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INHALT
0. Einleitung
1. Begriffsklärung:Antisemitismus
2. Die Angriffe
3. Voltaire und die Juden
   3.1 Aufenthaltsorte Voltaires  und ihre jüdischen Gemeinden
   3.2 Persönlichkeiten jüdischen Glaubens im Leben Voltaires
4. Judenverfolgung zur Zeit Voltaires
5. Voltaire, Die Aufklärung und die Inquisition: Ecrasez l'Infame
6. Was sagt Voltaire zur jüdischen Religion? Auflistung der relevanten Textstellen
7. Voltaire, ein 'autoritärer Charakter'? Biographische Notiz
8. Theater der Groteske, oder: jede Hand hat 6 Finger.
9. Fazit
10. Literatur zum Thema. Kommentierte Liste
11. Kritik an Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus
12. Übersetzung von Voltaire: Rede des Rabbi Akib

Voltaire, ein Antisemit?

siehe auch zum Thema den engagierten Artikel von Rainer Neuhaus


8. Theater der Groteske, oder: jede Hand hat sechs Finger



Wenn, wie gezeigt, Voltaires Haltung zum Judentum seiner Zeit eher indifferent war und er sich mit der jüdischen Religion vorwiegend aus historischem und religionskritischem Interesse befasste, welches sind dann die Motive derart absurder Vorwürfe, Voltaire habe die Juden gehasst, oder noch extremer, Voltaire und mit ihm die Aufklärung seien für den Antisemitismus überhaupt verantwortlich zu machen, wie es in dem genannten Die Welt-Artikel geäußert wurde? Tatsächlich ist zu vermuten, daß diese Motivation mit dem bekannten Motto „credo quia absurdum est“ zusammenhängt, gleichgültig, ob es ursprünglich von Tertullian oder vom heiligen Augustinus stammt. Orwell hat es eindrucksvoll in die Sphäre des Alltags übersetzt, wo dann die Motivation des Vernunftopfers auf die Wirkung ganz gewöhnlicher Gewalt zurückgeführt wird (Ein Hinweis für Voltaire-Leser: Viele der unheimlichen Momente in Orwells 1984 findet man im eigentlich gar nicht so lustigen Candide Voltaires vorgezeichnet). Es wird niemanden wundern, daß die Anklage der Aufklärung wegen Antisemitismusverdacht von Deutschland ausgeht, denn hier ist die Kritik an Israel und an der jüdischen Religion verständlicherweise am stärksten tabuisiert und gleichzeitig die Aufklärung am wenigsten verankert. Und hier treibt das Tabu die erstaunlichsten Blüten: so traten (2011), sich selbst als ‚antideutsch’ bezeichnende Gruppierungen bei Kundgebungen zum ersten Mai mit Israelfahnen auf, um sich von anderen, israelkritischen Teilnehmern zu distanzieren. Außerdem hefteten sie sich Buttons ans Revers, auf denen sie die israelische Flagge und die der USA nebeneinander haben abdrucken lassen, um damit ihr Bekenntnis zur Schutzmacht Israels zu demonstrieren, die zu kritisieren aus ihrer Sicht ebenfalls antisemitisch ist. Sicher handelt es sich dabei um sonderbare Auswüchse des Antisemitismustabus, dieses Beispiel zeigt jedoch, wie stark, psychologisch gesehen, der Drang sein muß, sich in die Kolonnen der stärksten jemals existierenden Militärmacht einzureihen. Hatte Poliakov in seiner ‚Geschichte des Antisemitismus’ überall nach judenfeindlichen Äußerungen gesucht und war in seiner Bewertung vielfach über das Ziel hinausgeschossen, so tat er es doch mit dem ehrlichen Bedürfnis, die Ursachen des Holocaust in den Wurzeln der europäischen Geistesgeschichte herauszufinden. Bereits bei Horkheimer und Adorno in ihrer ‚Dialektik der Aufklärung’ ist dann schon etwas vom sacrifium intellectus zu spüren: die Vernunft soll irgendwie zu kalt, zu gefühllos, zu unemphatisch und dadurch inhuman sein. Wenn die Forderungen der Aufklärung richtig sind (s. o.), so werden sie nicht dadurch falsch, daß etwa die Erkenntnisse der Nuklearforschung zum Bau von Atombomben genutzt werden. Solche Konstruktionen zeugen eher vom Versagen einer gesellschaftskritischen Theorie als vom Gegenteil. Erst heute, nach dem Untergang der Sowjetunion, werden durch ideologische Steuerung die Lücken einer einheitlichen Befehlsstruktur geschlossen: freies und unabhängiges, also aufgeklärtes Denken soll zum Verschwinden gebracht, zumindest aber so beschnitten werden, daß es nicht mehr öffentlich wahrgenommen werden kann. Und schließlich: wenn die Gedanken der Aufklärung von einigen Unbelehrbaren trotzdem aufgenommen und geschätzt werden sollten, dann sollen sie es nicht im angstfreien Raum tun. Und welches Mittel eignete sich – heute in Deutschland - besser zur Erzeugung von Angst, als die implizite Drohung, demnächst als Anhänger einer Lehre an den Pranger gestellt zu werden, deren Vertreter allesamt Antisemiten waren und die den Holocaust vorbereitet haben? Dies ist der Grund, warum sich Antisemitismusspürhunde an die Fersen der Vertreter jener Lehre heften, die die Menschheit von den Mächten der Finsternis befreit haben. Da Aufklärung individuelle Unabhängigkeit bedeutet, die Selbständigkeit des Einzelnen, den Gebrauch von Beobachtung und Verstand ohne Gängelung und Angst vor Strafe, steht sie Bestrebungen entgegen, das Volk wieder zu einer Herde von Ochsen zu machen, erneut eine Herrschaftsform zu errichten, wie sie schon von Voltaire für seine Zeit beschrieben wurde:

"Eine durch Willkür regierte Gesellschaft gleicht vollkommen einer Herde Ochsen, die zum Dienst ihres Herren ins Joch gespannt werden. Er ernährt sie nur, damit sie in der Lage sind, ihm zu dienen; er pflegt sie nur, wenn sie krank sind, damit sie ihm nutzen, wenn sie gesund sind; er mästet sie, um ihnen das Mark auszusaugen; und er bedient sich der Haut der einen, um die anderen damit vor den Pflug zu spannen”.

Allen Finsterlingen, gleichgültig welcher religiösen, ethnischen oder politischen Herkunft, führt dieses Ziel die Feder und gleichgültig, ob sie das zugeben oder nicht. Denn man erkennt sie an ihrem Vorgehen: Sie arbeiten, um nur die gebräuchlichsten zu nennen, fast immer mit den Mitteln der begrifflichen Verwirrung, der Verdrehung historischer Ursachen und Wirkungszusammenhänge und mit den Mitteln der psychologischen Kriegsführung.

1. Begriffliche Verwirrung
Da eine angeblich antisemitische Haltung Voltaires aus seinen Texten schwerlich herauszudestillieren war, es fehlt seiner Kritik am historischen Judentum gänzlich an Fanatismus, nutzt Poliakov Versatzstücke der Psychoanalyse und versucht Voltaire aus dieser Sicht zum Judenhasser zu machen. Seine Kenntnisse auf diesem Gebiet waren offensichtlich spärlich. Er vermischt ständig unbewußte und bewußte Motive (so wird ihm die Tatsache, daß in Voltaires Theaterstücken oft ein Vatermord gezeigt wird, zum Hinweis auf Voltaires latente Homosexualität) und hat das Wesen der von Freud entdeckten unbewußten Projektion, die der Gefühlswelt des Antisemitismus zugrunde liegt, nicht erfasst. Hat sich Poliakov aber immerhin noch bemüht, dem Leser Voltaires Texte etwas ausführlicher vorzustellen (weshalb sie ihm ja nicht zum Beleg seiner Antisemitismusthese ausreichten und er zur Psychologie Zuflucht nahm), haben spätere Schreiber Poliakovs Auszüge aus Voltaires Texten losgelöst von ihrem historischen und philosophischen Kontext, der heute den meisten ja weitgehend unbekannt ist, nach viel geübter medialer Praxis als Zitatensammlung genutzt, die es dann jedem auch noch so unbedarften Schreiberling ermöglicht , Voltaire und die Aufklärung als antisemitisch zu denunzieren. Zur begrifflichen Verwirrung gehört auch, daß Zitate, in denen sich Voltaire emotional gegen die jüdische Religion wendet, als Antisemitismusbeweis dienen, ohne zu erwähnen, daß er sich mit gleichen oder heftigeren Formulierungen auch gegen das Christentum oder den Islam geäußert hat, was allerdings erforderlich machte, daß man sich mit seinen Texten beschäftigt So schreibt Voltaire unter dem Namen Lord Bolingbrokes eine vehemente Kritik der christlichen Geschichte, die sich auch heute noch mit großem Gewinn lesen läßt . Dort heißt es etwa über die Christen: „Ihre unverträgliche, intolerante Sekte wartete [zur Zeit des römischen Reiches] nur darauf, die unumschränkte Freiheit zu besitzen, um dann der übrigen Menschheit die Freiheit zu rauben.“ (319) „Zum Schluß stelle ich fest, daß jeder vernünftige, jeder anständige Mensch die christliche Sekte verabscheuen muß.“(370) Schließlich ist in diesem Zusammenhang die Vernachlässigung der Frage zu nennen, gegen wen sich Voltaire mit seinen Aussagen wendet, welchen Gegner er vor Augen hat. Wer generell verschweigt, daß sich Voltaire mit seiner Kritik der jüdischen Geschichte in seinem ‚Essay der Sitten und Geschichte der Nationen’ fast Abschnitt für Abschnitt auf die Heilsgeschichte des einflussreichen katholischen Bischofs Jaques-Bénigme Bossuet ("Er scheint ausschließlich geschrieben zu haben, um zu zeigen, daß alles, was auf der Welt geschah, wegen der jüdischen Nation passierte: als Gott Asien den Babyloniern gab. tat er dies, um die Juden zu strafen, als Gott Cyrus regieren ließ, geschah es, um sie zu rächen, als Gott die Römer schickte, tat er es wieder, um die Juden zu strafen" Einleitung, Essay sur les moeurs) bezieht, für den die Bibel „unstreitig das älteste Buch der Welt ist“, und uns eine Geschichte erzählt, die durch „viele genau bestimmte Begebenheiten direkt zu Gott führt“, dem muss man eine unlautere Absicht unterstellen.

2. Verdrehung historischer Ursachen und Wirkungszusammenhänge
Dieses Mittel ist ebenso abstoßend wie lehrreich: durch die Übertragung der Verantwortung für den Antisemitismus von den christlichen Kirchen, denen sie historisch zufällt und die ihnen für immer als Kainsmal anhaften wird, auf die Aufklärung, also auf ihren entschiedensten Gegner, will man die christlichen Kirchen, die den Antisemitismus jahrhundertelang gehegt und gepflegt haben, von ihrer Schuld reinwaschen und die Verfolgungsbereitschaft aller monotheistischen Offenbarungsreligionen verschleiern. Selbst wenn bei diesem oder jenem Aufklärer, der vor der Nazizeit gelebt hat, Äußerungen aus dem Repertoire des Antisemitismus vorkommen sollten, wäre zu untersuchen, ob es sich dabei um unverarbeitete Reste der Vergangenheit, also aus dem Vokabular des christlichen Antisemitismus handelt, oder ob er in der Sache des Antisemitismus Akteur und Antreiber war. Wer für religiöse Toleranz eintritt und sich gegen die Kirche und ihre Inquisition einsetzt und ihr darüber hinaus, wie Voltaire, in einem zähen Kampf die Opfer buchstäblich vom Scheiterhaufen zieht, wird kaum zu Letzteren gehören. In dem genannten Die Welt-Artikel lobt der Autor ausdrücklich den Papst, weil er heute, im 21. Jahrhundert, die Juden als ältere Brüder der Christen bezeichnet hat und beschimpft gleichzeitig Voltaire, der im 18 Jahrhundert, als die Kirche noch Juden verbrannte, ein Leben lang mit erheblichem persönlichen Risiko gegen sie gekämpft hat, als Antisemiten, weil er es gewagt hat, die jüdische Religion zu kritisieren und er erfüllt damit diensteifrig die Vorgaben aus dem antiaufklärerischen Propagandaarsenal seiner Auftraggeber.

3. Psychologische Kriegsführung
Zur Vorbereitung militärischer Einsätze ist es üblich geworden, durch unzählige Wiederholungen der Wörter ‚verrückt’,’wahnsinnig’, irre’ in Verbindung mit dem Namen des jeweils aktuell unliebsamen Politikers das ideologische Feld für einen geplanten Krieg zu bereiten, auch wenn dessen Verrücktheit nur darin besteht, die Interessen seines Landes zu verteidigen. Nach demselben Verfahren wird jetzt der Name Voltaires mit dem Begriff Antisemitismus (oder, wie in einer angeblich israelfreundlichen Internetseite, in der Abfolge ‚Voltaire, Nietzsche, Hitler) kombiniert. Der Vorkämpfer für religiöse Toleranz, der damit maßgeblich zum Ende der Judenverfolgungen im 18. Jahrhundert beitrug, wird zum Gründungsvater des Antisemitismus gemacht, der den Weg zu Hitler bereitete (man sieht, wo diese Fährte hinführt). Ziel und Zweck dieser primitiven, aber wirkungsvollsten aller Strategien ist es, daß sich beim Namen Voltaire nicht mehr die Assoziation: Aufklärung, Freiheit, Wissenschaft und antiklerikaler Kampf einstellt, sondern stattdessen das einfache Begriffspaar Voltaire-Antisemit deren Platz einnimmt, um auf solche Weise ein Tabu zu errichten und jede inhaltliche Auseinandersetzung mit der Aufklärung zu vermeiden.