen am Ende erfolgreichen Kampf gegen die niederträchtige Kirche und die Offenbarungsreligionen selbst, den er mit seinem Engagement für die Familie Calas, dem Traité sur la Tolérance (1762), seiner zentralen antireligiösen Kampfschrift, dem Philosophische Taschenwörterbuch (1764), eröffnet hatte. Viele andere Schriften folgten nach. Er war sich der Tatsache bewusst, dass ein langer Weg zu beschreiten war, um seinen Schlachtruf „Ecrasez l’Infâme“ zum Ziel zu führen.

Das und nichts anderes ist das Geheimnis von Voltaires antiklerikalen und antichristlichen Kampagnen in den letzten 20 Jahren seines Lebens. Reinhardt ist das nicht unbekannt, er schreibt richtig, (S. 478), dass die Französische Revolution bereits 1766 begonnen habe, aber er schafft es nicht, diese Erkenntnis organisch in die Biographie Voltaires einzubinden und statt die wichtigsten Parteien der französischen vorrevolutionären Zeit vorzustellen, redet er verwaschen von der „Zivilgesellschaft“ (S. 533).
Wenn er Voltaire, der sich in diesem Kampf mit hohem persönlichen Einsatz und mit zahlreichen Schriften engagierte, wiederholt als einen „investigativen Journalisten“ apostrophiert, hat er ganz offensichtlich nicht verstanden, dass es bei dieser Auseinandersetzung um Leben und Tod ging. Nur ganz nebenbei: Voltaire war nicht der „homme de Calas“ (der Mann der Familie Calas) , wie es auf S. 446 heißt, sondern „l’homme aux Calas“, also der, der den Calas zur Seite stand, der im Übrigen nicht unbeträchtliche Geldsummen aus seinem Privatvermögen aufwandte, um die Rechtsanwälte, Fahrten, Unterkünfte, Dokumentenabschriften dieses Prozesses zu finanzieren – auch davon erfährt man bei Reinhardt kein Wort.