René Pomeau, La religion de Voltaire
2.Teil: Das Credo Voltaires

Zusammenfassung des 2.Teils von René Pomeau, La Religion de Voltaire, Paris: Nizet, 1986 (erweiterte Neuauflage v. 1969) – Zeit nach der Rückkehr aus dem englischen Exil 1728, Leben mit Emilie du Châtelet in Cirey bis zur Abreise nach Berlin 1750 (pp. 121 –  254)

Texte: Extrait de Mesliers (1742), Traité de la Metaphysique (1736), Sermon des Cinquante, Discours en vers sur l’homme (1734), La Bible enfin expliquée, Examen important de milord Bolingbroke (1736),  Éléments de la philosophie de Newton (1737)

(I) Im Exil in England (Ab 1726 – 1728) festigte sich  Voltaires deistische Position – davon zeugen seine Philosophischen Briefe – jedoch ohne eine antichristliche Haltung einzunehmen.  Seine Beschäftigung mit Locke (Reasonableness of Christianity, 1695)und mit Clarke (The scripture-doctrine oft he trinity, 1712) dürften dafür entscheidend gewesen sein. Ebenso für Voltaires Ablehnung der Trinitätslehre.
Noch die 1733 erschienene Tragödie Alzire enthält die Hoffnung auf einen väterlichen, wohlmeinenden (christlichen) Gott.

(II) In Mohammed oder der Fanatismus verarbeitet V. viele zeitgenössische Berichte über das Leben Mohammeds. Sein lebenslanger Weggefährte Thiriot plante gar eine Biographie über Mohammed zu schreiben.  Nach Pomeau wird Mohammed zwar als negative Figur dargestellt, die die Religion im Kampf um die Macht benutzt und nicht davor zurückschreckt, auf dem Weg zum Ziel Opfer (Seide) zu bringen. In der Figur Mohammeds kritisiert Voltaire jedoch  den fanatischen Jansenismus seiner Zeit. Den Islam stellte er (an diversen anderen Stellen) dem Christentum eher positiv gegenüber, weil er einen reineren Monotheismus als dieses vertritt.
Voltaire steuert zu diesem Zeitpunkt auf die These eines ursprünglichen Monotheismus zu, in Zaire vor allem zeigt er, dass alle Religionen der Welt einen gemeinsamen Kern haben: sie beten alle einen höchsten Gott an, auch wenn es sich um polytheistische Religionen handelt. „Wie die Vernunft, erweitert die natürliche Religion ihren Herrschaftsbereich, de jure oder de facto, über die ganze Menschheit. Also ein universeller Deismus ebenso wie eine universelle Vernunft und universelle Menschenrechte.

(III) Emilie du Châtelet arbeitet an einer umfassenden Bibelkritik (Examen de la Bible), wobei sie sich meist auf den Bibelkommentar von Dom Calmet, einem bedeutenden Benediktinermönch aus Sénones, bezieht. Voltaires Anteil an diesem Werk scheint eher gering, für ihn war die Bibel ein einziges Phantasiegebilde ohne jeden historischen Wert. Allenfalls zeigt das Alte Testament, wessen Geistes Kind ein jüdische Volk ist, wenn es diesen Text, Beispiel einer archaischen Religion, als sein grundlegendes religiöses Werk betrachtet.
Aus diesem Zusammenhang heraus entsteht die Krtik Voltaires an den aktuellen Religionen, auch der christlichen, die ja das Judentum als ihren unmittelbaren Vorläufer betrachtet.
Voltaires wichtigster Text in dieser Zeit war der Sermon des cinquante, der erst 1767 erschien. „Noch nie war ein so heftiger Angriff gegen die schrecklichen Vorurteile geschrieben worden“, Voltaire ordnete ihn La Mettrie zu, weil dieser bereits am 11.11.51 gestorben war (Brief an die Comtesse de Bentinck) und leugnete seine Autorschaft zeitlebens.
Der Text ist der Ausgangspunkt für Voltaires antichristliche Kampagne und predigt einen Monotheismus ohne Prediger. Wenn es eine Kirche überhaupt geben sollte, dann als Art Aufpasserin, damit die Untertanen nicht aufbegehren.

(IV)  In der Auseinandersetzung mit Locke, Newton und Clarke zwischen 1726 und 1749 sucht Voltaire eine scharfe Trennung zwischen Geist und Materie zu vermeiden. Da der menschliche Körper materiell ist und auch denkt, kann Gott der Materie durchaus Geist oder eine Seele verliehen haben (196) und umgekehrt kann auch die Seele materiell sein.  Damit ist Voltaire allerdings kein Anhänger der religiösen Behauptung, es sei Gott mit der Seele in uns, als lebten wir sozusagen nur durch Gott. Es hieße lediglich, die Allmacht Gottes einschränken, wolle man bestreiten, es sei ihm möglich, der Materie Geist zu verleihen.
[Pomeau bemüht hier (S. 210) Einstein, um die Berechtigung eines religiösen kosmischen Gefühls zu verteidigen und zu diesem Thema überzuleiten.]
In den Epître de Newton beschreibt Voltaire ein kosmisches Gefühl, wie auch in den Discours en vers sur l’homme und auch bei Zadig, zu dem er selbst sich offenbar ebenfalls bekannte: Die Unendlichkeit des Weltraums und der Sterne  führte ihn zur Annahme eines ‚dahinter‘ stehenden Schöpfers. Dieser habe alles nach ewigen Gesetzen eingerichtet, von Anbeginn, habe alle Arten von Lebewesen und Dingen geschaffen, ein jedes an seinem vorherbestimmten Platz. Die Naturgestze wie das Gravitationsgesetz zeugten von dieser göttlichen Ordnung.

Wenn de Bonald (1754 – 1840) meinte, „ein Deist sei jemand, der nur nicht genug Zeit gehabt habe, um Atheist zu werden“, so stimmt das nicht für Voltaire. Er hatte genügend Zeit, wurde aber durch einen Aspekt der Philosophie Newtons, eben das kosmologische Gefühl, das seiner Natur entsprach, davon abgehalten, den Schritt zum Atheismus zu tun. Insofern war sein Deismus nicht gegen etwas gerichtet, sondern er entsprach seinem kosmologischen religiösen Gefühl.
Auf den Seiten 220 – 222 zieht Pomeau seine Schlussfolgerung aus dem bisher Gesagten:
Voltaire reduziert Gott bis auf ein Minimum, ein Minimum hinter den Sternen. Aber er will trotzdem auch eine wirksame Religion, sich also nicht auf universelle Naturgesetze beschränken, sondern leitet darüberhinaus auch eine universelle Moral aus dem göttlichen Prinzip  ab. Wobei, da universell, auch die Ungläubigen dieser Moral folgen müssten, so wie die Materie den Naturgesetzen folgt.

Voltaires Deismus behauptet also eine handlungswirksame gottgewollte Moral („loi naturelle“), eine Annahme, aus der sich seine Gegnerschaft gegenüber den Kirchen ergibt: Ebenso wie man den Naturgesetzen folgt, ohne eine Anweisung zu benötigen, folgt man auch der Moral ohne Anleitung. Die Kirche braucht man dazu nicht, sie basiert auf Unwissen und Aberglauben.

„Durch seine glückliche Ambivalenz sichert der Deismus Voltaires den Menschen die Handlungsfreiheit und erlaubt gleichzeitig den Rückgriff auf eine göttliche Macht (222)“.

Da menschliche Handlungsfreiheit und göttliche Allmacht schlecht zusammenpassen, befindet sich Voltaire zwar in Widerspruch zum deistischen Modell, jedoch in Einklang mit seinem persönlichen Naturell.

René Pomeau, La religion de Voltaire
1.Teil: Ein antichristliches Raunen

Zusammenfassung des 1.Teils von René Pomeau, La Religion de Voltaire, Paris: Nizet, 1986 (erweiterte Neuauflage v. 1969) – Kinder- und Jugendzeit bis zum Exil im Jahr 1726; (S. 19 – 117)

Texte: Gedicht: Le vrai Dieu / der wirkliche Gott; Vers à Louis Racine, Epitre à Uranie; Tragödie: Oedipe; Epos: Henriade;
Biographie: Duvernet, Vie de V. (1785); Anon., Mémoires pour servir à la vie de V. (1786)

Voltaire wurde in eine Zeit geboren, in der die Ideologie des Absolutismus (Ein absolut herrschender Gott im Himmel, einer einzigen Religion und Kirche auf Erden, mit einem absolut herrschenden französischen König als deren Diener) bereits deutliche Risse zeigte. Der Protestantismus hatte an Einfluss gewonnen, die katholische Fraktion war zwischen Jesuiten und Jansenisten zerstritten und antiklerikale, libertäre Freigeister suchten die Lücken im ideologischen Gefüge für sich zu nutzen. In Voltaires Elternhaus verkehrten außer den Protestanten Vertreter aller dieser Fraktionen. Das war seiner geistigen Entwicklung förderlich, er lernte, an althergebrachten Dogmen zu zweifeln. Sein Pate und Vertrauter der Mutter, der Abbé de Châteauneuf (1650 – 1708) gehörte zum Cercle du Temple, einem Kreis von Libertins, die sich vor allem gegen den christlichen Aberglauben mit all seinen Absurditäten und Wundern wendete und dem Deismus zuneigten.
Auf der anderen, väterlichen Seite, stand sein Vater und sein neunzehn Jahre älterer Bruder Armand, Vertreter des asketisch misanthropischen Jansenismus, der an einen rächenden, tyrannischen  Gott glaubte, was so gar nicht nach François-Maries Geschmack war.
Voltaires Schule, das Collège Louis-le-Grand – es stand unter Leitung der Jesuiten – vermittelte ihm sieben Jahre lang vor allem die Kenntnis der klassischen, ‚heidnischen‘ Autoren. Der Jesuitenorden war in dieser Zeit die Stütze und Speerspitze des Absolutismus, auf seinen Einfluss geht die Verfolgung der Protestanten und die Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 zurück. Trotzdem zählten zahlreiche Abtrünnige zu ihren Schülern (Hélvetius, Diderot z.B), was nicht an ihrem fehlenden religiösen Eifer lag. Sie lehrten den Katechismus von Canisius, in dem Gottes Sohn vernachlässigt wird, die Erbsünde eine Randerscheinung ist, Wunder kaum erwähnt und die Hölle auf den 91 Seiten des Katechismus nur ein einziges Mal angesprochen wird. Gott wird als zärtlicher Vater vorgestellt, der allen Sündern verzeiht. Dieser Katechismus enthielt die Grundlagen des Deismus.  Fénelon und sein dem Deismus sehr nah kommendes Werk Télémaque übte einen großen Einfluss auf Voltaire aus, er lernte es in der Schule kennen, ebenso wie die Werke von Fontenelle und Bayle, ebenfalls Jesuitenschüler. Pomeau sieht die religiösen Anschauungen des zukünftigen Voltaire in den Lehren der Jesuiten seiner Schule wurzeln.  
1711, als V. die Schule verließ (5. 8. 1711) zog die Kirche gegen den Jansenismus zu Felde was 1713 in die Bulle Unigenitus mündete, mit der päpstlicherseits der Jansenismus als Häresie verdammt wurde, was für dessen Anhänger Verfolgung und Gefängnis bedeutete.  
In dieser Zeit schrieb V. seine Ode Le vrai Dieu, in der er starke – ironisch geäußerte Zweifel an dem christlichen Trinitätsglauben ausdrückt. Es ist das erste deistische Werk Voltaires, der ab 1714 zum Kreis des Temple gehörte und dem Hedonisten Abbé de Chaulieu nahestand, von dem diese Verse stammen:

„Geht her, wenn es einen Gott gibt, wird seine in sich ruhende Kraft
sich auf Euch kaum senken um Eure Liebe zu stören:
Könnten seiner Milde Eure Umarmungen missfallen?
Sein wichtigstes Gesetz  ist das Gesetz der Natur;
Unsere Vorfahren führte es alleine,
Lauter als die Stimmen Eurer Priester spricht es,
Für Euch, für Eure Vergnügungen, für die Liebe und für mich“.

Chaulieu ebnete den Weg zum antichristlichen Deismus Voltaires, der im Alten Testament tatsächlich nichts als ein Strickwerk von Märchen und Fabeln sah, wie es ein Denunziant von ihm 1726 behauptete.

Voltaires erstes philosophisches Werk war 1718 die Tragödie Ödipus, in der er dem jansenistischen Glauben an das Verworfensein des schuldigen Menschen seine Variante vom – obwohl durch Inzest und Vatermord gesetzesbrüchigen – trotzdem tugendhaften Menschen  Ödipus entgegenstellt. Das wurde ihm von seinen Gegnern sogleich als irreligiös angekreidet. Voltaire wendet sich gegen diesen grausamen und despotischen Gott, Oedipe wurde geschrieben, um dieses Gottesbild zu bekämpfen. Ödipus hat keine Schuldgefühle, ganz im Gegenteil klagt er den grausamen Gott und seine Priester selbst an. Das Stück ist insofern eine Antitragödie mit stark antiklerikaler Tendenz.

Ab 1722 war Milord Bolingbroke, der sich im frz. Exil befindliche Anführer der engl. Torrys, ein überzeugter Atheist, eine Art geistiger Mentor des jungen Voltaire. Außerdem hatte Bayle einen großen Einfluss auf ihn, dessen Dictionnaire bereits 1715 in Pars zirkulierte.
Voltaires vehement antichristliche Gedicht Epitre à Uranie enthält auch Verse, in denen V. Gott zu suchen behauptet, der sich aber nicht zeige. Pomeau interpretiert diese Suche nach Pascal: Wer Gott sucht, hat ihn schon gefunden 114). Sein Deismus sei – vor dem englischen Exil, wenig originell, ohne weit verbreitet gewesen im Adel und in der Großbourgeoisie –  am Ende eher eine Adaption der Ideen aus dem Temple-Kreis, nicht jedoch der Atheisten um das Café Procope oder den von ihm frequentierten Salon de Maisons.

Voltaire und die Religion – Projektskizze

A. Einleitung

Eine eigene Studie zur Religion Voltaires auszuführen, überstiege bei weitem die zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten unserer Stiftung. Deshalb greifen wir zu René Pomeaus 1969 erschienener Doktorarbeit La Religion de Voltaire, in der er auf über 500 Seiten untersucht, wie sich Voltaires Position zur Religion im Laufe seines Lebens verändert hat.
Wir fassen das Buch Kapitel für Kapitel zusammen und bringen zu Beginn die wichtigsten Quellentexte, auf die sich der Autor in dem Abschnitt  bezieht.  Diese Zusammenfassung ist noch unvollständig wird nach und nach ergänzt.

Pomeau zeichnet am Ende seines Werkes folgendes Bild von Voltaires religiöser Haltung:

Wenn wir die Natur beobachten, entdecken wir, dass sie nach feststehenden Gesetzen, wie ein Uhrwerk funktioniert, nach Gesetzen, die sich nie ändern: Ein Apfel fällt nie zum Himmel, sondern immer zum Erdmittelpunkt, so wie sich die Gestirne um das Zentrum ihres Sonnensystems drehen. Daraus folgert Voltaire, dass dieses System mit all seinen Regeln und Gesetzen einen großen Mechanisten besitzen muss, der es eingerichtet hat, ähnlich einem Uhrmacher, der die Teile eines Uhrwerks einrichtet und zum Laufen bringt. Ebenso wie beim einmal funktionierenden Uhrwerk ist ein Eingreifen des Ingenieurs später nicht mehr erforderlich, es gibt keine Wunder, also keine Ereignisse, die nur durch das Außerkraftsetzen der bestehenden Gesetze geschehen. Es gibt auch keine Offenbarung, der Uhrmacher teilt sich seinem Uhrwerk nicht mit, genauso wenig der Schöpfer seinen Kreaturen.

Aus dieser Charakterisierung ergeben sich jedoch eine ganze Reihe von Problemen, die alle damit zusammenhängen, dass Voltaire folgende Fragen, teils energisch, verneinte:
1. Wenn es einen allmächtigen Uhrmachergott gibt, ist dann die Welt nicht wirklich die beste aller möglichen Welten (sonst hätte der Gott Fehler begangen, wäre also nicht allmächtig)?
2. Wie kommt das Böse in die Welt? Gibt es etwa einen Gegenspieler?
3. Was spricht gegen die Annahme einer Offenbarung? Könnte nicht der Mensch, weil vernunftbegabt, eine geistige Verbindung zu Gott aufnehmen?
4. Greift nicht auch ein Uhrmacher, zumindest für Reparaturmaßnahmen, in das Räderwerk korrigierend ein? Muss selbst die beste Uhr nicht von Zeit zu Zeit aufgezogen werden?
5. Gibt es eine Seele, wenn ja, ist sie unsterblich, wird sie auferstehen?
6. Gibt es ein jüngstes Gericht, eine Bestrafung und Belohnung im Jenseits?

Und noch fundamentaler: Wer muss eine Behauptung beweisen, vor allem, wenn die Existenz einer Sache – wie hier Gott –  behauptet wird? Was spricht dafür, dass Platon gelebt hat? Was spricht dafür, dass Gott existiert(e)?
Welche Haltung hat Voltaire zu dieser Frage eingenommen?

Wir werden zunächst die einzelnen Kapitel des Buches von Pomeau referieren, um daran anschließend die Kritik an Pomeaus Darstellung vorzustellen, wie sie etwa von Th. Besterman, dem unbestritten besten Voltairekenner aller Zeiten, formuliert wurde.

Th. Besterman nahm an, dass Voltaire den Atheismus aus taktischen Gründen ablehnte, um seinen antichristlichen Kampf nicht zu gefährden. Zu seiner Zeit war der Atheismus als unmoralisch verdächtig, stand im Ruf, eine Lehre zu sein, die die ganze Gesellschaft, den Staat und die absolutistische Monarchie bedrohe.
Voltaire sah insbesondere sein Hauptziel gefährdet, wenn man, wie die Atheisten um d’Holbach oder auch La Mettrie, über das Ziel hinausschoss. Voltaire hatte das Christentum im Visier, argumentierte, dass dieses sich von der wahren Religion unterscheide, dass seine Kirchen vor allem auf ihre Pfründe, auf ihre Macht bedacht wären und den Glauben aus politisch-strategischer Absicht nur heuchelten. Die mächtigste Institution seiner Zeit gehöre daher abgeschafft, um die Religion zu reinigen und sie in ihrer ursprünglichen, natürlichen Art wieder herzustellen. Forderte man, wie die Atheisten, die Religion insgesamt abzuschaffen, könnte dies einen gegenteiligen Effekt haben: die Kirche würde sich, so schlecht sie auch wäre, als Verteidigerin des Staates, der Moral, der Religion überhaupt inszenieren. Religiöse Kritiker der Kirche würden wahrscheinlich als Bündnispartner verloren gehen.
Ein offensiv betriebener Atheismus hätte somit in eine vorhersehbare Niederlage geführt und keiner der zentralen Kämpfe (Calas, Sirven, La Barre) wäre gewonnen worden.

B. René Pomeau: La Religion de Voltaire

1. Teil: Ein antichristliches Raunen (Kinder- und Jugendzeit bis zum Exil im Jahr 1726; S. 19 – 117)
2. Teil: Das Credo Voltaires (121 –  254)
3.Teil: Der Apostel des Theismus (255 – 462)
Schlußfolgerung (S. 463 – 488)

Schuchter, Bernd, Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie, Braumüller: Wien, 2018, 176 S.
– ein Buch gegen Voltaire und die engagierte Aufklärung.

Wer sich über La Mettrie informieren will, sollte nicht zu diesem Buch greifen, in dem man weder zusammenhängend erfährt, wie La Mettrie gelebt, noch was er gelehrt hat. Er sei ein ‚Meister der vorläufigen Meinung‘, ein Holist, und habe die These vertreten, dass es zum Glück des Menschen keine Theologie braucht, die seit Menschengedenken immer nur missbraucht (sic) worden sei, um Menschen zu unterjochen (160). Wieviel mehr wäre über La Mettries Lehre zu sagen, wie etwa, dass er der erste war, der in dem durch die Erziehung eingepflanzten Schuldgefühl eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit sah, oder dass er mit seinem Probedenken, eben gerade kein ‚Meister der vorläufigen Meinung‘ war, sondern vielmehr ein Meister freiheitlichen Denkens, der Phantasie, ein Vorläufer des Surrealismus gar. Und nicht zuletzt wäre er als vehementer Verteidiger der Sinnesfreuden, der Wollust, der Sexualität zu entdecken gewesen. Gerade um letzteres aber macht Schuchter einen riesigen Bogen.

„Schuchter, Bernd, Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie, Braumüller: Wien, 2018, 176 S.
– ein Buch gegen Voltaire und die engagierte Aufklärung.“
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„Warum malt ihr Gott mit einem langen Bart?“ Rezension des Philosophischen Taschenwörterbuchs von Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung, 22.1.2021

Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erschien von dem bekannten Literaturkritiker Gustav Seibt die erste ausführliche Besprechung zum Philosophischen Taschenwörterbuch in gedruckter Form. Er hat es mit Vergnügen gelesen und meint, man solle es nicht allzu häppchenweise zu sich nehmen. Auch als Pflichtlektüre für Schulen würde es sich gut eignen. Die Übersetzung empfand er manchmal als etwas schwerfällig und ausführlichere Kommentare wären nötig gewesen. Dass wir diese im Internet anbieten wollen, hat er vielleicht nicht realisiert. Eine alles in allem äußerst positive Rezension.
Zum Artikel in der Süddeutschen

Matthias Wulfmeyer, Die Akte Voltaire, independently published, 2020, 200 S.

Akte Voltaire

Dass Voltaire wohlhabend, ja reich war, wissen viele. Woher er seinen Reichtum hatte, weiß – zumindest in Deutschland – fast niemand. Zwar gibt es dazu Fachliteratur*, aber wer liest schon Fachliteratur – und dazu noch auf Französisch! Diesen weißen Fleck zu schließen, ist die Idee hinter „Die Akte Voltaire“, einer ‚Abenteuergeschichte‘ von Matthias Wulfmeyer, die Ende 2020 erschienen ist. Die Geschichte geht so: Voltaire kommt 1729 von England aus der Verbannung genau in dem Jahr zurück, in dem der französische Staat in einer miserablen Finanzlage ist und zur Aufbesserung der Staatskasse eine große Lotterie ausruft.

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„Leerer Sockel in Paris: Schutzhaft für Voltaire“, Jürg Altwegg, FAZ, 11.01.2021

Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen erzählt Altwegg die Ereignisse um die Voltaire Statue in Paris, die einzige, die dort noch unter freiem Himmel zu besichtigen war und angeblich unter dem Druck von ‚Black Live Matters‘ beschädigt und dann vom Bürgermeisteramt entfernt wurde. In ‚Schutzhaft‘ genommen: aha! Die richtigen Worte findet Altwegg zwar nicht, er gibt insbesondere keinerlei Informationen über die Haltung Voltaires zum Kolonialismus oder zum Sklavenhandel. Und warum Voltaire nach dem geplanten, restriktiven Pressegesetz ‚wieder‘ aktuell sein soll, wie er schreibt, ist und bleibt unklar. Altwegg eiert herum.

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Voltaire: Philosophisches Taschenwörterbuch, nach der Erstausgabe von 1764 erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt von Angelika Oppenheimer […], Ditzingen: Reclam 2020, 444 Seiten.

Über sein eigenes Buch sollte man keine Rezension schreiben – also rezensieren wir das von uns bei Reclam herausgegebene Philosophische Taschenwörterbuch nicht, stellen es aber selbstverständlich hier vor:
Erstmals ist in deutscher Sprache das vollständige Philosophische Taschenwörterbuch Voltaires, eines der bedeutendsten Werke der Aufklärung, erschienen! Als Voltaire 1764 sein Philosophisches Taschenwörterbuch anonym veröffentlichte, kam dieses Ereignis in der damals stark klerikal dominierten Welt einem Erdbeben gleich. Niemand hatte es bisher gewagt, die Kirche derart frontal auf allen wesentlichen Gebieten anzugreifen. Die Infame reagierte prompt, das Buch wurde ein Jahr später öffentlich in Paris verbrannt. Wer es besaß, lebte gefährlich, der Chevalier de La Barre zum Beispiel wurde nicht zuletzt deshalb 1769 in Abbéville auf dem Scheiterhaufen verbrannt; mit ihm verbrannte das Philosophische Wörterbuch, das die Schergen der Inquisition in seiner Bibliothek entdeckt hatten.

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Voltaires Antwortbrief an den Juden Isaac de Pinto vom 21.7.1762

Hintergund:
Isaac de Pinto, 1717 in einer der wohlhabendsten jüdischen Familien Amsterdams geboren, war philosophisch gebildet und hatte von sich aus persönlichen Kontakt zu den Aufklärern in Paris (La Condamine, Diderot) aufgenommen. In einem Brief und in einem Artikel ‚Réflexions critiques..“ beschäftigt er sich mit dem Essay ‚Des Juifs‘, in dem Voltaire die Juden als Vorläufer des Christentums negativ darstellt. Pinto fordert Voltaire auf, mehr zu differenzieren und sich nicht darauf zu beschränken, gegen die Scheiterhaufen und Judenpogrome zu schreiben. Man könne auch mit der Feder töten. Das sei um so fataler, als das geschriebene Wort Generationen später noch fortwirke. Siehe auch unsere Seite zum Thema ‚Voltaire, Juden, Antisemitismus‘. Eine Gegenposition dazu nimmt ein: Sutcliffe, A., Can a Jew be a philosophe? Isaac de Pinto, Voltaire and Jewish Participation in the Eurpean Enligthenment. Jewish Social Studies, vol 6, no.3, 2000 S. 31-51.

Monsieur,
die Zeilen, über die Sie sich beschweren, sind grob und ungerecht. Es gibt unter Euch [den Juden, R.N] sehr gebildete und sehr respektable Menschen, Ihr Brief zeigt mir das hinreichend genug. Ich werde dafür sorgen, dass in der neuen Ausgabe eine Korrektur vorgenommen wird. Wenn man falsch liegt, muss man es reparieren; und ich habe mich geirrt, indem ich die Fehler mehrerer Individuen einer ganzen Nation zugeschrieben habe.
Ich werde Ihnen mit der gleichen Offenheit sagen, dass viele Menschen weder Ihre Gesetze noch Ihre Bücher noch Ihren Aberglauben leiden können. Sie sagen, dass Ihre Nation zu allen Zeiten ebenso sich selbst wie auch der Menschheit insgesamt Leid zugefügt hat. Wenn Sie aufgeklärt sind, wie Sie es zu sein scheinen, werden Sie wie diese Leute denken, es aber nicht aussprechen. Der Aberglaube ist die abscheulichste Geißel der Welt; er ist es, der zu allen Zeiten viele Juden und viele Christen erdrosselt hat; er ist es, der Euch selbst bei ansonsten hochgeschätzen Völkern noch immer auf den Scheiterhaufen befördert. Es gibt Blickwinkel, unter denen betrachtet die menschliche Natur eine teuflische Natur ist.
Man würden vor Entsetzen verdorren, wenn wir sie immer von diesen Seiten betrachten würden; aber die ehrenwerten Leute, die an dem Platz La Grève vorbeikommen, wo man gerade jemanden rädert, befehlen ihrem Kutscher, schneller zu fahren, und werden sich in der Oper von dem schrecklichen Schauspiel ablenken, das sie auf ihrem Weg gesehen haben.

Ich könnte mit Ihnen über die Wissenschaften streiten, die Sie den alten Juden zuschreiben, und Ihnen zeigen, dass sie in der Zeit von Chilperich nicht mehr als die Franzosen wussten; ich könnte Ihre Zustimmung dazu erlangen, dass der Jargon einer kleinen Provinz, gemischt mit Chaldäisch, Phönizisch und Arabisch, eine Sprache war, die so dürftig und rau war wie unser altes Gallisch; aber ich würde Sie vielleicht ärgern, und Sie scheinen mir ein zu höflicher Mann zu sein, als dass ich Ihren Missfallen eregen möchte. Bleiben Sie Jude, so wie es sind; Sie sollten nicht zweiundvierzigtausend Männer töten, weil sie Shiboleth nicht richtig ausgesprochen haben, noch vierundzwanzigtausend, weil sie mit Midianitern geschlafen haben; aber seien Sie ein Aufklärer, das ist alles, was ich Ihnen in diesem kurzen Leben Gutes wünschen kann.

Ich habe die Ehre, mit all den Gefühlen, die Ihnen zustehen, Ihr sehr ergebener usw. zu sein,
Voltaire, Christ und gewöhnlicher Kammerherr
der sehr christlichen Königskammer