H.J. Schädlich, Sire ich eile, Voltaire bei Friedrich II, Eine Novelle, Hamburg: Rowohlt, 2012, 143 S.

Rechtzeitig zur 300 Jahrfeier Friedrichs II. hat Schädlich sein kleines Büchlein von 142 Seiten vorgelegt, ein Text, für den 100 Seiten ausgereicht hätten, wenn man die Leerräume am Kapitelende und –anfang weniger ausgedehnt hätte und 60, wenn man nicht hinter fast jedem Satzende eine neue Zeile angefangen hätte. Deshalb zögert man beim Kauf, denn 16 € sind teuer bezahlt für reale 60 Seiten und für ein Büchlein, dessen Inhalt im Internet (z.B. bei www.correspondance-voltaire.de) gratis zur Verfügung steht. Selbstverständlich findet man aber in den sonst gewissenhaft  aufgeführten Quellen keine einzige Internetseite. Noch immer gilt offenbar das Zitieren aus dem Internet als unschicklich, was uns einleuchtet, denn wenn die Äpfel im Gemeindegarten gratis gepflückt werden können, wird der Obst- und Gemüseladen darauf bestimmt niemanden aufmerksam machen wollen. Trotzdem wäre ein kleines Dankeschön für einige gratis angelieferte Äpfel sympathisch gewesen.

Auf dem Umschlag steht:  „Sire, ich eile, Voltaire bei Friedrich II., Eine Novelle.“ In Wirklichkeit handelt es sich um eine im Telegrammstil erzählte Biographie Voltaires mit einigen kleineren Einsprengseln zu Friedrich.  Das muss nicht negativ sein, allein, um im Bild zu bleiben, wer Äpfel verkauft, sollte nicht ‚heute Birnen’ aufs Ladenschild schreiben. Ob es sich um eine Novelle handelt?  Kurz ist  diese Erzählung, soviel steht fest. Und bekanntlich liegt sie ja in der Kürze, die Würze. Wobei: gewürzt scheint uns dieser Text in der richtigen Art: denn er ist leicht verdaulich und hinterlässt keinerlei, den körperlichen Beschwerden ähnliche Nachwirkungen wie: Drücken, Aufstoßen, Blähungen oder Brechreiz..

Der Autor steht offensichtlich auf Seiten Voltaires, was ihn uns natürlich sympathisch macht, er beschreibt das Leben Voltaires wie das eines Großen, dessen Namen jeder, dessen Leben aber niemand kennt. Dabei kommt es ihm vor allem auf die geschickte Art an, mit der sich Voltaire im Haifischteich der Macht behauptet und dabei so manche Klippe umschiffen muss, was ihm dank Geistesstärke auch gelingt. Die Freiheitsliebe, das Unkonventionelle an Voltaire, eben der Künstler, machen, dass sich Schädlich ganz offenbar in seinem Leben wiederfindet, was uns angesichts seiner eigenen Biographie auch sehr einleuchtet. Friedrich dagegen bekommt nur 15% des Gesamtvolumens zugesprochen, seine Bösartigkeit wird nachvollziehbar geschildert: hier und bei der Freundschaft Voltaires zu Emilie du Châtelet finden sich die stärksten Passagen dieses Textes.

Wenn Schädlich Voltaires Kampf gegen die Obrigkeit sympathisch findet, die Beziehung zu Emilie du Châtelet in ihrer ungewöhnlichen Freizügigkeit lobt, in den vielen Auseinandersetzung Voltaires dessen Selbstbehauptungswillen beachtenswert findet, hat er uns bei all diesen Punkten auf seiner Seite, aber warum verliert er kein Wort über den antiklerikalen Kampf Voltaires und hätte er nicht wenigstens ein, zwei Mal das literarische Schaffen Voltaires streifen können, zumal die Freundschaft zwischen Friedrich und Voltaire gerade in diesen beiden Punkten gründet? Wünscht sich Schädlich für sich selbst, dass er später einmal als derjenige, der sich mit der DDR Führung anlegte, in den Westen ging, dort sich Anerkennung verschaffen musste, in Erinnerung bleibt, ohne eine einzige Erinnerungsspur seines Werkes?
Wenn dieser kleine Text nicht als Novelle durchgehen kann und eine Kurzbiographie ist, wiegt dieser Vorwurf umso schwerer. Schädlich, so sehr er den unkonventionellen Voltaire liebt, fürchtet sich vor dem Aufklärer und auch das verstehen wir: diese Seite Voltaires liegt unter Schädlichs unaufgearbeiteter DDR Vergangenheit begraben. Aber Voltaire ist in all seiner persönlichen Freiheit ohne seinen Kopf, in dem die Aufklärung wohnt, nicht zu haben, ein Zusammenhang, der auch für uns alle anderen gilt und ebenso für Schädlich.

Ach ja: und Friedrich? Friedrich bleibt blass und psychologisch unbegriffen, dabei war der Weg durch den früh zitierten Ausspruch Voltaires („Der König von Preußen hält sich für einen zivilisierten Mann, doch unter der dünnen Außenhaut des Ästheten liegt… die Seele eines Schlächters.“) angezeigt, alleine, Schädlich hat ihn nicht eingeschlagen, er spaziert lieber auf der großen, gepflasterten Straße weiter und erzählt uns en passant ein paar Begebenheiten aus der königlichen Lebenschronik, alles andere hätte vielleicht auch den Rahmen - einer Novelle - gesprengt.
Fazit: schön, dass eine Kurzbiographie Voltaires, die sich durchaus positiv zu ihm stellt, jetzt auf den Büchertischen der Buchhandlungen liegt, jeder hätte die Chance, sich in 2,3 Stunden über das Leben – nicht über das Werk - Voltaires zu informieren,  wenn da nicht der Preis wäre, der abschreckt und für viele unerschwinglich ist. Wer aber das Buch geschenkt oder auf andere Art umsonst bekommt, sollte es lesen, es ist kurzweilig geschrieben und zum Auffrischen der Kenntnisse über den großen Voltaire geeignet.