Voltaire in Kleve: von Friedrich gebannt

Kleve war für Voltaire der Ort, an dem er zum ersten Mal mit Friedrich zusammentraf, zu einem Zeitpunkt, den er selbst, aber auch alle seine Biographen, als Wendepunkt seines Lebens betrachtetete, denn Kleve ist wie eine Brücke, die aus Voltaires französischem, Pariser Leben hinaus und hinein in ein europäisches Leben führt, das ihn zunächst nach Berlin in Friedrichs Arme führte. Kleve hat ihm aber auch als Ort gefallen, das zeigen seine Berichte ganz eindeutig, und zwar nicht nur, weil ihm der Roman Die Prinzessin von Kleve lterarisch bedeutend erschien.

Nachdem sich Voltaire und Friedrich am  11.9.1740  zum ersten Mal in dem bei Kleve gelegenen Schloß Moyland getroffen hatten, fährt Voltaire mit Maupertuis bis Kleve (13. September 1740) und dann alleine nach Den Haag zurück. Maupertuis folgt Friedrich nach Berlin, um dort die Stelle des Präsidenten der Akademie der Wissenschaften anzutreten. Als Akademiepräsident wird Maupertuis dort am 12. 3. 1744 den in Europa Aufsehen erregenden Erlaß Friedrichs zur Abschaffung der Buchzensur verkünden.
12. Dezember 1740: Voltaire kommt auf der Rückreise seines ersten Berlinbesuchs, nach einem Zwischenaufenthalt in Bückeburg, wo er die Gräfin  Bentinck getroffen hatte (9. - 11.12) wiederum einige Tage nach Kleve. In einem Brief an Friedrich vom 15. Dezember erwähnt er eine "grausame Erkältung", die er sich auf seiner Reise mitten im Winter zugezogen hatte, aber er lobt auch die heilende Wirkung des Wassers der Region:

(Brief vom 22. Januar 1741 an d'Argental): "Trinken Sie genug Wasser? Ich habe mich mit dem Wasser der Weser, der Elbe, des Rheins und der Maas von der übelsten Entzündung, die je zwei Augen hatten, auskuriert und das, mein Lieber, als ich mit der Postkutsche mtten im Dezember unterwegs war"

In Kleve kuriert er sich vollends aus und reist dann zurück nach Brüssel, wo er erst am 6 Januar 1741 ankommt und dort Emilie du Châtelet trifft.

Nach dem unersetzlichen Verlust seiner Lebensgefährtin Emilie du Châtelet am 10 9. 1749 entscheidet sich Voltaire im Mai 1750 die Reise von Paris nach Potsdam anzutreten, um auf unbestimmte Zeit bei Friedrich zu bleiben. In Kleve, das er am 2 Juli 1750
 erreicht, wird er 14 Tage aufgehalten. Er schreibt einen langen Brief an seine Nichte M. Denis, der allerdings nur in einer sehr viel später redigierten Form erhalten ist und reist am 15 oder 16. Juli nach Potsdam ab. Es ist eine beschwerliche Reise durch unwirtliche Gegenden. Wenn er in einem Brief an Friedrich davon berichtet, klingt das so:

Sire, welch Hundeland ist dieses Westphalen und die Gegend um Hannover und Hessen! Hier schafft man an zweiTagen gerade einmal 3 Meilen. ...  In großen Hütten, die sich Häuser nennen, sieht man Tiere, die man Menschen nennt, die hier aufs kollegialste der Welt bunt vermischt mit anderen Haustieren leben. Irgendeine harte Gesteinsart, schwarz und schimmernd, wie man erzählt, aus einer Art von Weizen zusammengesetzt, ist die Nahrung der Hauseigentümer. Man beklage nach solchem unsere Bauern, oder besser beklage manniemanden, denn unter diesen verrauchten Hüten und mit ihrer abscheulichen Nahrung sind diese Steinzeitmenschen gesund, stark und fröhlich. Sie haben gerade so viel Geist, wie es ihr Zustand verlangt.

Es ist nicht so, dass ich sie beneide,
ich liebe unsere vergoldeten Stuckverkleidungen
Ich segne die glücklichen Werkstätten
die uns solche erzeugen
Hundert Vergügungen habe ich genossen
bekrittelt durch die Frömmelei
durch sie noch schmackhafter
Aber über die Hütten der Wilden
breitet die Natur ihre Wohltaten aus
Man erkennt den Abdruck ihrer Spur
In dem geringsten ihrer Werke
Der gewaltige Vogel der Juno
Das unreine Tier der Juden
Haben Vergnügen auf ihre Weise
Und alles ist aus gleichem Stoff in dieser Welt.

Noch einmal spielt Kleve in Voltaires Leben eine Rolle. Als man im Juli 1766 den Chevalier de la Barre  in einem der letzten Inquisitionsprozesse Frankreichs in Abbéville wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt, gründet sich das Urteil auch auf die Tatsache (eine der wenigen in diesem Prozeß), daß man beim Chevalier das Dictionnaire Philosophique Voltaires gefunden hat. Voltaire befürchtet deshalb das Schlimmste auch für sich selbst und erwägt, nach Preussen zu emigrieren. In einem Briefwechsel, der sich über mehrere Monate hinzieht, erörtert Voltaire mit  Friedrich die Möglichkeit, in Kleve oder auf Schloß Moyland eine Philosophenrepublik zu gründen. Moyland sei verkauft (was stimmte) und andere Unterkünfte zu finden, sei nicht einfach, behauptet Friedrich. Er verlangt außerdem, die Philosophen sollten "massvoll und friedlich" sein und fordert Unterordnung: "Bedingung ist jedoch, daß sie diejenigen schonen, die geschont werden müssen, und daß sie in ihren Druckschriften die Gesetze des Anstands beobachten". Schließlich gibt Voltaire die Idee selbst auf, seine Freunde D'Alembert und Diderot waren für das Vorhaben ohnehin nicht zu gewinnen.