Voltaire bekämpft nicht so sehr die Religion an sich, die er als Grundlage menschlicher Moral und Stütze des Staates akzeptiert und sogar nützlich findet, als vielmehr die Kirchen in Gestalt ihrer Institutionen und Würdenträger. Diese Gebilde sind für ihn ebenso auf Lug und Trug aufgebaut, wie die versammelten heiligen Schriften des Christentums, des Islam und des Judentums Menschenwerk sind, um Machtpositionen aufzubauen und zu verteidigen. All den Grausamkeiten und Beleidigungen, besonders aber dem Fanatismus aus religiösen Motiven setzt er die kritische Vernunft und die Forderung nach Toleranz entgegen. Die nachfolgend genannten Schriften wurden zuletzt in deutscher Sprache vor 30 Jahren in den Textsammlungen von Mensching, von Fontius und von Horst (siehe Werkausgaben) veröffentlicht.
Sermon
des Cinquantes 1749.
Der Schwur der Fünfzig ist die erste Schrift, in der Voltaire die Kirche
frontal angreift und den praktizierenden Christen en détail Gotteslästerung
vorwirft. Der Schwur der Fünfzig ist erst 1762 erschienen, als sich Voltaire in
seinem Wohnsitz Ferney vor Verfolgung einigermaßen
sicher wusste. Für Äußerungen geringerer Art konnte man durch die Inquisition
verbrannt werden, eine Rückkehr nach Paris war damit für Voltaire
ausgeschlossen.
La voix du sage et du peuple 1750.
Voltaire kritisiert hier die katholische Kirche und fordert, dass mit der
Steuerbefreiung dieser Institution (die damals immerhin 25% des französischen
Volksvermögens zusammengerafft hatte) im Interesse des Gemeinwohls Schluss
gemacht werde. Dadurch zog er sich den ganz besonderen Hass des Klerus zu, der
erreichte, dass dieser Text auch staatlicherseits verboten wurde.
Extraits des sentiments de Jean Meslier 1762. Voltaire war das Testament des Abbé Meslier zur Kenntnis gelangt, das in Frankreich nur in einigen Abschriften zirkulierte. Dieses Testament ist die erste, große Abrechnung mit der Religion und dem Gottesglauben überhaupt und gleichzeitig ein frühkommunistisches Manifest. Meslier erkennt, dass das Elend seiner “Schäfchen” keinesfalls einer gottgewollten Ordnung folgt, sondern einer von Kirche und Adel brutal aufrechterhaltenen Ordnung, die überhaupt nicht unumstößlich zu sein braucht. Voltaire veröffentlichte aus diesem Manifest die harmloseren Teile - trotzdem ein mutiger Schritt, den nur er wagen durfte und mit dem er Meslier der Vergessenheit entriss. Das Werk wurde vom Pariser Gerichtshof zum Verbrennen auf dem Scheiterhaufen verurteilt, der Vatikan setzte es 1765 auf den Index, auf dem es wohl noch heute, neben dem Testament Jean Mesliers (...deutsch) selbst, stehen wird.
Le Diner du compte de Boulainviller Genf 1767. Ein Streitgespräch über die Stellung von Religion und Kirche in der Gesellschaft.
Relation de la mort du Chevalier de la Barre 1766.
Der Prozess gegen den Chevalier de La Barre wegen Gotteslästerung (er hatte
seinen Hut vor einer vorbeiziehenden Prozession nicht gezogen) endete mit einem
fürchterlichen Todesurteil, das am 1. Juli 1766 in Abbéville vollstreckt wurde.
De La Barre erlitt grausame Folterungen bevor ihm die Zunge herausgerissen und
er - als Adliger - nicht lebendig verbrannt, sondern geköpft und sein Leichnam
anschließend verbrannt wurde. Dass nach der Ermordung des Chevalier de la Barre
die Inquisition in Frankreich erledigt war, ist sehr entscheidend der vehementen
Attacke Voltaires gegen die Mörder in Kirche und Staat zu verdanken.
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Le cri du sang innoncent 1775.
In
diesem an Louis XVI gerichteten Text setzt sich Voltaire im Name des Herrn von
Etallonde, den man wie den Chevalier de la Barre in Abbéville zum Tode
verurteilt hatte, für die Aufhebung des Urteils ein. Etallonde war seit 9 Jahren
im preußischen Exil, wo er auf Vermittlung Voltaires Offizier geworden war.
D'Etallonde verfolgte jedoch nicht das Ziel Voltaires zur Aufhebung des
Urteils, sondern wollte, gleich wie, zurück nach Frankreich und verfasste ein
Gnadengesuch, das ihm schließlich auch gewährt wurde.
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