Sully - süße Verbannung
Schloss Sully 17. Jhdt
Voltaire lebte als aus Paris Verbannter von Mai 1716 bis Oktober 1716 in einem Turmzimmer des Schlosses von Sully. Er hatte sich den Zorn des Regenten Philippe d`Orléans zugezogen, der ihn verdächtigte, ein satirisches Epigramm ("J'ai vu") herausgebracht zu haben, das Madame la Duchesse du Berry, Tochter des Regenten, des Inzests mit ihrem Vater bezichtigte:
 
Enfin votre esprit est guéri 
Des craintes du vulgaire; 
Belle Duchesse de Berry, 
Achevez le mystère. 
Un nouveau Lot vous sert d’époux, 
Mère des Moabites 
Puisse bientôt naître de vous 
Un peuple d’Ammonites!
  Endlich ist Ihr Geist geheilt
Von der Furcht vor dem Vulgären;
Schöne Duchesse de Berry,
Vollenden Sie das Mysterium.
Ein neuer Lot dient Ihnen als Gemahl
Mutter der Moabiter
Möge bald aus Ihnen hervorgehen
Ein Volk von Ammoniter !*


*Für Bibelkenner sonnenklar, für andere reichlich verschlüsselt, hier die Auflösung:  Lot flüchtete mit seinen beiden Töchtern vor dem Zorn Gottes in eine Höhle. Weil weit und breit kein Mann war, der ihnen hätte Kinder machen können, legten sich die beiden Töchter - eine nach der anderen! - zu ihrem alten Vater und jede gebar - oh Wunder! - einen Sohn, die eine Moab, aus dem das Geschlecht der Moabiter, die andere Ammi, aus dem das Geschlecht der Ammoniter hervorging.

Voltaire erklärte, das Gedicht könne nicht von ihm sein, denn in einem Gedicht von ihm, bei den Jesuiten erzogen, würden niemals Moabiter oder Ammoniter, sondern höchstens "Sodomiter" verkommen. Humor gefiel dem Regenten gut und Voltaire durfte sich nach 5 Monaten Exil wieder in Paris aufhalten.
Der Duc de Sully erwies sich später als schlechter Freund. Als Voltaire vor dem Hause Sullys verprügelt wurde, verweigerte er ihm seine Unterstützung. Voltaire eliminierte daraufhin das Geschlecht der Sullys fast vollständig aus seiner Henriade.
Und noch etwas geschah in Sully: Voltaire verliebte sich in Suzanne de Livry, mit der er Theaterstücke einübte und die er schließlich im Oktober 1716 als seine Geliebte nach Paris entführte - um ihr dort später (1719) als Jocaste in seinem Theaterstück 'Ödipus' zu einer ersten bedeutenden Rolle zu verhelfen.
Voltaire kehrte in Paris nicht mehr in das Haus des Vaters zurück, sondern quartierte sich im Gasthof 'Au Panier Vert' in die Rue de la Calandre ein, oder erholte sich in Saint-Ange, dem Landsitz der Caumartins. Ein halbes Jahr später wurde er wegen kritischer Äußerungen denunziert, verhaftet und für 11 Monate in die Bastille gesteckt.  Die Liebe blieb dabei allerdings auf der Strecke, Suzanne vergnügte sich derweil mit einem anderen, mit seinem Freund Génonville.
1719 kommt Voltaire im Frühsommer für kurze Zeit nach Sully, wahrscheinlich um sein Theaterstück Artemire zu verfassen, reist von dort ins nahe gelegenen Schloß Bruel, dann nach Villars und ist im Oktober wieder in Sully anzutreffen ("Mein Leben verläuft von Schloß zu Schloß") und auch im Jahr 1721 scheint er sich in Sully (und in Bruel) aufgehalten zu haben..
 

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