Reiner Bredemeyer
(2.Feb.1929 - 5.Dez 1995)
nach Hanns Eisler und Paul
Dessau der bedeutendste Komponist der DDR. Schon in jungen Jahren
begegnete er Karl Amadeus Hartmann dessen Kompostionskunst er viel
verdankte. In der DDR war er Assistent bei Paul Dessau an der
Berliner Schauspielschule. Reiner Bredemeyer verkörperte "als letzter
Überlebender jene kompromißlose Widerstandskunst, die in der Kriegs- und
Nachkriegszeit aufblühte"(zit. nach G.Müller).
weitere Informationen:
www.reiner-bredemeyer.de
Gerhard Müller: 1939 in Saalfeld (Saale)
geboren, Journalist, Dr. phil.("Heinrich Heine und die Musik"), 1980
-1995 leitender Dramaturg an der Komischen Oper Berlin, 1995 -1998
Chefdramaturg und Künstlerischer Direktor des Gewandhauses zu Leipzig.
Vizepräsident der Internationalen Hanns-Eisler-Gesellschaft e.V. Autor
zahlreicher Essays, Libretti, Zeitschriftenaufsätze und
Rundfunk-Sendungen, Fachbücher.
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Hinweise zur Handlung
Mit ihrer Oper
Candide haben Reiner Bredemeyer und Gerhard Müller fortgeschrieben, was
Candide 200 Jahre nach Voltaire in der 'besten aller Welten' begegnete.
Lange nach den
Judenverbrennungen in Lissabon wird er mit Auschwitz konfrontiert,
erlebt die Niederbombung des
republikanischen Spaniens vor den Augen einer 'neutralen'
Völkergemeinschaft und ist Zeuge, wie sich die große Hoffnung der
Menschheit auf eine vernünftig und human organisierte Welt als Chimäre
erweist. War der Großinquistor bei Voltaire noch still und
erliegt sang- und klanglos seinen Wunden, so hat er in diesem Stück des 20. Jahrhunderts
sprechen gelernt, und zwar das Großsprech eines Propagandisten, der sich
der Unterstützung aller Medien sicher weiß: "Öffnet im Namen des Völkerrechts!"
ruft er, um sich und seinen mordbrennerischen Absichten Zugang zu
verschaffen.
Wie
unheimlich vorausahnend hat damit Gerhard Müller in seinem Libretto die
Ereignisse des 21. Jahrhunderts vorweggenommen, in dem die Mächtigen im
Namen des Völkerrechts, der Meinungsfreiheit, ja sogar im Namen des
Antifaschismus selbst bomben und morden lassen. Es ist geradezu
candidisch-grotesk, daß die Uraufführung in Halle so kurz nach dem orwellschen Jahr
1986 stattfand.
Doch dieses Stück ist in der DDR geschrieben und vor
einem DDR-Publikum aufgeführt worden. Diesem sind grosse Teile des
dichten Textes gewidmet: so erleiden die Protagonisten auf dem Weg nach Eldorado, dem glücklichen
Leben, Plackerei und die schrittweise
Unterwerfung unter das Kommando Vanderdurens, eines reichen Händlers, dem sie folgen,
um nicht zu verhungern und enden dabei schließlich in der Sklaverei.
Ahnten Müller und Bredemeyer, daß kaum 5 Jahre später die ganze
Bevölkerung der DDR diesen Weg gehen würde?
"Dies Lied, das ich für
Sie gemacht,
ihr dienend liebt ich alle Zeit
so treu sie, daß ein
Totenkleid
der ach so bittre Lohn wird sein
hat fürder meiner sie
nicht acht."
(IV. Akt, Dritte Szene)
Solche Sehkraft
empfindet man gewöhnlich als unheimlich, denn sie läßt uns fürchten, daß
der Weg in die Zukunft Gesetzen folgt, die einige (vorher)sehen, die große
Masse ihnen aber nur blind folgen kann und sei es in den eigenen
Untergang. Dieses Gefühl einfangend, tritt im Interludium III eine Frau
auf, die ihre Vision vom Untergang erzählt - sie tut es lachend! Und so mutet auch
der Schluß wie ein Abgesang auf die DDR der friedlichen Koexistenz an,
mit der sich die Führung dem Konflikt zu entziehen können glaubt, indem
sie sich umwendet - und die Bürger anweist, ihren Garten zu bestellen,
statt um eine bessere Welt zu kämpfen:
Candide: Still. Nicht zu grübeln, ist das einzige Mittel, das Leben
erträglich zu machen.
Pangloss: In der besten aller Welten sind alle
Geschehnisse eng miteinander verknüpft.
Candide: Richtig, Sehr richtig.
Aber wir müssen unseren Garten bestellen
Hinweise zur Musik
Noch stärker als der Text des Librettos ist die Musik Bredemeyers
komprimiert und verdichtet, wobei der rezitativische Gesangsstil an den
deutschen Candide, den Simplicissimus in der Vertonung K.A. Hartmanns
erinnert. Daß diese Verbindung nicht zufällig ist, zeigt ein Blick auf
Bredemeyers kurze Autobiographie, in der er diese Verbindung zu Hartmann
selbst herstellt. Ähnlich wie dieser im Simplicissimus spielt Bredemeyer
auf der Tastatur eines riesigen musikalischen Repertoires, teilweise
komisch, etwa wenn er bei der Zerstörung des Schlosses Händels
Feuerwerksmusik erklingen läßt, teils unheimlich, wenn er die tragische
Grundströmung der Handlung verstärkend, Gesänge des finsteren
Mittelalters einarbeitet, so, als ob er uns warnend vor Augen führen
wollte, wie leicht es um uns geschehen sein wird, wenn uns die Vergangenheit, auch
musikalisch, wieder in ihre Krallen zu fassen bekommen sollte.
Aufführungen
Die Oper wurde 1986 am Landestheater Halle unter Leitung von
Christian Kluttig (Dirigent) und Andreas Baumann (Regie) zum ersten Mal
und später in Dresden und anlässlich der Musikwerkstatt Tage der DDR
aufgeführt. Die Reaktion der Öffentlichkeit ist uns bislang unbekannt. Den Text des Librettos veröffentlichen wir
hier mit freundlicher
Genehmigung des Autors, Herrn Dr. Gerhard Müller.