Die folgenden Auszüge aus Voltaires Briefen an Mme du Deffant, die in Paris einen einflussreichen Salon unterhielt, zeigen, daß Voltaire, obwohl er in Ferney wenig Möglichkeiten hatte, die Musik Glucks zu hören,   doch von dessen starkem Einfluss in Paris beeindruckt war. Er hat sich offenbar auch eine Partitur kommen lassen, aus der ihm seine Nichte einige Arien vortrug. Das reichte zwar nicht, um sich ein gründliches Urteil zu bilden, und Voltaire blieb in der Musik ein Bewunderer Lullys, jedoch spürte er sehr wohl, daß mit Gluck eine neue Ära angebrochen war.
(Übersetzung: Rainer Neuhaus, Voltaire-Stiftung)

                                                                                                                                      Schloß Ferney, 25. Juni 1774
(an Mme du Deffant:) Il [M. le Lisle];  m’apprenait que vous aviez été à l’opéra d’Iphigénie, et que vous aviez trouvé les vers, le récitatif, les ariettes, la symphonie, les décorations même, détestables. Il nous a envoyé quelques airs qui ont paru très bons à ma nièce, grande musicienne; mais, comme l’accompagnement manquait, j’ai persisté à croire qu’il n’y a rien dans le monde au-dessus du quatrième acte de Roland et du cinquième acte d’Armide. Je suis toujours pour le siècle de Louis XIV, malgré tout le mérite du siècle de Louis XV et de Louis XVI.
(Herr le Lisle hat mir zu verstehen gegeben, daß Sie in der Oper Iphigenie [von Gluck] waren und dass Sie die Verse, das Rezitatif, die Arien, die Symphonie, sogar das Bühnenbild abscheulich gefunden haben.  Er hat uns einige Arien geschickt, die meiner Nichte, die sehr musikalisch ist, sehr gut gefallen haben, nur fehlte die Begleitung und ich bleibe bei meinem Glauben, daß es nichts in der Welt gibt, das über dem vierten Akt des Roland und über dem fünften der Armide [von Lully] steht. Ich bin noch immer für das Jahrhundert Ludwig XIV., trotz all der Verdienste des Jahrhunderts von Ludwig XV und von Ludwig XVI).
.............................................................................................................................................................12.August 1774
(an Mme du Deffant:) Mme Denis, qui montre la musique à l'arrière-petite-nièce de Corneille, née chez nous, prétend que le chevalier Gluck module infiniment mieux que le chevalier Lulli, que des Touches et que Campra. Je veux l'en croire sur sa parole; car je me souviens que le roi de Prusse ne regardait la musique de Lulli que comme du Plain-chant. On pense de même dans le reste de l'Europe, et j'en suis très fâché, car le récitatif de Lulli me paraît encore admirable. C'est une déclamation naturelle, remplie de sentiment, et parfaitement adaptée à notre langue; mais elle demande des acteurs. Cinna ne pouvait être joué que par Baron. Je n'en dirai pas autant des symphonies de Lulli; aucune n'approche seulement de l'ouverture du Déserteur.
(Madame Denis, die die kleine Großnichte Corneilles, die bei uns geboren ist, in die Musik einführt, behauptet, daß der Ritter Gluck unendlich viel besser moduliert als der Ritter Lully, als des Touches und als Campra. Ich möchte ihr gerne aufs Wort glauben, weil ich mich erinnere, daß der König von Preußen die Musik Lullys nur als Choralmusik ansah. Man denkt im restlichen Europa ähnlich und ich bin darüber sehr betrübt, denn die Rezitative von Lully scheinen mir noch immer bewundernswert. Es ist eine ganz natürliche Art zu deklamieren, voller Empfindsamkeit und perfekt an unsere Sprache angepasst, doch sie benötigt Schauspieler. Cinna kann nur von Baron gespielt werden. Ich würde Ähnliches von den Symphonien Lullys nicht sagen, keine reicht an die Ouvertüre des Déserteur [von Monsigny] heran.)

.............................................................................................................................................................25. Januar 1775

(an Mme du Deffant:) Pardon, madame, pour Gluck ou pour le chevalier Gluck. Je croyais vous avoir mandé qu’une dame qui est assez belle, et qui a une voix approchante de celle de Mlle Lemaure, m’avait chanté un récitatif mesuré de ce réformateur, et qu’elle m’avait fait un très grand plaisir, quoique je sois aussi sourd qu’aveugle quand les neiges viennent blanchir les Alpes et le mont Jura. Je vous demande pardon d’avoir eu du plaisir, et d’en avoir eu par un Gluck. Il se peut que j’aie eu tort; il se peut aussi que les autres morceaux de ce Gluck ne soient pas de la même beauté. De plus, je sens bien qu’il entre un peu de fantaisie dans ce qu’on appelle goût en fait de musique. J’aime encore les beaux morceaux de Lulli, malgré tous les Gluck du monde.
(Entschuldigen Sie, Madame, wegen Gluck oder wegen dem Ritter Gluck. Ich glaubte Ihnen erzählt zu haben, daß eine Dame, die recht schön ist und die eine Stimme hat, die an die von Mlle Lemaure herankommt, mir ein maßvolles Rezitativ dieses Reformators vorgesungen hat, obgleich ich ebenso taub bin wie ich, wenn der Schnee die Alpen und die Berge des Jura weiß färbt, blind bin. Ich bitte Sie um Verzeihung, daran Gefallen gefunden zu haben, und solches auch noch durch einen Gluck. Es kann wohl sein, daß ich unrecht habe und daß die anderen Stücke dieses Gluck nicht von der selben Schönheit sind. Und außerdem fühle ich gut, daß bei dem  was man, wenn es sich um Musik handelt, Geschmack nennt, ein wenig Phantasie mitspieltt.) 

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