Voltaire, Candide oder der Optimismus. Neu übersetzt von Tobias Roth und illustriert von Klaus Ensikat. Officina Ludi: Großhansdorf, 2018, 123 S.

erschienen: Großhansdorf 2018

Übersetzungen, besonders wenn es sich wie bei Candide um Werke der Weltliteratur handelt, die schon zwei Dutzend mal ins Deutsche übertragen wurden, erfordern einerseits Mut und andererseits Selbstvertrauen. An beidem mangelt es Tobias Roth nicht, hat er doch schon Voltaires Mohammed ins Deutsche, und zwar in gereimte Verse, übersetzt.

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Lettres philosophiques – Philosophische Briefe

(erstmals publiziert in englischer Sprache als: Letters concerning the English Nation, London 1733 (C.Davis and A.Lyon) und auf Französisch unter dem Titel: Lettres écrites de Londres sur les Anglais et autres sujets, par M.D.V….À Basle [=London] 1734) In seinen Briefen aus England vergleicht Voltaire die politischen und geistig-philosophischen Lebensbedingungen dort mit denen in Frankreich, wobei letzteres recht schlecht abschneidet.

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Voltaire vernebelt: Voltaires Fanatismuskritik in Zürich entschärft – Nov. 2017

Adaption von Voltaires Der Fanatismus oder Mohammed der Prophet im Volkshaus Zürich

Aufführung am 4.11.2017 (Prophet 3.0, Regie Andrej Togni). Besprechung der Erstaufführung.

Als die politisch-propagandistische Offensive des Islam unter aktiver Förderung der westlichen Regierungen in Europa begann, bewirkte vor 24 Jahren ein Genfer Stadtrat, daß die Aufführung von Voltaires Der Fanatismus oder Mohammed der Prophet abgesagt werden mußte, ganz einfach dadurch, daß er der Schauspieltruppe die zugesagten finanziellen Mittel entzog. Um des lieben Friedens willen, sozusagen, denn auf den Straßen demonstrierten von den Brüdern Ramadan aufgestachelte Kopftuchfrauen. Die Absage führte zu erregten Debatten in der Genfer Bevölkerung, immerhin hätte das Stück zum 300. Geburtstag Voltaires gezeigt werden sollen. Das geschah 1993, wenige Jahre nach dem Mordaufruf Khomeinis gegen Salman Rushdie.

24 Jahre später spricht die Stadtpräsidentin Corine Mauch in Zürich bei dem sogenannten Denkfest des schweizerischen Freidenkerverbandes das Grußwort und Voltaires Mohammed soll unter dem Titel Prophet 3.0 öffentlich aufgeführt werden. Hat sich die Stimmung in der Schweiz mittlerweile so gewandelt, daß sich die islamistischen Fanatiker nicht mehr aus ihren Löchern trauen?

Das Gegenteil ist der Fall, gewandelt hat sich die Stimmung, aber zum Nachteil der Errungenschaften der französischen Revolution und zum Vorteil aller Dunkelmänner unserer Zeit. Regisseur Togni und Kollegen haben in vorauseilendem Gehorsam das Stück Voltaires durch eine Art Rahmenhandlung in einen wortreichen Vollnebel eingehüllt, der verhindern soll, daß die islamkritische Stimme Voltaires die Zuschauer erreicht.

Bereits in der Einführung des Übersetzers konnte dieser (Tobias Roth) nicht oft genug betonen, daß Voltaire mit Mohammed nicht Mohammed gemeint habe und daß sich das Stück in Wirklichkeit gegen die christliche Religion richte. Tatsächlich wußte zu Voltaires Zeit jedermann, wer mit Fanatismus gemeint war, eben nicht Mohammed, sondern die katholische Kirche mit ihrem Verfolgungswahn gegen die Protestanten in Frankreich. Aber genauso richtig ist es, daß ein Voltaire und mit ihm jeder aufgeklärte Mensch unserer Tage keinerlei Mühe hätte, den Fanatismus heute in den aktuellen Islamisten aller Couleur zu identifizieren. Und ein Scharlatan ist, wer anderes behauptet.

Voltaires Stück heute aufzuführen und die Fanatiker im Namen Mohammeds, ihre Angriffe auf die Errungenschaften der französischen Revolution überhaupt nicht zu erwähnen, mehr noch: sklavisch zu vermeiden, bedeutet zunächst einmal eine elende Kriecherei vor den islamistischen Halsabschneidern selbst. Doch damit leider nicht genug. Die Macher von Prophet 3.0 sind absichtlich bestrebt, all jene auszugrenzen, die es wagen, sich islamkritisch zu äußern. Diese betrieben „Islambashing“, trügen Scheuklappen heißt es in dem schmalen Programmheftchen zur Veranstaltung, um darüber hinaus die Opfer des Attentates gegen Charlie Hebdo dadurch zu verhöhnen, daß man ein schwarzes Rechteck mit dem hämischen Kommentar abdruckt, daß dort ja „Ihre Karikatur stehen könnte“ (also die der Islamkritiker):

(Aus dem Programmheft Prophet 3.0)

Worin besteht nun die Tognische Vernebelungsmethode – er selbst nennt sie „Verschränkung mit der Gegenwart“ in dem Stück Prophet 3.0? Passend zum Titel, als wäre sie direkt dem Internet entsprungen, besteht sie ganz einfach darin, möglichst viele, möglichst nur entfernt oder gar nicht zum Thema (hier Fanatismus) gehörende Fremdinhalte vorzubringen, um das Interesse des Zuschauers vom eigentlichen Feld abzuziehen und ihn so zu verwirren, daß sich in dem überfluteten menschlichen Gehirn kein einziger klarer Gedanke zum Thema Fanatismus mehr bilden kann: so wird erzählt, daß die USA ihre Munition in Schweinefleisch badeten , um den Muslimen besondere Angst zu machen, daß Frauen nicht baden dürften, weil das Wasser sie auch ‚unten herum‘ umfasse, daß Hunde und Musik als unrein gelten, daß die Großmutter der Protagonistin den Wasserhahn öffnete, um durch das Geräusch des fließenden Wassers ihre bösen Träume zu verscheuchen, daß in den Moscheen keine Bilder hängen, daß das früher anders war, daß die Religion von Männern erfunden, aber von Frauen aufrechterhalten werde. Es wird behauptet, daß Religion mit Humor verbunden, im Senegal zu einem erträglichen Zusammenleben verschiedener Glaubensrichtungen führe, ein Witz wird zum besten gegeben, usw. usf. Dazwischen Gesangseinlagen, schön vorgetragene iranische Lieder, aber auch Suren aus dem Koran, die man ohne Furcht, antislamisch genannt zu werden, harmlos wie sie waren, ins Deutsche übersetzen konnte.
Kein einziges Wort zu den Fanatikern unserer Tage und den Ursachen für die Blutspur, die sie durch Europa ziehen.

Nur dadurch, daß der Text Voltaires weitgehend unverfälscht wiedergegeben wurde, war erstaunlicherweise – auch durch die schauspielerische Leistung von M. Löwensberg, das sei hier hervorgehoben – die Stimme Voltaires durch die ganze Tognische Nebelfront hindurch überhaupt noch vernehmbar. Wie Löwensberg das „Du wagst zu denken? Das hat mit Glauben nichts zu tun! Zu schweigen, zu gehorchen, das sei allein dein Ruhm“ skandierte, ging unter die Haut. Nur die Antwort Saïds, von R.Schnoz äußert nachlässig und schnodderig heruntergespielt, war alles andere als glaubwürdig, womit der Effekt, der darin bestehen könnte, die grauenhafte Wendung Saïds zum Fanatiker zu erleben, zu begreifen, buchstäblich verspielt wurde.

An dieser zentralen Stelle des Stücks bietet sich ein vergleichender Blick auf die Übersetzung von Tobias Roth und die von Togni & Co vielgeschmähte Johann Wolfgang von Goethes an. Wenn Mohammed die Zweifel Saïds an seinem Mordauftrag sofort kontert und ihn mit:

Téméraire, On devient sacrilège alors qu'on délibère.
Loin de moi les mortels assez audacieux
Pour juger par eux-mêmes, et pour voir par leurs yeux !

attackiert, übersetzt das Goethe folgendermaßen:

Verwegener, halt!
Wer überlegt, der lästert! Fern von mir
vermessener Sterblichen beschränkter Zweifel,
die eignen Augen, eignem Urteil traun!

und wird daraus bei Roth:

Verwegener, man
versündigt sich, wenn man hier noch erwägen kann.
Sie seien fern von mir, die Menschen, die da meinen
sie könnten selber sehen, selber urteilen.

Das ist nicht unbedingt schlecht, nur an dieser zentralen Stelle der Tragödie ist Roths Übersetzung weitaus weniger kraftvoll (statt lästern: „versündigen“, statt Zweifel: „erwägen“ und das audacieux, bei Goethe „vermessen“, fällt bei Roth ganz durch das alexandrinische Raster) und schwächt dadurch die Wirkung der wichtigen Schlüsselszene ab.

Immerhin antwortete Roth einem Zuschauer im anschließenden Publikumsgespräch auf dessen Empfehlung, den Text Voltaires so zu modernisieren, daß er sich nicht so stark von der Sprache Tognis in der Rahmenhandlung unterscheide, das werde er nicht tun, denn schließlich sei er Voltaire und nicht Togni verpflichtet.

Das Publikum sah sich beim Publikumsgespräch, passend zur Methode 3.0, zum Statisten, Stichwortgeber degradiert, die Zeit war für eine Diskussion selbstverständlich zu knapp, Unterstützer für irgend einen freidenkerischen Kampf gegen den Fanatismus suchte man ohnehin nicht, so war man eher froh, als man die leidige Pflicht hinter sich gebracht und die Leute hinauskomplimentiert hatte.

Um das ganze Ausmaß des Niedergangs zu veranschaulichen, seien aus den Äußerungen der Podiumsteilnehmer abschließend einige Zitate im Wortlaut wiedergegeben. Sie zeigen, wie und in welche Richtung sich mittlerweile, 28 Jahre nach dem Mordaufruf Khomeinis gegen Salman Rushdie, die Stimmung in der Schweiz und in Europa verändert hat:

Togni: „Das Stück hat mich interessiert, ich habe mich gefragt, soll ich es machen? Aber nur unter der Bedingung, daß ich es mit der Gegenwart verschränken kann. Es war mir ein Anliegen, erstens, eben diesen Bezug zur Gegenwart herzustellen und zweitens herauszuarbeiten, daß es nicht um Islambashing geht, sondern wirklich darum, einen Focus zu legen auf die Gemeinsamkeiten von allen Religionen.“

Löwensberg (Darsteller von Mohammed und Omar): „Ich hatte meine Zweifel: Ist es richtig, einen Mohammed zu zeigen, der so schlecht und so fies ist, zu einem Vatermord anstiftet. Ist es richtig, eine ganze Religion, so viele Millionen Moslems die da ihren Propheten in den Dreck gezogen sehen [zu provozieren]?“

Zarina Tagjibaeva: (Darstellerin der Palmyre): „Ich wollte nicht mit dem Finger auf den Islam zeigen.., ich komme aus einer muslimischen Familie…Ich hatte wirklich Sorge: ursprünglich wollte man den Namen des Stückes behalten, also Fanatismus oder Mohammed, ich fand das zu sehr auf Mohammed bezogen, habe dann eigentlich wirklich darauf beharrt daß man Prophet 3.0, daß man das behält.“

Tagjibaeva: „Uns allen ging es bei diesem Stück nicht wirklich um den Islam, sondern es ging um die Religion als solche … ich finde, der Glaube ist etwas Persönliches, man muß für sich glauben und soll die Anderen in Ruhe lassen.“

Togni: „Ich habe dann auch noch Islamspezialisten kontaktiert und sie gebeten, mir eine Riskoeinschätzung zu geben und die haben mir eigentlich gesagt: besser nicht Mohammed im Titel. Die haben mir gesagt, sie schätzen das Risiko ansonsten nicht so hoch ein.“

Rainer Neuhaus

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Voltaire verhunzt: Die Prinzessin von Babylon im Freitag-Blog Okt. 2016

Zum Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Soloto vom 21.10.2016

von Rainer Neuhaus

Der – aus unserer Sicht – widerlichste Text des Jahres 2016 stammt von einem Mitglied der Freitag-community und ist eine ‚Gendermeditation’, soll wohl heißen, daß einer herauslabert, was unter Ausschaltung jeglicher Vernunft aus seinem unbewussten Schlamassel zum Thema Voltaire so alles hochkommt. Was dabei herauskommt? Ein stinkender, sich selbst als Rosenduft empfindender Misthaufen – nichts anders.

Sich diesem Unrat zu widmen, hieße Perlen vor die Säue werfen, wenn denn nicht Gestank die Eigenschaft hätte, sich auszubreiten, oder wenn man damit rechnen könnte, daß Wissen zu Voltaires Leben und Werk allgemein verbreitet ist. Außerdem hilft es vielleicht, einige Illusionen über Zeitungen von der Art des Freitag zu vertreiben.

Hier, was Mister Soloto in seiner Gendermeditation zum Besten gibt. Und so legt er los: „Viele beziehen sich auf die Aufklärung, doch liest man die Texte wirklich, entstehen Irritationen. Irritationen, um die man seine Gedanken wie Hüften kreisen lassen kann“. Und so endet er: „Diese Sichtweise, versteht sich von selbst, kann ich mit keinerlei Quellenangaben belegen, sie ist pure Spekulation und flatterte mir eben so zu, der Weltgeist zwitscherte, tschilp, tschilp.“ Jaja, der Weltgeist zwitscherte – man hört ihn förmlich krächzen – und gab Freitag-Soloto dann noch diese feinduftende Weisheit ein: „Mag des Menschen spirituelle Essenz auch geistiger Natur sein, hat sie doch ein biologisches Korrelat, das Ejakulat.

Dazwischen liegen seine Ausgüsse zu Voltaires Roman ‚Prinzessin von Babylon’. Freitag-Soloto hat ihn auf der Strasse gefunden, vor einem Hauseingang abgelegt, wie es heute üblich ist: man stößt Bücher ab, setzt sie aus, hofft, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, indem man ein gutes Werk verrichtet. In diesem Fall ging das daneben, denn Freitag-Soloto findet Voltaire, an dem er schon immer einmal sein Mütchen kühlen wollte: „Voltaire, der Verfechter der Vernunft. Ekelig, natürlich, aber auch er hat eine Chance verdient.“ Die Chance ist, daß Meister Soloto den Roman liest. Chapeau!

Wofür steht aber Voltaires Prinzessin von Babylon? Hier, was als Inhaltsangabe auf den Seiten der Voltaire-Stiftung steht:

Die Erzählung „Die Prinzessin von Babylon“ erschien 1768 in Genf. Eine Prinzessin, schön wie Tag und Nacht zugleich, reist, von ihrer Liebe zu Amazan, dem Schäfer, getrieben, rund um die ganze Welt, um ihn wiederzufinden. Ihre märchenhafte Reise führt durch Länder aller politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse, von Tyranneien bis zur konstitutionellen Monarchie, von entwickelten Zivilisationen mit Handel, Kunst und Wissenschaft bis zu Gesellschaften mit nicht viel anderem als Ackerbau und Viehzucht. Es ist äußerst interessant, wie Voltaire die einzelnen Systeme bewertet und alle, die ihn der Sympathie zum Absolutismus verdächtigen, werden hier eines besseren belehrt. Es ist immer wieder überraschend, dass Voltaires Charakterisierungen der einzelnen Völker auch nach 300 Jahren Ihre Gültigkeit nicht verloren haben („Die Deutschen sind die Greise Europas…(S.248)“).Die Reise der Prinzessin endet in Spanien fast mit ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen, denn sie fällt der Inquisition in die Hände. Erst das beherzte Auftreten Amazans und besonders seines scharfen Schwertes „Fulminante“, das mit einem einzigen Hieb „Bäume, Felsen und Priester zerspalten konnte“(S.250), rettet sie vor dem qualvollen Feuertod. Die katholischen Priester, bei Voltaire heißen sie „Schnüffler und Anthropokäer*“ werden besiegt und die Herren Inquisitoren landen auf dem für ihre Opfer vorgesehenen Scheiterhaufen. Rundum also ein glückliches Ende.
* das heißt Menschenverbrenner

Und hier, was Freitag-Soloto halluziniert:
Nachdem er sich an der Liebesgeschichte zwischen der Prinzessin und ihrem Geliebten ergötzt, dreht er Voltaire aus dessen Vergleich der unterschiedlichen Gesellschaftssysteme des 18. Jahrhunderts (von denen es ja heute die allermeisten noch gibt) einen Vorwurf, auf den man erst einmal kommen muß: Voltaire, böse, böse, verwende Stereotype! Richtig, Voltaire typisiert, um dann die Unterschiede zwischen den typisierten Gesellschaftssystemen um so schärfer ins Licht zu stellen. Er würde zum Beispiel gesagt haben, daß die Saudis Frauen verachten und nicht: „zwar dürfen Frauen dort in der Öffentlichkeit nicht erscheinen, aber zu hause werden sie sehr geachtet und verehrt“.
Aber Freitag-Soloto weiß bestimmt: „Heutzutage sind solche stereotypen Beschreibungen des Volkscharakters ja nicht mehr so en vogue und, versuchte man sich trotzdem an ihnen, käme sofort der Einwand, ‚dass ja nicht alle so sind’. Insofern muss man irritiert konstatieren, hier auf einen Punkt zu stoßen, bei dem diejenigen, die heute die Aufklärung für sich in Anspruch nehmen, eine diametral entgegengesetzte Position zu dem vertreten, was zumindest ein Gründervater der Aufklärung im Sinn hatte“.

Als nächstes schafft er ohne jeden Beleg die Schlagwerkzeuge „rassistisch, judäophob“ in seinen meditativen Raum und erklärt Voltaire, die „Ikone der Vernunft“, hätte „mehr mit den Rechtspopulisten gemein als mit ihren Gegnern“. Fait accompli! Außerdem ginge Voltaires Aufklärung nicht mit sexueller Befreiung einher. Ausgerechnet Voltaire! Und wo ist der Beleg? Daß in der Liebesgeschichte die Prinzessin an ihrer Liebe festhält und alle anderen Anwärter abweist! Wer über solche „Beweise“ verfügt, braucht sich um die sexuelle Befreiung wahrlich nicht zu sorgen!

Aber sei’s drum. Freitag-Soloto nähert sich einem der Zentralthemen Voltaires, der Kritik an der katholischen Kirche. Indem er feststellt: „Schonungslos entlarvt Voltaire die katholische Kirche als Homoorganisation und stellt sie vor den Augen der Welt bloß“, glaubt er sich zur Schlussfolgerung berechtigt:
Niemand wird behaupten können, Voltaires militante Homophobie, mag er an anderer Stelle auch noch so sehr den sanftmütigen Vegetarier geben, sei in irgendeiner Weise mit der Position der aufgeklärten Menschheit von heute vereinbar.“ Voltaires Haltung zur Homosexualität führte übrigens dazu, daß er sich erfolgreich dafür einsetzte, einen homosexuellen Schriftsteller vor der Todesstrafe zu retten. Voltaires Entlarvung der Katholika als Homosexuellenorganisation, die ja bekanntlich manchem kleinen Jungen die Unschuld geraubt hat (Voltaire möglicherweise inbegriffen) – und das jahrhundertelang! – seine Kritik an der Verlogenheit, Scheinheiligkeit, Unmenschlichkeit einer der mächtigsten Organisationen der Welt, trägt ihm bei Freitag-Soloto also den Vorwurf der Homophobie ein?
Aber nein, der „lässt sich nämlich probehalber darauf ein, die katholische Kirche als Homoorganisation anzusehen“. Und was findet er dabei heraus? Daß sich durch das Zölibat von 1139 die Attraktivität der Kirche für Heterosexuelle minimiert, aber für Homosexuelle erhöht habe! Jegliches Begreifen von dem, was in der katholischen Kirche in Sachen Sexualität vor sich geht, ist in seinem Elaborat einem bodenlosen Genderian gewichen. Und wie es bei Romantik solcher Couleur nicht anders sein kann, schließt sich an diese einzige ‚analytische’ Stelle im meditativen Text eine vorsichtige, aber doch deutliche Rehabilitation der heiligen katholischen Messe selbst an. Oh heilige Simplicitas!
Wer das alles nicht glauben will, lese es selbst. Aber bitte dabei die Nase zuhalten!

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Voltaire, Candide oder der Optimismus. Neu übersetzt von Tobias Roth und illustriert von Klaus Ensikat. Officina Ludi: Großhansdorf, 2018, 123 S.

Die sehr ansprechende, bibliophile Ausstattung überzeugt mehr als die Übersetzung von Tobias Roth. Dieser mangelt es vor allem an Tempo, dem für Candide so wichtigen, beschwingten Sprachstil, der durch die Neigung,

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Buch der Woche: Abgründig optimistisch – zu Voltaire: Candide oder der Optimismus. Officina ludi. 127 Seiten. 24,80 Euro

Lausitzer Rundschau, 8/9.12.2018 (von Ingrid Hoberg).
Klaus Ensikat, der Illustrator dieser schönen Ausgabe, ist in Finsterwalde aufgewachsen und das liegt in Brandenburg, dem Vertriebsgebiet der Lauitzer Rundschau. Er schuf für diese Candide-Ausgabe 55 aquarellierte Federzeichnungen,

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Charlie Hebdo

in der ersten regulären Ausgabe nach dem Attentat beschäftigt sich die Redaktion im Leitartikel mit der Frage, ob und wie es jetzt weitergehen kann. Wir haben diesen hervorragenden, in allerbester voltairescher Tradition geschriebenen Text übersetzt und hier eingestellt: Editorial vom 25.2.2015

Ermordet am 7.1.2015:
Charb, Cabu, Wolinski,Tignous,HonoréElsa CayatMustapha Ourad,Bernard Maris 
und 4 jüdische Kunden eines koscheren Supermarkts in Paris, Porte de Vincennes: Yohav Hattab (22J) Philippe Braham (45J), Yohan Cohen (23J) und François-Michel Saada (63J) sowie die beiden Polizeibeamten Brinsolaro und Merabet.

-> Mit Voltaire sein, heißt antiislamistisch sein, denn Voltaire war gegen alle monotheistischen Offenbarungsreligionen, die christliche, die islamische und die jüdische. Besonders aber kritisierte er deren Institutionen und den Fanatismus, den sie alle hervorbringen, wenn sie können. Und er sagte: Besser, man hat in einem Land dreissig verschiedene Religionen als eine allein. Ecrasez l’Infâme!

Essay über den Geist und die Sitten der Nationen

ESSAI sur les moeurs et l’ésprit des nations et sur les principaux faits de l`histoire depuis Charlemagne jusqu`au Louis XIII. 1756

Eines der wichtigsten Werke Voltaires, umfangreich, vielleicht deshalb so selten auf Deutsch veröffentlicht. Hier ist zum ersten Mal der Versuch unternommen worden, die Geschichte als  Zusammenwirken irdischer Kräfte und Entwicklungen zu zeigen und  als ein Gesamtbild begreifbar zu machen.

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Theodore Besterman

Ausschnitt Photo Musée de
Voltaire Genf
Ausschnitt Photo Musée Voltaire Genf

Er war der Gründer der Voltaire Foundation in Oxford, die sich der Herausgabe der sämtlichen Werke Voltaires widmet. Seine Voltaire Biographie ist bis heute wegweisend – ohne klerikal-religiöse Ressentiments, ganz im Geiste der Aufklärung geschrieben, Werk und Leben Voltaires gleichermaßen vereinend. Thomas Besterman war ein Großer unserer Zeit, der sein Genie, von vielen Kleinen behindert, ganz in den Dienst der Sache Voltaires stellte.

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Pierre Augustin Caron de Beaumarchais

Ausschnitt aus Gemälde v.
J.M. Nattier 1755 (Comédie Francaise)

Diese Ausgabe stellte sogar für den bedeutendsten  französischen Buchhändler und Verleger C.J. Panckouke der Zeit eine zu große Herausforderung dar. Erst Beaumarchais  führte das Projekt aus. Glücklicherweise war er wohlhabend undVoltaire zugetan: 160.000 Franken zahlte er an Panckoucke für die Übernahme der Schriften und die Abtretung sämtlicher Veröffentlichungsrechte. Für weitere 150.000 francs kaufte er aus der Hinterlassenschaft des berühmten englischen Buchdruckers Baskerville sämtliche Typen und Stanzen, schließlich noch 2 Papierwerke in den Vogesen. Er schickte Leute nach Holland, um dort die besten Methoden zur Papierherstellung zu studieren.

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