Sully

Chateau de Sully

Das Chateau de Sully, 1102 erstmals erwähnt, war der zu Beginn des 17. Jahrhunderts prunkvoll im Stil der Renaissance erweiterte Landsitz des calvinistischen Adelsgeschlechts der Grafen von Sully. Der erste Graf, Maximilian de Bethune, genannt 'der große Sully' (1560-1641) war Weggefährte Heinrichs IV, zu dessen Ehren Voltaire sein berühmtes Epos, die Henriade, schrieb, in der natürlich auch von Sully die Rede war. Mit seinem Nachfahren in 4.Generation, Maximilian Henri de Bethune, Duc de Sully, war Voltaire befreundet, er gehörte wie Voltaire zum Kreis des Temple, war literarisch interessiert und ausschweifenden Festen sehr zugeneigt. So war es für Voltaire eigentlich eine geringe Strafe, als er 1716 nach Sully ins Exil verbannt wurde. Er schrieb in einem Brief:

Das Schloss liegt in einer der schönsten Landschaften der Welt. Da ist ein herrlicher Wald, in dem alle Bäume verstümmelt sind durch Schelme und Liebesleute, die sich damit vergnügt haben, ihre Namen in die Rinde zu schneiden....Sie werden vielleicht erstaunt sein, wenn ich Ihnen sage, dass wir in diesem schönen Wald weiße Nächte wie in Sceaux feiern (...)  Mme de La Vrillière war sehr überrascht, sich hier in einem großen Ulmensaal zu finden, erleuchtet von unzähligen Lampions und zum Klang der Instrumente großartige Leckerbissen serviert zu bekommen, gefolgt von einem Ball, auf dem mehr als hundert Masken in prächtigen Kostümen auftraten.

Sully- süße Verbannung

Mai 1716 - Oktober 1716
Voltaire lebte als aus Paris Verbannter ein knappes halbes Jahr in einem Turmzimmer des Schlosses von Sully.

Er hatte sich den Zorn des Regenten Philippe d`Orléans zugezogen, der ihn verdächtigte, ein satirisches Epigramm ("J'ai vu") herausgebracht zu haben, das Madame la Duchesse du Berry, Tochter des Regenten, des Inzests mit ihrem Vater bezichtigte:

Enfin votre esprit est guéri  
Des craintes du vulgaire;  
Belle Duchesse de Berry,  
Achevez le mystère.  
Un nouveau Lot vous sert d’époux,  
Mère des Moabites  
Puisse bientôt naître de vous  
Un peuple d’Ammonites!
 
Endlich ist Ihr Geist geheilt
Von der Furcht vor dem Vulgären;
Schöne Duchesse de Berry,
Vollenden Sie das Mysterium. 
Ein neuer Lot dient Ihnen als Gemahl
Mutter der Moabiter
Möge bald aus Ihnen hervorgehen
Ein Volk von Ammoniter !*

*Für Bibelkenner sonnenklar, für andere reichlich verschlüsselt, hier die Auflösung:  Lot flüchtete mit seinen beiden Töchtern vor dem Zorn Gottes in eine Höhle. Weil weit und breit kein Mann war, der ihnen hätte Kinder machen können, legten sich die beiden Töchter - eine nach der anderen! - zu ihrem alten Vater und jede gebar - oh Wunder! - einen Sohn, die eine Moab, aus dem das Geschlecht der Moabiter, die andere Ammi, aus dem das Geschlecht der Ammoniter hervorging.
Voltaire erklärte, das Gedicht könne nicht von ihm sein, denn in einem Gedicht von ihm, bei den Jesuiten erzogen, würden niemals Moabiter oder Ammoniter, sondern höchstens "Sodomiter" verkommen. Humor gefiel dem Regenten gut und Voltaire durfte sich nach 5 Monaten Exil wieder in Paris aufhalten. 
Der Duc de Sully erwies sich später als schlechter Freund. Als Voltaire vor dem Hause Sullys verprügelt wurde, verweigerte er ihm seine Unterstützung. Voltaire eliminierte daraufhin das Geschlecht der Sullys fast vollständig aus seiner Henriade.
Und noch etwas geschah in Sully: Voltaire verliebte sich in Suzanne de Livry, mit der er Theaterstücke einübte und die er schließlich im Oktober 1716 als seine Geliebte nach Paris entführte - um ihr dort später (1719) als Jocaste in seinem Theaterstück 'Ödipus' zu einer ersten bedeutenden Rolle zu verhelfen.
Voltaire kehrte in Paris nicht mehr in das Haus des Vaters zurück, sondern quartierte sich im Gasthof 'Au Panier Vert' in die Rue de la Calandre ein, oder erholte sich in Saint-Ange, dem Landsitz der Caumartins. Ein halbes Jahr später wurde er wegen kritischer Äußerungen denunziert, verhaftet und für 11 Monate in die Bastille gesteckt.  Die Liebe blieb dabei allerdings auf der Strecke, Suzanne vergnügte sich derweil mit einem anderen, mit seinem Freund Génonville.
1719 kommt Voltaire im Frühsommer für kurze Zeit nach Sully, wahrscheinlich um sein Theaterstück Artemire zu verfassen, reist von dort ins nahe gelegenen Schloß Bruel, dann nach Villars und ist im Oktober wieder in Sully anzutreffen ("Mein Leben verläuft von Schloß zu Schloß") und auch im Jahr 1721 scheint er sich in Sully (und in Bruel) aufgehalten zu haben. 

Ein Besuch in Sully  (2005)

 

Obwohl das Schloss Sully auch heute noch in einer der schönsten Umgebungen der Welt, dem Tal der Loire, liegt, scheint es nicht gerade ein Besuchermagnet zu sein. Sicher, es kann dort sehr zugig und kalt sein und die riesigen Mauern verströmen keine romantische Atmosphäre. Gleichwohl ist es einen Besuch wert:
Das Schloss, seit 1962 in staatlichem Besitz, bietet mit seinen sorgfältig restaurierten Räumen und interessanten Führungen vielfältige Eindrücke. Außerdem werden Sonderausstellungen, Feste, Jahrmärkte veranstaltet. Ein traumhaftes Hinterland, ein wunderschöner Park laden zu Spaziergängen oder zu Fahrradtouren ein. Wer aus Deutschland nach Sully kommt, kann hier übernachten - Sully ist ein kleines Städtchen mit einigen Hotel-Restaurants und Pensionen, die Menschen sind hilfsbereit, freundlich - wir empfehlen jedoch, nach der Besichtigung Richtung Orléans weiterzufahren und sich unterwegs ein kleines Hotel auszusuchen, meist sind sie Inhabergeführt, mit phantastischer Küche und einer temperamentvollen Wirtin - wie etwa das Hotel-Restaurant Cheval Blanc in Patay.