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Kurzbiographie Voltaires lesen


Comtesse von Bentinck Freundin Voltaires


Voltaire in Maisons-Laffitte

 

Um 1720 macht der junge, hochbegabte und gebildete Jean René de Longeuil, Marquis de Maisons, aus dem Schloß ein Zentrum der Aufklärung. Wissenschaftler, Philosophen und Schriftsteller aus ganz Frankreich versammeln sich in Les Maisons. Im Park läßt er einen botanischen Garten anlegen, im Schloß unternimmt der Marquis chemische Experimente und in seinem physikalischen Kabinett überpüft er die Optik Newtons. Zu seinen Gästen zählt oft auch Voltaire, der dort an den Experimenten teilnimmt und die zweite Auflage seines Epos 'La Henriade' vorbereitet.
Die Architektur des Schlosses beeindruckt Voltaire sehr, sie inspirierte ihn später zu der Idee, in dem sehr viel kleineren Cirey einen Seitenflügel  à la Maisons anbauen zu lassen - in dem natürlich ein physikalisches Kabinett eingerichtet wird!

November 1723. Während eines Aufenthaltes in Schloß Maisons erkrankt Voltaire an den weissen Pocken, einer zwar weniger gefährlichen Variante der echten Pocken, die aber trotzdem Mitte 1723 in Paris zahlreiche Todesfälle verursacht hatte. Pocken-Schutzimpfungen waren in Europa, anders als z.B. in der Türkei, noch fast unbekannt. Lady Montague berichtete zwar schon 1720 in London vom Erfolg einer Pocken-Schutzimpfung in Istanbul, musste sich aber gegen die gesamte Londoner Ärzteschaft durchsetzten, was schliesslich nur durch die Unterstützung des Königs gelang. Voltaire hat Lady Montagu und der Pockenschutzimpfung in seinen Philosophischen Briefen aus England ein Kapitel gewidmet (vgl. auch die sehr informative Internetseite über die Pockenimpfung in Istanbul und Lady Montagu hier)

Vier Wochen bleibt Voltaire in Les Maisons. Er erhält die zu seiner Zeit bestmögliche Pflege, die Behandlung besteht im Aderlassen, Brechmitteln und vermehrter Flüssigkeitszufuhr, was, wie wir heute wissen, bei allen Fieberkrankheiten eine gute Idee ist. Ohnehin liegt laut (heutiger) Statistik die Sterblichkeitsrate bei den weissen Pocken ohnehin deutlich unter 5%, wenn nicht eine weitere Infektion den ohnehin schon geschwächten Körper befällt.

Dezember 1723
Voltaire, von seiner Krankheit geheilt, verlässt das Schloß Maisons. Noch im Moment seiner Abreise fängt das Zimmer, das er bewohnt hatte, Feuer und der Brand zerstört einen Teil des Gebäudes.
Und, schlimmer noch, im Jahr 1731 erkrankt der Marquis de Longeuil selbst an den Pocken - er war immer schon von schwächlicher Konstitution - und stirbt an dieser heute - Lady Montagu sei dank! - fast besiegten Krankheit.

Hier Voltaires Brief an den Baron de Breteuil von seinem Aufenthalt in Maisons-Laffitte (Brief vom 5.12.1723, Übersetzung von Rainer Fischer):


ich werde Ihrem Wunsch folgen und gebe Ihnen einen getreuen Bericht meiner Erkrankung an den weissen Pocken, die ich überwunden habe, von der erstaunlichen Behandlung, die mir verabreicht wurde und schließlich von dem Unfall von Maisons, der mir die Freude an dem Glück verübelte, wieder ins Leben zurückgekehrt zu sein.

Herr Präsident Maisons und ich fühlten uns am 4. November unpäßlich, aber glücklicherweise wandte sich die Gefahr nur mir zu. Wir wurden am gleichen Tage zur Ader gelassen - ihm ging es danach besser - und ich hatte die weissen Pocken. Diese Krankheit brach nach 2 Tagen mit Fieber durch und kündigte sich durch einen leichten Ausschlag an. Man ließ mich noch ein zweites Mal zur Ader, auf meinen eigenen Wunsch, ungeachtet des gewöhnlichen Vorurteils dagegen.

Herr Maisons hatte die Güte, mir am nächsten Tag Herrn von Gervasi zu senden, den Arzt von Kardinal Rohan, der nur mit Widerwillen kam. Er befürchtete wohl, vergeblich die weissen Pocken an einem zarten und schwachen Körper zu behandeln, die schon vor 2 Tagen ausgebrochen waren und deren Symptomen nur mit 2 leichten Aderlässen begegnet worden war, ohne irgend ein Abführmittel. Er kam dennoch und fand mich mit einem bösen Fieber vor. Meine Krankheit erschien ihm zunächst ziemlich schlimm; die Bediensteten, die um mich versammelt waren, nahmen dies wahr und verbargen es nicht vor mir. Gleichzeitig teilte man mir mit, daß der Pfarrer von Maisons sich für meinen Gesundheitszustand interessiere. Er habe keine Furcht vor den weissen Pocken und frage, ob er mich besuchen könne, er wolle mich aber nicht stören; ich ließ ihn alsbald eintreten, ich beichtete und machte mein Testament, welches, wie Sie gerne glauben werden, nicht sehr lang war. Nach alledem erwartete ich den Tod mit großer Gelassenheit, jedoch nicht ohne zu bedauern, nicht noch letzte Hand an mein Vers-Epos (die Henriade) und das Theaterstück "Marianne" gelegt zu haben und nicht ohne ein wenig böse darüber zu sein, meine Freunde so früh verlassen zu müssen. Herr de Gervasi hingegen gab mich nicht einen Augenblick auf: er studierte an meinem Körper aufmerksam alle Regungen der Natur, er verabreichte mir keine Medizin, ohne mich vorher über den Grund aufzuklären; er gab mir eine Ahnung von dem, was drohte und zeigte mir klar das dagegen notwendige Heilmittel; seine Überlegungen weckten in mir Überzeugung und Vertrauen, schließlich ist ja die Hoffnung geheilt zu werden, schon die halbe Heilung. Er war gezwungen, mich achtmal ein Brechmittel einnehmen zu lassen und an Stelle der herzstärkenden Mittel, die man üblicherweise bei dieser Krankheit gibt, ließ er mich 200 Schoppen Limonade trinken. Diese Behandlung, die Ihnen außergewöhnlich erscheinen mag, war die einzige, die mir das Leben retten konnte, jede andere hätte unweigerlich zu meinem Ende geführt, und ich bin überzeugt, daß die Mehrzahl derjenigen, die an dieser gefährlichen Krankheit gestorben sind, noch leben würden, wenn ihnen die gleiche Behandlung zuteil geworden wäre.
[...]
Aber jetzt ist's genug mit der Medizin: ich ähnele den Leuten, die, mit der Hilfe eines geschickten Anwaltes einen bedeutsamen Prozeß gewonnen haben und noch für einige Zeit die Redewendungen der Anwaltschaft beibehalten. Indessen, mein Herr, das, was mich in meiner Krankheit am meisten kurierte, war das Interesse das ihr an meiner Gesundung hattet, die Zuwendung meiner Freunde und die unbeschreiblichen Wohltaten, mit denen mich Madame und Monsieur de Maisons ehrten. Ich erfreute mich übrigens der Annehmlichkeit, einen Freund um mich zu haben, ich möchte sagen, einen Mann, der unter die sehr kleine Zahl tugendhafter Männer zu zählen ist, die alleine um den Wert der Freundschaft wissen, von der der Rest der Welt nicht mehr als das Wort kennt; es ist Herr Thiériot, der. als er von meine Krankheit erfuhr, mit dem Postwagen 40 Meilen weit angereist kam und mich seither nicht einen einzigen Moment verlassen hat. Am 15. November war ich ganz außer Gefahr und am 16. machte ich wieder Verse, trotz der extremen Schwäche, die durch die Krankheit und die Medikamente auf mir lastete. Ich erwartete mit Ungeduld den Zeitpunkt, an dem ich mich der Fürsorge entziehen könnte, die man mir aus Güte zuwandte, und umsomehr eilte ich mich, sie nicht zu lange auszunutzen. Schließlich war ich am 1. Dezember in dem Zustand, daß man mich nach Paris bringen konnte. [...]"

Zu dem Brand im Schloß Maisons bei seiner Abreise schreibt Voltaire :

"Hier nun , mein Herr, ein verhängnisvoller Augenblick: Kaum war ich 200 Schritte vom Schloß entfernt, als ein Teil des Fußbodens in dem Zimmer, in dem ich gewesen war, völlig entflammte; benachbarte Zimmer, die Räumlichkeiten, die darunter lagen, die kostbaren Möbel, mit denen sie verziert waren, alles wurde verzehrt vom Feuer; der Verlust beläuft sich auf  nahezu 100 Tausend Pfund, und ohne die Hilfe der Feuerpumpen, die man in Pris suchen ließ, wäre eines der schönsten Gebäude des Königreiches vollständig zerstört worden. Man verschwieg mir die seltsame Neuigkeit bei meiner Ankunft, ich erfuhr sie am nächsten Morgen beim Aufwachen und Sie können sich nicht vorstellen, wie niedergeschlagen ich war; Sie wissen um die großzügige Pflege, die Herr Maisons mir zu teil werden ließ; ich wurde bei ihm behandelt wie sein eigner Bruder und das Ergebnis so vieler Wohltaten war der Brand seines Schlosses. Ich konnte nicht begreifen, wie das Feuer mein Zimmer so plötzlich erfassen konnte, wo ich lediglich ein fast erloschenes glimmendes Holzstück hinterlassen hatte; ich erfuhr, daß die Ursache dieser Feuersbrunst ein Balken war, der unter dem Kamin verlief. Das ist ein Fehler, den man beim Aufbau heutiger Gebäude vermeidet und selbst die häufigen Feuersbrünste, die daher rührten, müssen dem König angezeigt werden, um diese fatale Art zu bauen zu bekämpfen. Der Balken, von dem ich spreche, hat sich nach und nach entzündet durch die Hitze der Feuerstelle, die sich unmittelbar auf ihn übertrug und, durch ein eigentümliches Schicksal, das auszukosten ich gewiß das Glück hatte, ist das Feuer, das seit 2 Tagen brütete, nicht früher ausgebrochen als einen Moment nach meiner Abreise. Ich war nicht die Ursache dieses Unfalles, aber ich war der unglückliche Anlaß; es schmerzte mich aber genauso, als ob ich dafür verantwortlich gewesen wäre. Das Fieber befiel mich sofort wieder und ich kann Ihnen versichern, daß ich in diesem Augenblick Herrn Gervasi nur wenig dankbar war, mir das Leben gerettet zu haben. Frau und Herr Maisons nahmen die Neuigkeit viel gelassener auf als ich, ihre Großzügigkeit war ebenso groß wie ihr Verlust und mein Schmerz. Herr Maisons setzte seiner Güte noch die Spitze auf, indem er mir zuvorkam und Briefe sandte, die sehr deutlich machten, daß er sich sowohl durch sein Herz wie auch durch seinen Geist auszeichnet: er nahm die Sorge auf sich, mich wiederherzustellen und es sah beinahe so aus, als wenn er mir das Schloß abgebrannt hätte; aber seine Großzügigkeit führte erst recht dazu, mich noch um so lebhafter empfinden zu lassen, welchen Verlust ich ihm verursacht hatte und ich werde mein ganzes Leben lang meinen Schmerz ebenso wie meine Bewunderung für ihn bewahren."

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