Etienne Bonnot de Condillac: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis. Übersetzt, herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Angelika Oppenheimer, Würzburg (Könighausen & Neumann) 2006, 309 S.
 

Es ist ein altes Mirakel der Erkenntnistheorie, dass uns, da wir unsere Umgebung nur durch die Vermittlung unserer Sinnesorgane wahrnähmen, die Dinge, wie sie wirklich sind,  niemals wirklich zugänglich seien. Diese hochheilige ‚Ding an sich’ Problematik hat sich quer durch alle Schulbücher und wider alle Evidenz – denn noch kein Wanderer hat je die Bergspitze erreicht, indem er sich bergab bewegte - in unseren Gehirnen festgefressen und dank Heisenbergs Unschärfe selbst in der Physik ausgebreitet. So ‚weit’ war man im 18. Jahrhundert noch nicht (sollte man sagen: Gott sei dank?). Umso interessanter, wenn aus der Perspektive heutiger Gelehrter auf dieses große Jahrhundert und seine nicht minder großen Philosophen geblickt wird. Solch spannende Augenblicke beschert uns Angelika Oppenheimer, die sich der nicht ganz einfachen Aufgabe gewidmet hat, Condillacs Schrift ‚Essai sur l’origines des connaissances humaines’ aus dem Jahre 1746  neu zu übersetzen und mit einem hochgebildeten Text einzuleiten. Um es vorweg zu sagen: Sie hat ihre Aufgabe ausgezeichnet gelöst. Zwar liegt bereits eine Übersetzung dieses Werkes aus dem Jahre 1977 vor (Herausgeber und Übersetzer: U.Ricken), Angelika Oppenheimer ist es jedoch zu verdanken, dass das Werk Condillacs jetzt in aktuellem, flüssigem Deutsch vorliegt, spannend und lesbar und ohne die in der Erstübersetzung das Verständnis erschwerenden Holprigkeiten. Hier ein Beispiel:

Die Gegenstände würden vergeblich auf die Sinne einwirken,  und die Seele würde von ihnen niemals Kenntnis erhalten, wenn sie nicht deren Perzeption hätte. So ist die Perzeption der erste und der niedrigste Grad der Erkenntnis. (Ricken, S.77)
Die Gegenstände würden zwecklos auf die Sinne einwirken und die Seele erhielte niemals Kenntnis von ihnen, wenn sie nicht ihre Wahrnehmung besäße. Folglich ist der erste und geringste Grund der Erkenntnis die Wahrnehmung (Oppenheimer, S.75)

Condillac ist nicht irgendein Philosoph, er war der meistgelesene und äußerst vielseitige Autor in der Nachfolge des Sensualismus/Empirismus, der als Erster die Bedeutung der Sprache für den Erkenntnisprozess und die Notwendigkeit erkannte, Phylogenese und Ontogenese erkenntnistheoretisch zu verbinden. Niemand beginnt bei Null, jeder findet, kaum geboren, einen riesigen Erfahrungsschatz, in der Sprache aufbewahrt, vor und gleichwohl muss das Individuum seinen Ausschnitt dieses Schatzes auf dem Wege der Verarbeitung sinnlicher Eindrücke jeweils neu für sich ‚entdecken’. Was heutige Entwicklungspsychologen wie Piaget empirisch untermauert haben, war zu Condillacs Zeiten vollkommenes Neuland: der dialektische Prozess zwischen individueller Entwicklung und überlieferten Kenntnissen, Erfahrungen. Umso erstaunlicher, wie weit sein äußerst systematisches Vorgehen Condillac bereits im 18.Jahrhundert geführt hat.

So weit, dass er bis heute nahezu vergessen ist, denn seine Lehre widerspricht gründlich der christlichen Schöpfungsbehauptung und hat ihm zahlreiche Widersacher eingetragen, vor denen er sich, weniger glücklich als Voltaire und weniger kämpferisch veranlagt, mehr und mehr zurückzog.
In ihrer Einleitung würdigt Angelika Oppenheimer das Leben dieses einzigartigen Denkers und trägt der Trauer, die in dieser tragischen Geschichte des Verdrängens und Verschüttens liegt, gewissenhaft Rechnung. Sie hat als Spezialistin für die Übersetzungen von Werken  des 18. Jahrhunderts bereits zahlreiche Texte der Aufklärung übersetzt, so Voltaires politische Texte (enthalten in den Sammelbänden Voltaire, Recht und Politik und Voltaire, Republikanische Ideen) und darf als Spezialistin für die Philosophie des 18. Jahrhunderts gelten. Ihre philosophiehistorische Einordnung Condillacs erscheint uns jedoch etwas zu akademisch, die Frontstellung seiner Lehre gegen die offizielle der Kirche aber vernachlässigt. Gewiss lassen sich in einer Einleitung nicht alle Themen ansprechen, die Traditionslinie „Augustinus - Thomas von Aquin – Condillac“ jedoch gleich an den Anfang der Einleitung zu setzen, heißt den Leser auf eine gar falsche und irreführende Route zu locken. Auch die stark akzentuierte Nähe zu Kant mag für eine deutsche Philosophin oder besser: eine Philosophin aus Deutschland verständlich erscheinen, ehrt jedoch nicht Condillac, der in vieler Hinsicht über diesen Nachfahren bereits hinaus war. Alles in allem ein sehr empfehlenswertes Buch, das für jeden an der Aufklärung Interessierten wertvolle Hinweise auf die große Bedeutung dieses Jahrhunderts und einen seiner bedeutendsten Denker für unsere  Zeit bereithält. Und wie so oft ist auch hier am ‚point de départ’ der Aufklärung vieles unverfälschter, offener, klarer gesagt worden als jetzt zu unserer Zeit, wo wir durch so viele Denkschulen hindurch die Positionen der Aufklärung, der Freiheit, erst wieder mühselig rekonstruieren müssen und – leider - viel zu wenig die Quellen selbst konsultieren. Übersetzern wie Angelika Oppenheimer ist es zu danken, wenn sich daran, peu à peu, etwas ändert.