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INHALT
0. Einleitung
1. Begriffsklärung:Antisemitismus
2. Die Angriffe
3. Voltaire und die Juden
   3.1 Aufenthaltsorte Voltaires  und ihre jüdischen Gemeinden
   3.2 Persönlichkeiten jüdischen Glaubens im Leben Voltaires
4. Judenverfolgung zur Zeit Voltaires
5. Voltaire, Die Aufklärung und die Inquisition: Ecrasez l'Infame
6. Was sagt Voltaire zur jüdischen Religion? Auflistung der relevanten Textstellen
7. Voltaire, ein 'autoritärer Charakter'? Biographische Notiz
8. Theater der Groteske, oder: jede Hand hat 6 Finger.
9. Fazit
10. Literatur zum Thema. Kommentierte Liste
11. Kritik an Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus
12. Übersetzung von Voltaire: Rede des Rabbi Akib

Voltaire, ein Antisemit?

siehe auch zum Thema den engagierten Artikel von Rainer Neuhaus


4. Judenverfolgungen zur Zeit Voltaires



Nachdem noch unter Ludwig XIV im Jahr 1685 das seit Henry IV geltende Gebot der religiösen Toleranz (Edikt von Nantes), das den Protestanten die Ausübung ihres Glaubens garantierte, aufgehoben worden war, konzentrierte sich die katholische Kirche im 18. Jahrhundert auf die Bekämpfung der französischen Protestanten. Sie setzte gegen sie Berufsverbote durch, zwang die wohlhabenden protestantischen Familien, nur katholisches Personal anzustellen und unterdrückte brutal ihre Religionsausübung. Wagten sie es trotzdem, sich im Geheimen zu versammeln, ließ man ihre Prediger gefangennehmen und hinrichten. Viele verließen das Land. Die Kirche - um mit Voltaire zu sprechen: der Fanatismus - war im 18. Jahrhundert in Frankreich so sehr mit den christlichen Abweichlern beschäftigt, daß sie die Juden, vielleicht, weil sie nicht besonders zahlreich und kaum einflußreich waren, einigermaßen in Ruhe ließ. Judenverfolgungen im engeren Sinn hat es in Frankreich zu Voltaires Zeiten nicht gegeben.

Natürlich hat die Kirche Juden trotzdem als Abweichler behandelt, sie versuchte einerseits, die jüdische Tradition ideologisch für das Christentum auszunutzen (ungefähr so: die Juden waren zu Anfang Gottes auserwähltes Volk, sie haben sich aber schlecht benommen und als sie dann auch noch Christus ablehnten, war es mit der göttlichen Gnade ganz vorbei. Gott hat sie verstoßen und seinen Sohn veranlasst, eine Christenpartei zu gründen, die seitdem zu seinen wahren Parteigängern wurden). Den Juden waren für sie die älteren Verwandten der Christen und mussten bloß noch zum Christentum übertreten, um vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft zu werden. Der einflussreiche Hofprediger Bossuet, dessen Buch Discours sur l'histoire universelle (1681) dem Thronfolger Ludwig XV. die Weltgeschichte als göttlich gesteuerte Aufwärtsbewegung vom Judentum hin zum Christentum erklärt, meint in den Juden als dem auserwählten Volk Gottes sogar so etwas wie den Motor der Weltgeschichte zu erkennen. Eine Ansicht, die Voltaire einfach nur lächerlich fand und anhand einer kritischen Textanalyse des alten Testaments auch lächerlich machte. Diesem Thema widmet sich sein Essay Des Juifs (Über die Juden): er macht sich zunächst über Bossuet lustig, indem er darauf hinweist, wie historisch unbedeutend dieses kleine Volk war, und wendet sich dann mit seinem 'man soll sie jedoch nicht verbrennen' direkt an den Bischof und die scheinheilige katholische Kirche und hält ihnen die finstere Tradition von Judenverbrennungen vor, die sie zu verantworten haben.

Die Judenverbrennungen hat Voltaire in seinem Werk immer wieder als Beleg für das barbarische und verbrecherische Wesen der christlichen Kirche angeführt. Man findet sie in Candide, in seinem nach dem Erdbeben von Lissabon, dem 1755 zehntausende Menschen zum Opfer fielen, entstandenen Poem Sur le désastre de Lisbonne ou examen de cet axiome: tout est Bien und vor allem in seiner fiktiven Predigt des Rabbi Akib, (1761). In dieser 'Predigt' ergreift Voltaire die Partei der jüdischen Opfer und kritisiert das bestialische Tun der Inquisition, deren Rechtfertigungen er in ihrer ganzen Bösartigkeit bloßstellt, die Predigt (der vollständige Text ist, erstmals in deutscher Sprache, hier im letzten Kapitel abgedruckt) gipfelt in den Worten:
"Es sollten doch die Wortverdreher, die in ihrem eigenen Bereich so viel Nachsicht nötig haben, endlich aufhören, diejenigen zu verfolgen und auszulöschen, die als Menschen ihre Brüder und als Juden ihre Väter sind. Jeder diene Gott in seiner Religion , in die er hineingeboren ist, ohne seinem Nachbarn das Herz herausreisen zu wollen, durch Streitereien, bei denen niemand den anderen versteht". .