Philosophisches Taschenwörterbuch:
Amour socratique – Sokratische Liebe /Homosexualität – (Kommentare)

Hintergrund:
‚Sokratische‘ Liebe heißt die Homosexualität hier, weil es Sokrates war, der nach Platon in seiner Unterhaltung mit dem jungen Phaidros die Liebe zu diesem rechtfertigt und ebenso in ‚Das Bankett‘ seine Zuneigung zu Alkibiades.
Im 18. Jahrhundert war Homosexualität, noch ganz unter der Fuchtel des Christentums, ein Kapitalverbrechen und wurde, Gott zu gefallen, mit dem Tode bestraft. Jeffry Merrick (Sodomites, Pederasts, and tribades in eigtheen-century France, Pensylvania 2019) schreibt dazu: „In Frankreich, wie in anderen Ländern, reglementierten Kirche und Staat die Sexualität und kriminalisierten nichtfortpflanzungsbezogenen Praktiken – Masturbation, Oral- und Analverkehr innerhalb der Ehe, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Verkehr mit Tieren“. Hier zwei Beispielprozesse, die größere Bekanntheit erlangten:
o 1726 entzog sich Nattier, ein französischer Maler, der drohenden Verbrennung wegen Homosexualität, indem er den Freitod wählte; während Benjamin Deschauffours, ebenfalls verurteilt, wirklich auf dem Scheiterhaufen endete (wobei die Anklage Kinderhandel und –schänderei beinhaltete).
o 1750 wurden Jean Diot und Bron Lenoir im letzten Todesurteil wegen Homosexualität in Frankreich auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Wenn Voltaire die Homosexualität auch nicht verteidigte und den Missbrauch von Minderjährigen (die Knabenliebe) verurteilte, war es im Jahr 1725 doch vor allem seinem Engagement zu verdanken, dass ein gewisser Abbé Desfontaines, ein Schriftsteller, den man wegen Homosexualität im Bicêtre, einem ‚Spezialgefängnis für Homosexuelle’, inhaftierte, ohne weitere Folgen aus dem Gefängnis entlassen wurde. In folgenden Werken Voltaires kommen homosexuelle Handlungen vor:
o in Candide, wo Kunegundes Bruder von Bulgaren (d.i.: Preussen) vergewaltigt wird und dann von Jesuiten missbraucht,
o in seiner biographischen Schrift, wo er Friedrich II den Mißbrauch der ihm untergebenen jungen Soldaten anlastet.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (Seite 32, letzter Absatz: „Oft gleicht ein Knabe mit der Frische seines Teints….einem schönen Mädchen. …und wenn mit dem Alter diese Ähnlichkeit verschwunden ist, hat der Fehlgriff ein Ende.“): Sokrates sagt bei Platon das Gegenteil, die Knabenliebe sei die erste Stufe zur Erkenntnis des wahrhaft Schönen, Göttlichen, Sittlichen (Symposium, Die Rede des Sokrates, 209 e 5 ff).

Anmerkung 2 (Seite 34, 1. Absatz Plutarch, Dialog über die Liebe):
Im Kapitel 4 sagt Protogenius: „So ist der einzige echtbürtige Eros der Knaben-Eros“ und der weibliche Eros ist „ein Bastard, der gleichsam einem niederen Stand gehört“. Ihm erwidert Daphnaios, dass die Knabenliebe keinesfalls so rein sei, wie Protogenius behaupte, „Philosophie und Selbstzucht zu pflegen – nach außen, um der guten Sitten willen, aber nachts dann, in aller Stille, erntet er süße Früchte, wenn der Wächter ist fern.“ Und umgekehrt verteidigt er den „ehelichen Eros, der dabei mitwirkt, dem sterblichen Geschlecht Unsterblichkeit zu verleihen“.

Anmerkung 3 (Seite 34, 2. Absatz, „Sextus Empiricus [behauptet], die Knabenliebe sei von den Gesetzen Persiens empfohlen worden“):
Voltaire überspitzt die Aussage. Im Grundriss der pyrrhonischen Skepsis, I,152. Dort sagt Sextus Empiricus nur, dass bei den Persern die Männerliebe Sitte ist.

Anmerkung 4 (Seite 35, 2. Absatz, „Kaiser Phillipus ..hat alle kleinen Jungen, die diesem Metier nachgingen [Lustknaben], aus Rom verjagt“):
Die Information stammt von Aelius Lampridius Alexandri Severi vita (dt. Die Kaisergeschichte der sechs Schriftsteller Aelius Spartianus, Julius Capitolinus, Aelius Lampridius, Vulcatius Gallicanus, Trebellius Pollio, Flavius Vopiscu). Dort schreibt er, dass Alexander Severus (208 – 235) alles mögliche tat, um die sexuellen Ausschweifungen in Rom in den Griff zu bekommen. Zum Beispiel ließ er die Gelder, die von den Lustknaben als Abgabe zu zahlen waren, öffentlichen Einrichtungen zukommen. Erst Phillipus Arabs (204 – 249) verbot die Lustknaben ganz, was aber dazu führte, so Aelius, dass sich das Laster ins Private verlagerte.