In eigener Sache: Facebook-Seite der Voltaire-Stiftung am 18.11.2022 gesperrt

Bereits 2021 wurde die facebook-Seite der Voltaire-Stiftung ohne Angabe von Gründen gesperrt. Durch anwaltlichen Beistand konnte facebook gezwungen werden, die Seite 10 Monate später (!) wieder zu aktivieren. Jetzt wurde uns wieder mitgeteilt: „Dein Konto wurde deaktiviert“. Eine Begründung? Fehlanzeige.
Die Voltaire-Stiftung wird gegen diese bösartige facebook Maßnahme nicht noch einmal den teuren Rechtsweg beschreiten und stattdessen zu Telegram wechseln. Unseren Voltaire Telegram Kanal können Sie über folgenden Link erreichen:
https://t.me/s/voltaire_stiftung
Wer kein Telegram Konto hat, kann die Beiträge wenigstens lesen (nicht aber kommentiern).

Wie auch bisher schon, werden wir auf dem Voltaire-Blog Beiträge rund um Voltaire veröffentlichen und seine, angesichts der immer weitgehenderen Einschränkung der Meinungsfreiheit, immense Aktualität aufzeigen.

Haupt, Klaus-Werner, Francesco Algarotti, Gelehrter, Connaisseur, Poet, Weimar: Bertuch 2021, 101 S.

Francesco Algarotti (1712-1764) war eine der zentralen Persönlichkeiten der europäischen Aufklärung. Als Sohn des vermögenden venezianischen Kaufmanns Rocco Algarotti war er unabhängig in finanzieller und geistiger Hinsicht. Er liebte seine Freiheit. Auf seinen ausgedehnten Reisen durch ganz Europa suchte er den Kontakt zu den wichtigsten Vertretern der Aufklärung und lebte einige Zeit am Hofe Friedrich II., wo er u.a. mit Voltaire zusammentraf. Sein Leben und sein Wirken sind heute leider fast vergessen.
Das kleine, sich an ein breiteres Publikum richtetende Büchlein von Klaus-Werner Haupt hätte daran etwas ändern können.
Um es vorweg zu sagen, der Autor hat diese Chance verpasst. Weder gelingt es ihm, Algarotti als Protagonisten der Aufklärung vorzustellen, noch entwickelt er auch nur ansatzweise Verständnis für die (auch für uns ausgefochtenen) Kämpfe der damaligen Zeit. Stattdessen verbreitet er Informationen über die bildende Kunst des 18. Jahrhunderts und den damaligen Kunsthandel, die zwar nicht uninteressant sind, aber nicht zum dem führen, wofür Algarotti steht: die Popularisierung der Lehren Issac Newtons. Worin die Sprengkraft Newtons bestand und weshalb die Schrift Algarottis Il Newtonianisme per le dame (1732) frz.: Le Newtonianisme pour les dames, ou Entretiens sur la lumière, sur les couleurs, et sur l’attraction (1738), dt. Newtons Weltwissenschaft für das Frauenzimmer oder Unterredungen über das Licht, die Farben und die anziehende Kraft (1745) für die Befreiung von der klerikalen Bevormundung von so großer Bedeutung war und ist, entgeht ihm vollkommen. Als Beleg sei diese peinliche Stelle aus dem Büchlein zitiert: „Der mit dem Tod des englischen Naturforschers einsetzende Marketingfeldzug machte vor dem Kontinent nicht Halt“ (S.12).
Auch von den anderen Schriften Algarottis erfährt man, außer dass sie geschrieben wurden, herzlich wenig. K.W. Haupt hätte ein anderes Buch schreiben sollen: über den Kunsthandel im 18. Jahrhundert und seine Protagonisten, zu denen Algarotti auch gehörte.

Philosophisches Taschenwörterbuch: Chaîne des Événements – Die Kette der Ereignisse. (Kommentare)

Hintergrund:
Unter dem allmächtigen Dunkelschirm der Kirche war viele Jahrhunderte in die Köpfe eingehämmert, dass alles Leben streng bestimmt ist, dass Gottes Wille über Geburt, Tod, Armut, Reichtum des Menschen entscheidet und eigenes, individuelles Zutun, eigene Anstrengungen völlig überflüssig sind, weil ohnehin alles vom Schicksal vorherbestimmt ist in das man sich ohne zu murren fügen sollte. Man nennt diese Ideologie den theologischen Determinismus.

Mit zunehmendem Murren, durch die wachsende Anzahl von Menschen, die sich von Untertanen zu selbstbewussten Bürgern entwickelten, verlor der theologische Schicksalsglauben seine ideologische Kraft, die Erforschung der Natur und der sie wirklich bestimmenden Gesetze zeigte eine andere Wirklichkeit als die der christlichen Unterdrücker. Die Idee individueller Freiheit und Selbstbestimmung trat hervor, nicht über Nacht natürlich, aber dank Voltaire und den anderen Aufklärern stetig und unaufhaltsam, bis in der großen Französischen Revolution das neue, bürgerlich-antiklerikale Denken die Oberhand gewann.

Zunächst löste ein naturwissenschaftlicher Determinismus den theologischen ab, an die Stelle Gottes traten die Naturgesetze, die alles Leben streng bestimmten. Diese Argumentation ist am deutlichsten bei Leibniz, in seiner Lehre vom zureichenden Grund, zu finden. Voltaire und Emilie du Châtelet hingen ihr selbst, über den Umweg Christian Wolffs, eine zeitlang an.

Leibniz: Für jedes Ereignis gibt es einen zureichenden Grund, der es hervorgebracht hat und dessen Wirkung es ist. Von den Ursachen, die selbst Wirkungen anderer Ursachen sind, kommt man schließlich bis auf die Endursachen, also so ziemlich bis zu den Anfängen, zurück. Am Anfang aber steht natürlich Gott, weil er der angenommene erstursächliche Schöpfer aller Dinge und Ereignisse, Naturgesetze sei, der, sozusagen „nach bestem Wissen und Gewissen“, die beste aller möglichen Welten geschaffen habe.

Worum es Voltaire geht, lässt sich an einem Beispiel demonstrieren: „Warum wachen wir morgens auf? – Eventuell, weil wir genügend ausgeruht sind? Was hat dann aber schlussendlich das Aufwachen bewirkt? War es der einsetzende Regen, oder, bei offenem Fenster, das Zwitschern eines Vogels, das Beginnen des morgendlichen Berufverkehrs, das Schlagen einer Tür, das Eindringen eines Sonnenstrahls? Welche dieser Ursachen war aber die entscheidende? Oder genauer gefragt: Welches der Elemente eines Ursachenkomplexes ist oder war das entscheidende? Ist der bekannte Tropfen, der das Glas zum Überlaufen bringt, die Ursache für das Überlaufen, oder war es der schon seit langem, immer weiter tropfende Wasserhahn?

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S.84, zweiter Absatz: „Das System der Notwendigkeit …wurde zu unserer Zeit … von Leibniz erfunden”: In ihren Institutions de physique (Paris 1740; dt.: ,Der Frau Marquisinn von Chastellet Naturlehre an Ihren Sohn, Renger: Halle, 1743) stellte Voltaires Lebensgefährtin Emilie du Châtelet Leibniz‘ Lehre vom zureichenden Grund vor: “Alles, was existiert, bedarf eines anderen durch das es existiert, auf das man seine Existenz zurückführen kann“ und alles Denken beruht auf dem Satz vom zureichenden Grund weil: „Niemand legt sich auf etwas mehr als auf etwas anderes fest, ohne dass es dafür einen hinreichenden Grund gäbe, der ihn annehmen lässt, dass dieses eine dem anderen vorzuziehen sei” (§ 8).
In seiner Korrespondenz mit Friedrich dem Großen, damals (1738) noch Kronprinz, überzeugt ihn Voltaire von seiner skeptischen Sicht vom Determinismus Leibniz’ und Christian Wolffs, während auf der anderen Seite Manteuffel und sein Kreis vergeblich versuchten, Friedrich für ihre Interpretation, einer Art Verschmelzung von Aufklärung und Christentum, zu gewinnen (siehe dazu: J.Bronisch, Der Kampf um Kronprinz Friedrich, Wolff gegen Voltaire, Landt: Berlin 2011, S.61 ff).
Insbesondere ist es für Voltaire klar, dass, wenn immer wieder das kleinste Ereignis eine gewaltige Wirkung hat (z.B. der Tropfen, der das Glas zum Überlaufen bringt), es mit dem zureichenden Grund nicht allzu weit her sein kann: Man kann oft genug Ereignisse nicht aus einer eindeutigen Ursache herleiten. Wenn das so ist, landet man beim immer weiter Zurückgehen der Ursachensuche auch nicht zwangsläufig bei Gott.

Anmerkung 2 (S.85, vierter Absatz: „.. aber nicht jede Ursache hat ihre Wirkung”):
Gerade wenn es einen Ursachenkomplex gibt, also mehrere Elemente, die nur gemeinsam ein Ereignis bewirkten, kann umgekehrt nicht von jedem einzelnen auf die spezielle Wirkung geschlossen werden. David Hume bearbeitete dieses Thema ausführlich und kam zu dem Schluss, dass die Vorhersagbarkeit von Ereignissen aufgrund von Erfahrungen zwar möglich ist, aber allenfalls in den Grenzen von mehr oder weniger wahrscheinlichen Annahmen (siehe dazu auch unsere Anmerkungen zum Artikel Gewissheit).

Philosophisches Taschenwörterbuch: Certain, Certitude – Gewiss, Gewissheit. (Kommentare)

Hintergrund:
Voltaire bezieht sich in seinem, in Anbetracht der Bedeutung dieser zentralen philosophischen Fragestellung nach der Gewissheit menschlicher Erkenntnis, sehr kurzen Artikel kritisch auf den 1752 im zweiten Band der Enzyklopädie erschienenen, dagegen sehr langen (26 seitigen) Artikel Gewissheit (frz.:Certitude, engl.:Certainty) des Abbé de Prades. Jean-Marie de Prades (1720-1782), der mit Diderot befreundet war, hatte in seiner Dissertation zu zeigen versucht, dass man sogar auf Grundlage der sensualistisch-empirischen Grundthese Lockes („Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre“), die biblische Behauptung, dass Jesus Wunder getan habe, rechtfertigen kann. Er war mit dieser Idee auf den erbitterten Widerstand der Kirche gestoßen, die keine Ruhe gab, bis man de Prades sämtliche universitären Titel aberkannt und ihn 1752 außer Landes vertrieben hatte (Friedrich der Große nahm ihn als seinen Vorleser in Berlin auf und rettete ihn vor dem sicheren Untergang).
Die Kirche lehnte den Empirismus-Sensualismus als Irrlehre ab, insbesondere, weil er den christlichen Glauben an eine vernunftbegabte, von Gott eingepflanzte Seele ablehne, die alleine den Menschen von einem Tier und von einer Maschine unterscheide. Eine Position, die sie, Descartes missbrauchend, an den französischen Universitäten als allein gültige Lehre durchgesetzt hatte.
In seinem Enzyklopädie-Artikel Certitude versucht de Prades nun eine Art Kombinationslehre von Zeugenaussagen zu liefern und behauptet, dass eine Tatsachenbehauptung um so glaubwürdiger sei, je mehr Menschen (also tout Paris) davon berichteten. Auch Erzählungen über Wundertaten erscheinen ihm als belegt, wenn nur die Berichtenden glaubwürdig waren. So kommt er – auch darin John Locke folgend – schließlich zur Einschätzung, dass die Evangelien hohe Glaubwürdigkeit beanspruchen könnten, weil viele ernsthafte Menschen zu biblischen Zeiten über das Leben Jesus berichtet hätten und widerspricht damit dem Herausgeber Diderot. Diderot hält (in seinen Pensées philosophiques) weder die Evangelien, noch Berichte über Wunder, noch Tatsachenberichte bloß deshalb für glaubwürdig, weil sie von Vielen geteilt werden. Eine höhere Anzahl von Zeugen erhöht die Glaubwürdigkeit einer Aussage nicht (siehe unten, Anmerkung 6).

John Locke An Essay Concerning Human Understanding (1689 dt.: Versuch über den menschlichen Verstand)
Zur Gewissheit der Offenbarung:
„Nehmen wir zum Beispiel an, vor einigen Generationen wäre geoffenbart worden, dass die Summe der drei Winkel eines Dreiecks gleich zwei rechten sei. Nun könnte ich der Wahrheit dieses Satzes auf Grund der Glaubwürdigkeit der Überlieferung, dass er geoffenbart worden sei, zustimmen. Diese würde mir jedoch nie eine ebenso große Gewissheit geben, wie die Erkenntnis der Wahrheit auf Grund einer Vergleichung und Messung meiner eigenen Ideen von zwei rechten Winkeln und der drei Winkel eines Dreiecks“ (Essay, Kap.4, §22).
und :
„Daher kann kein Satz als göttliche Offenbarung anerkannt werden, ..wenn er unserer klaren intuitiven Erkenntnis widerspricht“ (z.B. dass derselbe Körper nicht gleichzeitig an zwei Orten sein kann). (Essay, Kap.18, §5)
Locke setzte sich damit in diametrale Opposition zur katholischen Lehre, die bereits im 5. Laterankonzil (1512–1517) festgelegt: hatte, dass kein Satz in der Philosophie wahr sein kann, wenn er im Gegensatz zur christlichen Glaubenslehre steht. Die Kirche fügte das Werk ab 1737 ihrer Liste der verbotenen Bücher hinzu.

David Hume (1711-1764): An Enquiry Concerning Human Understanding. (1748), dt. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand).
Zur Gewissheit von Erfahrungstatsachen:
Wenn eine Billardkugel mittig auf eine zweite trifft, wird diese sich wegbewegen, während jene zum Stehen kommt. Zwar wird man sagen, dass die Fortbewegung der zweiten mit diesem Stoß in Zusammenhang stand, aber kann man auch sagen, dass das Auftreffen der ersten die Fortbewegung der zweiten bewirkte und falls ja, wäre man berechtigt, diese Wirkung als notwendige oder das ganze gar als einen gesetzmäßigen Ursache-Wirkungszusammenhang zu bezeichnen? (Enquiry, E61)
Und außerdem: „Bei einigen Ereignissen hat es sich gezeigt, dass sie beständig in Verbindung stehen; andere zeigten sich als veränderlicher und manchmal unsere Erwartungen enttäuschend, so dass es in unserem Urteil über Tatsachen alle erdenklichen Grade der Sicherheit gibt, von der höchsten Gewissheit bis zur niedersten Art moralischer Evidenz (Enquiry, Über Wunder, E90).
Hume hatte die zweifelhafte Ehre, dass ab 1761 alle seine Werke auf die Liste der verbotenen Bücher der Catholica kamen.
Voltaire besaß die Werke Humes im Original, teilweise auch in französischer Übersetzung und stand seinen Auffassungen sehr nahe.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S.81, Ein falscher Taufschein: „Sie haben immer noch Gewissheit von etwas, das nicht so ist“): Schriftliche Dokumente können keine absolute Gewissheit beanspruchen, sie kommen über eine bestimmte Wahrscheinlichkeit nicht hinaus.
Voltaire bezieht sich auf Pierre Bayle, dessen historische Quellenkritik Vorbild für die Geschichtsschreibung Voltaires und für die Aufklärung insgesamt war (vgl. dazu: Sandra Richter, Öffentliche Urteilskräfte und ihr Literaturarchiv (pdf), Zeitschrift für Ideengeschichte, 2019).
Auch Voltaires eigener Taufschein enthielt im Übrigen eine falsche Geburtsangabe. War er nach eigener Aussage am 20.2.1694 geboren, so trägt sein Taufschein, dem die meisten seiner Biographen folgen, das Datum 21.11.1694.

Anmerkung 2 (S.81, dritter Absatz: „Ist die Sonne aufgegangen, ist sie untergegangen?“): Für Ptolemäus (Almagest, 140 n.u.Z.) schien es evident, dass sich die Sonne um die Erde dreht, weil sie offensichtlich im Laufe eines Tages über den Himmel wandert (geozentrisches Weltbild).
Erst Kopernikus bewies, dass das Gegenteil richtig ist. Und Newton lieferte durch die Entdeckung der Gravitationsgesetze (auf das Weltall angewendet) die mathematischen Grundlagen zur Berechnung der Planetenbewegungen. Voltaire hatte Newtons Werk zusammen mit seiner Lebensgefährtin Emilie du Châtelet in Frankreich bekannt gemacht (Elemente der Philosophie Newtons (1748), siehe hier insb. Abschnitt 3.4. „Dass die Gravitation und die Anziehung den Lauf aller Planeten lenken“).
Den Übergang vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild erläutert allgemeinverständlich: https://astrokramkiste.de/heliozentrisches-weltbild.

Anmerkung 3 (S.81, vierter Absatz: „Die Zauberei, das Wahrsagen…sind die sicherste Sache der Welt gewesen“): Voltaire bezieht sich auf David Humes Enquiry (Kapitel X, „Über Wunder“).

Anmerkung 4 (S.82, zweiter Absatz: „…doch die mathematische Gewissheit ist unwandelbar und ewig“):
John Locke: „Alle mathematischen Ausführungen über die Umwandlung eines Kreises oder Kegelschnittes in ein Viereck oder über andere Theile der Mathematik beziehen sich nicht auf das Dasein dieser Gestalten, vielmehr bleiben ihre Beweise, die nur von ihren Vorstellungen bedingt sind, unverändert gültig, mag ein Kreis oder Viereck in der Welt bestehen oder nicht“ (Essay, Kap.4 Von der Wirklichkeit des Wissens, §8).
Und auch Hume unterscheidet die Aussagen in der Geometrie (Satz des Euklid), Algebra und Arithmetik, die durch bloße Denktätigkeit geprüft werden können, deren Gewissheit unabhängig davon bestehen bleibt, „ob im Weltall etwas existiert“ von Tatsachen- oder Existenzbehauptungen. Eine Tatsache kann sein oder nicht sein, auch das Gegenteil kann stimmen, ohne dass es zu einem Widerspruch käme. So ist diese Art von Aussagen stets mehr oder weniger wahrscheinlich. Aussagen in der Geometrie können dagegen absolute Gewissheit beanspruchen (Enquiry, E41).

Anmerkung 5 (S.82, dritter Absatz: „Ich existiere, ich denke, ich empfinde Schmerz“):
John Locke: „Die Gewissheit der inneren Wahrnehmung ist der geometrischen ebenbürtig.
Denn nichts kann offenbarer für uns sein als das eigene Dasein. Ich denke, ich überlege, ich fühle Lust oder Schmerz; kann all dies offenbarer für mich sein als das eigene Dasein? Selbst wenn ich alles Andere bezweifle, so lässt mich dieses Zweifeln mein eigenes Dasein wahrnehmen und daran nicht zweifeln. Denn wenn ich Schmerz empfinde, so habe ich offenbar eine ebenso sichere Wahrnehmung von meinem eigenen Dasein, wie von dem gefühlten Schmerz; und wenn ich weiß, dass ich zweifle, so habe ich eine ebenso sichere Wahrnehmung von dem zweifelnden Dinge, als von dem Gedanken, den ich Zweifel nenne. So lehrt uns die Erfahrung, dass wir ein anschauliches Wissen von unserm eigenen Dasein haben, und eine innere untrügliche Wahrnehmung, dass wir sind. Bei jedem einzelnen Fühlen, Denken oder Überlegen sind wir uns des eigenen Seins bewusst, und hier fehlt uns nichts an der höchsten Gewissheit“. (Essay, Kap.4 Von der Wirklichkeit des Wissens, §3).

Anmerkung 6 (S.82, vierter Absatz:„Mit der Gewissheit, die durch Augenschein übermittelt wird… ist es nicht dasselbe“):
Voltaire folgt hier John Locke und David Hume die sich mit der Gewissheit von Aussagen über die Außenwelt beschäftigten. Sie können mehr oder minder wahrscheinlich sein. Nach Hume sind Berichte über Wunder abzuweisen, wenn sie den mit höchster Wahrscheinlichkeit versehenen menschlichen Grunderfahrungen widersprechen -und das tun sie in aller Regel.
Voltaire widerspricht damit explizit auch de Prades, der in seinem Enzyklopädie-Essay den Anhängern des Skeptizismus zurief: „Ihr erkennt die Existenz der Stadt Rom an, an der Ihr nicht zweifeln könnt“ und damit bewiesen zu haben glaubte, dass auch Aussagen über die Außenwelt absolute Gewissheit beanspruchen könnten.
Diderot hatte zur Bedeutung der großen Zahl von Zeugen geschrieben (Pensées philosophiques (XLVI )): „Ein ganzes Volk, werden Sie sagen, ist Zeuge dieser Tatsache und Sie wagen es, sie zu leugnen? Ja, ich traue es mich, solange sie mir nicht durch die Autorität von jemandem bestätigt wird, der nicht zu Ihrer Partei gehört, und ich nicht weiß, dass dieser jemand unfähig zu Fanatismus und Verführung war. Mehr noch: Wenn mir ein Autor von ausgewiesener Unparteilichkeit erzählt, dass sich in der Mitte einer Stadt ein Abgrund auftat; dass die Götter, die zu diesem Ereignis befragt wurden, antworteten, dass er sich wieder schließen werde, wenn man das Wertvollste, was man besitzt, hineinwirft; dass ein tapferer Ritter sich selbst hineinstürzte und dass sich dadurch das Orakel erfüllte: Ich werde ihm viel weniger glauben, als wenn er einfach gesagt hätte, dass sich ein Abgrund auftat und man viel Zeit und Arbeit verwendete, um ihn wieder zu füllen. Je weniger wahrscheinlich eine Tatsache ist, desto mehr verliert das Zeugnis der Geschichte an Gewicht. Ich würde ohne weiteres einem einzigen ehrlichen Mann glauben, der mir mitteilt, dass Seine Majestät soeben einen vollständigen Sieg über die Alliierten errungen hat; aber wenn mir ganz Paris versichern würde, dass in Passy ein Toter wieder zum Leben erwacht ist, würde ich das nicht glauben. Ob ein Historiker uns etwas aufdrängt oder ein ganzes Volk sich irrt, macht es nicht zum Wunder“ (dt., übers. Correspondance Voltaire).

Anmerkung 7 (S.83, erster Absatz: „Man hat in der Enzyklopädie eine sehr amüsante Geschichte abgedruckt“):  Voltaire verweist am Ende seines Artikels explizit auf den Adressaten seiner Ausführungen zum Thema Gewissheit. Dass er de Prades sehr schonend kritisiert, mag man der Tatsache zuschreiben, dass dieser als Opfer der katholischen Kirche 1752 nach Preußen geflüchtet war und nicht mehr in sein Heimatland zurückkehren durfte.

Anmerkung 8 (S.83, letzter Absatz:„Der andere Autor… schreibt gegen sich selbst und wollte auch lachen“): Dieser andere Autor ist Diderot, der als Herausgeber der Enzyklopädie den Artikel Gewissheit von de Prades in seiner Vor- und Nachbemerkung zustimmend, überschwänglich positiv kommentiert, obwohl de Prades Argumentation der seinigen diametral entgegengesetzt ist. Voltaire interpretiert dies als ironische Scharade Diderots.

Philosophisches Taschenwörterbuch: Caractère – Charakter. (Kommentare)

Hintergrund:
Wenn Voltaire als „homme de théâtre“ davon ausging, dass jeder Mensch natürlicherweise einen unveränderlichen Charakter hat, war er mit der Kirche weitgehend einig, wenngleich diese ihn nicht für Naturgegeben, sondern für Gottgegeben (nach Augustinus durch die heiligen Sakramente verliehen) hielt.
Folgender Definition aus der Encyclopédie (Art. Caractère dans les personnages) hätte er sicherlich zugestimmt: „Le caractère […] n’est donc autre chose qu’une passion dominante qui occupe tout à la fois le coeur & l’esprit ; comme l’ambition, l’amour, la vengeance, dans le tragique ; l’avarice, la vanité, la jalousie, la passion du jeu, dans le comique. (dt.: Der Charakter […] ist daher nichts anderes als eine dominante Leidenschaft, die sowohl das Herz als auch den Verstand beherrscht; wie Ehrgeiz, Liebe, Rache, in der Tragödie; Geiz, Eitelkeit, Eifersucht, Leidenschaft für das Spiel in der Komödie).
Andererseits kannte Voltaire gewiss das Werk Les Caractères (1699) von La Bruyère (1645 – 1699), das mit einer Übersetzung der Charakterologie von Theophrast (371 – 287 v.u.Z), einem Schüler des Aristoteles, beginnt und zahlreiche, als Charaktere bezeichnete Persönlichkeitseigenschaften aufzählt, (z.B. Zerstreutheit, Schmeichelei, Geiz…), er folgte aber eher der systematischen Charakterkunde Galenus von Pergamon (130 -200 u.Z.), der lehrte, dass es vier Typen von Temperamenten gebe (Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker und Melancholiker).
Eine weiterführende Zusammenfassung zur Begriffsgeschichte in der Philosophie gibt Robert Eisler (1882-1949) in seinem Handwörterbuch der Philosophie , Artikel Charakter.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S.78, vierter Satz: kann ich auf den Charakter einwirken, den die Natur mir gegeben hat?): Die Frage, wie man zu seinem Charakter käme, wurde, darin Galenus folgend, entweder der Natur zugeschrieben, oder aber gesellschaftlichen Einflüssen und denen der Erziehung. Eine Position, die mit dem Namen Rousseaus verbunden ist, obwohl auch er von einem natürlicherweise vorhandenen Charakter des Menschen ausgeht, den man in der Erziehung erkennen und – eben als naturgegeben – nicht unterdrücken soll.

Anmerkung 2 (S.78, unten: Doch wenn Franz I sich mit Physiognomien auskennt..): Das Werk Les Charactères des Passions von Martin Cureau de la Chambre (1594 – 1669), in dem er Gefühle wie Hass, Leid, Mut, Trauer, Furcht, Hoffnungslosigkeit untersucht, und sein L’Art de connoistre les hommes bereiten den Weg zur Psychologie unserer Zeit. Er beschäftigt sich auch mit der Frage, wie sich die Leidenschaften eines Menschen erkennen lassen:
„Celui qui donnait avis de consulter son miroir dans la colère, avait raison de croire que les Passions se devaient mieux connaître dans les yeux que dans l’âme même“ (Wer im Zorn die Meinung seines Spiegels einholen wollte, hätte Grund zu der Annahme, dass sich Gefühle besser in den Augen als in der Seele erkennen lassen)
nach: Florence Dumora, Topologie des émotions. Les Caractères des passions de Marin Cureau de La Chambre, in: Littératures classiques 2009/1 (N° 68), pages 161 à 175

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Philosophisches Taschenwörterbuch: Bornes de l’ésprit humain – Grenzen des menschlichen Geistes. (Kommentare)

Hintergrund:
Die Philosophie der Aufklärung wendet sich gegen das jahrhundertelang praktizierte Verfahren, aus allgemeinen Begriffen die Wirklichkeit abzuleiten („universalia realia sunt“), vom Allgemeinen auf das Besondere zu schließen. David Hume (1711-1776) führte in seinen epochalen Werken Treatise of Human Nature (1739) und Enquiry Concerning Human Understanding (1748) die menschliche Fähigkeit, Vorgänge nach Ursache und Wirkung zu unterscheiden, auf die empirischen Erfahrung der Menschen, aus der sie induktiv auf die Ursache eines Phänomens schließen, zurück und lehnte die Annahme eingeborener Ideen oder Kategorien ab (Kap.4. Enquiry). In Frankreich war es vor allem Étienne Bonnot de Condillac (1714.1780), der in seinem Werk Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis (erste Ausgabe 1746) das Einfachste, von dem man auf der Suche nach der Wahrheit ausgehen müsse, in der sinnlichen Wahrnehmung und nicht in den Denkvorgängen sah, die nur allzuoft Fehler und Vorurteile enthalten.
Voltaire war schon sehr früh derselben Ansicht (Drama Ödipus 1719): „Vertrauen wir nur uns selbst, sehen wir alles mit unseren eigenen Augen. Sie sind unsere heiligen Gefäße, unsere Orakel, unsere Götter“. Der kurze Artikel bezieht vor allem Position gegen René Descartes‘ (1596-1650) Rationalismus, dessen Auffassungen von Materie und Geist in Frankreich unter den Gebildeten immer noch vorherrschend waren. An sie richtet Voltaire in diesem Artikel das Wort und fordert sie auf, den Weg zur Befreiung von religiöser Bevormundung, zur Überwindung der Grenzen des menschlichen Geistes weiterzugehen.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S.77, zweiter Satz: Wie dein Arm und dein Fuß Deinem Willen gehorchen): In seinem „Discours sur la Methode“ (5.Teil) sagt Descartes über die „Lebensgeister“ (ésprits), dass durch deren Verteilung in den Muskeln die Glieder des Körpers sich verschieden bewegen.

Anmerkung 2 (S.77, dritter Satz: Wie sich das Kind in der Gebärmutter bildet): Über die Frage, wie Leben entsteht, war im 18. Jahrhundert eine lebhafte Diskussion im Gange. Die Präformationstheorie besagte, dass in der Eizelle – oder im Sperma  – der fertige Mensch (ein Homunculus) mit all seinen Organen enthalten sei und nur noch wachsen müsse. Voltaire glaubte dagegen an eine Entwicklung aus einem seit jeher bestehenden Bauplan (Epigenese: Die Organe werden während der Entwicklung neu gebildet), er folgte darin seinem Zeitgenossen, dem berühmten Biologen Georges Buffon (1707 – 1788) der  in seinem Werk Allgemeine Naturgeschichte, Zehntes Kapitel: Von der Bildung der Leibesfrucht (1749).die Homunculustheorie ablehnte.

Anmerkung 3 (S.77, zweiter Absatz: Wie das Weizenkorn wächst): Voltaire spielt hier auf den Fall des von der Inquisition in Toulouse auf dem Scheiterhaufen verbrannten Lucilio Vanini (1585-1619) an, der mit dem Weizenkorn-Beispiel die Existenz Gottes beweisen wollte.  

Anmerkung 4 (S.77, zweiter Absatz: wie die Erde einen Apfel oben auf diesem Baum hervorbringt): Auch dies ist ein Hinweis auf den Biologen Georges Buffon. Er beschrieb in seiner Allgemeinen Naturgeschichte (Zweites Kapitel: Von der Hervorbringung seines Gleichen überhaupt), wie man sich die Fortpflanzung von Pflanzen vorzustellen habe.

Anmerkung 5 (S.77, letzter Satz: Deine Devise ist: Was weiß ich nicht): Das ist der rote Faden in den Meditationen von Descartes, an allem zu zweifeln: „Was also bleibt Wahres übrig? Vielleicht nur das Eine, dass nichts gewiss ist“ (Meditationen, II, 2). In ihrer Anmerkung zu dieser Stelle meint die Voltaire-Foundation, es könnte mit dem angesprochenen „hochnäsigen Dummkopf“ der Literat Jean-Jacques Lefranc de Pompignan gemeint sein, der, als Nachfolger des verstorbenen Maupertuis, in seiner Antrittsrede 1760  zu seiner Aufnahme in die Académie française die Enzyklopädisten massiv angegriffen hatte.

Philosophisches Taschenwörterbuch: Tout est bien – Alles ist gut. (Kommentare)

Hintergrund:
Folgt man der christlichen Lehre, ist der Mensch seit der Erbsünde (die Sache mit Adam und Eva) auf ewig verdammt, sein Erdenleben eine Bestrafung und der Tod eine unsichere Erlösung. Wo einer lebte, arbeitete, wann einer starb, war von der Vorsehung bestimmt und es gab keine individuelle Freiheit. Dass das Erdenleben eine Bestrafung ist, werden Viele als übereinstimmend mit ihren Lebensverhältnissen empfunden haben, nicht aber ein selbstbewußter Bürger des 18. Jahrhunderts. Wie es mit dem Glauben an einen allmächtigen Gott vereinbar ist, dass wir schwere Krankheiten erleiden, dass Kriege geführt werden, dass ersichtlich rücksichtslose und ungehobelte Menschen in Reichtum leben, während gutgesinnte, gebildete an der Existenzgrenze dahinvegetieren – dieses Thema, unter dem Begriff der „Theodizee“ bekannt, beschäftigte im 18. Jahrhundert die größten Geister und enthielt erhebliche Sprengkraft: Entweder war das Böse/Üble gottgewollt (etwa als Strafe für den Sündenfall), dann war er nicht liebenswert, oder es kam ohne seinen Willen hinzu, dann war er nicht allmächtig, oder es war eben nicht besser möglich, so dass, wie Leibniz meinte, was wir haben, die beste aller möglichen Welten wäre. In jedem der drei Fälle schneidet Gott nicht wirklich gut ab. Im 18. Jahrhundert genügte jedoch der Autoritätsbeweis (Der Papst hat gesagt…) nicht länger und die wichtigsten Denker fühlten sich aufgerufen, den Glauben an den einen gerechten und allmächtigen Gott zu retten. Folgendes waren in Kurzform ihre Positionen:

  • Gottfried Wilhelm Leibniz, (Essais de théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal, 1710; dt.: Die Theodizee) prägte hier und an vielen anderen Stellen seines Werkes die Formel von der besten aller möglichen Welten: Gott hat gewissermaßen das Optimum herausgeholt, besser ging es nicht.
  • Alexander Pope, (in seinem Lehrgedicht Essay on Man, 1734; dt.: Versuch über den Menschen) prägte den Spruch: „Whatever is, is right“, der schnell in den Kreisen der Aufklärung diskutiert wurde. Pope versteht es so, dass sich alles, was ist, in einen Gesamtzusammenhang einordnet, so dass, was einerseits als schlecht erscheint, aus anderer Perspektive gut sein kann.
  • „Systemtheoretisch“ sah es Anthony Earl of Shaftesbury (Characteristics of men, manners, opinions, times, 1711) : Nur in Beziehung auf das Gesamtsystem kann beurteilt werden, ob etwas übel ist. Erst wenn es auf kein einziges Subsystem bezogen etwas Gutes darstellt könnte etwas als ‚Übel‘ bezeichnet werden. Daraus folgt, wenn sich alles in die Gesamtordnung einfügt und in dieser in irgendeiner Weise nützlich ist, kann es kein Übel geben.
  • Wie wichtig die Frage, wie das Übel in die Welt kommt, für die damalige Zeit war, lässt sich auch daran ermessen, dass 1753 die Berliner Akademie der Wissenschaften den Entschluss fasste, ihre Preisfrage genau diesem Thema zu widmen. Schon einige Jahre zuvor hatte sich Maupertuis, der Präsident der Akademie, gegen Pope gewandt. In seinem Essai de Cosmologie (1746) identifiziert er das „Alles was ist, ist gut“ als reinen Glaubenssatz, der zudem alles einer unbedingten Notwendigkeit unterwerfe. Die Preisfrage von 1753 lautete folgendermaßen:
    „Die Aufgabe besteht darin, das in der Aussage Popes (All whatever is, is right) enthaltene System zu untersuchen, insbesondere:
    1. Zu bestimmen, was diese Aussage im Sinne des Autors bedeutet.
    2. Sie zu vergleichen mit dem System des Optimismus, bzw. der bestmöglichen Welt, um genau die Unterschiede und die Beziehungen festzustellen.
    3. Schließlich die Gründe anzuführen, von denen man glaubt, dass sie das System stützen oder aber vernichten.“
    Voltaire wird von der Preisfrage gewusst haben (er lebte bis März 1753 in Potsdam/Berlin) und sein Artikel im Philosophischen Taschenwörterbuch gibt darauf eine klare Antwort, dass nämlich der Glaube an einen allmächtigen und gerechten Gott nicht zu retten ist, schon gar nicht mit den Mitteln der Vernunft. Bereits in früheren Schriften hatte er sich mit diesem Thema auseinandergesetzt: In den Philosophischen Briefen von 1728 geht es im 22. Kapitel um Pope; die Erzählung Micromégas mit dem schönen Satz „Wenn das Übel aus der Materie entspringt, besitzen wir mehr Materie als wir brauchen, um sehr viel Übles zu bewirken, und zuviel Geist, sollte das Übel aus dem Geist entspringen“ enthält eine Debatte der Erdbewohner zu dem Thema. In seinem Discours en vers sur l’homme (1736) bezieht Voltaire das „Alles ist gut“ auf das Erleben des Individuums, das gegen die christlichen Finsterlinge sein Recht auf ein glückliches Leben einfordert und die Erbsünde als Märchen ablehnt. Schließlich ist sein Gedicht über das Erdbeben von Lissabon (1755) ein klarer Abgesang auf die Formel Popes und auf die Behauptung Leibniz‘, die er auf eine ferne Zukunft verschiebt, in der es den Menschen vielleicht gelingt, nicht eine gute, aber eine immerhin annehmbare Welt zu schaffen.

Weiterführende Literatur:
Marion Hellwig, Alles ist gut: Untersuchungen zur Geschichte einer Theodizee-Formel im 18. Jahrhundert in Deutschland, England und Frankreich. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2008, 384 S. Hellwig gibt einen hervorragenden Überblick über die Debatte im 18.Jahrhundert und die Positionen Voltaires, Rousseaus, Resnels, Bolingbrokes und u.v.a. zum Theorem „Alles was ist, ist gut“ sowie über die eingereichten Arbeiten zur Preisfrage der Preußischen Akademie von 1753.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S.69, Platons fünf Welten): Platon nennt fünf mögliche Welten, jeder soll eine geometrische Figur entsprechen: Feuer (Tetraeder), Luft (Oktaeder), Wasser (Ikosaeder), Erde (Hexaeder), Himmel (Dodekaeder). Platon aber sagt, dass Gott seiner Meinung nach doch nur eine einzige, alles umfassende Welt erschaffen habe (Timaois, 33).

Anmerkung 2 (S.72, zweiter Abschnitt: Basilides): Basilides (85 – 145) war ein Philosoph der Gnosis, dessen Leben und Werk wir nur von ungefähr kennen, durch seine christlichen Gegner, die ihn als Häretiker denunzieren, überliefert.

Anmerkung 3 (S.73, dritter Absatz: Bolingbroke als Quelle für Pope): Popes Essay Vom Menschen richtet sich an Bolingbroke. Lord Bolingbroke wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft Popes und war mit ihm befreundet. Ob er aber als Quelle für Pope in Frage kommt, ist ungewiss. B. war ein entschiedener Gegner des deduktiven Vorgehens, bei dem man von Axiomen und Grundsätzen ausgeht und daraus Aussagen über die Natur oder auch Gott ableitet. Wissen entsteht nur durch Experimente und durch Beobachtung der Natur. Trotzdem versucht er (Letters or Essays adressed to Alexander Pope, 4. Brief), im Widerspruch zu seiner Maxime, den Grundsatz Popes zu verteidigen.

Anmerkung 4 (S.73/74, Shaftesbury als Quelle für Pope): Voltaire bemerkte bereits 1756 im Vorwort zu seinem Poème sur le désastre de Lisbonne, dass Pope Shaftesburys Caracteristics sehr viel verdankt. Die Textstelle übersetzte Voltaire aus den Caracteristics (1790 Basil, vol. 2) The Moralists, A Philosophical Rhapsody, Sect.3

Anmerkung 5 (S.74,“Ein Chirurg, der die Kunst … perfektionierte“): Die von Voltaire beschriebene chirurgische Methode zur Entfernung der Blasensteine war die sog. Lithotomie, die sogar einen eigenen Beruf hervorgebracht hatte, den Lithotomus. Die Behandlung verlief oft tödlich und – man glaubt es kaum – war von 1500 bis ins 20. Jahrhundert hinein die übliche Verfahrensweise.
Das Verfahren wird auch in der Enzyklopädie im Artikel „Taille“ beschrieben.

Anmerkung 6 (S.75,“Der Sündenfall ist die Salbe…..“): Voltaire bringt hier ironisch die „Argumente“ der christlichen Gegenseite, die Pope kritisierte, weil er den Sündenfall „vergaß“. Demnach ist die Menschheit durch den Apfel-Vorfall im Paradies für alle Zeiten verdammt- und kann erst durch Gottes Gnade erlöste werden. Ein „Alles ist gut“ kann es da natürlich nicht geben, zumindest nicht zu Lebzeiten. Zur Argumentation der Kirche siehe beispielhaft Pierre de Crouzas : Examen de l’Essay de Monsieur Pope sur l’homme, 1737 (engl.: An examination of Mr. Pope’s Essay on man London 1789).

Die Bibliothek Voltaires und Russland

Wie die Bibliothek Voltaires nach St. Petersburg kam

Von Rainer Neuhaus

1. Einleitung: Voltaires Bibliothek sicher in Russland

Voltaires Bibliothek ist nicht nur umfangreich (sie umfasst 6814 Bände), sondern ist auch ein Zeugnis der geistigen Orientierung Voltaires, seiner Arbeitsweise. Während er sich in seinen Veröffentlichungen angesichts der Gefahr kirchlich-inquisitorischer Verfolgung oft verstellen musste, geben uns die vielen, äußerst lebhaften Randnotizen und Anmerkungen Katharina und Voltaire von seiner Hand heute wertvolle Hinweise auf sein wirkliches Denken.
Kaiserin Katharina II. (1729-1796) von Russland ist es zu verdanken, dass diese Bibliothek nach dem Tod Voltaires am 30. Mai 1778 nicht auseinandergerissen wurde, sondern in St. Petersburg als Ganzes erhalten blieb und bis heute von allen Interessierten besucht werden kann. Sie erreichte durch zähes Verhandeln und ein stattliches Preisangebot, dass Voltaires Universalerbin, seine Nichte Marie-Louise Denis, dem Verkauf schließlich zustimmte.

Am 21. Juni 1778 schrieb Katherina an ihren Vertrauten Friedrich Melchior Grimm nach Paris, dass sie die Bibliothek erwerben wolle: „..wenn es möglich ist, kaufe ich seine Bibliothek und alles, was von seinen Papieren übrig geblieben ist, einschließlich meiner Briefe. Ich bin bereit, seine Erben großzügig bezahlen, die, wie ich denke, den Preis von alldem gar nicht kennen. […] Ich werde einen Salon bauen, in dem seine Bücher ihren Platz finden.“1 Später entwickelte Sie den Plan, Voltaires Wohnsitz, das Schloss Ferney, originalgetreu im Park von Tsarskoye Sélo (Alexander Park, Landsitz des Königshauses) bei St. Petersburg nachbauen zu lassen und schrieb an Grimm: „Bitte lassen Sie mir ein Abbild der Fassade des Schlosses von Ferney und wenn möglich den Innenplan der Aufteilung der Wohnungen zukommen. Denn der Park von Zarskoje Selo wird nicht bestehen bleiben, beziehungsweise das Schloss von Ferney wird dort seinen Platz finden. Ich muss noch wissen, welche Wohnungen des Schlosses in Richtung Norden liegen und welche gegen Süden, Sonnenaufgang und Untergang, es ist außerdem noch wichtig zu wissen, ob man den Genfersee oder das Juragebirge aus den Fenstern des Schlosses sehen kann und auf welcher Seite“. Zu diesem Zweck ließ sie ein maßstabsgetreues Modell herstellen und von jedem Stoff (Stühle, Wände) ein Muster beschaffen, die bis heute in St. Petersburg aufbewahrt werden und dort besichtigt werden können.
Einfach umzusetzen war das Vorhaben allerdings nicht.

2. Die Verhandlungen, Der französische Staat, Wagnière kommt ins Spiel, der Vertrag

Friedrich Melchior Grimm (1723 – 1803)2, Pariser Herausgeber einer Art Geheimkorrespondenz für ausgesuchte europäische Adlige , der handschriftlich verfassten „Correspondance-litteraire“, unter seinen Korrespondenten auch Katharina die Große, erhielt von der russischen Kaiserin den Auftrag, die Verhandlungen zum Erwerb von Voltaires Bibliothek zu führen. Sicher vertraute sie auf Grimms hervorragende Beziehungen, die es ihr auch schon ermöglicht hatten, die Zensurvorhaben gegen die Enzyklopädie zu kippen, indem sie Diderot de facto zu ihrem Bibliothekar machte und damit unter ihren Schutz stellte.3 Grimm nahm also Kontakt zu Voltaires Nichte, Marie-Louise Denis, auf, die nicht abgeneigt schien, zu verkaufen, jedoch eine zähe Verhandlerin war, umso mehr, als sie von fast unbegrenzten Mitteln der Kaufinteressentin ausgehen konnte. Nur was die Manuskripte Voltaires anging, unterstützte sie das Projekt einer Publikation durch den Pariser Verleger Panckoucke, der diese in eine von ihm geplante Gesamtausgabe integrieren wollte und überließ ihm die handschriftlichen Dokumente4, die als Universalerbin in ihren Besitz übergegangen waren.

Zuvor wollte jedoch der französische Staat die „gefährlichen“ Manuskripte Voltaires sichten, befürchtete jedoch negative Reaktion vor allem des preußischen, aber auch des russischen Hofes und ließ deshalb den Plan fallen.

Angebot Denis
Letzte Seite des Angebotschreibens (15.12.1778) Mme Denis mit Unterschrift (Russische Nationalbibliothek, Sammlung Bibliothek Voltaire)

Ende 1778 war man sich handelseinig, Mme Denis erhielt 30.000 Goldrubel, einen Koffer mit Pelzen, Schmuck und ein mit Diamanten verziertes Porträt der Kaiserin. Jean-Louis Wagnière, der Sekretär Voltaires, konnte mit der Vorbereitung des Transports beginnen.

3. Die Bibliothek geht auf Reisen

Wenn ein einzelnes Buch ungefähr 500 Gramm wiegt, so war die Bibliothek von Voltaire mit ihren 6814 Büchern 3.500 kg oder 3,5 Tonnen schwer. Dazu kommt noch das Gewicht der 12 zugenagelten Kisten, in die Wagnière, Voltaires langjähriger Sekretär, die Bücher nach dem Tod seines verehrten Dienstherrn verpackt und sie auf Geheiß von Mme Denis am 7. Dezember 1778 von Ferney nach Les Délices in Genf schicken lassen hatte5, jedes in feines Seidenpapier eingeschlagen, nehmen wir an. Wie groß mag eine Kiste für 570 Bücher gewesen sein? Im 18 Jahrhundert bestimmte man die Buchgröße wie heute nach der Seitenzahl, die auf einen Normdruckbogen paßte. Es gab 12 (duodez), 8 (octav) und 4 Seiten, hinten und vorne bedruckt, auf einem Druckbogen. Bei ganz großen Bücher (Folio), druckte man auf dem 43 x 60 cm (was dem DIN A2 von heute entspricht) großen Druckbogen nur zwei Seiten, wie bei der berühmten Encyclopédie Diderots und d’Alemberts, deren 36 Bände selbstverständlich Bestandteil von Voltaires Bibliothek waren6. Dann wären in die 12 Kisten 35 Bücher pro Lage und 16 Lagen je Kiste verpackt worden (ca. 100 cm x 85cm x 65 cm). Eine stabile Kiste dieser Art wiegt mit Beschlägen mindestens 30 kg. Nehmen wir also an, daß die gesamte Ladung 4 t. gewogen hat. Ein Pferdewagen (Zweispänner) konnte im 18. Jahrhundert 2 t transportieren und man schaffte, so beladen, 50 km pro Tag, wenn die Strassen gut waren7. Wenn auf einen Pferdewagen 6 solcher Kisten paßten, waren also mindestens 2 Pferde-Planenwagen unterwegs und vielleicht noch einige Bewacher zu Pferde, um die Bibliothek auf dem Landweg bis nach Lübeck zu befördern. Kein großer Transport, wenn man ihn mit den 1800 Fahrzeugen vergleicht, die der brandenburgische Kurfürst im Dezember 1700 von Berlin aus in Bewegung setzen ließ, um mit seinen Habseligkeiten nach Königsberg umzuziehen8. Trotzdem war eine derart lange Reise (1000 km), für die man 2 Monate brauchte9, gefährlich und, weil man viele Grenzen passieren mußte, schwierig zu organisieren. Grimm, der Beauftragte von Katherina II. (die Große), kümmerte sich darum. Er bat seinen Freund François Tronchin (1704-1781), Mitglied des Rates von Genf, ihm zu helfen: „Vielleicht kann man von Basel aus über den Rhein und den Main [nach Frankfurt] kommen. In Wirklichkeit lasse ich Ihnen unbeschränkte Handlungsfreiheit über alle Vorgehensweisen, weil die Sache eines klügeren Kopfes (als ich es bin) bedarf. Ich beschränke mich lediglich darauf, Sie zu bitten, daß Sie darauf acht geben, daß der sicherste Transportweg dem preiswertesten vorgezogen wird. […] Wenn es in Genf Fahrbetriebe gibt, die direkt nach Frankfurt fahren, würde ich sie allen anderen vorziehen, weil wir dann nur mit einem einzigen zu verhandeln hätten“. Am 20 April verlässt der Transport Genf (Les Délices), am 25 April erreichen die Bücher Morges10. Tronchin hofft, dass sie auf dem Weg über Basel bereits am 16. Mai in Frankfurt ankommen. Als die Meldung eintrifft, dass die Bücher Frankfurt/M. erreicht haben, erhält Wagnière seine Papiere (Grimms Brief 155 vom 23.5.1779), er soll bis Frankfurt in einem Cabriolet fahren, wird dann „mit einer kleiner Postkutsche nach deutscher Art weiterreisen, mit der man ziemlich bequem durch ganz Deutschland kommt“11 . Er soll aber unbedingt Anfang Juli in Lübeck sein, um zusammen mit der Bibliothek per Schiff St. Petersburg anzusteuern. Wagniere verlässt Ferney am 30.5.1779 und trifft in Frankfurt am 11.6.ein. Grimm empfiehlt, dann die Route über Gotha, Potsdam und Rheinsberg nach Lübeck zu nehmen, wo es dank der guten Beziehungen sichere und komfortable Unterkünfte gebe. In Lübeck wartet Wagnière fünf Wochen auf die Ankunft des Schiffes, erreicht schließlich Petersburg am 7. Juli 1779, wo er an Katharinas Hof sehr bevorzugt empfangen wird. Seine Berichte über das Leben Voltaires stoßen dort auf reges Interesse. Er wird beauftragt, die Bücher und Manuskripte auszupacken, zu ordnen und einen Katalog über sie anzufertigen; eine Arbeit, .die ihn bis in den November beschäftigt. Wagnière verlässt schließlich St. Petersburg am 28.12.1779 und erreicht Ferney, wo er bis zu seinem Lebensende wohnen sollte, ausgestattet mit einer russischen Jahrespension von 1500 Pfund, Anfang Februar 1780.

4. Was aus der Bibliothek geworden ist

Die Bücher kamen zunächst in die Räume neben dem Wohnbereich der Kaiserin im Winterpalast, der heutigen Eremitage, wo sie Teil der persönlichen Bibliothek Katharinas wurde, zu der später noch die Bibliothek Diderots hinzukam.. Nach ihrem Tod erhielt die Bibliothek unterhalb der sogenannten „Logen von Raffael“ einen ständigen Standort und war, frei zugänglich, ein beliebtes Ziel für ausländische Besucher. Während der Regierungszeit (1825 – 1855) von Nikolaus I., der Voltaire als Freidenker und Zerstörer der Gesellschaftsordnung des Ancien Régime und Vorbereiter der Dekabristen betrachtete, wurde sie für Besucher geschlossen. 1837 ordnete ein Hofminister an: „Ohne schriftliche Genehmigung darf niemand außer Mitgliedern der kaiserlichen Familie Bücher aus der Eremitage-Bibliothek ausleihen; Diejenigen, die wissenschaftliche Forschung betreiben möchten, dürfen in der Bibliothek arbeiten und Notizen machen, aber es ist verboten, die Bücher der Bibliotheken von Voltaire und Diderot zu konsultieren oder Auszüge daraus zu machen. “ Besonders die Statue des sitzenden Voltaire von Jean-Antoine Houdon, die sich in der Nähe der Bibliothek befand, scheint Nikolaus I. ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Der Bibliophile Rudolf Minzlov schrieb in seinem „Spaziergang in der kaiserlichen öffentlichen Bibliothek“, dass „unter Kaiser Nikolaus I. dieser Freund Katharinas nicht mehr zu den Lieblingsbewohnern des Winterpalastes gehörte. Er reiste von einer Ecke zur anderen, und trotzdem stand diese Marmorstatue durch Zufall die ganze Zeit immer im Blickfeld des Kaisers.“ Voltaires berühmtes Lächeln hätte Nikolaus I. so verärgert, dass er befahl, „den alten Affen wegzunehmen“! Die Statue verließ danach die Eremitage, um zuerst einen Platz in den Kellern des Tauridenpalastes zu finden, bevor sie im Mai 1862 zu den Büchern des Philosophen zurückkehrte, die gerade in die Kaiserliche Öffentliche Bibliothek (heute Nationalbibliothek Russlands) verlegt worden waren. Die Übergabe der Voltaire-Bibliothek an die Kaiserliche Öffentliche Bibliothek erfolgte Ende 1861 unter Alexander II. Baron Korf, Direktor der Bibliothek, erhielt vom Hofminister eine Mitteilung, in der es hieß: „Seine Majestät der Kaiser, weistwegen der Notwendigkeit, in der Eremitage seltene und kostbare Kunstgegenstände zu installieren, ‹…› an: unter den Bibliotheken, die sich in der Eremitage, einschließlich der Bibliothek von Voltaire, befinden, [sollen der Eremitage] nur die Ausgaben verbleiben, die die bildende Kunst betreffen, ihre Geschichte und Archäologie sowie die russische Bibliothek, die für die Diener eingerichtet wurde. Alle anderen oben genannten Bibliotheken sowie alle in der Eremitage aufbewahrten Handschriften, ohne die mit Miniaturmalerei geschmückten auszuschließen, müssen in die öffentliche kaiserliche Stadtbibliothek überführt werden.“ Voltaires Bibliothek befand sich im ovalen Raum im ersten Stock (der heute die russische Sammlung beherbergt). Die Statue von Houdon war bis 1887 an gleicher Stelle bis sie im Jahr 1887 in die Eremitage zurückkehrte.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Bibliothek in die Stadt Melekess an der Wolga (heute Dimitrovgrad) evakuiert und wurde nach ihrer Rückkehr nach Leningrad (heute St. Petersburg) Teil der Abteilung für Seltene Bücher.

5. Wie sich die Bibliothek zusammensetzt12

Voltaires Bibliothek hat 6814 Bände, einschließlich Manuskripte. Mehr als ein Drittel der Drucksachen ist mit Lesenotizen ihres Besitzers versehen: marginalia (vom lateinischen Wort margo, Rand). Tatsächlich befinden sich die Anmerkungen nicht immer an den Rändern, sondern manchmal auf den Bandrücken, Titelseiten, Deckblättern, falschen Titeln, Lesezeichen usw. Einige der Lesezeichen sind auch ohne Aufschrift, bestehen aus Papierfragmenten, die unter Voltaires Hand gefallen sind – Spielkarten, Buchhaltungsunterlagen, Briefentwürfe, Zeitungsfetzen. es gibt Blumen und Grashalme und auch umgeknickte Seitenecken. Die Bibliothek diente dem Schriftsteller als Arbeitsinstrument für die Komposition seiner Werke – Geschichts- und Philosophiebücher, Theaterstücke, Erzählungen, Gedichte, Pamphlete. Wagnière erzählt in seinen Memoiren: „Die Erinnerung von M. de Voltaire war erstaunlich. Er sagte hundertmal zu mir: „Sehen Sie in diesem Werk, in diesem Band, ungefähr auf dieser Seite, ob dort so etwas steht?“, und es kam selten vor, dass er sich irrte, obwohl er das Buch seit zwölf oder fünfzehn Jahren nicht mehr geöffnet hatte. » Bücher über Geschichte dominieren (fast ein Viertel) in ungefähr gleicher Zahl wie die über Literatur und Kunst. Theologische Werke, Werke zur Geschichte der Kirche und zum kanonischen Recht bilden ein Fünftel des Ganzen, ähnlich wie die Philosophie mit den Werken von Rousseau, Diderot, Helvétius, d’Holbach, Montesquieu, Bayle, Pascal, Descartes, Malebranche, Locke, Hume, Toland, Leibniz und anderen Autoren des 18. Jahrhunderts. Die Bibliothek enthält zudem viele Sammelbände, von Voltaire „potpourris“ genannt, in denen er ausgetrennte Seiten aus Büchern und Zeitschriften zu den Themen, die ihn interessierten, zusammenbinden ließ.

Ein sogenanntes Potpourri-Buch aus der Bibliothek Voltaires – Russische Nationalbibliothek St. Petersburg, Sammlung Bibliothek Voltaire
6. Die Nationalbibliothek als Sachwalterin Voltaires

Um diese Bibliothek so vielen Lesern wie möglich und allen, die sich für die französische Kultur interessieren, bekannt zu machen, organisiert die Russische Nationalbibliothek (BNR) bedeutende Ausstellungen. So wurden in den Jahren 1986-1987 in Paris mehrere Bücher von Voltaire im Rahmen der renommierten Ausstellung „Frankreich und Russland im Zeitalter der Aufklärung“ präsentiert. 1994, zum dreihundertsten Geburtstag Voltaires, nahm die BNR an drei internationalen Ausstellungen teil: „Voltaire et ses combats“ in Oxford, „Voltaire chez lui“ in Genf und „Voltaire et l’Europe“ in Paris. In den Jahren 1998 und 1999 wurden Werke aus Voltaires Bibliothek im Jean-Jacques Rousseau Museum in Montmorency ausgestellt, und im Juni 1999 fand in Paris eine sehr reichhaltige Ausstellung über „Voltaire, Gerechtigkeit und öffentliche Meinung“ statt, die gemeinsam vom BNR und dem Kassationshof organisiert wurde.

Veranstaltungsplakat 1999 Paris – „Wie? Sie möchten eine Organisation mit dem Namen Grenzenlose Toleranz gründen? Die wird keine Zukunft haben!“ Russische Nationalbibliothek St. Petersburg, Sammlung Bibliothek Voltaire

Im Jahr 2000 waren Briefentwürfe von Voltaire, die im BNR aufbewahrt werden, Teil der Ausstellung „Friedrich der Große und Voltaire: Ein Briefdialog“ in Potsdam. Schließlich präsentierte sie 2001 im Schloss Ferney der Öffentlichkeit die Stoffproben von Voltaires Wohnungen, die 1779 gleichzeitig mit seiner Bibliothek nach Russland gebracht worden waren. Diese Popularisierungs- und Studienaktivitäten führten zu der Idee, in St. Petersburg ein Forschungs- und Informationszentrum für das Zeitalter der Aufklärung und der Enzyklopädie zu schaffen. Die grundlegenden Ziele dieses „Voltaire-Zentrums“ sind die Vervollständigung der Ausgabe des Korpus seiner Lesenotizen, die Herausgabe eines wissenschaftlichen Katalogs von Voltaires Handschriften und deren Digitalisierung, die Einrichtung einer neuen erweiterten Ausgabe des Bibliothekskatalogs von Voltaire und die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Texten, die der Aufklärung in Europa gewidmet sind. Eine der spezifischen Aufgaben des Zentrums wird es sein, die Einheit der Bibliothek von Diderot und die Privatbibliothek von Katharina II. wieder herzustellen, die derzeit in der ausländischen Sammlung des BNR verstreut ist. Im Jahr 2003 wurde der Voltaire-Bibliothek ein neuer Standort innerhalb der Russischen Nationalbibliothek zugewiesen, der dank der französisch-russischen Zusammenarbeit geschaffen wurde, die von Nikolay Kopanev, dem damaligen Direktor der Abteilung für Seltene Bücher, initiiert und von den Regierungen Russlands und Frankreichs (insbesondere Präsident Jacques Chirac) unterstützt wurde. Die Wiederaufbauarbeiten begannen 2001 und wurden 2003 abgeschlossen. Der Saal wurde während des dreihundertsten Jahrestages der Gründung von St. Petersburg am 28. Mai 2003 in Anwesenheit der Premierminister der beiden Länder, Mikhail Kasyanov und Jean-Pierre Raffarin, eingeweiht. Das Centre d’Étude du Siècle des Lumieres wurde 2004 an derselben Stelle eingeweiht. Seitdem bringt das Internationale Kolloquium Lectures Voltairiennes Forscher aus allen Ländern zusammen. Die Voltaire Bibliothek ist für Besucher und Forscher geöffnet. Sie strebt danach, Voltaires Geist weiterzugeben: Bildung, Intelligenz, Toleranz und Offenheit gegenüber der Welt.

Bibliothek Voltaire
  1. Catherine II de Russie, Friedrich Melchior Grimm, Une correspondance privée, artistique et politique au siècle de lumière, Moscou 2016, S. 150 (Brief 63)
  2. Zu Grimm: Wolf, Winfried, Friedrich Melchior Grimm, ein Aufklärer aus Regensburg, Regensburg: Eigenverlag (epubli), 2019, 533 S.
  3. 1765 kaufte Katharina, um Diderot aus finanzieller Not zu retten, dessen Bibliothek, mit der er in Paris arbeitete (und auch diese Bibliothek befindet sich heute in Russland) und ließ ihm ein auskömmliches Jahresgehalt (1000 Livres) anweisen.
  4. Panckoucke wurde das Projekt aber zu anspruchsvoll und er verkaufte seine Unterlagen 1779 an Beaumarchais, der dann Voltaires Werke in der berühmten Kehler Gesamtausgabe herausgab.
  5. Wagniere, Brief an Grimm vom 18.8.1778, in: Jean-Louis Wagnière ou les deux morts de Voltaire, Correspondance inedite, présentation et notes de Christophe Paillard, Saint-Malo:Christel, 2005, 460 S, S.175 f. Die eilige Überstellung nach Genf war nötig geworden, nachdem Mme Denis das Schloss Ferney verkauft hatte und befürchtete, dass der neue Eigentümer die Bibliothek nicht herausgeben könnte.
  6. Eine besuchenswerte Internetseite zu diesem Thema: http://austria-forum.org/af/Heimatlexikon/Schriftsetzer (1996)
  7. Sieferle, Rolf Peter, Transport und wirtschaftliche Entwicklung, in: ders., Breuninger, Helga, Transportgeschichte im internationalen Vergleich Europa-China-Naher Osten, Stuttgart: Breuninger Stiftung 2004, S5-44.
  8. Nur so konnte er vom Kurfürsten zum König aufsteigen. Hildebrandt, Dieter, Das Berliner Schloß, Deutschlands leere Mitte, München:Hanser, 2011, 293 S.,S.65
  9. schreibt Grimm am 25.4. an Wagnière (310), nach Paillard, Jean Louis Wagnière, Oxford: Voltaire Foundation, 2008
  10. Paillard, Christophe, Jean-Louis Wagnière ou les deux morts de Voltaire, St. Malo: Christel, 2005, S.309/310
  11. Paillard, Christophe, Jean-Louis Wagnière, S.312
  12. Der Text folgt ab hier bis zum Ende: Bibliothèque Nationale Russe: La Bibliothèque de Voltaire, https://nlr.ru/voltaire/RA415/histoire-bibliotheque-Voltaire (abgerufen: 2022) und:
    Nikolaï Alexandrovitch Kopanev, La Bibliothèque de Voltaire à St. Petersbourg ; https://gallica.bnf.fr/dossiers/html/dossiers/Voltaire/D2/Frame.htm (abgerufen: 2022)

Online Ausstellungen der Russischen Nationalbibliothek St.Petersburg:
o Rousseau und Voltaire
o Voltaire und die Religion
o Geschichte der Voltaire-Bibliothek


Philosophisches Taschenwörterbuch: Bien. Souverain Bien – Das Gute. Das Höchste Gut (Kommentare)

Hintergrund:
Thomas Hobbes (1588 -1679) stellt sich der Idee vom „Guten an sich“ entgegen. Nach ihm liegt das Gute im Begehren und er stellt fest, dass wir nach immer weiterem „Guten“ begehren. Das Ende des Begehrens wäre gleichbedeutend mit dem Tod (Vom Menschen XI.15). Für John Locke (1632 – 1704) ist das Gute ganz einfach das, was Lust erregt (Versuch über den menschlichen Verstand II,21 §42 ff). Ähnlich ist auch der kleine Essay von Voltaires langjähriger Lebensgefährtin Emilie du Châtelet „Rede über das Glück“ zu verstehen, der bis heute nichts von seiner lebendigen Überzeugungskraft verloren hat: Glück wird darin nicht ethisch moralisch überhöht, sondern als Moment erstrebenswerten Wohlgefühls verstanden, von dem wir möglichst viele erleben sollten, um unser Leben angenehm zu machen. Emilie du Châtelet war auch die Erstübersetzerin der Bienenfabel von Manedeville, in der er behauptet, dass persönliche Tugend (Genügsamkeit, Friedfertigkeit) für den Fortschritt und die Prosperität der Gesellschaft weniger förderlich seien als zum Beispiel Luxus und Verschwendung.

Ganz anders die Philosophen der Antike, die sich mit dem, was als das höchste Gut anzusehen sei, auseinandersetzten. Was Menschen erstreben, was sie erreichen wollen, kann man als „das Gute“ bezeichnen. Es gibt Güter, die man nicht um ihrer selbst willen erstrebt, sondern um ein weiteres, höheres zu erreichen. Reichtum zum Beispiel wäre solch ein Gut, mit dem man sich anderes sichern will, etwa Wohlstand oder persönliche Unabhängigkeit. Welches ist aber dann das höchste aller Güter, das „summum bonum“? Und: ist es für alle das gleiche, oder ist es für jeden etwas anders?
Platon meint, Gerechtigkeit und Schönheit wären höchste Güter, denn sie erstrebe man um ihrer selbst willen und behauptet, dass wir die Idee eines absolut Guten in uns tragen, nach dem wir unser Handeln ausrichten. Die Vorstellung vom Höchsten Gut sei wie die Sonne, die alles erleuchtet, sie sei die Antriebskraft allen menschlichen Handelns (Politeia Kapitel VI).

An diese Vorstellung Platons vom höchsten Gut brauchte das Christentum nur seinen Gott anzuheften, als ein „summum bonum“, dem man zustrebt, das alles Handeln bestimmt und dem man schlussendlich im Jenseits begegnet. Ähnlich formulierte es Augustinus (De civitate Dei, [dt. Vom Gottesstaat], XIX).

In seinen kurzen Artikeln De la chimère du souverain bien und auch in Le songe de Platon aus dem Jahr 1756 kritisiert Voltaire die Ideenlehre Platons, weil in ihr Vorstellungen für Realität ausgegeben werden, die nur in Platons Theorie exisitieren.

Abschließend sei auf den Artikel „Bien“ des Abbé Claude Yvon in Diderot’s Enzyklopädie hingewiesen, der in der Tugend das höchste Gut erblickt und behauptet, dass einem das tugendhafte Leben post mortem im Paradies vergütet würde.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020):

Anmerkung 1 (S.68, zweiter Abschnitt: „[Das höchste Gut] .. uns ergötzt und unfähig macht noch etwas anderes zu empfinden“) Wie Voltaire an anderer Stelle schrieb : „Die Philosophie verspricht das Glück, aber die Sinne verschaffen es“ (carnets), so hält er sich auch hier an das sinnliche Empfinden: Das Gute ist mit der Lust verwandt, das Böse mit dem Schmerz.

Anmerkung 2 (S.68, dritter Abschnitt: Fabel von Kantor] .Die Fabel positioniert das Gute in die Nähe dessen, was Lust erregt und stammt ursprünglich von Sextus Empiricus (Kap. 3, ), wird aber auch in dem Enzyklopädieartikel (s.o.) wiedergegeben.

Anmerkung 3 (S.69, Voltaire lehnt die Auffassung von der Tugend als dem höchsten Gut ab. Tugendhaft zu sein, besteht für ihn allein darin, dem Nächsten Gutes zu tun (-> Artikel Vertu – Tugend).

Philosophisches Taschenwörterbuch: Bêtes – Tiere (Kommentare)

Hintergrund:
Um sich nicht gegen die Kirche richten zu müssen, für die Tiere seelenlos und dem Menschen untertan sind, kritisiert Voltaire den auch unter Aufklärern hochgeschätzten Descartes.
Descartes spricht im 5. Abschnitt seines Discours sur la méthode 1637 (s. Werke VIII, n. Julius Kirchmann S. 65: Abhandlung über die Methode) den Tieren ab, über Vernunft zu verfügen und betrachtet sie als nach einem fixen Bauplan verfertigte, maschinengleiche Lebewesen. Gott schuf sie in einer Perfektion, wie sie von Menschen nicht hergestellt werden könnten. Indem er aber die Vernunft (eine denkende Seele) für die Menschen reservierte, hob er sie aus dem Tierreich heraus und ermöglichte ihnen, sich ihre Lebensweise aus eigenem Antrieb (Willen) frei zu gestalten. Tiere dagegen folgen ihrem angelegten Bau- und Funktionsplan, aus dem sie nicht ausbrechen können.
Auch antworten Menschen auf äußere Ereignisse in ganz differenzierter Weise, während Tiere darauf immer in der genau festgelegter Weise reagieren:

«Car, au lieu que la raison est un instrument universel, qui peut servir en toutes sortes de rencontres, ces organes ont besoin de quelque particulière disposition pour chaque action particulière ; d’où vient qu’il est moralement impossible qu’il y en ait assez de divers en une machine, pour la faire agir en toutes les occurrences de la vie, de même façon que notre raison nous fait agir».

Descartes, Discours

Auch die den Tieren fehlende Sprache sieht Descartes in diesem Zusammenhang: selbst die einfältigsten, oder gar geistig behinderten Menschen können Wörter kombinieren, um ihre Gedanken mitzuteilen. Selbst Taubstumme erfinden zu diesem Zweck Zeichen. Tiere vermögen solches – wozu man nur wenig Vernunft benötigte – nicht; was zeigt, dass sie gar nicht über Vernunft verfügen.

Das Besondere des Menschen ist also, dass er über Denkvermögen verfügt. Es muss geschaffen worden sein, da es niemals aus der Materie hervorgegangen sein kann. Descartes geht davon aus, dass dieses Geschaffene eine denkende Seele ist, die Gott der Materie eingepflanzt hat. Es folgt der bemerkenswerte Hinweis, dass Gottesleugner, indem sie meinen, Tiere hätten eine Seele, die von der gleichen Natur wie die der Menschen sei, auch annehmen müssten, dass Menschen wie Tiere nach dem Tode nichts zu fürchten oder zu hoffen haben. Dies sei ein Irrtum, der schwache Geister mehr als alles andere vom Pfad der Tugend ableite.

Zunehmend wurde im 18. Jhdt. die strikte Trennung zwischen Mensch und Tier abgelehnt, mehr noch, der Mensch geriet nun auch als ein Mängelwesen in den Blick, das, verglichen mit den Tieren, oft sehr viel schlechter an die Umweltbedingungen angepasst ist (Herder: „Als nacktes, instinkloses Tier betrachtet, ist der Mensch das elendeste der Wesen“, Abhandlung über den Ursprung der Sprache). Das ist aber gerade der Grund für die Höherentwicklung: Wer von Natur aus Mangel leidet, entwickelt Verstandeskräfte, um ihn zu beheben.

Zur Debatte über das Wesen der Tiere im 18 Jhdt. (eine gute Übersicht gibt Ulrich Richtmeyer in La Mettrie, Die Tiere sind mehr als Maschinen, 2021):

o kurzer Artikel „Bêstes“ aus dem Jahr 1747 im Journal de Trévoux der Jesuiten („Tiere sind ohne Vernunft“, berichtet über die Antike, die den Tieren die Fähigkeit zu Denken attestiert und referiert zeitgenössische Veröffentlichungen zum Thema).
o Paradies, Ignace-Gaston, Discours de la connaissance de bêtes (1672), nimmt an, dass Tiere über Intelligenz und Gefühle verfügen, aber wir über sie nicht genug wissen und lehnt die Maschinenthese ab
o Racine, Louis, Première épître sur l’âme des bêtes, lehnt die Maschinenthese Descartes ab
o La Mettrie, L’Homme machine 1747 (dt. Der Mensch eine Maschine, 1875) indem er Mensch und Tier betrachtet, als seien sie Maschinen, fokussiert er auf die körperlichen Vorgänge, die sich qualitativ fast gar nicht unterscheiden. Damit brachte er die religiöse Umgebung gegen sich auf und musste aus Frankreich und Holland fliehen)
o La Mettrie, Julien Offray de, Die Tiere sind mehr als Menschen, hrsg. Ulrich Richtmeyer Berlin: Kadmos, 2021
o Bayle, Pierre, Artikel Rorarius im Dictionnaire historique et critique. v. 1697 (dt. Rorarius‚ im Historisch kritischen Wörterbuch, 1744),
Der Artikel bezieht sich auf das Werk Quod animalia bruta (1654) von Hieronymus’ Rosarius, kath. Nuntius in Ungarn, der Tieren Vernunft zusprach und meinte, sie würden sich ihrer sogar besser bedienen als die Menschen.
o Reimarus, Hermann Samuel, Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Tiere, 1762. In seinem der Aufklärung verbundenen Ansatz wandelt er auf den Spuren von La Mettrie, indem er Tiere und Menschen, der christlichen Lehre ganz entgegengesetzt, als wesensgleich betrachtet.