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INHALT
0. Einleitung
1. Begriffsklärung:Antisemitismus
2. Die Angriffe
3. Voltaire und die Juden
   3.1 Aufenthaltsorte Voltaires  und ihre jüdischen Gemeinden
   3.2 Persönlichkeiten jüdischen Glaubens im Leben Voltaires
4. Judenverfolgung zur Zeit Voltaires
5. Voltaire, Die Aufklärung und die Inquisition: Ecrasez l'Infame
6. Was sagt Voltaire zur jüdischen Religion? Auflistung der relevanten Textstellen
7. Voltaire, ein 'autoritärer Charakter'? Biographische Notiz
8. Theater der Groteske, oder: jede Hand hat 6 Finger.
9. Fazit
10. Literatur zum Thema. Kommentierte Liste
11. Kritik an Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus
12. Übersetzung von Voltaire: Rede des Rabbi Akib

Voltaire, ein Antisemit?

siehe auch zum Thema den engagierten Artikel von Rainer Neuhaus


5. Voltaire, die Aufklärung und die Inquisition: Écrasez l'Infâme



Voltaire forderte religiöse Toleranz und erkannte die tödliche Gefahr für die Freiheit, wenn es einer Religion gelingt, sich an die Macht zu schwingen: „Habt ihr bei euch zwei Religionen, werden sie sich die Kehle durchschneiden, habt ihr dreißig, leben sie miteinander in Frieden“. Die katholische Kirche hatte um die Mitte des 18. Jahrhunderts die in ihrem Herrschaftsbereich lebenden Protestanten weitgehend vertrieben, es gab aber immer noch einige versprengte Anhänger, die man zur Abschreckung in aller Öffentlichkeit verbrennen lassen konnte und eben die Anhänger der Aufklärung selbst, die man liebend gerne dem gleichen Schicksal zugeführt hätte, was etwa in Portugal nach dem Tod des Marquis de Pombal auch wirklich geschah. Voltaires Kampf für religiöse Toleranz, also für die Gleichberechtigung aller Religionsgemeinschaften war vor allem ein Kampf gegen diese mörderische Verfolgungsbereitschaft der mächtigen katholischen Kirche und ihrer Inquisitionsgerichte. Er bekämpfte sie, die er unter dem Begriff ‚die Infame’ zusammenfasste, an vielen Fronten. Bekannt geworden sind vor allem die drei spektakulären Kampagnen, in denen Voltaire gegen die Verurteilung Andersgläubiger zum Tode kämpfte (ob im Fall Montbailli ebenfalls religiöse Motive mitwirkten, ist unklar):

Der Prozeß gegen Jean Calas:

1762 liessen die Kirche und ihre Helfershelfer den Protestanten Jean Calas in Toulouse unter fadenscheinigen Anschuldigungen in Toulouse aufs Rad flechten. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Man warf ihm in einem haarsträubenden Indizienprozeß vor, seinen Sohn erdrosselt zu haben, um ihn vom Übertritt in die katholische Kirche abzuhalten - ein Standardvorwurf gegen die Protestanten. Frau Calas und die beiden Söhne konnten durch den Einsatz gerettet werden....mehr

Der Prozeß gegen Jean Paul Sirven:

1764 erhob sie Anklage gegen Jean Paul Sirven, den man, wiederum in Toulouse, wie Jean Calas rädern lassen wollte. Der Familie wurde vorgeworfen, ihre Tochter ertränkt zu haben, wohl um die Spuren einer Behandlung im Konvent der schwrzen Schwestern zu verwischen, die sie in den Wahnsinn getrieben hatte. Voltaire erreichte den Freispruch von Pierre-Paul Sirven und rettete die beiden anderen Töchter vor der lebenslangen Klosterhaft. Nur Antoinette Sirven, die Mutter, konnte er nicht mehr retten, sie war unterdessen verstorben, der Kampf hatte sie zermürbt....mehr

Der Prozeß gegen den Chevalier de la Barre:

Ihn hat man am 1.Juli 1766 in Abbéville hingerichtet, weil er eine Prozession nicht ehrerbietig gegrüßt hatte, anschliessend, nach einer öffentlichen Aufforderung zur Denunziation von der Kanel herab, wurden noch andere Vorwürfe aus dem Hut gezaubert. Durch das Engagement Voltaires konnte zumindest sein Freund d'Etallonde nach Preußen fliehen, wo ihm Friedrich II. Schutz gewährte..mehr.

Der Prozeß gegen das Ehepaar Montbailli:

Beide wurden ohne irgendeinen Beweis am 9.11.1770 in Arras zum Tode verurteilt, es ist bis heute unklar, aus welchen Motive die Justiz dem Ruf der Strasse, dem sie sinst niemals nachgab, folgte. Durch den Einsatz von Voltaire konnte zumindest Frau Montbailli, 24 Jahre alt, gerettet werden. Für ihren Mann kam die Unterstützung leider zu spät, 10 Tage nach Verkündung des Urteils schlug man ihm die Hand ab und hat ihn bei lebendigem Leib gerädert. Bis zuletzt hat er die Anklage, seine Mutter getötet zu haben, bestritten ...mehr.

Mit seinen Schriften und Protestaufrufen stellte Voltaire zum ersten Mal in der Geschichte eine Weltöffentlichkeit in kirchenkritischer Absicht her, er schadete der Kirche, wo er nur konnte und zwang sie zur Vorsicht und Zurückhaltung. Seinem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, daß sie ihre Scheiterhaufen abräumen mußte.
Aufgeklärte Juden - und nicht nur sie - wussten es sehr zu schätzen, daß sich die Kirche auch später nicht mehr traute, Judenverbrennungen durchzuführen und sie schätzen Voltaire und seinen Kampf für die religiöse Toleranz bis zum heutigen Tag .

Mit diesen Erfolgen gab sich Voltaire aber nicht zufrieden, wie seine Biographie und sein antiklerikaler Schlachtruf: ‚Ecrasez l’Infâme’, den er von nun an unter alle seine Briefe setzte (Zerschmettert die Niederträchtige) zeigen, er wollte den vollständigen Rückzug der Kleriker von der Macht. Voltaire war also nicht nur ein Theoretiker, er unterstützte von der Kirche Verfolgte praktisch und setzte sich mit erheblichem finanziellen und zeitlichen Aufwand für ihre Verteidigung ein. Dies war ihm nur möglich, weil er durch geschickte Finanztransaktionen ein großes Vermögen angehäuft und eine Unabhängigkeit erreicht hatte, ohne die er in der Bastille gelandet wäre und keinem der in Not befindlichen Menschen hätte jemals helfen können (Deshalb konzentrierten sich die Angriffe gegen Voltaire auch lange Zeit hauptsächlich auf seine sogenannte ‚Geldgier’). Voltaires wichtigste Forderungen waren die der Aufklärung:
Forderungen, die, wenn sie in einer Gesellschaft einmal realisiert werden, dem Antisemitismus bald ein Ende setzen, gleichzeitig aber auch den traditionsbewussten Religionsgemeinschaften (ja, es stimmt: auch einschließlich der jüdischen), einen kräftigen Mitgliederschwund bescheren müssten.