Von Friedrich vor seiner Thronbesteigung als eine Art Bekenntnis zur
Staatsführung im Sinne der Aufklärung verfasst (z.B.: "Es ist demnach
die Gerechtigkeit, welche das vornehmste Augenmerk eines Fürsten sein soll;
es ist demnach die Wohlfahrt seines Volkes, so er allem anderen Nutzen
vorziehen muß"), war ihm sein
Antimachiavel nach der Krönung (31. Juni 1740) nicht mehr genehm und er verlangte von Voltaire, das
Buch zu unterdrücken. Voltaire hatte sich sehr viel von dem Werk versprochen
und viel daran gearbeitet, er versuchte nun im Auftrag Friedrichs den mit der
Herausgabe bereits beauftragten Verleger Van Düren (1687 - 1757)* in Den Haag zu überzeugen,
von einer Veröffentlichung abzusehen, was sich als schwierig erwies.
Van Düren, einer der führenden Verleger Hollands, der auch in Frankfurt und Leipzig
ausstellte, weigerte sich nämlich, die Herausgabe fallenzulassen,
denn eine skandalträchtige Veröffentlichung dieses Buches, verfasst von einem
frisch gekrönten Haupt, war werbewirksam und gewinnträchtig. Also
kündigte er in der Zeitung
s'Gravenhaagse Courant vom 25. 7. 1740
das baldige Erscheinen des Antimachiavels an.
2. Voltaire erfüllt seine Aufgabe,
aber nicht richtig
Voltaire behauptete jetzt, daß noch Korrekturen notwendig seien, aber Van Duren war schlau genug, das
Manuskript nicht aus der Hand zu geben und erlaubte Voltaire Korrekturen nur in
seinem Büro unter Aufsicht seiner Mitarbeiter vorzunehmen. Also ließ sich Voltaire in
einem Arbeitszimmer Van Durens einschließen und
verunstaltete - ganz Komödiant - das Manuskript mit sinnentstellenden und
grotesken Korrekturen, um es für den Verleger unbrauchbar zu machen.
Doch dieser Schuß ging nach hinten los, denn Van Düren drohte damit, das Werk genau
so verdreht herauszubringen - was wiederum Voltaire in arge Bedrängnis brachte,
denn Friedrich hätte nicht schlecht gestaunt, wenn sein Werk derart
entstellt gedruckt
worden wäre. Um dieses zu verhindern, musste Voltaire Van Düren dazu
bringen, wenigstens die ursprüngliche, nicht entstellte Version zu
veröffentlichen.
(1)L'Antimachiavel ou Examen du Prince de Machiavel avec des notes historiques
& politiques, Par Frédéric II, roi de Prusse, éd.
par Voltaire, à la Haye chez Jean Van Duren-1741 [=1740], XXXII, 364 p.
Als diese erste Finte
Voltaires
nichts gefruchtet hatte,
verlegte er sich darauf, Geld anzubieten, doch Van Duren blieb hart - er wollte
die Veröffentlichung durchziehen, ganz egal wieviel Geld man ihm anbot. Jetzt
hoffte Voltaire, durch Korrekturen der Druckfahnen Zeit zu gewinnen, doch van
Düren wollte unbedingt zur Frankfurter und Leipziger Messe am 29. September 1740 mit dem
Druck fertig sein, wartete daher nicht länger ab und konnte den Anti-Machiavel Anfang
September fertig zum Verkauf vorlegen, und zwar 'nach dem Originalmanuskript'
und ohne die Vorrede Voltaires, die dieser ihm gegeben hatte(1).
Diese erste Ausgabe beginnt mit Machiavellis 'Principe' in der Übersetzung
von Amelot de La Houssaye, es folgen ein Widmungsgedicht des Übersetzers und
ein Widmungsgedicht Machiavellis an Lorenzo de Médici, dann die Kritik Friedrichs, am Ende
Anmerkungen. Diese Reihenfolge behielten mehr oder weniger auch alle
späteren Veröffentlichungen bei. Am 4. Oktober
bot Van Duren das Buch in Den Haag an, was erhebliche
Wellen schlug, die Diplomatengemeinde war in heller Aufregung und alle
berichteteten von dem Buchereignis an ihre Regierungen. Friedrich teilte Voltaire daraufhin
mit, daß er seine Autorenschaft leugnen werde, auch weil ihm die 'Verbesserungen',
die Voltaire vorgenommen hatte, nicht gefielen. Auch von
Seiten des französischen Hofs
wurde Voltaire angegriffen, hauptsächlich wegen einigen
antikirchlichen Passagen, so daß er versprach, eine zweite, gesäuberte Version zu
erarbeiten.
3. Hase und Igel um den
Anti-Machiavel
(2)
L'Examen du Prince de Machiavel avec des notes historiques & politiques,A Londres,
Chez Guillaume Mayer, M.D.CC.XLI [=La Haye: Jean Van Duren, 1740] XX, 340 p..
Vorerst hatte aber Van Duren seine Druckerpressen angeworfen, er publizierte zusätzlich
eine gekürzte Ausgabe ohne Anmerkungen(2) in kleineren Lettern mit Londoner
Verlagsangabe (wahrscheinlich um Raubdrucke zu verhindern)
und kurz danach eine Prachtausgabe des Originals,
wiederum mit der (falschen) Jahresangabe 1741.
(3)
L'Antimachiavel ou Essai de critique sur le Prince de Machiavel, publié par M. de Voltaire,
À la Haye::Paupie 1740, XIV, 191 p.
Voltaire machte sich unterdessen
daran, bei seinem neuen Verleger Paupie eine 'richtige' Version des Anti-Machiavel unter dem Titel
L'Antimachiavel ou Essai de critique sur le Prince de Machiavel herauszubringen.(3) Diese Ausgabe enthält das Vorwort Voltaires und weicht von der
Originalschrift Friedrichs noch stärker ab. Van Duren bekam bald Wind
von dem Projekt und drohte Voltaire mit einem Copyrightprozess. Um den Streit zu
vermeiden, kaufte Voltaire alle gedruckten Exemplare 'seiner' Ausgabe auf und organisierte die
Verteilung der Bücher an Bekannte, Freunde und Interessierte selbst. Kritiker bemerkten schnell, daß die Van Duren Ausgabe
schöner und handwerklich besser gemacht war, also sah sich Voltaire gezwungen, wollte er den
Wettlauf nicht verlieren, eine weitere 'korrigierte' Version anzukündigen,
wozu er vor allem Zeit brauchte.
(4)
L'Antimachiavel ou Essai de critique sur 'le Prince' de Machiavel, publié par
M. de Voltaire, À la Laye, aux dépens de l'éditeur::Paupie 1740, XVI, 191 p.
(5)Anti-Machiavel , ou Essai de critique sur le Prince de Machiavel, publié par Mr. de Voltaire. Nouvelle édition, où l'on a ajouté les variations de celle de Londres, A Amsterdam, chez Jacques La Caze. 1741, XXXII-82-112-67-[3] p.
6)
Examen du Prince de Machiavel avec
des notes historiques & politiques. Troisieme edition enrichie de plusieurs
piéces nouvelles & originales, la plupart fournies par M. F. de Voltaire, 2 vol.
LX-248 p. ; 322 p.).
Er entschloß sich, den Markt erst einmal
mit einer weiteren
Ausgabe von Paupie zu füttern, die den Editionsvermerk: 'À
la Haye, aux dépens de l'éditeur'
(auf Kosten des Herausgebers) trägt.(4) Sie enthält im Anschluß an das
Inhaltsverzeichnis ein 'Avis de l'éditeur', in dem Voltaire Van Durens Ausgaben
als nicht autorisiert und fehlerhaft bezeichnet.
Erst im Frühjahr 1741 erschien dann
als 'Nouvelle édition où l'on a ajouté les
variations de celle de Londres bei Paupie
die geplante Neuausgabe(5) (mit zwei verschiedenen (falschen) Ortsangaben: A
Marseille, chez les frères Colomb' und 'A Amsterdam, chez Jacques La Caze, 1741.
Van Duren hatte jetzt das Problem, daß seine Ausgaben ohne das zweite Zugpferd Voltaire auskommen
mussten, also versuchte er, auch zu seiner Rechtfertigung, mit einer weiteren
Ausgabe sein gutgehendes Machiavel Geschäft am Laufen zu halten, die - man sieht, daß auch Van Düren mit dem Copyright locker umging -
Voltaires Vorrede und zehn Briefe von Voltaire an Van Düren, sowie
Stellungnahmen Dritter zu dem Konflikt enthält.
Diese Ausgabe erschien mit dem Hinweis: enrichie de plusieurs
piéces nouvelles & originales, la plupart fournies par M. F. de Voltaire.(6)
4. Epilog
(7)
L'Antimachiavel ou Examen du Prince de Machiavel avec les diverses lecons
de toutes les éditions qui en ont été faites jusqu`à présent et un receuil de piéces
originales touchant l'impression de l'ouvrage, aux dépens de la Compagnie, La
Haie 1743, LX 485 p.
Jetzt bestand die Gefahr, daß man das
Publikum mit immer neuen Ausgaben ermüdete. Jede weitere Publikation versuchte,
den Streit genauer abzubilden, die Varianten der verschiedenen Ausgaben
aufzuzeigen und wurde dadurch immer unleserlicher. Nennenswert zum Abschluß
dieser Editionsgeschichte (in der nicht die vielen Übersetzungen in alle
Sprachen Europas berücksichtigt wurden**), ist die als Band VI der gesammelten
Werke Machiavellis (Oeuvres de Machiavel, nouvelle édition, La Haye 1743)
erschienene Ausgabe, die man erstaunlicherweise gemeint hat, einer Werkausgabe Machiavellis einfügen zu müssen, vielleicht um diese besser verkaufen zu können.
Dieser Band erschien 1743 unabhängig von der Werkausgabe
als eigenständiges Buch.
(7)*Van Duren /1687 - 1757) , Buchhändler,
Drucker in Den Haag (wohnhaft In de Lange Pooten, heute Plein, 10) Sohn eines
Unteroffiziers, lernte bei Adriaen I Moetjens. Von 1737 bis 1742 nimmt er an den
Messen in Frankfurt und Leipzig teil. Frankfurter Verleger beschweren sich über sein Eindringen in den örtlichen
Markt. Nach seinem Tod setzte seine Witwe Maria Cappel das Geschäft mit ihren beiden Söhnen fort.
Quelle: Onlinekatalog der Bibliohèque Nationale, Paris.
**erwähnt sei zumindest die im Jahr 1756 veröffentlichte deutsche
Übersetzung: Nicolaus Machiavell, Regierung eines Fürsten, Hannover und
Leipzig:bey Johann Wilhelm Schmidt, der dann wie üblich der Antimachiavell
folgt, und zwar unter dem Titel 'Antimachiavell oder Versuch einer Kritik
über Nic. Machiavells Regierungskunst eines Fürsten. Nach des Herrn von
Voltaire Ausgabe ins Deutsche übersetzt; wobey aber verschiedenen Lesarten
und Abweichungen der ersten Haagischen und aller anderen Auflagen, angefüget
worden'. Der Band schließt ab mit einer 'Historie des Antimachiavells nebst
den darüber gefällten Urteilen', wo man auf 136 Seiten Briefe Voltaires,
Van Durens und andere Dokumente präsentiert und auswertet.