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INHALT
0. Einleitung
1. Begriffsklärung:Antisemitismus
2. Die Angriffe
3. Voltaire und die Juden
   3.1 Aufenthaltsorte Voltaires  und ihre jüdischen Gemeinden
   3.2 Persönlichkeiten jüdischen Glaubens im Leben Voltaires
4. Judenverfolgung zur Zeit Voltaires
5. Voltaire, Die Aufklärung und die Inquisition: Ecrasez l'Infame
6. Was sagt Voltaire zur jüdischen Religion? Auflistung der relevanten Textstellen
7. Voltaire, ein 'autoritärer Charkter'? Biographische Notiz
8. Theater der Groteske, oder: jede Hand hat 6 Finger.
9. Fazit
10. Literatur zum Thema. Kommentierte Liste
11. Kritik an Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus
12. Übersetzung von Voltaire: Rede des Rabbi Akib

Voltaire, ein Antisemit?

siehe auch zum Thema den engagierten Artikel von Rainer Neuhaus


3.2 Persönlichkeiten jüdischen Glaubens im Leben Voltaires


Jean Baptiste Silva (1682-1742, Arzt)
In seinem Werk hat Voltaire den jüdischen Pariser Arzt da Silva mehrfach als medizinische Kapazität erwähnt. Silva war seit 1724 beratender Arzt der Königin. Voltaire hat ihn öfter konsultiert, an Freunde empfohlen und muß ihn außerordentlich geschätzt haben. Er hat ihm eine kleine Hymne geschrieben, die seine Wertschätzung zum Ausdruck bringt:

Vers envoyés à M. SILVA, premier médecin de la reine, avec le portrait de l’auteur

Au temple d'Épidaure on offrait les images
Des humains conservés et guéris par les dieux
Silva, qui de la mort est le maître comme eux,
Mérite les mêmes hommages.
Esculape nouveau, mes jours sont tes bienfaits
Et tu vois ton ouvrage en revoyant mes traits

Quelle: Artikel Jean Baptiste Silva, Wikipedia

Daniel de Fonseca (Arzt)
Geboren in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Portugal. War Priester, blieb aber weiter heimlich dem jüdischen Glauben treu. Deshalb wurde er verdächtig und musste vor der Inquisition nach Paris fliehen, wo er Medizin studierte. Später praktizierte er in Konstaninopel, wo er sich zu seinem jüdischen Glauben bekannte und unter den türkischen Machthabern großes Ansehen gewann. Er starb in hohem Alter in Paris.
Quelle: www.jewishencyclopedia.com, Artikel Fonseca
Marquis d'Argens Lettres juifs sind aus Unterhaltungen mit Fonseca hervorgegangen. Das Werk war Voltaire ebenso wie Friedrich II wohlbekannt. In d'Argens Lebensbericht lässt er Fonseca zu seiner Priester-Maskerade Stellung nehmen: "Was wollen Sie, wenn ich in einem freien Land gelebt hätte, wäre ich niemals zu einer solchen Handlung gezwungen gewesen. Es sind die Gräuel der Inquisition die mich dahin gebracht haben, sie haben meinen Großvater und meinen Onkel verbrannt, mein Vater konnte sich nur durch seine Flucht vor ihrem Zugriff retten. Sie haben mich im Alter von acht Jahren getauft, ohne daß ich wußte, was das bedeutet. Als ich dann älter wurde, untersuchte ich die Religion, die man mich anzunehmen gezwungen hatte. Ich fand Dinge, die mir absurd vorkamen und ich habe mir die Mühsal erspart, alle anderen zu studieren, denn ich wußte, daß sie sich nur in wenigem voneinander unterschieden. So kehrte ich zur Religion meiner Väter zurück, die älteste, einfachste und meiner Meinung nach vernünftigste". Bei Voltaire heißt es zu Fonseca (Charles II) ..der Arzt Fonseca, Portugiese, [ist] ein in Konstantinopel lebender Jude, sehr gebildet und wortgewandt, auch in Geschäftsdingen geschickt und vielleicht der einzige Aufklärer seiner Nation. Sein Beruf verschaffte ihm Zugang zur Hohen Pforte und erwarb ihm das Vertrauen der Wesire. Ich habe ihn in Paris sehr gut gekannt, von ihm habe ich all die Einzelheiten, die ich hier erzähle."

John Mendes da Costa (1650-24.6.1726, Bankier)
Bankier in London, 72 Jahre alt, Voltaire traf ihn im Frühjahr 1726, als er, aus Frankreich verbannt, nach London kam und einen Wechsel einlösen wollte. Mendes da Costa teilte ihm mit, dass die Bank bankrott gegangen war. Voltaire bearbeitete ihn so lange, bis ihm der alte Bankier wenigstens einige Guineen auszahlte. Der hätte das nicht tun müssen, denn Eigentümer der Bank war sein Sohn. Voltaire: 'Er hat mein Mitleid erweckt, ich umarmte ihn, wir lobten gemeinsam Gott - und ich hatte 80% verloren". Voltaire kam auch an anderer Stelle auf diesen Fall zu sprechen, nämlich als man ihm vorwarf, aus dieser Erfahrung sei ihm ein negatives Empfinden gegen die Juden geblieben. Voltaire antwortete: "Meine Herren, bedenken sie, daß ich viel bedeutendere Bankrotte von guten Christen hinnehmen musste ohne deshalb aufzuheulen. Ich bin über keinen einzigen portugiesischen Juden verärgert, ich schätze sie alle. Wütend bin ich nur auf Phineas, Sohn des Eleazar, der, als er sah, daß der schöne Prinz Zamri in seinem Zelt nackt war und mit der schönen Prinzessin Cosbi schlief, (...) sie alle beide mit seinem Dolch von ihren Weichteilen her aufschlitzte, gefolgt von seinen tapferen Kameraden, die vierundzwanzigtausend Liebende, Frauen und Männer, erdrosselten, dies in kürzerer Zeit als ich gebraucht habe, um diese Anekdote zu erzählen, denn in meinem Alter schreibe ich nicht so schnell"

Abraham Hirschel (oder Hirsch)
Abraham Hirschel war nach dem 1750 in Peußen erlassen 'Generalprivileg' sogenannter 'Schutzjude', das bedeutet - er war Juwlier und im Finanzgeschäft tätig - daß die Familie ausgesprochen wohlhabend gewesen sein muß. Im September 1750 lernte Voltaire die beiden Hirschels (oder Hirschs) kennen, die in Berlin in der Heiliggeiststrasse ihr Juweliergeschäft betrieben. Er hat von ihnen Schmuck für Theateraufführungen leihweise erhalten und man kam offenbar gemeinsam auf die Idee, ein einträgliches Geschäft aufzuziehen. Friedrich hatte den sächsischen Staat im "Dresdner Frieden" gezwungen, sogenannte sächsische Steuerscheine, die sich in den Händen preussicher Bürger befanden, zum Nennwert zurückzukaufen. Nun waren diese Schuldscheine in Sachsen nicht mehr besonders viel wert und somit lag die Versuchung nahe, über Mittelsmänner Schuldscheine zu niedrigen Preisen in Sachsen aufzukaufen, um sie später als preussische zu präsentieren und mit hohem Gewinn (35%) abzustossen. Da dieser Handel verboten, aber wahrscheinlich trotzdem weit verbreitet war, verabredeten Voltaire und Hirsch, sich daran zu beteiligen. Voltaire gab das Geld, bekam als Pfand ein wertvolles Collier. Als die Sache aber Friedrich zu Ohren kam, wollte Voltaire aus dem Geschäft aussteigen und sein Geld (40.000 Francs) zurück haben, aber Hirschel konnte (oder wollte) nicht bezahlen. Darüber kam es Ende Dezember 1750 zu einem Rechtstreit, der sich bis 28.Februar 1751 hinzog und mit einem Vergleich, eher zugunsten Voltaires, endete. Der Vater Abraham Hirschel war im Laufe des Prozesses verstorben, sein Sohn führt das in seiner Stellungnahme vor Gericht an: "Mein Vater ist durch das harte procedere, so ich unschuldig erdulden musste [er war inhaftiert worden] und wodurch man mich um credit und guten Nahmen, ihn aber in Schande zubringen gesucht,bereits dem Tode zu theil worden...". In Voltaires Briefen, (an Darget, an Friedrich) finden sich keine Äußerungen, die von Antisemitismus zeugen, man findet Ironie, Selbstkritik, despektierliche Äußerungen über betrügerische (jüdische) Kaufleute, jedoch keine Hassausbrüche.
Quelle: Dr. Wilhelm Mangold, Voltaires Rechtstreit mit dem königlichen Schutzjuden Hirschel 1751, Berlin:Frensdorff,1905,138 S.

Isaac de Pinto (1717 Amsterdam - 1787 Den Haag Schriftsteller, Ökonom)
Isaac de Pinto , Geschäftsmann, Ökonom und Schriftsteller, Jude portugiesischer Abstammung, war der erste, der Voltaire wegen seiner Kritik am Judentum tadelte und ihm vorwarf, nicht genügend zu differenzieren, wenn er die Juden allgemein als rückständig bezeichne. Er war Voltaire auch sonst nicht wohlgesonnen, wie seine Kritik an Voltaires Verteidigung des Luxus zeigt. Schon damals erkannten aber die Aufklärungsfeinde, daß sie Voltaire schaden konnten, wenn sie seine Religionskritik als Ergebnis von antijüdischen Vorurteilen denunzierten. So erhielt Pinto alsbald Unterstützung durch einen katholischen Priester namens Guenée, der jedoch nicht die jüdische Religion, sondern das Christentum verteidigen wollte, das er durch Voltaires Bibelkritik ebenfalls angegriffen sah. Unvermeidlich kommt Guenée mit der Unterstellung, Voltaire habe die jüdische Religion nur kritisiert, weil er schlechte Erfahrungen mit Bankrott gegangenen jüdischen Bankiers gemacht habe. In Voltaires Erwiderungsschrift, in der er auch auf Pinto eingeht, antwortet er klar und deutlich, daß er kein Feind existierender jüdischer Menschen sei, aber sehr wohl der jüdischen Religion kritisch gegenüber stehe.

Moses Mendelssohn (6.9.1729 Dessau - 4.1.1786 Berlin)
Mendelssohn war der einflussreichste jüdische Intellektuelle der Zeit. Er war Humanist und förderte die Vertreter der jüdischen Aufklärung (Haskala) und er steht für die Hinwendung des Judentums zur Moderne, ohne dabei die jüdische Tradition zu verleugnen. Er war mit Lessing befreundet. Seine gesammelten Schriften umfassen 12 Bände, sein Hauptwerk ist Phädon über die Unsterblichkeit der Seele (1767). Mendelssohn forderte als einer der Ersten ein uneingeschränktes Recht auf freie Meinungsäußerung und volle Religionsfreiheit. In diesem Zusammenhang lehnte Mendelssohn auch die interne jüdische Rechtsprechung durch Rabbiner ab. Mendelssohn stand eher auf der Seite von Rousseau als auf der Voltaires. Er verteidigte auch Leibniz gegen die Kritik Voltaires. Voltaire hat Mendelssohns Schriften nicht verarbeitet. Ob er sie überhaupt zur Kenntnis genommen hat, ist (uns) unbekannt.
Quelle: Heinz Knobloch, Herr Moses in Berlin, Berlin: Der Morgen, 1979, 492 S.