Voltaire sah sich selbst
vor allem als Theaterschriftsteller: er schrieb 56 Theaterstücke, darunter
siebenundzwanzig Tragödien. Zeit seines Lebens stand er selbst leidenschaftlich
gerne auf der Bühne und war nach den Berichten seiner Zeitgenossen ein
hervorragender Schauspieler. Es gehörte damals zur gesellschaftlichen
Gepflogenheit der vornehmen Häuser Frankreichs, Theater zu spielen und nicht
wenige Herrschaftssitze verfügten selbst über eine kleine Bühne. So hielt es
auch Voltaire in allen von ihm selbst bewohnten Häusern. Seine Gäste mussten
sich darauf einstellen, die freien Abende zum Erlernen ihrer Rollen zu
verwenden, um sich nicht bei den privaten oder öffentlichen Aufführungen
zu blamieren. Die Proben zu seinen Stücken leitete er am liebsten
selbst, die bekanntesten Schauspieler der Zeit gehörten zu seinen Freunden (Lecouvreur,
Le Kain).
Oedipe, tragédie, Paris, 1719,
Pierre u. Jacques Ribou Am
18. 11. 1718 in der Comédie Francaise erstmals aufgeführt, wurde Voltaires
erstes Stück sogleich ein Riesenerfolg: 34 Aufführungen hintereinander; das war
für das Theaterstück eines vollkommen unbekannten 24 jährigen Autors
sensationell und machte ihn mit einem Schlag berühmt. Inhalt:
Die Familie bringt Ödipus bekanntlich von A bis Z Verderben und
Unglück, er tötet, ohne zu wissen, um wen es sich handelt, seinen Vater Laios im
Kampf und heiratet Ioakaste, seine Mutter. Das Drama endet 'klassisch' mit der Selbstblendung des
verzweifelten Ödipus und dem
Freitod Iokastes. In Voltaires Theaterstück war jedoch Iokaste vor ihrer Heirat
mit Laios, -
abweichend vom klassischen Vorbild des Sophokles - leidenschaftlich in Philoktet verliebt.
Sie heiratete trotzdem Laios - aus Staatsraison. Und als nach Laios Tod
eine Heirat mit Philoktet möglich gewesen wäre, folgt sie erneut der
Staatsraison und gibt Ödipus das Jawort. Zweimal hätte Iokaste, wäre sie nur der
Stimme ihres Herzens gefolgt, das Schicksal abwenden können. Durch die
Einführung der Liebesbeziehung Philoktet - Iokaste als Parallelhandlung
erscheint bei Voltaire das göttliche Urteil über Ödipus und Iokaste bedeutend
weniger schicksalhaft und unabwendbar als in der klassischen Vorlage. Diese
obrigkeitskritische Tendenz gipfelt in Aussagen wie der des Araspe mit dem
zentralen Grundsatz der Aufklärung: "Ne nous fions qu'à nous, voyons tous par
nos yeux, ce sont là nos trépieds, nos oracles, nos dieux" (Vertrauen wir nur
uns selbst, sehen wir alles mit unseren eigenen Augen. sie sind unsere heiligen
Gefäße, unsere Orakel, unsere Götter").
Herode et Mariamne Paris 1725
Noel Pissot. Am 6. 3. 1724
wird Mariamne
an der Comédie uraufgeführt.
In der Hauptrolle Adrianne Lecouvreur, die 6 Jahre später im Alter
von 37 Jahren starb und als Schauspielerin, obwohl zu Lebzeiten gefeiert, kein Begräbnis erhielt -
die Kirche stellte sich dagegen. Ihre Leiche
wurde auf einem Acker an der Seine verscharrt (siehe
Voltaires Gedicht zu dieser Ungeheuerlichkeit).
L'Indiscret (Der Indiskrete) 1725
ist eine Komödie in einem Akt, die man meist zusammen mit einem Drama aufführte.
Sie handelt von Damis, der den Frauen den Kopf verdreht, aber seinen Mund nicht
halten kann und ausgerechnet bei seinem Freund Clitandre, der unsterblich in
Hortense verliebt ist, von seiner neuen Eroberung - eben Hortense - angibt.
Dessen Diener fädelt eine kleine Intrige ein, um Hortense zu täuschen - sie soll
glauben, dass Damis das Interesse an ihr verloren habe - dieser Versuch
scheitert. Hortense verkleidet sich schließlich beim Maskenball als Julie, mit
der Damis ebenfalls eine Liebschaft unterhält, er fällt drauf herein und gesteht
Julie - Hortense seine Liebe, Hortense erkennt den Filou und nimmt den
langweiligeren, aber ernsthaften Clitandre zum Freund. Das Schlußwort
Damis':"Gerechter Himmel! Wem kann man bloß noch etwas anvertrauen?"
Le Brutus de Monsieur Voltaire avec un discours sur le theatre, Amsterdam 1731,
E.J. Ledet
In diesem Stück unterstützt Voltaire republikanische Ideen und spricht gegen die
Tyrannei. Leicht hätte das Stück als Anklage gegen die Monarchie verstanden
werden können. Am 11.12.1730 in der Comédie Francaise uraufgeführt, erlebte es
nur wenige Aufführungen und wird erst wieder während der Revolution 1793
gezeigt.
Zaire tragédie de M. de Voltaire Amsterdam 1732 Etienne Ledet,
Neben Oedipe war Zaire
Voltaires erfolgreichstes Stück, es erlebte nach der Uraufführung am 13.8.1732
noch 21 weitere Aufführungen und wurde noch bis ins 20. Jahrhundert hinein gespielt.
Zaire, christlich geboren, lebt
seit früher Kindheit im Serail des Sultans. Orosman, sein Sohn, und Zaire lieben
sich und Orosman, nach dem Tod des Vaters selbst Sultan, will Zaire heiraten. In
den Verliesen des Serails schmachten seit vielen Jahren einige hundert Christen,
deren Kreuzzug zur Eroberung Jerusalems auf diese Weise endete. Zwei von ihnen
beschwören Zaire, von der Heirat Orosmans abzusehen, die sie als Verrat am
Christentum und – denn sie erweisen sich als Zaires Vater und Bruder - an der
Familientradition ansehen. Orosman vermutet im Bruder Zaires aber ihren
heimlichen Liebhaber, glaubt deren Flucht zu entdecken und ersticht Zaire als
vermeintliche Verräterin. Als er die Wahrheit erfährt, entlässt der verzweifelte
Orosman großmütig alle Christen aus der Gefangenschaft und tötet sich
schließlich selbst. Orosmans Tat ist von Eifersucht gesteuert, aber Zaire hat
ihren Tod heraufbeschworen, weil sie, indem sie zum Christentum übergeht, der
Stimme des Blutes folgt und ihre Liebe verrät. Wenn es eine Moral in Voltaires
Zaire gibt, so ist es diese: die Herkunft, die Familie, das Blut, sind Steine am
Hals der Freiheit. Frei sein kann nur, wer sich von solchen Banden losmacht und
seiner inneren Stimme, den eigenen Wünschen, folgt. Eine Fähigkeit, die sich
Voltaire selbst lebenslang bewahrt hat.
Voltaire zeigt in Zaire, dass die Umgebung, in die man zufällig gerät, darüber
entscheidet, welche Religion man annimmt, keine kann auf den einzig wahren
Glauben Anspruch erheben. Die Spannung der Tragödie lebt vom Hin- und
Hergerissensein Zaires zwischen ihrem schlechten Gewissen, ihrem Pflichtgefühl
gegenüber Vater, Bruder und christlicher Religion und der Stimme ihrer Liebe zu
Orosamn. Ihr Vater, Lusignan, ist schwach und stirbt alsbald. Der Bruder
Zaires, Nerestan, fällt durch seinen abstrakten Dogmatismus auf, den das Glück
Zaires, seiner Schwester, kalt lässt. Bei der Gestaltung von Vater und Bruder
hat Voltaire unverkennbar biographisch Elemente eingearbeitet: Voltaires Vater
und auch sein Bruder Armand waren gläubige Jansenisten, die ihn soweit es ging
vom Erbe ausschlossen. Die Tragödie enthält keine adelskritischen Elemente außer
einem Appell an alle Herrscher der Welt, sich am Großmut Orosmans ein Beispiel
zu nehmen. Die Sprengkraft der Zaire liegt nicht hier, sondern in der Kritik am
christlichen Fanatismus, der das Glück des Einzelnen kirchlichen Dogmen opfert
und dabei ohne Gewissensbisse über Leichen geht.
Alzire ou les Americains, tragédie,
Amsterdam 1736, Ledet.
Alzire,
eine von den Spaniern gefangene Inkaprinzessin, ist mit dem aus spanischen
Gefängnissen entflohenen Inkafürsten Zamore verlobt. Gegen ihren Willen wird sie mit dem gewalttätigen Spanier Gusman verheiratet. Da erscheint Zamore, verlangt Alzire für sich, verletzt Gusman tödlich und weigert sich, durch Bekehrung zum Christentum sein Leben zu retten, was wiederum dem sterbenden Gusman Achtung abnötigt. Voltaire zeigt, dass die gewalttätigen Christen hinter der von ihnen verachteten Inkareligion moralisch weit zurückstehen. Am Schluss der Tragödie bekehrt sich Zamore freilich doch
noch zum Christentum - ohne diese Wendung wäre Alzire wohl niemals auf
irgendeiner Bühne gespielt worden.
Die Uraufführung am 27. Januar 1736 war ein großer Erfolg.
Alzire ist Emilie du Châtelet
gewidmet. Voltaire spricht in seiner Widmung vom Gegensatz, der keiner sei, zwischen weiblichen Pflichten und Bildung: “Es stimmt, dass eine Frau, die die Pflichten ihres Standes verlässt, um sich der Förderung der Wissenschaften zu widmen, selbst in ihren Erfolgen verurteilenswert wäre. Jedoch, Madame, die Geisteshaltung, die das Wissen zur Wahrheit führt, ist jene, die uns zur Erfüllung unserer Aufgaben befähigt.”
L'Enfant prodigue 1736 erstmals am 10 Oktober 1736 in Paris aufgeführt und erlebte 22 Aufführungen. Das Stück ist eine Tragikomödie, eine Neuheit im damaligen Theaterbetrieb, mit dem sich Voltaire einige harte Kritiken einhandelte. Seine Antwort war: "Jedes Genre ist erlaubt, mit Ausnahme des langweiligen'. Das Stück handelt vom verstossenen Euphémon, der kurz vor der Verheiratung der ihn immer noch liebenden Lise mit Fierenfat, seinem jüngeren Bruder, im übrigen Präsident von Cognac, wieder auftaucht. Lise (sie spricht die schönen Verse: 'Ce coeur au moins, difficile à dompter, Ne peut aimer ni par ordre d’un père, Ni par raison, ni par devant notaire') verzichtet auf die gute Partie Fierenfat, steht zu Euphémon, der außerdem die Vergebung seines Vaters erlangt. Voltaire vertritt die Sache der Liebenden gegen die damals sehr übliche Zweckheirat.
Le Fanatisme ou Mahomet le prophète, Tragédie en cinq actes 1742 ...mehr auf der Extraseite zu Mohammed.
Mérope, Tragédie en cinq actes
1743.
Mérope wurde erstmals am 20. Februar 1743 in Anwesenheit
Voltaires in Paris aufgeführt und erlebte 29 Aufführungen - ein riesiger, auch
finanzieller, Erfolg.
Mérope, Königin von Messina hat ihren Mann und ihre Kinder durch ein
Attentat verloren. 15 Jahre danach ist es dem messinische Heerführer Polyphonte,
darin dem Orbassan in Tancrède ähnlich, gelungen, Messina von den Feinden und vom
Bürgerkrieg zu befreien. Er ist dadurch der mächtigste Mann im Staat. Um seinen
Erfolg komplett zu machen, fordert er Mérope zur Heirat auf, denn so könnte er
seinem militärischen Erfolg die ihm fehlende edle Herkunft hinzufügen:
J’ai besoin d’un hymen utile à ma
grandeur, Qui détourne de moi le nom d’usurpateur,
(Eine nützliche Verbindung zu meiner Größe brauch ich, mich
vom Ruf des Usurpators zu befrein).
Er plant außerdem das Volk für sich zu gewinnen:
C’est
encore peu de vaincre, il faut savoir séduire,
Flatter l’hydre du peuple, au
frein l’accoutumer,
Et pousser l’art enfin jusqu’à m’en faire aimer
(Siegen bedeutet noch nicht viel, verführen muß man können, der Hydra, dem Volk
zu schmeicheln, um es an die Zügel zu gewöhnen und diese Kunst so weit zu
treiben, bis es mich liebt).
Der Plan hat nur einen Fehler: Mérope verabscheut den grobschlächtigen Soldaten
und trauert noch immer um den ermordeten König und die Kinder, sie hofft
außerdem auf Egistes, der als einziges ihrer Kinder dem Gemetzel entkommen sein
könnte. Tatsächlich berichtet man ihr von derAnkunft eines fremden Jünglings -
jedoch wird dieser beschuldigt, den offenbar wirklich angereisten Egistes im Streit
erschlagen zu haben. Mérope plant, ihn als Mörder ihres Sohnes zu töten, um
dann lieber selbst aus dem Leben zu scheiden, als in die jetzt unvermeidliche
Heirat zu Polyphonte einzuwilligen. Der Jüngling besticht sie jedoch durch seine
natürliche Unschuld, mit der er in ihr die gütige Königin bewundert
Dieu, qui formas ses traits, veille sur
ton image!
La vertu sur le trône est ton plus digne ouvrage.
(Beschütz o
Gott dein Werk, worin dein Bild sich spiegelt, es ist
dein Meisterstück, wenn Tugend Kronen trägt.).
Als sich aber herausstellt, daß der vermeintliche Mörder
in Wirklichkeit Egistes selber ist, stellt ihn Polyphonte vor die Wahl, sich ihm
entweder zu unterwerfen und die Heirat zu billigen, oder zu sterben. Doch
unterdessen kommt heraus, daß Polyphonte das Attentat auf den König und die
Kinder selbst verübt hat.. Die Hochzeitszeremonie naht. Egistes wird vorgeführt
und soll dem Tyrannen Polyphonte Treue schwören. Stattdessen nimmt er das
Opferbeil und versetzt Polyphonte damit einen tödlichen Schlag auf den Kopf. Ein
Tumult entsteht. Mérope und ihren Anhängern gelingt es, das Volk auf ihre Seite
zu ziehen und sie wird als Königin gemeinsam ihrem Sohn Egistes, dem Thronfolger,
als rechtmäßiges Herrschergeschlecht bestätigt.
Semiramis, 1748. Semiramis wurde erstmals am 28.8.1748 in Anwesenheit Voltaires, der mit dem polnischen Ex-König Stanislas aus Lunéville angereist war und später, in einer korrigierten Fassung, 1749 in Fontainebleau aufgeführt. Eines der am meisten gespielten Stücke Voltaires, denn es ist bar jeden religionskritischen Inhalts und dreht sich um das klassische Thema Inzest und Vatermord. Voltaire will hier seine Überlegenheit als Theaterschriftsteller über seine Konkurrenten, die den Stoff vor ihm schon verarbeitet haben, unter Beweis stellen. Außerdem zeigt er zum ersten Mal in Frankreich (man erinnert sich an Hamlet) einen Geist auf der Bühne, was natürlich das Publikum, das Shakespeare nicht kannte, besonders neugierig machte. Die babylonische Königin Semiramis wird von Gewissensqualen erdrückt, denn sie ist mitschuldig am Tode ihres Mannes Ninus. Sie hat ihn gemeinsam mit Assur vergiftet. Ninius, ihr Sohn, soll angeblich ebenfalls ums Leben gekommen sein. Es zeigt sich jedoch, dass er als erfolgreicher Feldherr unter dem Namen Arzace lebt. Das Schicksal will es, dass ihn Semiramis in der Hoffnung, durch den erfolgreichen Feldherrn neue Kraft zu gewinnen, für sich zum Heiratskandidaten erwählt. Das Orakel weist Arzace die Aufgabe zu, den Mord an Ninus zu rächen, er soll Assur töten, seine Mutter jedoch am Leben lassen. Semiramis sucht jedoch den Tod und wird durch eine Verwechslung von der Hand ihres Sohnes erdolcht.
Nanine ou l'homme sans préjugés (Nanine oder die Vorurteile)1749 Die kleine Komödie (Voltaire: 'Bagatelle') in 3 Akten handelt von der Liebe der gebildeten, aber scheinbar aus einfachen Verhältnissen stammenden Nanine zum (noch) unverheirateten Grafen, eine Liebe, die aufgrund der Standesunterschiede unerfüllbar erscheint. Zu allem Überfluss beansprucht ihn die Baronin von Orme für sich als Gemahl. Deren Charakter entrüstet allerdings die Gräfin Mutter und sie ebnet den Weg zur Heirat des Barons mit Nanine. Das Stück ist dem damals sehr erfolgreichen, 1740 erschienenen Briefroman von S. Richardson, Pamela or virtue rewarded (Pamela oder die belohnte Tugend) nachempfunden, der ebenfalls am Eigendünkel der Adelsherrschaften rüttelt.
Tancrède 1759
Das Stück wurde erstmals im Oktober 1759 in Voltaires privatem Theater in
Tournay bei Genf und am 3. September 1760 in Paris aufgeführt. Es spielt im sizilianischen Syrakus im Jahr 1005. Die Stadt liegt im
Krieg mit dem sarazenischen General Solamir.
Tancrède ist ein
vom Volk geliebter Adliger, jedoch dem Senat v. Syrakus unter Führung seines
grobschlächtigen Widersachers Orbassan verhasst. Tancrèdes französische Herkunft
(obwohl in Syrakus geboren) wird benutzt, um ihm Illoyalität unterzuschieben,
sein Eigentum zu konfiszieren und ihn selbst aus der Stadt zu verbannen. Tancrèdes Wahlspruch lautet: „Liebe und Ehre“, gerade diesem wird er aber nicht
voll und ganz gerecht, denn er zweifelt an der Treue und Loyalität der von ihm
geliebten Amenaide, der Tochter Agiris, des alten Statthalters von Syrakus. Zwar
rettet er sie vor dem sicheren Tod aus den Händen Orbassans, indem er diesen im
Zweikampf tötet, glaubt aber, Amenaide habe ihre Liebe Salomir, dem Bedränger Syrakus’, geschenkt und also ihn und die Stadt verraten. Aus
Verzweiflung darüber sucht er den Tod im Kampf gegen die Sarazenen, stirbt in
den Armen seiner geliebten Amenaide, die ihm noch ihre Liebe versichern
kann, um ihm dann in den Tod nachzufolgen..
Das Stück zeigt den Untergang der Edlen und Gerechten, derer, die wie Amenaide
zu ihren Empfindungen stehen, keinen Verrat begehen und fähig sind, zu lieben,
es zeigt das Unrecht, das gerade denjenigen geschieht, die sich - wie Tancrède -
eigentlich treu und wahrhaftig zu ihrem Land bekennen. Die Ursache von alldem
ist, dass die Macht in schwachen Händen oder aber in denen von kulturlosen,
skrupellosen Gesellen liegt.
Le Dépositaire (Der Treuhänder) 1767 geht auf eine Anekdote von Ninon de Lenclos zurück. Als ein gewisser Gourville aus Frankreich fliehen musste, übergab er eine randvolle Geldkassette an Mme Ninon de Lenclos, deren Reputation zweifelhaft war, eine andere an einen weithin als Frömmler bekannten Vertrauten. Bei seiner Rückkehr fand er bei Ninon seine Geldkassette wieder, die inzwischen an Wert noch gewonnen hatte. Als er jedoch bei seinem frommen Vertrauten nach der zweiten Kassette fragte, war diese leer und er bekam zur Antwort: “Ich habe das Geld für fromme Werke verwendet, denn was hätte ich besseres tun können, als dieses Geld für Euer Seelenheil auszugeben, wo es Euch doch andernfalls der sicheren Verdammnis ausgeliefert hätte.”
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