Voltaire Die Affäre Calas, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ingrid Gilcher-Holtey, Berlin: Insel, 2010, 295 S.

Der Band vereinigt etliche, teilweise erstmals ins Deutsche übersetzte Briefe, die Voltaire an einflussreiche Personen geschrieben hat, um eine Revision des Schandurteils gegen Jean Calas aus dem Jahre 1762 zu erreichen, außerdem zwei weitere Texte Voltaires zum Unrechtsurteil von Toulouse, zwei Artikel aus dem philosophischen Wörterbuch und die bedeutende Schrift Voltaires ‚Über die Toleranz’ und schließlich ein Nachwort der Herausgeberin, die als Professorin für Geschichte an der Universität Bielefeld lehrt.

Zur Erinnerung: Jean Calas, Baumwollhändler, Hugenotte aus Toulouse, wurde am 18.11.1761 (im Nachwort Gilcher-Holteys fehlerhaft mit 18. Dezember 1761 angegeben) vom Stadtrat in erster Instanz für schuldig befunden, seinen Sohn Marc-Antoine umgebracht zu haben. Er habe so verhindern wollen, dass dieser zum katholischen Glauben übertritt. Beweise dafür lagen nicht vor. Die Berufungsverhandlung vor dem Parlament endet am 9.3.1762 mit einem Todesurteil, das einen Tag später vollstreckt wird: man hat Jean Calas die Knochen gebrochen und ihn dann auf ein Wagenrad geflochten, wo er starb. Voltaire erreichte in einer 3 Jahre dauernden europaweiten zäh und mit erheblichen finanziellen Mitteln geführten Kampagne, dass dieser abscheuliche Justizmord als solcher anerkannt werden musste und die Nachkommen Calas eine Entschädigung erhielten. (mehr zu Calas)

Der jetzt (2010) im Insel Verlag (Suhrkamp) erschienene Band ist nach ‚Voltaire, Die Toleranz-Affäre’ von Gier/Paschold von 1993 die zweite Veröffentlichung zum Thema Calas mit ähnlichem Inhalt in deutscher Sprache und, um es gleich vorweg zu sagen, sie unterscheidet sich positiv von ihrem Vorgänger. Zwar ist die Übersetzung von Philipp Rang etwas holperig und eilig zurechtgezimmert, was angesichts des Anspruchs, Texte von Voltaire vorzustellen, erstaunen mag, jedoch ist die Übersetzung soweit wir überprüfen konnten, nie sinnentstellend. Darüber muss man in unserer Zeit schon froh sein. Sicher ist der Stil des Übersetzers seine Sache, aber muss man schreiben, dass „die edle Herzlichkeit [des Herrn von Lassalle] zum Unglück der Familie gedient hat“, bloß weil es im französischen Original  „cette noble chaleur ait servi au malheur de la famille“ heißt, wo wir im Deutschen doch immer zu einem Unglück beitragen oder etwas zu ihm führt (gleichgültig, ob nun noble chaleur in der edlen Herzlichkeit aufgeht oder nicht)? Warum muss man den bekannten Ausruf ‚Wollte Gott, dass…“ durch den der bedauernde Seufzer sich Ausdruck verschafft mit ‚Hätte Gott gewollt, dass’ umschreiben und warum wird übersetzt, man könne Herrn Lassalle gar nicht zuviel preisen (trop bénir), wo man ihn im Deutschen doch gar nicht genug preisen können müsste. Die Antwort finden wir, wenn wir uns die Neuübertragung der Texte aus Voltaires Pièces originales concernant la mort des Sieurs Calas ansehen: hier handelt es sich nämlich in großen Teilen um eine nur geringfügig veränderte Version der Erstübersetzung von Gier/Paschold. Es hat offenbar schnell gehen müssen und da bleibt manche Feinheit auf der Strecke. Vielleicht ist in heutiger Zeit der Veröffentlichungsdruck auf unsere Professoren so gewachsen, dass eine stilistische Korrektur selbst bei Voltairetexten unterbleiben muss, Die Lektorate in den Verlagen sind ohnehin überlastet und chronisch unterbesetzt, ein Umstand, dem wir mit unseren sauer verdienten 30 €, die diese Textsammlung kostet, trotzdem keine Abhilfe schaffen können. Auch erläuternde Anmerkungen etwa zu den Adressaten der Briefe Voltaires,  oder zum Beispiel, wenn gesagt wird, dass Marc-Antoine Calas eher zu denen gehört, die man auf den Rost legt (das tat die Kirche nämlich denen anstelle eines ordentlichen Begräbnisses an, die für sich den Freitod wählten) hätten der Veröffentlichung gut getan

Der Eindruck der eiligen und geschäftsmäßigen Kompilationstätigkeit verdichtet sich, wenn man sich das Nachwort von Frau Gilcher-Holtey zu Gemüte führt, von dem der erste Teil ein besseres Vorwort abgegeben hätte. Erzählt sie zunächst flüssig, sehr eng an der Voltaire-Biographie Pomeaus orientiert, die Geschichte des Justizmordes an Jean Calas, wobei sie dem Leser zunächst die historische Bedeutung der Intervention Voltaires richtig vor Augen führt, dabei aber die Rolle der Kirche sträflich vernachlässigt, hat man beim zweiten Teil ihres Nachworts den Eindruck, sie habe ein Hauptseminar-Thesenpapier herbeigezogen und entweder keine Zeit oder keine Lust mehr gehabt, das ganze auszuformulieren – wie sonst sollte man sich Sätze, wie diesen hier (S.280) erklären: „Im Zentrum des Intellektuellen steht die Entfaltung eines generellen Problems aus diffusen Ereigniszusammenhängen und divergierender Interessenlagen“ ?

Gilcher-Holtey scheint es um die wirklich interessante Frage zu gehen, warum die Kampagne Voltaires zur Rehabilitation von Jean Calas damals Erfolg hatte. Sie stellt zunächst die Fakten zusammen: 473 Briefe in einem Zeitraum von 3 Jahren in der Sache Calas geschrieben, Bücher und Flugschriften veröffentlicht,  für die Publikation von Zeitungsartikeln gesorgt und vernachlässigt dabei bloß, dass Voltaire den verfolgten Familienmitgliedern Dach und Wohnung organisierte und finanzielle Unterstützung gegeben hat und konstruiert -  nicht falsch - so etwas, wie die Geburt des engagierten Intellektuellen. Dabei landet sie zwangsläufig bei der dafür zentralen Frage, wie die französische Gesellschaft zur Zeit Voltaires ausgesehen haben mag. Warum konnte in einer absoluten Monarchie gelingen, was heute, mit all unseren ach so freien Medien, schlicht undenkbar erscheint. Könnte heute ein unabhängiger Schriftsteller vom Format Voltaires seiner Stimme bei den Regierenden Gehör verschaffen? Heute, wo viele schon so abgestumpft sind, dass sie sogar militärische Überfälle auf andere Länder als Menschenrechtsaktionen einzuordnen gelernt und akzeptiert haben?

Wer aber den Justizmord Calas und den Erfolg Voltaires verstehen will, muss vor allen anderen Dingen die Stellung der Kirche im absolutistischen Frankreich untersuchen und gerade hier muss man leider feststellen, dass deren Rolle im Toulouser Ketzerprozeß in diesem Buch seltsam fremd und schemenhaft bleibt, eigentlich so gut wie gar nicht analysiert wird. So als ob man die Weinherstellung beschreiben und die dabei wirkenden Hefen nicht erläutern würde. Zwar kommt Voltaires berühmter antikatholischer Schlachtruf „Ecrasez l’Infâme!“ (Zerschmettert die Niederträchtige!) sogar im Text vor, aber ohne ihn zu erläutern und wenn es um Voltaires Kampf gegen den Fanatismus geht, scheint die Autorin ihre Leser eher an Einzelpersonen denken lassen zu wollen, als an die organisierte Kraft jener alten mittelalterlichen Kampftruppen der katholischen Kirche zu Toulouse und anderswo. Wenn man schließlich fragt, welche Bedeutung die neu entstehende bürgerliche Klasse für den Erfolg Voltaires hatte, muss man leider wiederum Fehlanzeige vermelden. Die Autorin wundert sich darüber, dass es hauptsächlich Adlige waren, die Voltaires Kampagne unterstützt haben und nicht die (bürgerlichen) philosophes wie Diderot oder d’Alembert, die um ihre Existenz hätten fürchten mussten. Möglich, dass sie sich und ihren Studenten die französische Revolution als Sturm vorstellt, der aus unerfindlichen Gründen über die Bastille hereinbrach und die Monarchie hinwegfegte.
In den letzten Abschnitten ihres Nachwortes geht es dann nur noch um die Begriffsunterscheidung ‚Affäre’ und ‚Skandal’, von Interesse vielleicht für ein universitäres Publikum, für die auch die fehlenden Übersetzungen der französischen Zitate im Nachwort hoffentlich kein Problem darstellen.

Immerhin sei abschließend positiv vermerkt, dass sie das ungeheure Unrecht, anders als ihre Vorgänger, die bayrischen Antivoltairianer Gier/Paschold, korrekt benennt und die Leistung Voltaires würdigt, freilich, wie gesagt,  ohne den Haupttäter, die Kirche, vorzustellen und anzuklagen. So kommt es, wie es kommen muss: diese Würdigung mit den erstmals übersetzten, aber fast ohne Anmerkungen abgedruckten Briefen, geht, im universitären Alltagsbetrieb eilig und zu früh geboren, in eine unübersichtliche Bücherwelt kurzatmig hineingeworfen, ebenso unter wie die Schönheit einer Blüte unterm Laub vom Vorjahr bei extremer Trockenheit.