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auswahl aufklärung Aufklärung Voltaire als Aufklärer Aufklärung im 18.Jhdt

Voltaire Werkverzeichnis Deutsch








Kurzbiographie Voltaires lesen

Voltaire Ausstellung in Gotha
Offener Brief
1. Ein Zentralstaat wird aufgebaut
Unter Ludwig XIII. (vor allem durch Kardinal de Richelieu, 1585 - 1642) wurde in Frankreich eine Zentralmacht geschaffen, die den lokalen Adel weitgehend entmachtete und ihn zum Anhängsel des Hofes in Versailles degradierte. Ämter wurden verkauft und von der Zentralmacht gegeben oder genommen. Es entstand eine Armee, ein bescheidenes allgemeines Rechtssystem und ein Finanzwesen, das mit seinen verhassten Steuereintreibern das Volk aussaugte, aber gleichzeitig die lokalen Fürsten entmachtete.

2. Machtverlust der Kirche
Durch diese Entwicklung verlor aber auch die Kirche an Macht, denn sie war nun nicht mehr die einzige überregionale Organisation. Zwar war sie von Steuern befreit und behielt ihre Einkünfte aus den riesigen Ländereien, sie war eine nicht zu unterschätzende Macht, ihr waren jedoch durch die weltliche Macht der absoluten Monarchie Grenzen gesetzt.  Die pompöse Hofhaltung in Paris hatte zudem eine verheerende Auswirkung auf die ideologische Geschlossenheit des Klerus. Die Kirchenfürsten fühlten sich oft genug an die kirchlichen Auflagen selbst nicht gebunden und waren bei allen Ausschweifungen an erster Stelle zu finden.

3. Die Wissenschaft entsteht
Kaum war es der Kirche nicht mehr möglich, jeden unabhängigen Gedanken im Keim zu ersticken, wuchs das Interesse an der Wissenschaft gewaltig, was ihren Einfluss noch weiter zurückdrängte. Wissenschaftliche Methoden wie das naturwissenschaftliche Experiment  und die historische Tatsachenforschung setzten sich mehr und mehr an den bisher theologisch kontrollierten Universitäten durch. Das kam nicht von selbst. Jeder einzelne Fortschritt musste von den Vertretern der Aufklärung gegen die Kirche und ihre Anhänger erkämpft werden.

4. Das Bürgertum gewinnt an Einfluß
Die absolute Monarchie bediente sich mehr und mehr, da sie gute und fleißige Organisatoren brauchte, nichtadliger Beamter. Der Prunk und die Suche nach immer neuen Abwechslungen verhalf den lokalen Handwerkern und großen Handelskaufleuten zu Wohlstand. Weil zum Luxus gewaltige Geldmittel nötig waren, wurden Geldverleiher zu einflussreichen Bankiers. Diese neue Schicht war an die Kirche nur noch schwach gebunden und verachtete den schmarotzenden Klerus. Hier und unter denjenigen Angehörigen des Adels, die mit dem kirchentreuen Klerus auf Kriegsfuß standen,  hatte Voltaire seine Freunde, in diese Kreise war er hineingeboren, in diesen Kreisen lebte er.

5. Voltaire im Kräftefeld des 18. Jahrhunderts.
Im gesellschaftlichen Kräftefeld des 18. Jahrhunderts bewirkten also zwei Faktoren, dass die Kirche bedeutend an Einfluss verlor: die zentralstaatlich aufgebaute absolute Monarchie und das Entstehen einer sich selbst bewussten bürgerlichen Klasse. Hier ist das Geheimnis des viel beschriebenen Hin- und Hers in Voltaires Leben, seiner Bündnisse mit dem Adel, seiner Hoffnungen und Enttäuschungen zu suchen. Der Adel sympathisierte zwar mit der Aufklärung, jedoch ohne deshalb eine Frontstellung gegen den Klerus einzunehmen. Denn was dem Machtverlust des Klerus in Gestalt eines selbstbewussten und monarchiekritischen Bürgertums nachfolgte, konnte dem Adel kaum gefallen. Dass man den Klerus in die Schranken verwies, lies die Freiheit aufleben: die des Geistes, der Lebensfreude, der menschliche Phantasie, die sich von den Fesseln des finsteren Mittelalters befreiten. Voltaire personifiziert wie kein anderer diese Befreiung vom Mittelalter. Von diesen Freiheiten profitierte auch der Adel - die Monarchie spürte in ihnen  aber zu recht die Bedrohung der eigenen Macht. In den Biographien Ludwig XIV., XV. und ganz besonders bei Friedrich II. ist dieser Gegensatz offensichtlich. Voltaire gehört das Verdienst, die Verschiebung der gesellschaftlichen Kräfte als einziger seiner Zeit gesehen und für die Stärkung seiner Position genutzt zu haben, ohne sich selbst dadurch allzu viel nachzugeben. Sein Schlachtruf  “Ecrasez l`Infâme” brachte ihn zu Bündnissen mit einem kirchenkritischen Adel, dessen Kirchenkritik stets taktisch beschränkt war und zu Bündnissen mit dem aufgeklärten Bürgertum, das noch nicht die Machtmittel besaß, um Kirche und Monarchie gleichzeitig Paroli bieten zu können. Dazu bedurfte es der Revolution von 1789, der Verbindung von Bürgertum und Handwerkern, Arbeitern, einfachem Volk. Aber gerade gegenüber dem Adel war das Bürgertum seinerseits wiederum taktisch beschränkt. Auch in dieser Hinsicht war Voltaire Kind seiner Zeit, das weitsichtigste zumal.