| David Bodanis: Émilie und
Voltaire, Eine Liebe in Zeiten der Aufklärung. Deutsch von Hubert Mania, Reinbek 2007, 443 S. |
| David Bodanis ist Autor diverser Werke über bedeutende Entdeckungen der Wissenschaft. Das Verdienst seiner Veröffentlichungen ist es, dem durchschnittlich Informierten physikalische Zusammenhänge, die üblicherweise - mit dem Namen einer berühmten Person etikettiert - unverstanden im Wissensspeicher der Halbbildung abgelegt werden, verständlich zu machen, indem er sie in ihrem historischen Zusammenhang zeigt und beleuchtet. Während er sich mit der Relativitätstheorie Einsteins beschäftigte, entdeckte er Émilie du Châtelet, deren Geschichte ihn so faszinierte, dass er beschloss, ihrem Leben und Schaffen mit 'Passionate Minds' - so lautet der Titel seines Buches in der englischen Originalausgabe - ein eigenes Werk zu widmen. Hier zeichnet er ihre Lebensgeschichte nach und würdigt die große intellektuelle Leistung Emilie du Châtelets, die ihr als erster Frau in Europa breite Anerkennung als Wissenschaftlerin verschaffte. |
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Bodanis erzählt das Leben einer Ausnahmepersönlichkeit. Emilie du Châtelet wurde in eine zur Zeit Ludwig des XIV. sehr einflussreiche Adelsfamilie hinein geboren und folgte dennoch nicht dem einer Adligen des 18. Jahrhundert vorgezeichneten Weg. Sie lernte Sprachen, Naturwissenschaften, übersetzte Texte und wurde eine hochbegabte Mathematikerin, die vor keiner noch so komplizierten Gleichung zurückschreckte. König, Maupertuis, Bernoulli waren ihre Lehrer und gemeinsam mit Voltaire, der großen Liebe ihres Lebens, übersetzte und veröffentlichte sie die wichtigsten wissenschaftlichen Texte Newtons. In deutscher Sprache ist wenig von ihr erschienen, jedoch entschädigt für diesen Mangel ihre bezaubernde kleine Schrift ‚Rede vom Glück’ (übersetzt von Iris Röbling, Berlin, Friedenauer Presse, 1999) - hier zeigt sich uns Emilie du Châtelet in ihrer ganzen Größe und Menschlichkeit. Sie war nicht nur eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der theoretischen Physik des 18.Jahrhunderts, sondern ist auch eine der bewundernswertesten Frauen der Weltgeschichte. Das birgt für jeden
Biographen Gefahren, denen auch David Bodanis nicht entgeht. Die erste
besteht darin, dass sich der Biograph, ob des großen Abstands zwischen
seinem kärglichen und dem reichen Leben seiner Hauptperson zu kleinlicher
Kritik bemüßigt fühlt - eine Gefahr, der Bodanis glücklicherweise nicht
erliegt. Im Gegenteil scheint er genügend Genussmensch zu sein, um das Leben
einer Genießerin bewundern zu können. Doch führt ihn diese seine Bewunderung
zu einer unangenehmen Verteidigungshaltung, mit der er sich für Emilie und
gegen ihre Umgebung einzusetzen verpflichtet zu fühlen scheint, was sie gar
nicht nötig hat und sein Buch an den Rand des Scheiterns bringt. Es häufen
sich im Verlauf der Lektüre die Fehltritte vor allem gegenüber Voltaire,
wenn es sich nicht gar um gezielte Fußtritte handelt. Kommt es etwa zwischen
Emilie und Voltaire zum Streit, meint Bodanis, Voltaire einen Angeber nennen
zu müssen, ein Anwurf, der einem populärwissenschaftlichen Schriftsteller
des 21. Jahrhunderts, der zeitlebens kaum ein Risiko einging, schlecht
ansteht. Oder meint er, die Größe Emilies nur durch die Herabsetzung ihres
geliebten Voltaire zeigen zu können? Das hieße ihr einen sehr schlechten
Dienst erweisen. Aus der nämlichen Quelle scheint auch seine befremdliche
Unterschätzung religiöser Verfolgung im 18. Jahrhundert zu stammen. So
konstruiert Bodanis des Öfteren Ersatzerklärungen für Verfolgungsaktionen
staatlicher Behörden gegen Voltaire. Wurde Voltaire wegen des antireligiösen
Inhalts seines Gedichtes ‚Le Mondain’ (über Adam und Eva im erdigen Paradies
sagt er dort: „Ohne Sauberkeit ist die glücklichste Liebe keine Liebe mehr,
sondern ein schändliches Bedürfnis“) per Strafbefehl gesucht, steckt laut
Bodanis in Wirklichkeit ein habgieriger Cousin Emilies hinter der Sache. An
anderer Stelle meint er die Verfolgungskampagne mit einer ganz pfiffigen,
aber an dieser Stelle unangebrachten ‚Vakuumtheorie’ der Macht erklären zu
müssen, die die Herrschenden der Zeit zwangsläufig gegen Voltaire an seinem
Zufluchtsort in Cirey aufgebracht habe. Damit verfolgt er eine reichlich
perfide Strategie, die darin besteht, die antireligiöse Sprengkraft der
Werke Voltaires zu verschleiern und ihn andererseits durch Geschichten
kleinlicher Familienintrigen langweilig zu machen. Das ist eine Fährte, die
bereits Orieux in seiner Voltairebiographie legte und es wundert daher kaum,
dass Bodanis gerade diese vor allen anderen Biographien Voltaires bevorzugt
(obwohl er – dies sei zu seinen Gunsten angemerkt - die bedeutendste in
deutscher Sprache erhältliche von Theodore Besterman lobend hervorhebt).
Schade ist auch, dass in dem sonst sehr genauen Werk der Anmerkungsteil
nicht frei von Fehlern ist, da wird aus Ludwig XIV. schon einmal Ludwig der
XVI., was allerdings weniger dem Autor, als dem Übersetzer anzulasten ist.
Die Literaturempfehlungen am Ende des Buches sind nützlich, wenn auch stark
auf den angelsächsischen Sprachraum bezogen.
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